Als quelloffene Remote-Desktop-Lösung erlaubt Ultrascreen den Blick auf entfernte Rechner – ohne zentralen Server und kostenpflichtigen Account.
Will der Drucker einfach nicht drucken, klemmt es in der Paketverwaltung oder braucht man Unterstützung beim Einrichten des Systems, hilft es, einen guten Freund mit fundiertem Linux-Wissen zu haben, der einfach mal schnell vorbeikommen kann. Nicht jeder Ein- und Umsteiger hat allerdings das Glück, eine entsprechende Bekanntschaft in seiner Nähe zu wissen. Sich per Telefon helfen zu lassen, klappt zwar im Notfall auch, erfordert an beiden Enden der Leitung allerdings viel Geduld beim Beschreiben der Probleme.
Professionelle Administratoren und auch viele computeraffine Töchter und Söhne greifen daher auf Remote-Desktop-Lösungen wie Teamviewer [1] oder Anydesk [2] zurück. Mithilfe der Programme lässt sich über das Internet eine Verbindung zwischen zwei Rechnern aufbauen und der entfernte Rechner bedienen, als ob man davorsitzen würde. Das klappt auch ohne schnelle Internet-Verbindung, moderne Kompressionsverfahren reduzierten die benötigte Datenrate auf ein Minimum.
Ultrascreen
Beide Optionen sind bei Teamviewer und Anydesk für Privatanwender kostenlos und stehen für alle gängige Betriebssysteme zur Verfügung. Allerdings achten die Hersteller der Programme peinlich genau darauf, dass der Anwender ihre Freigiebigkeit nicht allzu sehr strapaziert. Befindet sich ein Exchange-Server im Netz oder wird das Programm auffällig oft und lange genutzt, verweigern sie ihren Dienst und fordern den Nutzer auf, eine kostenpflichtige Lizenz zu erwerben. Eine Single-User-Lizenz kostet bei Teamviewer inzwischen 27,90 Euro pro Monat.
Freie Alternativen wie der Klassiker VNC haben den Nachteil, dass es gar nicht so leicht fällt, eine Verbindung sicher durch das Internet zu leiten. In der Regel muss zumindest einer der Teilnehmer, also entweder der Helfer oder der Hilfesuchende, Ports vom Internet-Router auf den entsprechenden Computer weiterleiten. Hier springt Ultrascreen [3] als schnelle Hilfe in der Not ein. Das Open-Source-Programm braucht keine Lizenzen und erfordert auch keine Konfiguration des Routers.
Installation
Wie viele junge Anwendungen sucht man auch Ultrascreen noch vergeblich in den Paketquellen der gängigen Distributionen. Lediglich bei Arch Linux gibt es mit ultrascreen-git einen Eintrag im Arch User Repository (kurz AUR). Mithilfe des AUR-Helpers Yay lässt sich das Programm schnell bauen und ins System einspielen (Listing 1, Zeile 2). Alternativ greifen Sie auf das von Manjaro entwickelte grafische Paketverwaltungsfrontend Pamac zurück, das sich auch unter Arch Linux nutzen lässt.
Die Entwickler bieten Ultrascreen allerdings auch als statisch gebaute Variante in Form eines ZIP-Archivs und eines AppImages an. Das ZIP müssen Sie lediglich entpacken und dann das im Unterverzeichnis linux-unpacked/ enthaltene Binary ultrascreen ausführen (Listing 1, Zeile 4 und 5). Die App-Image-Datei machen Sie mittels Chmod oder über einen Dateimanager ausführbar und rufen sie dann direkt auf (Listing 1, Zeile 7 und 8). Der Vorteil des AppImages liegt darin, dass sich die Anwendung auf diesem Weg auch im System installieren und über das Anwendungsmenü aufrufen lässt.
Listing 1
### Installation via AUR $ yay -S ultrascreen-git ### ZIP-Archiv entpacken und aufrufen $ unzip ultrascreen-v1.0-linux.zip $ linux-unpacked/ultrascreen ### AppImage ausführen $ chmod +x ultrascreen-v1.0.AppImage $ ./ultrascreen-v1.0.AppImage
Fernsteuern
Direkt nach dem Start zeigt Ultrascreen lediglich ein weißes Fenster mit einem Login-Schalter sowie der Aufforderung an, einen Nickname einzugeben. Die Wahl des Namens liegt komplett in Ihren Händen, es wird dabei kein Account auf einem Server angelegt. Der Namen darf allerdings lediglich Buchstaben und Zahlen enthalten, selbst Leerzeichen sind nicht erlaubt. Nach dem Login lädt Ultrascreen dann das eigentliche Anwendungsfenster (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Anwendungsfenster von Ultrascreen bietet nicht viele Funktionen. Um eine Verbindung zu starten, benötigen Sie die oben links angezeigte Ultrascreen-ID des Hilfesuchenden.
Unterhalb des Programmnamens in der linken Seitenleiste finden Sie die ID-Nummer Ihrer Ultrascreen-Instanz im Stil von 719[…]00000. Die ID erstellt Ultrascreen bei jedem Login neu; es gibt keine Möglichkeit, sich eine feste ID zu sichern. Unter der ID steht der von Ihnen zuvor gewählte Nickname.
Um sich nun als Helfer mit dem Rechner eines Hilfesuchenden zu verbinden, benötigen Sie dessen Ultrascreen-ID. Die lässt sich entweder per E-Mail oder Chat kommunizieren, zur Not auch per Telefon übermitteln. Mithilfe des Icons hinter der ID kopieren Sie sie in die Zwischenablage und übertragen sie dann mit [Strg]+[V] in ein Chat- oder E-Mail-Programm.
Wayland
Wie jedes andere Screencast- und Screen-Recorder-Programm scheitert auch Ultrascreen noch an Wayland, dem Nachfolger des klassischen X-Servers. Unter Gnome überträgt Ultrascreen daher zum Beispiel nur einen schwarzen Kasten. Um das Programm trotzdem nutzen zu können, muss sich der Hilfesuchende in diesem Fall vom Gnome-Desktop abmelden und dann über das Zahnrad-Menü im Anmeldedialog die Option GNOME unter Xorg wählen. Sie startet eine Gnome-Sitzung mit klassischem X-Server. Ob der Desktop unter Wayland läuft, lässt sich schnell mit dem Kommando echo $XDG_SESSION_TYPE ermitteln.
Anschließend muss der Hilfesuchende auf das große, mit STREAM überschriebene Bildschirm-Icon tippen. Daraufhin präsentiert Ultrascreen eine Auswahl: Es lässt sich entweder der komplette Desktop (Entire screen) übertragen oder nur einzelne Anwendungen (Abbildung 2). Etwas unglücklich für Nutzer von zwei oder mehr Monitoren: Bislang gibt es keine Möglichkeit, nur den Inhalt eines Bildschirms zu streamen, was die zu übertragende Datenmenge bei solchen Setups unnötig aufbläht. Nach Auswahl des Inhalts zeigt Ultrascreen eine Vorschau des Internet-Screencasts im Anwendungsfenster an.

Abbildung 2: Ultrascreen erlaubt den kompletten Desktop des Rechners zu streamen oder bei Bedarf auch nur den Inhalt einzelner Fenster an den Helfer zu übertragen.
Als Helfer müssen Sie nun unterhalb von CONNECTIONS die Remote-ID des Hilfesuchenden eingeben. Mit dem Plus-Icon speichert Ultrascreen die Verbindung und fügt sie unterhalb des Eingabefelds ein. Allerdings geht der Eintrag beim nächsten Start verloren, da sich die ID ja bei jeder Session ändert.
Sobald die Verbindung steht, sehen Sie als Helfer den Desktop oder das ausgewählte Fenster. Dabei überträgt Ultrascreen lediglich das Bild. Einen Rückkanal, um den entfernen Rechner fernzusteuern, gibt es nicht (Abbildung 3). Der Screencast bleibt aktiv, bis einer der Teilnehmer auf Disconnect am unteren Bildschirmrand tippt.

Abbildung 3: Im Gegensatz zu kommerziellen Remote-Desktop-Anwendungen bietet Ultrascreen nur die Möglichkeit, den Desktop des Gegenübers zu sehen. Eine Fernsteuerung gibt es nicht.
Fazit
In der Praxis erweist sich Ultrascreen als hilfreiches Werkzeug. Es erfordert nicht zwingend eine Installation auf dem Rechner des Hilfesuchenden, und es gibt Varianten für Linux und Windows, wodurch sich das Programm in vielen Situationen als Helfer in der Not anbietet. Der Verbindungsaufbau funktionierte im Test sowohl mit Teilnehmern in Heimnetzen als auch mit Nutzern in restriktiveren Firmennetzwerken zuverlässig. Dazu waren weder Änderungen an der Netzwerkkonfiguration des Routers nötig, noch musste ein Administrator zu Hilfe gezogen werden.
An den Funktionsumfang kommerzieller Remote-Desktop-Lösungen wie Teamviewer reicht Ultrascreen allerdings noch nicht heran. So lässt sich der übertragene Desktop weder fernsteuern, noch gibt es eine Möglichkeit, mit dem Hilfesuchenden über die Anwendung zu kommunizieren oder Dateien zwischen den Rechnern zu übertragen. Dennoch genügt der gebotene Funktionsumfang in vielen Situationen. Schon alleine, das Problem direkt vor Augen zu haben, dürfte oft die größten Schwierigkeiten aus dem Weg räumen.
Infos
-
Teamviewer: https://www.teamviewer.com/de
-
Anydesk: https://anydesk.com/de
-
Ultrascreen: https://github.com/w3yden/ultrascreen





