Minimal Linux Live wendet sich speziell an wissbegierige Power-User, die mehr über Linux erfahren möchten.
Linux-Distributionen starten heutzutage meist eine ansprechende grafische Arbeitsumgebung und bringen viel Anwendungssoftware mit; ihr Umfang beträgt meist mehrere Gigabyte. Der Anwender kann mit den vorhandenen Programmen sofort arbeiten und braucht sich nicht mit dem Betriebssystem zu beschäftigen.
Als Alternative für alle, die etwas mehr über das freie Betriebssystem erfahren möchten, bietet sich das aus Bulgarien stammende Minimal Linux Live oder kurz MLL [1] an, das lediglich wenige MByte Umfang aufweist. Das System zeigt Ihnen, wie Sie am Prompt mit Linux arbeiten.
Erste Schritte
Die Entwickler bieten die winzige Distribution auf Github in mehreren Varianten an: Neben einem ISO-Abbild mit rund 10 MByte Umfang gibt es die Build-Skripte auch als Tarball.
Das vorgefertigte und auf der Projektseite verlinkte ISO-Image läuft auf 64-Bit-Computern und enthält keine grafische Desktop-Umgebung. Zudem muss der Rechner über ein herkömmliches BIOS verfügen. Systeme mit UEFI-BIOS unterstützt das System nicht, und im Test schlug auch ein Versuch fehl, das Betriebssystem auf einem UEFI-Computer im Legacy-Modus zu starten. Auf Github gibt es jedoch weitere ISO-Abbilder, die eine gemischte UEFI-BIOS-Umgebung sowie aktuelle UEFI-Systeme unterstützen.
Mithilfe der Build-Skripte lässt sich das Betriebssystem an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Dazu entpacken Sie zunächst die im TAR.GZ-Archiv enthaltenen Shell-Skripte auf einem laufenden Linux-System in ein wahlfreies Verzeichnis. Als Nächstes installieren Sie alle für den Ablauf der Skripte notwendigen Abhängigkeiten, unter Ubuntu und dessen Derivaten beispielsweise mit dem Kommando aus Listing 1.
Listing 1
$ sudo apt install wget make gawk gcc bc bison flex xorriso libelf-dev libssl-dev
Danach wechseln Sie in das Verzeichnis, in das Sie den MLL-Tarball entpackt haben. Sie finden dort eine Textdatei namens .config, die Sie mit einem beliebigen Editor bearbeiten. In diese Datei integrieren Sie verschiedene Build-Skripte, die dann beim Anlegen des Betriebssystems berücksichtigt und als Overlay-Bundle in dieses integriert werden (Abbildung 1).
Nach Abschluss der Anpassungen geben Sie den Befehl ./build_minimal_linux_live.sh ein. Das Skript lädt dann automatisch diverse Pakete aus dem Internet nach und arbeitet verschiedene weitere Skripte ab. Dabei entsteht aus den zahlreichen Paketen das ISO-Image mit MLL, das Sie wie die vorkompilierten Abbilder je nach Bedarf entweder von einem optischen Datenträger oder einem USB-Stick starten. Daneben lässt sich MLL auch in einer virtuellen Maschine wie Virtualbox ausführen.
Inhaltliches
Das als Live-System konzipierte MLL enthält neben dem Linux-Kernel lediglich die GNU-C-Bibliothek und Teile der Busybox-Werkzeugsammlung, ein schlankes Initramfs-Archiv sowie die voreingestellten sogenannten Overlay-Bundles. Bei Letzteren handelt es sich um zusätzliche kleine Software-Pakete.
Das Betriebssystem kommt ohne jede grafische Oberfläche aus und bringt deshalb auch keine grafischen Anwendungen mit. Daher beläuft sich der minimale Arbeitsspeicherbedarf des Gesamtsystems auf lediglich 256 MByte. Bei Bedarf installieren Sie jedoch mit zusätzlichen Overlay-Bundles weitere Anwendungen und nehmen eigene Anpassungen vor. Das klappt auch im Live-Betrieb.
Auf wiederbeschreibbaren Wechseldatenträgern nutzt das System automatisch persistenten Speicherplatz. Die Konfiguration nehmen Sie dabei komplett mithilfe von Textdateien vor, grafische Konfigurationswerkzeuge gibt es nicht.
Systemstart
Das minimalistische Betriebssystem bootet zunächst in einen Einstellungsdialog, in dem Sie die Bildschirmauflösung und Farbtiefe festlegen. MLL blendet dazu eine Liste verschiedener Bildschirmmodi ein, aus der Sie die passende wählen.
Nach dem Mounten des Overlay-Dateisystems und dem Anlegen der Ordnerstruktur startet die Routine ein Overlay-Bundle, das mithilfe des DHCP-Protokolls einen Netzwerkzugang herstellt. Die Boot-Routine zeigt die Netzwerkkonfiguration aus IP-Adresse, Netzwerkmaske und Gateway auf dem Bildschirm an. Danach gelangen Sie an einen Prompt (Abbildung 2).
Das System ist nun einsatzbereit. Es basiert auf einem aktuellen Kernel in Version 5.4.3 sowie der GNU-C-Bibliothek 2.30 mit Busybox 1.31.1.
Individuell
Anpassungen am Betriebssystem nehmen Sie durch verschiedene Overlay-Bundles vor. Die führt das System mithilfe des Overlay-Dateisystems während des Bootens mit dem Initramfs-Image zusammen und aktiviert so deren Inhalt. Möchten Sie die Overlay-Bundles dauerhaft aktivieren, müssen Sie jedoch die entsprechende Konfigurationsdatei aus dem Quellarchiv bearbeiten.
Zum temporären Freischalten von Overlay-Bundles nutzen Sie das Kommando static-get, das es ermöglicht, portable Binärdateien temporär in MLL zu nutzen. Dazu müssen Sie jedoch vorab das entsprechende Bundle über einen entsprechenden Eintrag in der .config-Datei aktivieren. Danach können Sie zur Laufzeit mithilfe des Befehls static-get -s Paket abfragen, ob das gesuchte Paket existiert, und es dann mithilfe des Befehls static-get -i Paket nutzen.
Die Entwickler von MLL offerieren bereits zahlreiche Overlay-Bundles, die sich für die temporäre Nutzung eignen: So gibt es neben OpenJDK, Vim und Ncurses mit Tetris auch ein Spiel. Benötigen Sie weitere Bundles, legen Sie diese selbst an. Eine ausführliche Dokumentation [2] dazu macht Sie mit den entsprechenden Grundlagen und Befehlen vertraut.
Virtuell
MLL bietet zudem in der aktuellen Version per Overlay-Bundle auch die GraalVM-Umgebung [3] an. In dieser virtuellen Maschine lassen sich in Java, Javascript, Ruby oder Python geschriebene Skripte und Anwendungen ausführen.
Damit eröffnet GraalVM die Möglichkeit, diese Programmiersprachen zu erlernen und im System zu nutzen. Beachten Sie dabei, dass die in MLL eingepflegte Variante von GraalVM aufgrund einiger fehlender Abhängigkeiten nicht alle Werkzeuge und Befehle unterstützt.
Fazit
Minimal Linux Live präsentiert sich als kompakte, nach nur kurzer Einarbeitungszeit zu nutzende Distribution zu Lernzwecken. Das sehr gut dokumentierte Projekt macht Sie auf einfachem Weg mit den grundlegenden Konzepten und Prozessen von Linux vertraut. Nebenbei bietet GraalVM die Gelegenheit, in einer virtuellen Umgebung mit verschiedenen Programmiersprachen zu experimentieren und so die Syntax von Shell-Skripten zu erlernen. Damit eignet sich MLL ideal für Anwender, die jenseits von grafischen Oberflächen und vorgefertigten Paketen tiefer in die Technologien des freien Betriebssystems einsteigen möchten.
Infos
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Dokumentation zu Overlay-Bundles: https://github.com/ivandavidov/minimal
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GraalVM: https://www.graalvm.org







