Rechner mit freiem BIOS sind noch selten. Minifree bietet mit dem Lenovo Thinkpad X200t nun ein Convertible an, das komplett mit freier Software arbeitet und sich per Stift bedienen lässt.
Nahezu alle gängigen PCs laufen aktuell mit Prozessoren von Intel oder AMD. Die bringen meist in Form von Intels Management Engine (IME) oder AMDs Platform Security Processor (PSP) proprietäre Firmware mit. Insbesondere die IME steht bereits seit Jahren wegen vermuteter Sicherheitslücken massiv in der Kritik. 2017 kamen nahezu zeitgleich zu den Sicherheitslücken Meltdown und Spectre, die den Prozessor betreffen, außerdem gravierende Probleme in der IME [1] und im fTPM-Modul von AMD [2] ans Licht. Diese belegen, dass die Sorgen vieler Anwender und Entwickler begründet waren.
Um solche Risiken zu vermeiden, beschäftigen sich mehrere unabhängige Gruppen bereits seit Jahren damit, Computersysteme von solcher proprietären Software zu befreien. Eines der führenden Projekte in diesem Zusammenhang, das nahe London angesiedelte Libreboot, hat bereits verschiedene Computersysteme mit einem freien BIOS ausgestattet, wobei es die IME vollständig abschaltet. Es gibt also keine proprietären Bestandteile mehr.
Bei Libreboot handelt es sich um eine Coreboot-Distribution, die jedoch keine der proprietären Bestandteile enthält, die sich noch im Original finden. Bislang ist Libreboot mit einigen Modellen von Apple und Lenovo kompatibel, wobei es sich um Maschinen mit Prozessoren der Serien “Yonah”, “Merom” und “Penryn” aus den Jahren 2005 bis Anfang 2010 handelt. Auch verschiedene Desktop-Systeme arbeiten mit Libreboot zusammen. Die Free Software Foundation (FSF) unterstützt das Projekt und zertifiziert die verschiedenen Modelle nach eingehenden Tests auf proprietäre Bestandteile bei der Software im Rahmen des Programms Respects Your Freedom (RYF) [3].
Thinkpad X200t
Der neueste Libreboot-Abkömmling ist das modifizierte Thinkpad X200t-Notebook von Lenovo. Bei dem Modell handelt es sich um ein Convertible-Gerät mit einem Display, das umgeklappt und auf die Tastatur gelegt wie ein Tablet zu bedienen ist. Im Rechner kommt ein Intel-Prozessor vom Typ SL9400 (“Penryn”) [4] mit 1,86 GHz Taktfrequenz und zwei Kernen zum Einsatz, dem je nach Konfiguration entweder 4 oder 8 GByte Arbeitsspeicher zur Seite stehen.
In Verbindung mit einer Docking-Station, die bei Bedarf ein optisches Laufwerk aufnimmt, lässt sich das X200t alternativ mit zwei Massenspeichern ausstatten. Dabei liegt die maximal unterstützte Kapazität der zwei Festplatten bei 1 TByte. Der Rechner verfügt über ein 12,1 Zoll großes IPS-Display mit einer Auflösung von 1280 x 800 Punkten. Durch das integrierte Wacom-Tablet und einen mitgelieferten Stift eignet sich die Hardware bei Einsatz entsprechender Software zum Anfertigen von Freihandzeichnungen. Das Display garantiert dabei leuchtende Farben bei hohem Kontrast und guter Blickwinkelstabilität.
Ein Gigabit-Anschluss und eine WLAN-Karte des Herstellers Atheros, die ohne proprietäre Firmware auskommt und den 802.11n-Standard unterstützt, sorgen für Anschluss nach außen. Die Geräte sind frei konfigurierbar und kosten jeweils zwischen 278 und 738 Euro. Minifree Ltd. vertreibt die Rechner weltweit, wobei das Unternehmen auf jedes Gerät zwei Jahre Garantie gewährt [5].
Testgerät
Im Test kam ein nahezu fabrikneues X200t mit lediglich rund 4900 Betriebsstunden zum Einsatz. Die bei Gebrauchtgeräten dieser Bauart typischen abgeschabten Kunststoffecken fehlen bei dem Exemplar ebenso wie jede Form von Kratzern. Die Tastatur weist ebenfalls keinerlei Gebrauchsspuren auf.
Minifree stattet die Systeme ab Werk mit einer Tastatur im britischem Layout aus, gegen einen geringen Aufpreis rüstet das Unternehmen die wichtigsten internationalen Belegungen nach. Dabei verwendet Minifree keine Aufkleber, sondern baut eine neue Tastatur mit dem landesspezifischen Layout in die Rechner ein. Neben dem eigentlichen Gerät lag dem Rechner ein Netzteil mit passendem Stecker und ein Akku bei. Die getestete Konfiguration umfasste zudem 4 GByte Arbeitsspeicher und eine 160 GByte große herkömmliche Festplatte.
Eine Webcam komplettiert die Hardware, die – wie bei älteren Notebooks noch üblich – eine große Zahl an weiteren Anschlüssen bietet: Neben den üblichen Buchsen für LAN, Modem und ein externes VGA-Display finden sich mehrere USB-Buchsen, ein ExpressCard/54-Slot und ein Einschub für SD-Karten. Eine kleine, jedoch mehrseitige Dokumentation für Gerät und Software erläutert die wichtigen Komponenten.
Betriebssystem
Wie bereits bei den älteren Angeboten der Firma läuft auf dem neuen X200t das aus Spanien stammende Trisquel Linux, das komplett ohne proprietäre Firmware-Dateien auskommt und daher die Empfehlung der Free Software Foundation hat [6]. Die auf Ubuntu basierende Distribution kommt in der aktuellen Version 8.0 LTS “Flidas” mit Maté-Desktop [7], basiert auf Ubuntu 16.04 LTS und erhält bis April 2021 Updates (Abbildung 1).
Die Entwickler haben das System auf dem X200t ohne weitere Anpassungen installiert, es steht jedoch dank der freien Wacom-Treiber sofort komplett ohne Tastatur zum Einsatz bereit. Dabei fällt schon auf den ersten Blick das agile Verhalten des Betriebssystems auf: Auf Eingaben mit dem Stift reagiert es ohne Latenz, das Scrollen in längeren Dokumenten mithilfe des Stifts gelingt ohne Ruckeln (Abbildung 2).
Trisquel erlaubt aufgrund der Basis Ubuntu den Zugriff auf rund 54?000 Pakete. Für das X200t sind dabei vornehmlich Applikationen interessant, die primär auf den Einsatz des Stifts abzielen oder entsprechende Module mitbringen. In diese Kategorie fallen neben Zeichenprogrammen wie Gimp oder Krita auch einfache CAD-Programme. Spezielle Software wie Cellwriter oder der elektronische Notizblock Xournal (Abbildung 2) machen den Convertible-PC darüber hinaus zu einem vielseitigen Begleiter. Mithilfe von Synaptic finden Sie eine umfangreiche Auswahl an freien Programmen.
Als sehr nützlich erweist sich der Convertible-PC in Kombination mit Lernsoftware: Verschiedene Programme für die Vorschule oder die Grundschule, wie Gcompris oder Jclic, lassen sich mithilfe des Stifts teilweise erheblich einfacher bedienen als per Tastatur.
Fazit
Das Thinkpad X200t mit Libreboot überzeugte im Test auf der ganzen Linie: Es bietet ausreichend Leistung, verfügt über eine sehr gute und ausgereifte Softwareausstattung und bietet dank des Wacom-Tablets und des hellen und kontraststarken IPS-Displays vielseitige Möglichkeiten in Bezug auf den Einsatz. Insbesondere für kreative Köpfe oder für Schüler mit kleinerem Budget bietet sich das Gerät als eine vollwertige PC-Alternative im Gegensatz zu einem eingeschränkten Tablet an.
Infos
- Intel Management Engine: https://www.intel.com/content/www/us/en/support/articles/000025619/software.html
- Lücke in fTPM: http://seclists.org/fulldisclosure/2018/Jan/12
- RYF-Programm: https://www.fsf.org/resources/hw/endorsement/respects-your-freedom
- Technische Daten X200t: https://ark.intel.com/products/36689/Intel-Core2-Duo-Processor-SL9400-6M-Cache-1_86-GHz-1066-MHz-FSB
- Bezugsquelle: https://minifree.org/product/libreboot-x200-tablet/
- Freie Distributionen: https://www.gnu.org/distros/free-distros
- Trisquel 8.0: https://trisquel.info/en/trisquel-80-lts-flidas







