Arch-Derivat RebornOS im Überblick

Aus LinuxUser 08/2020

Arch-Derivat RebornOS im Überblick

© Autsawin Uttisin, 123RF

Neues Leben

Mit RebornOS tritt ein neues Linux-Derivat in die Fußstapfen von Antergos. Das auf Arch Linux basierende System wartet mit einigen Innovationen auf.

Arch Linux gilt bei Einsteigern und Umsteigern von anderen Systemen als sehr gewöhnungsbedürftig und schwierig zu handhaben. Daher setzten sich mehrere Projekte das Ziel, hier Abhilfe zu schaffen. Als noch recht junges Derivat, das sich an das inzwischen eingestellte Antergos anlehnt, möchte sich RebornOS [1] als benutzerfreundliche Alternative im Linux-Universum etablieren, dabei aber die Vorteile von Arch Linux erhalten.

Konzept

RebornOS erleichtert durch viele grafische Dialoge und Werkzeuge den Einstieg. Dabei legen die Entwickler den Fokus auf die problemlose Integration innovativer Technologien und eine möglichst einfache Installation des Betriebssystems. Das Derivat liegt in einem einzigen hybriden ISO-Abbild mit einer Größe von rund 2,1 GByte vor, das sich ausschließlich für 64-Bit-Hardware eignet.

Nach dem Erstellen des Boot-Mediums starten Sie von diesem in ein Grub-Menü, das neben verschiedenen Standard-Optionen das Hochfahren von RebornOS als Live-System erlaubt. Eine direkte Installation auf einer Festplatte sieht Grub nicht vor.

Nach dem Booten landen Sie in einem spartanisch wirkenden Gnome-Desktop, der am unteren Bildschirmrand ein horizontales Panel mit einigen Startern und einem kleinen System-Tray enthält. Der Button ganz links öffnet kein Startmenü, sondern die von Gnome bekannte Kachel-Ansicht der installierten Anwendungen. Auf der Arbeitsfläche befinden sich keine Icons.

Nach dem Start des Live-Systems blendet RebornOS den grafischen Cnchi-Installer ein, der optisch dem von Ubuntu her bekannten Ubiquity-Assistenten ähnelt. Dieser Installer gestattet dann zunächst die Wahl zwischen dem Live-Einsatz oder der Installation.

Live-System

Das Live-System fällt durch eine recht geringe Software-Auswahl auf. So fehlen die großen Standard-Applikationen wie LibreOffice, Gimp, VLC oder Thunderbird. Lediglich den Webbrowser Firefox bringt die Live-Variante vorinstalliert mit. Daneben finden Sie zahlreiche Programme aus dem Gnome-Fundus sowie einige Werkzeuge und Hilfsprogramme von Drittanbietern.

Für Nutzer von Notebooks des Herstellers Lenovo bietet die Distribution etwa aus Software-Fundus von RebornOS das Tool TLPUI, das eine detaillierte Konfiguration der Hardware gestattet. Gparted steht ebenso wie die Gufw-Firewall zum Einsatz bereit, mehrere grafische Frontends für die Hardware-Konfiguration und zum Verwalten der Software erleichtern die Arbeit.

Stationär

Für die Installation entwickelten die Programmierer das ursprünglich für Antergos konzipierte grafische Frontend Cnchi weiter. Das prüft zu Beginn, ob der lokale Massenspeicher alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Installation des Betriebssystems erfüllt. Sofern Sie keinen kabelgebundenen Zugang nutzen, sollten Sie vor Aufruf der Routine den WLAN-Zugang im Live-System konfigurieren, da RebornOS für die vollständige Installation den Zugriff auf die Online-Repositories erfordert.

Das Bedienen des Werkzeugs gliedert sich ähnlich wie in Ubiquity, allerdings gibt es im Vergleich zu anderen Assistenten für die Installation zwei gravierende Unterschiede: Cnchi gestattet bei der Vorbereitung der Installation die Auswahl der Desktop-Umgebung. Aus einer Liste, die rund ein Dutzend Einträge enthält, wählen Sie die für Sie passende aus.

Dabei berücksichtigen die RebornOS-Entwickler neben den gängigen Oberflächen selbst Exoten wie den aus Elementary OS entwickelten Pantheon-Desktop, das Deepin Desktop-Environment des chinesischen Debian-Derivats, den Apricity-Desktop oder die von Solus-Linux stammende Oberfläche Budgie. Von Haus aus verwendet das System das schlanke Openbox, das Arch-Derivat erlaubt aber auch eine Installation ganz ohne Desktop-Umgebung (Abbildung 1).

Abbildung 1: An Auswahlmöglichkeiten für den Desktop mangelt es in RebornOS nicht. In der Summe stehen über ein Dutzend davon zur Installation bereit.

Abbildung 1: An Auswahlmöglichkeiten für den Desktop mangelt es in RebornOS nicht. In der Summe stehen über ein Dutzend davon zur Installation bereit.

Als zweite Innovation im Vergleich zu vielen anderen Distributionen erlaubt Cnchi in einem weiteren Schritt das Anpassen der Auswahl an Software bei der Installation. Dabei greift der Assistent nicht auf Standardwerkzeuge zurück, sondern blendet eine Liste von häufig genutzten Applikationen ein, in der Sie die gewünschten Programme per Schieberegler in die Installation einbeziehen.

Die Auswahl umfasst dabei mehrere Office-Suiten wie LibreOffice, das von Softmaker entwickelte FreeOffice oder das chinesische WPS Office. Auch bei den Browsern findet sich eine stattliche Auswahl: Neben Googles Chrome und dessen freiem Pendant Chromium bietet der Installer Opera und dessen Ableger Vivaldi als Alternativen an. Für multimediale Inhalte stehen ebenfalls diverse Applikationen bereit.

Moderne Online-Dienste wie Dropbox, Steam oder Spotify sind im Installer enthalten. Danach zeigt Ihnen Cnchi vor Beginn der Installation nochmals Ihre Auswahl an, in der Sie bei Bedarf Änderungen vornehmen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bei RebornOS wählen Sie im Installer aus, welche Applikationen Sie installieren möchten.

Abbildung 2: Bei RebornOS wählen Sie im Installer aus, welche Applikationen Sie installieren möchten.

Die anschließende Installation nimmt je nach Umfang der gewählten Software-Optionen und der verfügbaren Bandbreite des Internet-Zugangs längere Zeit in Anspruch, da sie die Software zum großen Teil aus den Repositories zieht.

Flatpaks

Nach Abschluss der Installation und anschließendem Warmstart öffnet sich zunächst ein optisch dezent aufbereitetes Grub-Bootmenü, in dem sich – sofern installiert – andere Betriebssysteme ebenfalls als Eintrag finden. Das Arch-Derivat baut nach dem Authentifizieren den gewählten Desktop auf. Dieser erscheint optisch zwar ansprechend, kommt aber ohne Gimmicks aus, die lediglich Ressourcen belegen.

Beim ersten Start blenden einige Arbeitsumgebungen auf dem Desktop ein Fenster ein, das auf eine weitere Innovation hinweist: RebornOS aktiviert voreingestellt die Flatpak-Paketverwaltung, was es von vornherein erlaubt, Software aus dem Flathub-Repository zu beziehen [2]. Dazu erscheint ein Hinweis, der es gestattet, das Repository in den Software-Store von Gnome einzubinden. Möchten Sie das nicht, wählen Sie diese Option im Fenster ab.

Bei gewünschter Integration des Repositorys startet das Gnome-Software-Frontend und bindet Flathub automatisch ein. Im Hintergrund prüft es zeitgleich auf Aktualisierungen. Findet es welche, macht die Aktualisierungsverwaltung deutlich auf sich aufmerksam. Mit dem grafischen Frontend Pamac sehen Sie diese ein und installieren sie bei Bedarf.

Durcheinander

Das Bedienkonzept von RebornOS auf dem Desktop weist, je nach gewählter Arbeitsumgebung, einige kleinere Schwächen auf: So listen manche die installierten Applikationen zunächst teils als Kacheln wie bei Gnome üblich auf der Arbeitsfläche auf. Alternativ steht aber eine Menühierarchie nach einem Klick auf den Start-Button bereit, wenn Sie in der Kachelanzeige oben rechts auf dem Desktop auf das kleine Doppelpfeil-Symbol klicken.

Sowohl in der Menü-Anzeige als auch den Gnome-Kacheln erscheinen die Applikationen aber nicht in alphabetischer Reihenfolge. Insbesondere bei zahlreichen zusätzlich installierten Anwendungen geht so schnell die Übersicht verloren. Allerdings erlaubt es eine Suchfunktion, die in beiden Anzeigemodi bereitsteht, einzelne Programme ohne größeren Aufwand zu finden (Abbildung 3).

Abbildung 3: Bei manchen Auswahlmenüs erscheinen Programme nicht in alphabetischer Reihenfolge. Dank der integrierten Suchfunktion finden Sie diese dennoch schnell.

Abbildung 3: Bei manchen Auswahlmenüs erscheinen Programme nicht in alphabetischer Reihenfolge. Dank der integrierten Suchfunktion finden Sie diese dennoch schnell.

Unterschiede

Bedingt durch die unterschiedlichen Desktop-Umgebungen unterscheidet sich außerdem der Bestand an Software: So finden Sie je nach verwendeter Oberfläche stellenweise primär kleinere Applikationen in den Menüs, die zum Fundus der jeweiligen Arbeitsumgebung gehören.

Das Verhalten der Arbeitsoberflächen und deren Ressourcenbedarf variieren ebenfalls: So benötigt der Plasma-Desktop aus KDE erheblich mehr Arbeitsspeicher als etwa ein schlankes LXQt. Es empfiehlt sich daher, die Auswahl des Desktops bei der Installation am Arbeitsspeicher im PC zu orientieren.

Nachträglich

Sofern Sie nachträglich den Desktop wechseln oder andere Einstellungen modifizieren möchten, erledigen Sie das mithilfe des Werkzeugs Reborn Updates and Maintenance per Mausklick, ohne dabei das System komplett neu zu installieren.

Neben der Konfiguration einer zusätzlichen Arbeitsumgebung gestattet das Werkzeug die Integration eines anderen Display-Managers. Außerdem enthält es verschiedene Funktionen zum Warten des Systems wie das Leeren der Caches und Journale sowie das Entfernen von unnötigen Programmpaketen. Selbst den Grub-Bootmanager konfigurieren Sie damit bei Bedarf neu (Abbildung 4).

Abbildung 4: Alles, was Sie brauchen, um RebornOS grundlegend neu zu konfigurieren, ist bereits im System enthalten.

Abbildung 4: Alles, was Sie brauchen, um RebornOS grundlegend neu zu konfigurieren, ist bereits im System enthalten.

Software

Kaum ein anderes Linux-Derivat bietet eine solche Vielfalt an Softwarequellen und Optionen bei der Installation wie RebornOS. Dafür zeichnen mehrere grafische Frontends verantwortlich: Mit Pace, das Sie im Untermenü System finden, verwalten Sie die aktiven Repositories. Hier stehen neben den Arch-eigenen unter anderem die RebornOS-Repos bereit. Das Pacman-Frontend Pamac nutzen Sie unter allen Oberflächen zum manuellen Aktualisieren und Installieren von Software.

Da RebornOS wie seine Basis Arch Linux dem Rolling-Release-Konzept folgt, benötigt es normalerweise jedoch keine manuellen Updates. Sofern Sie den KDE Plasma-Desktop nutzen, steht zusätzlich zu Pamac auch Discover als grafisches Frontend zum Paketmanagement bereit. Zudem wählen Sie in aller Regel zwischen mehreren Kernel-Versionen, indem Sie aus dem System-Menü heraus den Arch Linux Kernel Manager aufrufen. Dieser bietet in einem schlichten Dialog die Auswahl zwischen mehreren Kerneln (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der <span class="ui-element">Arch Linux Kernel Manager</span> erlaubt die Wahl zwischen verschiedenen Kernel-Versionen per Mausklick.

Abbildung 5: Der Arch Linux Kernel Manager erlaubt die Wahl zwischen verschiedenen Kernel-Versionen per Mausklick.

Darüber hinaus integrieren Sie bei Bedarf neben den Flatpaks das Werkzeug Anbox [3] ins System. Dieses gestattet es, zahlreiche eigentlich für die ARM-Architektur vorgesehenen Android-Anwendungen unter RebornOS zu nutzen. Das Werkzeug befindet sich im Tool Reborn Updates and Maintenance, über das Sie außerdem alternative Desktop-Umgebungen installieren (Abbildung 6).

Abbildung 6: Mit Android-Apps versteht sich RebornOS dank Anbox-Emulator hervorragend.

Abbildung 6: Mit Android-Apps versteht sich RebornOS dank Anbox-Emulator hervorragend.

Fazit

RebornOS zeigt eindrucksvoll, dass es einsteigerfreundliche Arch-Derivate gibt. Das auf Antergos und Arch Linux basierende Betriebssystem besticht dabei nicht nur mit zahlreichen grafischen Frontends, die den Einsatz der Kommandozeile in vielen Fällen überflüssig machen, sondern bringt zusätzlich noch verschiedenste Desktop-Umgebungen mit.

Experimentierfreudige Anwender, die öfter einen Tapetenwechsel wünschen, kommen hier voll auf ihre Kosten. Dank der Integration herkömmlicher Repositories sowie der Flatpak-Verwaltung und dem Einbinden von Android-Apps mittels Anbox dient RebornOS zudem als Integrationsplattform, die verschiedenste Welten unter einen Hut bringt. Das alltagstaugliche System erweist sich daher für Power-User durchaus als eine interessante Alternative zum Ubuntu-Einheitsbrei. (tle)

Infos

  1. RebornOS: https://rebornos.org

  2. Flathub-App-Store: https://flathub.org/home

  3. Anbox: https://anbox.io

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