Mit seinem ausgeklügelten Installer sieht sich Anarchy Linux mehr als Wrapper um Arch Linux denn als eigenständige Distribution, will aber weniger erfahrenen Anwendern das Setup erleichtern.
Bis vor Kurzem hieß Anarchy Linux noch Arch Anywhere, doch dann erzwangen die Markenrechte der Arch-Entwickler eine Umbenennung. Das Prinzip der Distribution blieb ansonsten gleich: Anarchy bietet im Gegensatz zu Arch Linux ein grafisches Live-System, bei dem die Installation aus der Oberfläche von XFCE4 abläuft. Ansonsten gibt es sich aber textbasiert und von den Optionen her ähnlich wie bei einer Arch-Installation. Die Entwickler von Anarchy beschreiben ihr System denn auch eher als Wrapper um Arch Linux denn als eigenständige Distribution. Der Installer stellt dabei den wichtigsten Teil von Anarchy.
Bei der Einrichtung im optionalen Advanced-Modus gleichen sich Original und Derivat in weiten Teilen, nur dass Sie bei Arch viel eintippen müssen, während Sie bei Anarchy aus einem textbasierten Menü auswählen. Nach dem Start des etwa 1 GByte großen 64-Bit-Live-Images [1] bescheinigt der Ressourcenmonitor Htop einen Hauptspeicherverbrauch von rund 370 MByte – ein normaler Wert für ein System mit XFCE 4.12.
Der Desktop weist am oberen und unteren Rand je ein Panel auf, dazu links ein Dock. Dabei finden sich einige Anwendungen sowohl im oberen XFCE-Panel als auch im Dock. Der Verzicht auf ein Panel hätte dem System auf kleinen Displays etwas mehr Platz verschafft – allerdings können Sie das nach Gusto selbst einrichten. Als sehr praktisch erweist sich das Dropdown-Terminal, das Sie über ein Icon im oberen Panel ausklappen. Darüber hinaus punktet Anarchy auch mit einem direkten Link zur Suche im Arch-Wiki.
Die grafische Anmutung des Themes von Anarchy bestimmen flache Icons des Material-Designs (Abbildung 1). Neben Chromium als Webbrowser und VLC zur Medienwiedergabe stehen auch LibreOffice für Büroarbeiten und Vim als Editor zum Einsatz bereit. Als Shell kommt eine vorkonfigurierte Z-Shell zum Einsatz.

Abbildung 1: Material Design bestimmt das Aussehen von Anarchy, das GTK-Theme Numix stellt dabei die Icons zur Verfügung.
Einstieg
Uns interessierte jedoch mehr der Installer, denn mit dem Grad an Freiheit bei der Installation steht und fällt der Sinngehalt eines Arch-Derivats. Bei Anarchy kommt ein textbasierter Installer zum Einsatz, der sich auch ohne Maus bedienen lässt. Er stimmt zunächst die Liste der Spiegelserver auf das entsprechende Land ab und erfragt dann die Einstellungen für Tastatur und Lokalisierung.
Dann geht es ans Partitionieren, das Sie wahlweise automatisch vornehmen lassen oder manuell erledigen – Letzteres bietet das Arch-Original nicht an. Zur manuellen Partitionierung stehen neben Gparted auch Fdisk und Cfdisk zur Auswahl. Bei der automatischen Partitionierung der gesamten Festplatte richtet der Installer auf Wunsch auch LVM und eine LUKS-Verschlüsselung ein. Dabei verschlüsselt er Installer die Root- und wahlweise auch die Swap-Partition.
Nach dem Festlegen eines Dateisystems beginnt die Installation, stoppt aber aber gleich wieder, um die Art der Installation näher abzufragen. So kennt man das auch vom Arch-Installer. Bei Anarchy steht hier neben Desktop und Server (jeweils auch in LTS-Version mit entsprechendem Kernel) noch Anarchy Advanced auf dem Programm.
Möchten Sie Ihre Installation maßschneidern, wählen Sie hier die fortgeschrittene Methode. Wir wollten aber wissen, wie man am schnellsten zu einem installierten System kommt und was dieses bietet, weswegen wir uns in der ersten Testrunde für Anarchy Desktop entschieden.
Desktop
Hier entscheiden Sie zunächst, wie der Desktop aussehen soll. Zur Auswahl stehen die Desktop-Umgebungen Budgie, Cinnamon, Gnome und XFCE4 sowie der Fenstermanager Openbox. Danach geht es ans Einrichten der User, das Erstellen der entsprechenden Passwörter und optional an die Konfiguration von Sudo.
In der nach Anwendungsgebieten gruppierten Softwareauswahl legen Sie fest, welche Programme Sie zusätzlich installieren möchten. Dabei stehen einige Hundert Anwendungen zur Auswahl (Abbildung 2). Wir wählten hier aus dem Arch-User-Repository AUR das Paket Pamac als Frontend für Pacman zur Installation aus. Alternativ lässt sich später über Pacman oder eines seiner Frontends weitere Software direkt aus den stets aktuellen Arch-Repositories nachinstallieren. Zudem pflegt Anarchy auch ein eigenes Repository mit nützlichem Zubehör [2].

Abbildung 2: Als sehr praktisch erweist sich die Möglichkeit, bereits während der Installation zu installierende Anwendungen aus verschiedenen Kategorien auswählen zu können.
Bei den Grafikkarten-Treibern wählen Sie zwischen den freien Treibern von AMD, Intel und Nvidia sowie dem proprietären Nvidia-Treiber. Läuft das System in einer VirtualBox-VM, schlägt es die Installation der entsprechenden Gasterweiterungen vor. Bei den Bootloadern entscheiden Sie zwischen Grub, Syslinux, Systemd-Boot und Unterstützung für UEFI.
Für Fortgeschrittene
In der zweiten Testrunde griffen wir zur fortgeschrittenen Installer-Methode Anarchy Advanced. Sie setzt wie bei Arch zunächst eine Basisinstallation auf, die Sie dann bei Bedarf sukzessive erweitern. Die Auswahlmaske bietet neben Arch-Linux-Base und Arch-Linux-Base-Devel verschiedene Kernel an. Dazu zählen der bereits erwähnte LTS-Kernel, ein gehärteter Grsecurity-Kernel [3] sowie der Arch-Zen-Kernel [4], der in binärer Form unter der Bezeichnung Liquorix auch für andere Distributionen zur Verfügung steht (Abbildung 3).

Abbildung 3: Im Advanced-Modus bietet Anarchy für fortgeschrittene Anwender noch weitere Möglichkeiten, das System individuell zu gestalten.
Wir entschieden uns für Arch-Linux-Base, das bis auf einen Unterschied der Arch-Installation entspricht: Beim Original steht dabei reichlich Tipparbeit an, während Anarchy alle Angaben auch im Advanced-Modus als Auswahlmenü liefert. Dabei wählen Sie in den ersten Abschnitten eine Shell sowie einen Bootloader sowie eine Methode zum Aufbau des Netzwerks. Nach weiteren Abfragen zur Netzwerkkonfiguration geht es um die Frage, ob Sie eine grafische Desktop-Umgebung und einen Login-Manager wünschen.
Unter dem Punkt More Desktop Environments finden Sie neben den auch von der Desktop-Variante angebotenen Umgebungen zusätzlich Deepin, Gnome Flashback, LXDE, LXQt und Maté. Unter More Window Managers stehen außer Openbox auch Awesome, Bspm, Dwm, Enlightenment, Fluxbox, i3, Sway, Windowmaker und Xmonad zur Verfügung. Wir entschieden uns hier für LXQt als grafische Oberfläche und SDDM als Anmeldemanager.
Der weitere Verlauf der Installation gleicht dem der bereits beschriebenen Anarchy-Standardinstallation. So lässt sich auch hier zusätzliche Software einrichten. Vor dem Start der Installation meldete der Anarchy-Installer, welches Volumen er für die Softwareeinrichtung noch herunterladen muss und wie lange die Systemeinrichtung dauern wird. Die Installation verläuft nach Bestätigung dann ohne weitere Eingriffe.
Minimal CLI
Neben dem hier beschriebenen Image gibt es auf der Projektseite noch das Anarchy-Minimal-CLI-Image, das mit 510 MByte nur halb so groß ausfällt wie das Live-Image mit XFCE4. Es startet in ein textbasiertes Auswahlmenü mit sechs Optionen. Beispielsweise können Sie vorab den Netzwerkstatus testen, Systeminformationen abrufen oder die Liste der Spiegelserver optimieren. Zudem bietet das Menü Zugriff auf das Arch-Wiki (Abbildung 4).

Abbildung 4: Das Anarchy-CLI-Image verzichtet auf die grafische Oberfläche und bootet direkt in eine Auswahlmaske für den Installer.
Fazit
Anarchy lässt Ihnen bei der Installation alle Freiheiten und vermag sowohl abgespeckte Systeme als auch voll ausgebaute Desktops aufzusetzen. Der Installer gestattet sowohl Anfängern als auch Fortgeschrittenen die für sie gewünschte Einflussnahme auf das Ausgestalten des zu installierenden Systems. Die Repositories von Arch Linux kommen ungefiltert zum Einsatz, zudem steht bei Bedarf das AUR zu Verfügung. Trotz seiner Vorteile – es zählt sicher zu den ausgereifteren Arch-Derivaten – eignet sich Anarchy für Linux-Anfänger bestenfalls zum Lernen, keinesfalls aber zum Aufsetzen eines Produktivsystems.
Infos
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Anarchy herunterladen: https://anarchy-linux.org/download/
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Anarchy-Repository: https://anarchy-linux.org/packages/
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Hardened Kernel: https://en.wikipedia.org/wiki/Grsecurity
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Zen-Kernel: https://github.com/zen-kernel/zen-kernel





