Die vielseitige Distribution Artix verzichtet auf Systemd, stellt dafür aber drei Init-Systeme zur Wahl.
Arch Linux ohne Systemd ist weniger verbreitet, als man bei dem Nimbus vermuten könnte, der Arch anhaftet. Da gibt es neben Obarun [1], das wir demnächst besprechen, noch Parabola GNU/Linux, Spark Linux [2] (nicht zu verwechseln mit dem Debian-basierten Sparky Linux) und unseren heutigen Kandidaten Artix [3]. Artix entstand 2017 aus den beiden Projekten Arch OpenRC und Manjaro OpenRC. Hier droht leicht die Verwechslung mit AntiX, einer auf Debian fußenden Distribution.
Früher durchgefallen
Das damals noch junge Artix kam in LU 03/2018 erstmals zur Sprache – und fiel mit Pauken und Trompeten durch [4]. Es war den Entwicklern in dieser frühen Phase unter anderem gelungen, den eigentlich narrensicheren Calamares-Installer so einzurichten, dass der Bootmanager ständig abstürzte. Zwei Jahre später scheint Artix sich gefestigt zu haben, weswegen wir in diesem Artikel noch einmal genauer hinsehen.
Interessant erscheint uns, dass Artix mit einem Base-ISO den Installationsmodus von Arch Linux nachempfindet. Es gibt aber auch zwei Varianten mit Desktop und Calamares-Installer. Für die Installation nach der Arch-Methode bieten die Entwickler wie beim Vorbild eine Anleitung im Wiki [5]. Wer schon einmal Arch im Terminal aufgesetzt hat, der kommt auch hier klar, auch wenn einige Tools andere Namen tragen.
So heißt etwa der Befehl beim Start der Installation bei Arch Linux pacstrap, während bei Artix basestrap zur Anwendung kommt. Aus genfstab wird fstabgen, artools-chroot ersetzt arch-chroot. Darüber hinaus könnte man, abgesehen von der Wahl des Init-Systems, auch der Arch-Installationsanleitung folgen. Im Wiki des Projekts gibt es eine Migrationsanleitung von Arch zu Artix.
Die Qual der Wahl
Die GUI-Varianten unterteilt das Projekt in Minimal Images und die Community ISOs. Die Minimal Images bringen einen nur minimal angepassten Desktop in den Geschmacksrichtungen LXQt, LXDE, Mate, Cinnamon, KDE Plasma oder XFCE sowie lediglich einen Basissatz an Anwendungen mit. Die ISO-Images der Community bieten als Desktops Mate oder KDE Plasma mit den Alternativen LXDE und LXQt. Diese Abbilder bringen weit mehr Anwendungen mit, werden aber nicht offiziell unterstützt. Im “Testing”-Zweig der Download-Sektion stehen seit einigen Wochen auch Abbilder für Gnome und den Window-Manager i3 bereit.
Alle Abbilder von Artix lassen sich jeweils mit herkömmlichem BIOS oder mit UEFI und mit einem von drei Init-Systemen installieren. Hierfür stehen OpenRC, Runit und S6 zur Auswahl. Im Gegensatz zur Terminal-Installation entscheiden Sie sich vor dem Download für ein Init-System und laden dann das entsprechend vorbereitete Abbild herunter. Eine neue Version von Artix erschien zuletzt im Februar in der Version Artix 2020-02. Dabei sind die GUI-Abbilder als Live-Medien mit Installer ausgelegt.
Wir haben uns für ein Abbild mit dem Plasma-Desktop entschieden und hatten die Auswahl zwischen dem offiziellen Image mit 1,2 GByte Umfang und der 3,1 GByte großen Community-Qt-Variante. Um zu sehen, wie sinnvoll die Vorauswahl der Pakete ist, fiel die Wahl auf die offizielle Variante. Nach dem Booten des Live-Mediums heißt deren Standard-User artix, ebenso lautet auch das Passwort (Abbildung 1).

Abbildung 1: Im Download-Verzeichnis auf der Webseite von Artix stehen neben der Basis- und der Standard-Variante auch Abbilder aus der Community bereit, die eine größere vorinstallierte Paketauswahl bieten. Vor dem Herunterladen entscheiden Sie über das Init-System.
Schwarzgraublau
Nach dem Hochfahren in den Live-Modus erwartet Sie ein in abgestuften Grautönen gehaltener Desktop, dessen Farbgebung in Form eines Dark-Mode die Anmutung des gesamten Systems bestimmt. Darauf liegen drei PDFs und eine Readme-Datei; Letztere enthält lediglich einen Link auf das artix-live.log. Die mit Configuration, Troubleshooting und Runit überschriebenen PDFs bilden für einen ersten Überblick die jeweils entsprechende Wiki-Seite ab.
Da der Calamares-Installer nicht auf dem Desktop verlinkt ist, suchten wir ihn im Menü und wurden unter System | System installieren fündig. Die Installation selbst verlief unspektakulär. Wir entschieden uns für die manuelle Partitionierung inklusive LVM. Nach rund drei Minuten meldete der Installer Vollzug und bot den Neustart an (Abbildung 2).

Abbildung 2: Im Gegensatz zur Basisvariante, die ein an Arch Linux angelehntes Aufsetzen erfordert, bringen alle anderen Abbilder den Calamares-Installer mit, der unser Plasma-System in drei Minuten aufsetzte.
Der installierte Desktop macht einen aufgeräumten Eindruck, da die farblich nicht zum Design passenden roten Icons der PDFs aus der Live-Sitzung nun nicht mehr stören. Mit rund 550 MByte belegtem RAM gleich nach dem Start geht der Plasma-Desktop von Artix recht sparsam zu Werke. Zunächst aktualisierten wir wie üblich das System. Das funktioniert wie bei Arch mit sudo pacman -Suy und spülte uns ohne Probleme rund 3,5 GByte seit der Veröffentlichung im Februar aufgelaufene Pakete ins System.
Arch aktuell
Damit wurde der Kernel auf Linux 5.7.6 angehoben. Qt ist in der aktuellen Version 5.15 vertreten, Plasma steht bei Version 5.19.3. Unser nächster Blick richtete sich auf die Repositories, die wie bei Arch unter /etc/pacman.conf zu finden sind. Dabei stellten wir fest, dass Artix über eigene Repositories verfügt, die es den Arch-Repos vorschaltet.
Anders als beim viel bekannteren Manjaro, wo alle Pakete vor der Auslieferung einige Wochen ruhen, sperrt Artix lediglich handverlesene Pakete, die nach Ansicht der Entwickler eine Testphase benötigen. Das hat schon der (mittlerweile eingestellte) Arch-Ableger Antergos so vorgemacht. Ohne eigene Repos könnte Artix sein Konzept, auf Systemd zu verzichten, auch gar nicht umsetzen.
Bei Arch heißen die Repos der Stable-Version core, extra, community und multilib, bei Artix hören die Entsprechungen dazu auf system, world, galaxy und lib32. Von “Testing”- und “Staging”-Versionen sollte bei einem Rolling Release wie Arch oder Artix jedermann die Finger lassen, der nicht in der Lage ist, auftretende Fehler selbst zu beheben.
Neben den eigenen Repos sind auch die Arch-Linux-Archive extra und community standardmäßig aktiviert. Von der Aktivierung von core raten die Entwickler dringend ab.
Limitierter Paketbestand
Als Nächstes nahmen wir den Paketbestand dieser im Umfang recht reduzierten Variante von Artix unter die Lupe. Hier beschränkt sich die Distribution bei Plasma mit wenigen Ausnahmen auf KDE-Anwendungen oder solche auf der Basis von Qt. Folgerichtig kommt etwa als Browser der nicht allzu verbreitete KDE-Standard-Browser Falkon zur Anwendung. DuckDuckGo ist als Suchmaschine voreingestellt, Adblock als Werbeblocker bereits aktiviert. Es steht Ihnen aber frei, Firefox, Chrome oder jeden anderen Browser ihrer Wahl nachzuinstallieren (Abbildung 3).

Abbildung 3: Obwohl der aus Qupzilla hervorgegangene Browser Falkon seit einiger Zeit der Standard-Browser bei KDE ist, sieht man ihn nicht oft vorinstalliert. Artix setzt das Plasma-Konzept konsequent um und bietet deshalb Falkon an.
In der Abteilung Büro herrscht bis auf den Dokumentenbetrachter Okular gähnende Leere. Ähnlich sieht es in den anderen Sparten aus. Einen E-Mail-Client gibt es nicht, vermutlich auf die Annahme gestützt, dass die Mehrheit mittlerweile Online-Anbieter für E-Mail nutzt. Die einzigen Nicht-Qt-Anwendungen, die wir finden konnten, sind der Videoplayer MPV und das Packprogramm Xarchiver. Noch nie gehört hatten wir bis dahin von Isotopo, einem auf Hwloc basierenden kleinen Tool, das Strukturen moderner Hardware-Architekturen abstrahiert (Abbildung 4).

Abbildung 4: Im Menü unter System entdeckten wir das uns bis dato unbekannte Tool Isotopo, das Bestandteile moderner PC-Architekturen abstrahiert. Es bleibt allerdings unklar, welchen Nutzen ein Desktop-Anwender daraus ziehen kann.
Die einzige Dopplung gibt es bei Screenshot-Programmen. Hier steht dem KDE-Standardtool Spectacle die Kommandozeilen-Variante Screengrab zur Seite. Die Installation weiterer Anwendungen wie etwa einer Bürosuite obliegt Ihnen als Anwender, wobei Ihnen der riesige Paketbestand von Arch Linux vermutlich alle Wünsche erfüllen kann.
AUR inklusive
Auch das Arch User Repository AUR ist per Artix zugänglich, wobei Pakete, die Systemd benötigen, in der Regel nicht funktionieren. Wir haben das AUR mit den nachinstallierten grafischen Tools Octopi und Pamac getestet; beide Wege funktionierten. Hier wie da müssen Nutzer die Integration des AUR in den Einstellungen zunächst explizit aktivieren. Die Entwickler empfehlen für AUR das Kommandozeilenwerkzeug Trizen, das bei Bedarf ebenfalls nachinstalliert werden muss (Abbildung 5).

Abbildung 5: Trizen, ein leichtgewichtiges Hilfsprogramm von Arch Linux, erleichtert das Bauen und Installieren von Software-Paketen aus dem Anwenderarchiv AUR.
Um den bisher durchweg positiven Eindruck auf den Prüfstand zu stellen, sahen wir uns auch die XFCE-Variante anhand des offiziellen Abbilds an, das unter 1 GByte in die Waagschale wirft. Wir wählten hier die Variante mit S6-Init-System, dessen Entwickler auch an der Artix-Entwicklung beteiligt ist. Auch hier verlief die Installation problemlos, obwohl Calamares meinte, wir seien nicht mit dem Internet verbunden. Das fertig installierte System fand hingegen dann automatisch den Weg ins Netz.
Dieses Mal entschieden wir uns bei der Partitionierung für die Variante, die Artix-Plasma-Partition verkleinern zu lassen, um darin Artix XFCE zu installieren. Sofort nach dem Neustart in das installierte System fiel der etwas buntere Desktop auf (Abbildung 6). Wer keine Designs im Dark-Mode mag, liegt vermutlich mit den freundlichen Blautönen von XFCE genau richtig. Auch hier fielen bei der (problemlosen) Aktualisierung über 2 GByte an Paketen an. Der RAM-Verbrauch von XFCE liegt erwartungsgemäß unter dem von Plasma (Abbildung 7).

Abbildung 6: Etwas heller als bei Plasma geht es bei XFCE zu. Wem das eher liegt, der muss lediglich noch den Dark-Mode umstellen, der für Anwendungen voreingestellt ist.

Abbildung 7: XFCE gibt sich beim RAM-Verbrauch genügsamer als Plasma. Mit rund 430 MByte gleich nach dem Start eignet sich dieser Desktop auch für ältere Hardware mit wenig Hauptspeicher.
XFCE
Bei der Paketauswahl unter XFCE dominieren logischerweise Pakete aus dem GTK-Bestand. Als Browser kommt hier beispielsweise Midori zum Zug. Die einzige Überschneidung zur Plasma-Ausgabe gibt es beim Videoplayer MPV, ansonsten ist der Fundus ähnlich spärlich bestückt. Es gibt viele kleine Tools, doch auch hier fehlen ein E-Mail-Client, eine Bürosuite und ein grafischer Paketmanager. Bei den heute verfügbaren schnellen Internet-Anbindungen sehen wir darin eher einen Vorteil, denn so lässt sich schnell ein maßgeschneidertes System nach den eigenen Wünschen zusammenstellen.
Fast vergaßen wir, etwas zu den verwendeten Init-Systemen Runit und S6 zu sagen. Tatsächlich gibt es da auch kaum etwas zu sagen, denn beide verhielten sich völlig unauffällig und verrichteten im Hintergrund zuverlässig ihren Job. Wir wurden lediglich durch ein Update des von Gentoo übernommenen Eudev daran erinnert, denn unter Systemd würde Udev diesen Part übernehmen.
Fazit
Gegenüber dem im Artikel von 2018 beschriebenen Stand hat sich Artix sehr positiv entwickelt. Wir fanden während der Recherche und dem Schreiben des Artikels mit Artix keinerlei Grund zur Beanstandung. Wir installierten lediglich Chrome zur Recherche und das Desktop-Wiki Zim als unsere vertraute Schreibumgebung nach. So konnten wir viele bereits anderswo vorhandene Browser-Tabs und Erweiterungen synchronisieren.
Artix liefert Arch Linux ohne Systemd sowohl zum Aufsetzen im Arch-Stil als auch als installierbares Live-System mit verschiedenen Desktop-Umgebungen und mit jeweils drei Init-Systemen zur Auswahl an. Damit geht es weit über das Angebot des Originals hinaus. Dabei ist Artix mit ganz wenigen Abstrichen genauso aktuell wie das Vorbild, auch das AUR lässt sich bei Bedarf anzapfen. Unterstützung bei Problemen liefern die Artix News [6], ein ausführliches Wiki [7] sowie eine Telegram-Gruppe [8], in der auch die Entwickler auf Fragen antworten. Weiter so! (cla)
Infos
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Obarun: https://web.obarun.org
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Spark Linux: https://fleshless.org/pages/spark.html
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Artix: https://artixlinux.org
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Artix Linux: Karsten Günther, “Provisorium”, LU 03/2018, S. 28, https://www.linux-community.de/40226
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Telegram: https://t.me/artixlinux





