Das auf Linux-Notebooks spezialisierte Unternehmen Purism stellt mit Erfolg soziale und ethische Gesichtspunkte über den Gewinn.
Die Zahl der kleineren Anbieter, die ausschließlich PCs und Notebooks mit vorinstalliertem Linux anbieten, nimmt in den letzten Jahren stetig zu. Dabei bedeutet hier die Vorinstallation meist mehr als lediglich das Einrichten der Software und umfasst oft umfangreiche Anpassungen bei Hard- und Software.
Als Basis der Notebooks dienen meist Barebone-Gehäuse aus Fernost, die die Unternehmen dann vollständig zusammenbauen und mit einem Linux-Betriebssystem versehen. In Deutschland belegt die Firma Tuxedo Computers [1] als fast einziger Anbieter dieses Marktsegment. Gebrauchte überarbeitete Laptops mit Libreboot samt einer Zertifizierung [2] der Free Software Foundation (FSF) bietet hierzulande die Firma Vikings [3] an.
In Großbritannien schafften es Entroware [4] und Station X [5] auf die vorderen Plätze des Segments, in den USA teilen sich rund zehn Anbieter den Markt. Zu den größten zählen System 76 [6] und Purism [7]. Beide zeichnen sich durch verantwortungsvolles Unternehmertum aus: System 76 mit seinem auf Ubuntu basierenden Betriebssystem Pop!_OS gab kürzlich bekannt, die Produktion von China zurück in die USA umziehen zu wollen, um mehr Kontrolle über das Produkt zu bekommen.
Wir nehmen in diesem Artikel Purism näher in Augenschein, wo das in Europa noch nicht so verbreitete “soziale Unternehmertum” am weitesten ausgeprägt ist. Zudem legt das Unternehmen besonderes Augenmerk auf Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre, was man den Produkten deutlich anmerkt.
Soziales Unternehmertum
Das noch junge, erst 2014 von Todd Weaver gegründete Unternehmen Purism hat seinen Sitz in San Francisco und war somit in der Lage, mit einer “Social Purpose Corporation” (SPC) [8] eine Gesellschaftsform zu wählen, die es nur in den US-Staaten Washington, Florida und eben Kalifornien gibt.
Im Unterschied zu gemeinnützigen Unternehmen handelt es sich dabei um zwar profitorientierte Firmen, die aber sozialen und ethischen Kriterien einen höheren Stellenwert einräumen als der Gewinnmaximierung. Auch in Europa findet diese Form des Unternehmertums inzwischen immer häufiger Anklang [9]. Die Ziele von Purism unter SPC-Gesichtspunkten [10] fasst der Kasten “Purisms SPC-Statuten” zusammen.
Purism tritt an, um hochqualitative und mit freier Software vorkonfigurierte Hardware zu produzieren. Dabei arbeitet das Unternehmen stets aktiv daran, dem Kunden die größtmögliche Freiheit und Sicherheit sowie den bestmöglichen Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten. Eines der Ziele von Purism war es von Anfang an, der erste Hersteller moderner Notebooks zu sein, der eine Empfehlung der FSF für seine Produkte erhält. Für die hauseigene Distribution PureOS [11] klappte dies bereits im Dezember 2017 [12].
Purism begann seine Geschäftstätigkeit 2015 mit einer Crowdfunding-Kampagne [13] auf der Plattform Crowd Supply für ein Notebook mit dem Namen Librem 15 (Abbildung 1). Statt der angestrebten 250?000 US-Dollar erzielte die Kampagne knapp 600?000 US-Dollar. Um seine Ziele zu erreichen, entwarf Purism ein eigenes Mainboard, das die hauseigenen Hardwaredesigner sukzessive weiter ausbauen (Abbildung 2).

Abbildung 1: Das Librem 15 war das erste Notebook von Purism. Das qualitativ gut ausgestattete Notebook wurde per Crowdfunding finanziert.

Abbildung 2: Das Design eigener Mainboards und die genaue Einhaltung der Spezifikationen durch den Hersteller sind bei Purism oberstes Gebot.
Purisms SPC-Statuten
Als SPC-Statuten formuliert eine Social Purpose Corporation die Ziele, die sie in sozialer und ethischer Hinsicht erfüllen möchte. Purism widmet sich der Gewährleistung der Sicherheit, der Privatsphäre und der Freiheit der Benutzer ihrer Produkte, und die von Purism angebotene Hard- und Software muss der Free-Software-Philosophie entsprechen. Die Organisation des Unternehmens zielt darauf ab, die Geschäftstätigkeit in einer Weise auszuüben, die positive Auswirkungen auf einen oder alle der folgenden Bereiche hat: die Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden des Unternehmens sowie die lokale, staatliche, nationale oder weltweite Gemeinschaft.
Kill-Switches
Hinken die meisten Notebooks, die keine proprietären Anteile im Kernel, der Firmware und dem Betriebssystem enthielten, meist dem aktuellen Stand der Technik hinterher, so verfolgt Purism das Ziel, diese Prinzipien auf hochwertiger und aktueller Hardware umzusetzen. So arbeitete das erste Librem 15 mit einer Intel-i7-CPU der fünften Generation und wusste bis zu 32 GByte Hauptspeicher zu adressieren.
Eine der Besonderheiten waren sogenannte Kill-Switches für WLAN und Bluetooth sowie für Webcam und Mikrofon. Mit den seitlich angebrachten Hardwareschaltern ließen sich diese Komponenten per Knopfdruck komplett abschalten. Bei der ersten Auflage des Geräts diente Trisquel GNU/Linux [14] als Betriebssystem.
Wenn Purism Hardwarekomponenten einkauft, achten die Entwickler beim Bewerten der Optionen auf eine bestimmte Reihenfolge: Zunächst soll die Hardware dem künftigen Besitzer möglichst viel Freiheit gewähren. Als zweite wichtige Eigenschaft bekommt die Qualität und Haltbarkeit der Bauteile Priorität. Erst danach geht es um Preis, Verfügbarkeit und weitere Details. So sitzt der Kunde mit seinen Interessen quasi bereits bei der Auswahl der Komponenten mit am Verhandlungstisch.
Coreboot inklusive
Zwar visierte Purism von Anfang an den Austausch des proprietären BIOS gegen das freie Coreboot an, doch das gelang erst Anfang 2017 mit dem Librem 13 v1. Inzwischen ist Coreboot auf allen Purism-Geräten Standard. Hierbei zeigte sich, dass der Einsatz aktueller Hardware Fallstricke in der Form von Intels viel gescholtener, fehlerbehafteter Management Engine [15] mit sich bringt.
In der Folge gelang es Purism mithilfe des Reengineering-Spezialisten Youness Alaoui zunächst, Intels ME zu neutralisieren und im Oktober 2017 komplett zu deaktivieren. Ebenfalls 2017 entschloss sich die Firma, neben den 13 und 15 Zoll großen Notebooks und einem geplanten Tablet auch ein 5-Zoll-Linux-Smartphone zu entwickeln (Abbildung 3). Seit dem Scheitern von Firefox OS und der Einstellung von Canonicals Ubuntu Phone liegt dieses schwierige Terrain mehr oder weniger brach; allen bisherigen Versuchen im Segment der Linux-Smartphones blieb der kommerzielle Erfolg versagt.

Abbildung 3: Das Librem 5 wird zwischen 5,5 und 5,7 Zoll groß und bietet mehrere Linux-Betriebssysteme zur Auswahl.
Das tut dem Interesse der Kunden an einer Alternative zu Android und iOS aber keinen Abbruch, wie die Crowdfunding-Kampagne zum Librem 5 getauften Mobiltelefon zeigte: Statt der angestrebten 1,5 Millionen US-Dollar spülte sie über 2 Millionen Dollar in die Kasse, bei einem Stückpreis des Librem 5 von immerhin fast 600 US-Dollar. Für die Entwicklung des Librem 5 arbeitet Purism mit den Communities von KDE, Gnome, Matrix und Nextcloud zusammen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Neben der hier zu sehenden frühen Entwicklungsphase einer Gnome-Oberfläche wird das Librem 5 auch KDE Plasma Mobile und Ubuntu Touch unterstützen.
Das Betriebssystem des Librem-Smartphones soll weiter auf PureOS aufbauen, als Oberfläche kommen Plasma Mobile und eine in Entwicklung befindliche Gnome-Oberfläche zum Einsatz. Dazu sicherte sich Purism gerade eben erst die Dienste des Berliner Gnome-Entwicklers und UI/UX-Spezialisten Tobias Bernard. Das Librem 5 soll Anfang 2019 auf den Markt kommen.
Zielstrebig
Anfang 2018 stellte Purism in seinem Blog die Ziele für das neue Jahr vor [17]. Die Notebooks Librem 13 und 15 sollen 2018 eine vierte Revision erhalten, zudem steht der Marktstart des Tablets Librem 11 an. Dabei handelt es sich um ein 2-in-1-Convertible mit 11,6-Zoll-Display und PureOS.
Zudem möchte das Unternehmen in Zukunft die Sicherheit der Geräte erhöhen. So rüstet Purism seit dem Frühjahr alle ausgelieferten Notebooks mit einem Trusted Platform Module (TPM [18]) und der Sicherheits-Firmware Heads [19] aus, um Manipulationen am Boot-Vorgang und am Kernel zu verhindern. Mittlerweile gibt es die Librem-Notebooks auch mit einer deutschen Tastaturbelegung, die Auslieferung erfolgt weltweit kostenfrei.
Darüber hinaus plant Purism für 2018 die Vorstellung der “Purist Ethical Services”. Wie Todd Weaver gegenüber LinuxUser erläuterte, handelt es sich dabei um ein Bündel an Services, das die bekannten Dienste von Apple und Google ersetzen soll. Purism will dazu frei verfügbare Werkzeuge sammeln, die den Nutzer in keiner Weise einschränken oder seine Daten monetarisieren.
Fazit
Die positive Entwicklung des erst drei Jahre jungen Unternehmens mit sozialem Fokus zeigt, dass der Open-Source-Gedanke auch abseits von Software Früchte trägt. Als maßgeblichen Faktor für das Erreichen der bisherigen Ziele sieht Firmengründer Todd Weaver die Tatsache, dass Purism nicht auf schnelle Gewinne schielt, sondern auf das Erreichen der gesteckten Ziele im Rahmen des SPC. Wir behalten die Entwicklung von Purism mit einem Test des aktuellen Librem 15 in einer der nächsten Ausgaben im Blick und planen, im nächsten Jahr auch das Smartphone Librem 5 gleich nach dessen Erscheinen auf Herz und Nieren zu prüfen.
Infos
-
Tuxedo: https://www.tuxedocomputers.com
-
FSF-RYF: https://www.fsf.org/resources/hw/endorsement/respects-your-freedom
-
Entroware: https://www.entroware.com/store/
-
Station X: https://stationx.rocks
-
System 76: https://system76.com
-
Purism: https://puri.sm
-
SPC: https://en.wikipedia.org/wiki/Social_purpose_corporation
-
Social Entrepreneurship: https://de.wikipedia.org/wiki/Social_Entrepreneurship
-
PureOS: https://en.wikipedia.org/wiki/Librem#Operating_system
-
FSF-Empfehlung: https://www.fsf.org/news/fsf-adds-pureos-to-list-of-endorsed-gnu-linux-distributions-1
-
Crowdfunding: http://s://www.crowdsupply.com/purism/librem-15
-
Trisquel: https://de.wikipedia.org/wiki/Trisquel
-
IME: https://linuxnews.de/2017/11/07/minix-in-der-intel-management-engine/
-
IME deaktiviert: https://www.pro-linux.de/news/1/25262/librem-notebooks-deaktivieren-intels-management-engine.html
-
Pläne 2018: https://linuxnews.de/2018/01/09/notebook-hersteller-purism-stellt-ziele-fuer-2018-vor/
-
TPM/Heads: https://linuxnews.de/2018/02/28/sicherheits-firmware-heads-fuer-purism-laptops/
-
Heads: http://osresearch.net





