Die FOSDEM zählt seit 20 Jahren zu den obligatorischen Terminen im Kalender vieler Entwickler freier Software.
Unlängst war es wieder so weit: Die heimische Wintertristesse wurde für ein Wochenende von der FOSDEM [1] durchbrochen, der größten Konferenz für freie Software in Europa. Das Akronym steht für Free and Open Source Software Developers’ European Meeting. Der Event findet meist am ersten Februar-Wochenende statt, als Veranstaltungsort dient die Université Libre de Bruxelles [2] oder abgekürzt ULB (Abbildung 1).
Dieses Jahr feierte die Konferenz am 2. und 3. Februar ihren 20. Geburtstag. Rund 8000 Entwickler und Linux-Enthusiasten aus aller Welt folgten dem Aufruf in die belgische Hauptstadt. Eingeläutet wurde die Konferenz allerdings bereits am Freitagabend mit dem legendären Friday Beer Event im stets proppenvollen Café Delirium [3]. Sowohl diesen feuchtfröhlichen Spaß als auch die gesamte Konferenz organisieren ausschließlich Freiwillige; die Finanzierung erfolgt über namhafte Sponsoren. Der Eintritt war auch dieses Jahr – wie immer – frei.

Abbildung 1: Die freie Universität zu Brüssel wurde 1834 gegründet, der Haupteingang bietet Zugang zu den verschiedenen Gebäuden.
Umfangreiches Programm
Das gebotene Programm war wieder einmal enorm und verteilte sich auf 34 Räume in insgesamt sieben Gebäuden des weitläufigen Campus. Begleitend zum Vortragsprogramm stellten Entwickler auf zwei Etagen in einem der Gebäude Projekte und deren Fortschritt vor. Um eine Auswahl der insgesamt 776 Vorträge in 62 verschiedenen Tracks zu besuchen, galt es weite Fußwege zu bewältigen.
Das war am ersten Tag der Konferenz nicht ganz einfach, denn es schneite teils heftig, sodass sich auf den rutschigen Wegen die Besucher ähnlich Pinguinen über die Mischung aus Schnee und Matsch schoben. Das Kontrastprogramm am zweiten Tag zeigte bestes Vorfrühlingswetter und lud abseits der Konferenz zu einem Streifzug durch die belgische Hauptstadt ein.
Überfüllt
Die FOSDEM platzt seit einigen Jahren aus allen Nähten. Das führt dazu, dass nicht nur bei den Vorträgen, sondern auch bei den Verköstigungsangeboten ständiger Andrang herrscht. Ein erfolgreiches und möglichst stressfreies Konferenzwochenende will deshalb gut geplant sein. Eine Auswahl an zu besuchenden Vorträgen sollte das Rückgrat der Planung bilden. Hierbei gilt es zu bedenken, dass bei der FOSDEM grundsätzliche alle Vorträge überfüllt sind, sodass ein Ausweichen auf Alternativen nicht wirklich funktioniert.
Als Grundregel empfiehlt sich, mindestens eine halbe Stunde vor Vortragsbeginn einen Platz auf dem Flur vor dem entsprechenden Raum zu behaupten. Das garantiert in den meisten Fällen eine Teilnahme, muss aber in die zeitliche Planung einbezogen werden. Auch Fußwege sollte man vorher in Augenschein nehmen und die benötigte Zeit mit in die Kalkulation einfließen lassen. Am verschneiten Samstag kamen hier schnell 15 Minuten Wegstrecke zwischen zwei Gebäuden zusammen.
Wer nicht gerade das Glück hat, zwei aufeinander folgende Vorträge im selben Raum anhören zu wollen, schafft stressfrei nicht mehr als 3 bis 4 Vorträge pro Tag. Denn wenn man schon einmal so viele Hacker auf einem Haufen hat, möchte man zwischendurch auch Bekannte und Unbekannte treffen, Projekte besprechen oder einfach einmal kurz relaxen. Auch das Essenfassen braucht Zeit, denn hier bilden sich ebenfalls lange Schlangen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Nahrungsaufnahme will eingeplant sein: Vor den Imbisswagen und in den Cafeterias bildeten sich lange Schlangen.
Für jeden etwas
Das Vortragsprogramm der FOSDEM 2019 hatte für jeden etwas zu bieten. Die Bandbreite erstreckte sich von Community- und Distributionssträngen über Vorträge zu Programmiersprachen, Clouds und Containern bis hin zu Reihen über Netzwerkstrategien, Hochleistungsrechnern, Big Data und Quantum Computing.
Das Programm der bis zu einer Stunde dauernden Vorträge ergänzen kurze Lightning Talks und sogenannte BoFs, was für “Birds of Feather” steht [4]. Dabei treffen sich Entwickler eines Projekts sowie interessierte Teilnehmer und klären beispielsweise aktuelle Probleme oder diskutieren die für den weiteren Jahresverlauf geplanten Entwicklungen. Diese Events bieten Zuhörern eine gute Möglichkeit, mit den Entwicklern eines Projekts direkt ins Gespräch zu kommen.
BoF zum Librem 5
Ein Beispiel für eine solche BoF-Session war das vom Autor mit Spannung erwartete Treffen von Entwicklern des in diesem Jahr erwarteten Linux-Phones Librem 5 [5]. Eine Handvoll Angestellte des Hersteller Purism waren ebenso anwesend wie Mitglieder assoziierter Projekte, darunter Gnome, UBports und PostmarketOS. Den Rest der freien Plätze nahmen Anwender des zum Jahreswechsel ausgelieferten DevKits (Abbildung 3) sowie interessierte Zuhörer ein.

Abbildung 3: Auf diesem DevKit des Librem 5 von KDE-Entwickler Bushan Sha lief Plasma Mobile, eine von mehreren Alternativen zum Standard PureOS. (Bild: Bushan Sha)
Projektleiterin Nicole Faerber und Sicherheitschef Kyle Rankin gaben zunächst einen Abriss des derzeitigen Stands der Entwicklung beim für April angekündigten Linux-Phone. Faerber machte klar, dass das Librem 5 ganz sicher kommen wird und dass man derzeit noch am Auslieferungszeitpunkt im April festhält, auch wenn noch viel zu tun sei. Der Tenor war, dass fast alles funktioniert, aber noch nicht unbedingt immer zusammen. Das Wort, dass die Librem-5-Chefin am häufigsten verwendete, war “challenging”, also herausfordernd.
Ein Abriss der Planung und Entwicklung führte deutlich vor Augen, wie ungemein schwierig es ist, einen Hersteller in China zu finden, der gewillt ist, die verschwindend kleine Anzahl von 5000 Geräten zu fertigen und dabei auch noch Komponenten wie das Mainboard zu verwenden, die Purism selbst entworfen hat. Generell zeigen die Hersteller in der Region wenig Verständnis für die Konzepte freier Hard- und Software.
Zu wenig Volumen
Der Stellenwert solcher Kleinstaufträge bei Zulieferern wurde dann am Ende der Sitzung klar, als auf einem Tisch ein geheimnisvolles kleines Gerät stand und sich die Besitzer eines DevKit daneben aufreihten. Der Hintergrund: Der Zulieferer der Displays hatte vergessen, einen Initialisierungscode zu implementieren, sodass die Displays dunkel blieben und das DevKit nur per HDMI mit einem funktionierenden Display zu verwenden war.
Die einzige Abhilfe, die der Zulieferer zu leisten bereit war, war die Leihgabe eben dieses kleinen Geräts, mit dem man den notwendigen Code per OTP (“one time programming”) eines PROM [6] nachträglich flashen konnte. So bot sich doch noch die Chance, den Prototyp mitsamt Display zum Leben zu erwecken (Abbildung 4). Würde der Name des Kunden Samsung oder Apple statt Librem lauten, wären garantiert in Windeseile Ersatz-Displays vor Ort gewesen.

Abbildung 4: Mit dieser Flash-Box des Display-Herstellers wurden die Displays der DevKits zum Leben erweckt.
Ein trauriges Lied von den Widrigkeiten bei der Realisierung freier Hardware kann auch KDE-Entwickler Aaron Seigo singen, der vor einigen Jahren ein Linux-Tablet namens Vivaldi [7] realisieren wollte. Er musste nach mehreren Jahren Arbeit das Scheitern seines Projekts hinnehmen und blieb gesundheitlich gezeichnet sowie mit einem Schuldenberg zurück.
Widerspruch erklärt
Eine der Keynotes zur Eröffnung der Konferenz [8] hielten in diesem Jahr Bradley M. Kuhn und Karen Sandler von der Software Freedom Conservancy [9]. Der Vortrag ging der Frage nach, ob man heute bereits völlig ohne proprietäre Software auskommen kann.
Die beiden Aktivisten betonten, sie versuchten schon ihr Leben lang, proprietäre Software aktiv zu vermeiden. In der Praxis müssten sie allerdings sowohl persönlich als auch beruflich immer wieder Kompromisse eingehen. Dass verdeutlicht den Punkt, dass freie Software einerseits immer mehr Verbreitung findet, es aber anscheinend immer schwerer fällt, ausschließlich freie Software einzusetzen.
Portable Dienste
Mit viel Interesse und entsprechend großem Andrang wurde auch der Vortrag von Systemd-Entwickler Lennart Poettering bedacht [10]. Er behandelte eine mit Systemd 239 eingeführte Erweiterung des System- und Session-Managers und trug den Titel “Portable Services are Ready to Use” (Abbildung 5). Diese portablen Dienste nehmen einen Platz zwischen den herkömmlichen lokalen Systemd-Diensten und Containern ein und richten sich grob am Konzept der klassischen Chroot aus.

Abbildung 5: Lennart Poettering erklärte seine Portable Services, die Systemd-Dienste individuell in transportable Einheiten verpacken.
Bei einem portablen Dienst handelt es sich letztlich um einen Betriebssystembaum, entweder innerhalb eines Verzeichnisbaums oder auf einem Rohdatenträger, der ein Linux-Dateisystem enthält. Systemd bezeichnet den Baum als Image. Hängt man es ein, lassen sich spezifische Systemeinheiten aus dem Image auf dem Hostsystem zur Verfügung stellen und verhalten sich dann ziemlich genau wie lokal installierte Systemdienste.
Beim Aushängen von System und Image bleiben, wie Poettering betonte, keinerlei Artefakte zurück. Er erläuterte weiterhin, bei der Entwicklung sei bewusst nichts wirklich Neues implementiert worden: Er habe lediglich vorhandene Konzepte verknüpft, um spezielle Anwendungsfälle eleganter zu lösen als bisher.
Fazit
Die FOSDEM ist laut, überfüllt, stressig und leicht schmuddelig – trotzdem kommt man gerne jedes Jahr wieder. Der Nimbus der Veranstaltung wirkt offensichtlich ungeachtet aller Widrigkeiten auf die Besucher. Hier werkeln seit 20 Jahren mit viel Enthusiasmus Freiwillige, die anscheinend bewusst den Event nicht überorganisieren wollen: Alles wirkt improvisiert, obwohl ein riesiger Berg an Arbeit dahintersteckt.
Das Vortragsprogramm sucht seinesgleichen, sowohl was Qualität als auch Quantität angeht. So werden dann vermutlich auch im nächsten Jahr an einem Freitagabend im Februar Flüge von vielen Städten Europas aus nach Brüssel gehen, deren Fluggäste überwiegend Linux auf ihren Notebooks nutzen.
Infos
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FOSDEM: https://fosdem.org/2019
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Beer Event: https://fosdem.org/2019/beerevent
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BoF: https://en.wikipedia.org/wiki/Birds_of_a_feather_(computing)
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Librem 5: https://linuxnews.de/2019/01/librem-5-linux-smartphone-erwartung-und-realitaet
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OTP: https://de.wikipedia.org/wiki/Programmable_Read-Only_Memory
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Keynote: https://fosdem.org/2019/schedule/event/full_software_freedom
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Portable Services: https://fosdem.org/2019/schedule/event/portable_services_ready_to_use





