Drehbücher mit Linux schreiben

Aus LinuxUser 01/2021

Drehbücher mit Linux schreiben

© Alexander Podshivalov, 123RF

Voll das Drama

Wer unter Linux eine Software sucht, um Drehbücher zu schreiben, ist oft gezwungen, seine Ansprüche etwas anzupassen.

Eigentlich lassen sich mit einem Linux-Desktop alle anfallenden Arbeiten problemlos erledigen. Für manche Aufgaben stehen sogar so viele Programme zur Auswahl, dass die Schwierigkeit eher darin besteht, das Richtige für sich zu finden. Nur auf einigen wenigen Gebieten findet sich weniger Vielfalt, dort herrscht eher Mangel. Es gibt dann zwar immer wieder interessante Ansätze, aber selten kommt dabei eine Software heraus, die viele Anwender findet und die die Entwickler permanent pflegen.

Zu diesen Gebieten zählt das, was im Englischen Screen- oder Scriptwriting heißt, also das Schreiben von Drehbüchern. Diese Arbeit unterscheidet sich ein wenig von anderen Arten zu schreiben, vor allem durch die erforderliche Formatierung.

Jahrelang war Celtx [1] Platzhirsch auf diesem Gebiet, dessen gleichnamiger Hersteller jedoch die freie Version über Jahre hinweg stiefmütterlich behandelte. Schließlich entschloss er sich, sie einzustellen, und setzt nun vollständig auf eine webbasierte Software in der Cloud, für die er selbstredend zur Kasse bittet.

Auch bei der Alternative Trelby [2] gab es bereits seit September 2012 keine Änderungen mehr am Code. Da das Programm noch auf Python 2.6/2.7 aufbaut, lässt es sich über kurz oder lang auf keiner Distribution mehr vernünftig einsetzen. Ähnlich sieht das mit der Software Dramaqueen [3] der gleichnamigen deutschen Firma aus: Der Linux-Client [4] wurde mittlerweile eingestellt, ältere Versionen stehen allerdings noch zum Download als DEB-Paket bereit.

Formatfragen

Worin unterscheidet sich das Schreiben von Drehbüchern überhaupt vom klassischen Schreiben eines Romans? Das Schreiben selbst unterscheidet sich eigentlich nur in der Formatierung, diese ist genau festgelegt. Während Dan Browns Bestseller “Sakrileg” in der deutschen Fassung als Drehbuch nur rund 150 bis 180 Seiten hatte, umfasste das Buch selbst wesentlich mehr Seiten – fast 700.

Während ein Buch fortlaufend geschrieben ist und Beschreibungen zu Szenen, Orten, Personen und Objekten sowie Dialoge enthält, finden sich in einem Drehbuch fast nur noch eine Beschreibung der Szene sowie die Dialoge wieder. Beschreibungen der Personen oder Orte, die in einem Buch viel Raum einnehmen, spielen keine Rolle, da Sie sie im Film ja sehen. Eine Szene, die einiges an Worten verlangt, um sie zu beschreiben, ist mit wenigen Sekunden Bildmaterial dargestellt.

Auch in Europa hat sich mittlerweile das amerikanische Format Master Scene Format oder Master Scene Script durchgesetzt, das Courier als Schriftart benutzt. Courier ist eine Schreibmaschinenschrift mit fester Zeichenbreite. Die Schriftgröße ist auf 12 Punkt reguliert. Das ermöglicht es, später die Länge des Films ungefähr vorherzusagen: Die Faustregel besagt, eine Seite mit Dialogen entspricht etwa einer Minute im Film. Das spielt später beim sogenannten Script Breakdown eine Rolle, wenn die Produktionsfirma Zeit, Orte sowie den konkreten Einsatz kalkuliert.

Wie sieht die Formatierung jetzt genau aus? Es gibt acht Elemente in einem Drehbuch (Abbildung 1), und eine Szene beginnt und endet immer mit einer Transition, nämlich FADE IN und FADE OUT. Einem FADE IN folgt ein Scene Heading oder eine Slug Line, wie die Überschrift heißt.

Abbildung 1: Die grafische Darstellung eines Drehbuchs und seiner Elemente.

Abbildung 1: Die grafische Darstellung eines Drehbuchs und seiner Elemente.

Diese Überschrift beginnt immer mit INT. oder EXT. für Außen- oder Innenaufnahmen. Dem folgt der Ort, etwa OVAL OFFICE, und nach einem Bindestrich die Tageszeit: DAY, NIGHT oder (weniger gebräuchlich) DUSK und DAWN. In deutscher Sprache würde dafür TAG und NACHT verwendet.

In der Überschrift schreibt man alles groß. Es folgt eine Kurzbeschreibung der Szene, die Action heißt. Danach folgt der Name eines Charakters, ebenfalls immer in Großschreibung. Das geschieht aus dem einfachen Grund, um sie von Namen in Dialogen zu unterscheiden.

Dem Namen des Characters folgt entweder ein Parenthetical oder der Dialog beziehungsweise eine Kombination aus beiden. Als Parenthetical bezeichnet man eine Handlungsbeschreibung, etwa “kichert” oder “lacht hämisch”. Zwischen Dialogzeilen darf eine Action oder Shot-Zeile stehen; das kommt aber nicht sehr häufig vor.

Werkzeuge

Jetzt mögen einige sagen: Geht es nur um die Formatierung, dann schreibe ich das mit jedem Editor oder einer x-beliebigen Textverarbeitung. Das ist richtig und passiert in der Praxis tatsächlich häufig. Deshalb gibt es für die meisten Programme bereits Plugins oder Tools, die beim Schreiben helfen.

Für LibreOffice existiert die Erweiterung Screenwright [5]. Emacs-Fans nutzen die Erweiterung Screenplay-Modus [6]. Anhänger von Vim kommen ebenfalls nicht zu kurz: Für sie gibt es mit Pago [7] ein Skript für den heiß geliebten Editor. Wer sein Drehbuch in Fountain [8] schreiben möchte, findet mit der Erweiterung fountain.vim [9] das entsprechende Syntax-Highlighting dafür. Für die Anhänger von LaTeX und des Editors LyX gibt es mit hollywood.cls [10] eine passende Vorlage. Und selbst für den immer beliebteren Atom Editor gibt es zusätzliche Dateien für diesen Zweck [11].

Spätestens an dieser Stelle merken Sie bereits, dass es möglich ist, ein Drehbuch mithilfe einer Markdown-Sprache umzusetzen. An dieser Stelle gibt es also einen Lichtblick, das bereits erwähnte Fountain: Der Markdown-Dialekt kommt bereits in vielen Anwendungen zum Einsatz, unter anderem Trelby.

Es gibt entsprechende Bibliotheken und Parser für diese Sprache, wie etwa Screenplain [12], mit dem Sie Fountain-Dateien in HTML, PDF oder FDX umwandeln. Bei FDX handelt es sich um das Dateiformat von Final Draft [13], jener Software, die quasi als Industriestandard gilt und bei vielen Produktionsfirmen bevorzugt im Einsatz ist.

Erwarten Sie bei den genannten Ansätzen allerdings nicht zu viel: Ein automatisches Formatieren oder Ähnliches gelingt oft (Abbildung 2), und so lange Sie die eigene Idee in ein Drehbuch umsetzen möchten, genügen die Funktionen den einzelnen Ansätzen durchaus. Wollen Sie jedoch fremden Stoff umsetzen, merken Sie vermutlich schnell, dass Sie einiges an Funktionalität mehr benötigen.

Abbildung 2: Automatische Vervollst&auml;ndigung, hier zu sehen am Beispiel <code>FADE IN</code>. Das Programm wei&szlig; durch die Position im Dokument bereits, dass ein Scene Heading folgt, und konvertiert daher alles in Gro&szlig;buchstaben. Nach der Eingabe "I" erm&ouml;glicht es die Auswahl von <code>INT</code> und <code>INT/EXT</code>.

Abbildung 2: Automatische Vervollständigung, hier zu sehen am Beispiel FADE IN. Das Programm weiß durch die Position im Dokument bereits, dass ein Scene Heading folgt, und konvertiert daher alles in Großbuchstaben. Nach der Eingabe “I” ermöglicht es die Auswahl von INT und INT/EXT.

Die Beschreibungen in einem Buch sind nicht immer chronologisch: Oft findet sich etwa ein Hinweis auf eine Eigenschaft eines Charakters in einem mittleren Kapitel, und die Stelle macht außerdem deutlich, dass diese Eigenschaft für die Handlung von Bedeutung ist. Das bedeutet, Sie springen für das Drehbuch an die Stelle zurück, an der der Charakter seinen ersten Auftritt hat, um die Beschreibung zu lesen.

Als zusätzliche Aufgabe steht also an, am Anfang alle Beschreibungen so genau wie möglich niederzuschreiben. Bei den Dialogen halten Sie sich vermutlich erst ans Original und kürzen dann später. Dabei helfen einige Funktionen der spezialisierten Tools. Sie liefern Statistiken und Übersichten, die Sie dazu benötigen. Diese Übersichten und Funktionalitäten sind umso wertvoller, wenn Sie das Drehbuch ausformulieren.

Linux-Programme

Aber wie sieht es jetzt für Linux-Benutzer aus? Browser-basierte Lösungen gibt es wie Sand am Meer: Celtx, das einst eine Client-Lösung für den Linux-Desktop angeboten hat, ist so ein Fall. Studiobinder [14] bietet ebenfalls eine webbasierte Software an, oder Sie entscheiden sich für Afterwriting [15] oder Supernotecard [16]. Anbieter gibt es also genug, von denen einige zwar Grundfunktionen kostenfrei anbieten, am Ende kommen Sie aber vermutlich um das Bezahlen nicht herum.

Wie sieht es mit Applikationen für den Linux-Desktop aus? Da wären Fade In [17] und Kit Scenarist [18] als Software für den Desktop. Ersteres ist allerdings nicht frei im Sinne freier Software, steht aber als kostenlose Version für Linux zum Download bereit.

Die Cloud-Funktionen in dieser Version sind deaktiviert. Das sollte eigentlich kein Problem darstellen, gerät aber geradezu penetrant, sobald Sie über zehn Seiten in einem Dokument geschrieben haben: Dann blendet das Programm sporadisch ein Popup ein, das Sie auffordert, doch auf die bezahlte Version umzusteigen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Haben Sie mehr als zehn Seiten in Fade In geschrieben, fordert ein Popup sporadisch zum Kauf der Software auf und zwingt Sie, stets einige Sekunden zu warten, um es zu schlie&szlig;en.

Abbildung 3: Haben Sie mehr als zehn Seiten in Fade In geschrieben, fordert ein Popup sporadisch zum Kauf der Software auf und zwingt Sie, stets einige Sekunden zu warten, um es zu schließen.

Das ist bereits nervtötend. Darüber hinaus hat der Hersteller diesen Dialog noch mit einem Zähler versehen, der Sie zwingt zu warten, bis Sie den Dialog schließen dürfen. Ein weiteres Highlight dieser Art bekommen Sie zu Gesicht, sobald Sie ein Dokument als PDF exportieren möchten: Jede Seite enthält zu Beginn die Anmerkung Printed with the demonstration version of Fade In – und das auch noch gefettet. Ob das dann rund 70 Euro für dieses Programm wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Das Programm setzt immerhin auf das Open-Screenplay-Format [19] zum Speichern der Dokumente – der einzige Lichtblick, denn damit gehen im Falle eines Falles wenigstens nicht die Daten verloren, da es sich um einen freien XML-Dialekt handelt.

Kit Scenarist

Bleibt also nur noch Kit Scenarist übrig (Abbildung 4). Bereits vor zwei Jahren in einer Online-Umfrage [20] erreichte Kit Scenarist sehr hohe Werte, es ließ Trelby hinter sich. Dass die Software einige Anhänger gefunden hat, zeigt auch die Übersetzung in rund 20 Sprachen, darunter Deutsch. Der Autor der Software gibt an, dass schon über 10 000 Kreative diese Software einsetzen.

Abbildung 4: In Kit Scenarist sehen Sie links die Szenen, die Sie per Drag&nbsp;&amp;&nbsp;Drop bei Bedarf umsortieren oder l&ouml;schen. Das Programm versucht, die Dauer der Szene zu berechnen, damit Sie erkennen, wo Sie umformulieren oder k&uuml;rzen k&ouml;nnten, um Zeit einzusparen.

Abbildung 4: In Kit Scenarist sehen Sie links die Szenen, die Sie per Drag & Drop bei Bedarf umsortieren oder löschen. Das Programm versucht, die Dauer der Szene zu berechnen, damit Sie erkennen, wo Sie umformulieren oder kürzen könnten, um Zeit einzusparen.

Die Entwicklung der Software verläuft lebhaft, und das Team dahinter antwortet bei Problemen schnell. Sorge macht eigentlich nur, dass bislang keine einzige Distribution Kit Scenarist in ihren Repositories führt. Das bereitet angesichts der Aussage “Updates come out every month” Bauchschmerzen. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Macher von Kit Scenarist nicht alleine darauf setzen, dass ein Distributions-Maintainer die Software paketiert, sondern selbst aktiv daran arbeiten.

Das setzt aber voraus, dass die Entwickler der Software sich klar machen, was sie möchten: die Unterstützung der Community durch Spenden, Crowdfunding und den Kauf von Zusatzprodukten oder Versionierung mit einem Abonnement für die Nutzung der Cloud. Aber nicht nur daran mangelt es: Die Kit-Scenarist-Programmierer verstehen die Philosophie hinter den Repositories einer Linux-Distribution nicht. So bleibt noch viel zu tun.

Fazit

Am Ende sieht es so aus, dass derzeit Plugins oder Erweiterungen für einen Editor das Mittel der Wahl zum Schreiben von Drehbüchern unter Linux darstellen. Kit Scenarist eignet sich zwar durchaus für diesen Zweck, und das Programm erleichtert das Arbeiten an Drehbüchern deutlich. Man muss aber damit rechnen, dass die Entwickler eines Tages vollends auf die kommerzielle Seite umschwenken. Drehbuchautoren sind also gut beraten, alle Projekte als Fountain-Datei zu sichern: Der offene Markdown-Dialekt ist einerseits zukunftssicher und andererseits kompatibel zum (kommerziellen) Branchenprimus Final Draft. (agr)

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2 Jahre her

Danke

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