OSGeo Live: Live-Distribution für geografische Anwendungen

Aus LinuxUser 05/2018

OSGeo Live: Live-Distribution für geografische Anwendungen

© Luc-Henri Fage, CC0 1.0, commons.wikimedia.org

Datenmalerei

Die Distribution OSGeo Live konzentriert sich ganz auf freie geografische Anwendungen und verringert damit die Einstiegshürden erheblich.

Bereits in vorherigen LU-Ausgaben stellten wir Ihnen Werkzeuge vor, mit denen Sie Geodaten erfassen [1], grafisch darstellen [2] und auswerten [3]. Deren Installation war mitunter etwas trickreich und erforderte je nach Distribution und Art der Bereitstellung auch größeren Aufwand.

Solche Umstände nimmt Ihnen OSGeo Live [4] vollständig ab. Die Live-Distribution legt den Schwerpunkt auf geografische Anwendungen und bringt dabei viele Programme samt passender Konfiguration mit. Die Zusammenstellung erscheint jährlich in aktualisierter Form, zuletzt in Version 11 im August 2017. Sie trägt den Spitznamen FOSS4G2017 Boston, der sich auf den Veranstaltungsort der letzten FOSS4G-Konferenz im selben Jahr bezieht.

Gepflegt wird OSGeo Live von der Open Source Geospatial Foundation, kurz OSGeo [5]. Diese gemeinnützige Organisation mit Hauptsitz in Delaware (USA) hat es sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung und Nutzung von freien und quelloffenen Geoinformationssystemen (GIS) zu fördern [6]. Dazu zählen nicht nur freie Software, sondern auch freie Daten (siehe Kasten “Open Data”). Im deutschsprachigen Raum fungiert der Verein FOSSGIS e.V. [7] als Ansprechpartner für OSGeo.

OSGeo Live im Überblick

OSGeo Live umfasst über 50 vorkonfigurierte GIS-Anwendungen zum sofortigen Ausprobieren. Das Spektrum umfasst das Darstellen, Speichern, Veröffentlichen sowie die Analyse und Manipulation von Geodaten. Als besonders hilfreich erweisen sich die beigefügten Beispieldatensätze samt Dokumentation: Damit müssen Sie die Daten nicht erst selbst erzeugen oder von einer anderen Quelle herunterladen. Das Angebot umfasst sowohl Rohdaten in verschiedenen Formaten als auch Kartenmaterial. Ohne lange Vorbereitung lässt sich das Gesamtpaket also im Handumdrehen nutzen.

Als Grundlage für OSGeo Live dient Lubuntu [8], also ein Ubuntu-Derivat mit LXDE als schlanker Desktop-Umgebung. Als Formate stehen ein bootfähiges DVD-ISO, als kleineres USB-Image und ein Abbild für eine virtuelle Maschine zum Download [9] bereit. Damit nutzen Sie die Softwarezusammenstellung ohne weitere Installation der Software. Abbildung 1 zeigt den Desktop mit dem Menü für die mitgelieferten Datenbanken. Als Hintergrundbild dient ein Stadtplan von Boston, was wiederum den Bezug zum Spitznamen der aktuellen Veröffentlichung herstellt.

Abbildung 1: OSGeo-Desktop mit Auswahlmenü (in der Virtualbox).

Abbildung 1: OSGeo-Desktop mit Auswahlmenü (in der Virtualbox).

Installation und Einrichtung

Für diesen Beitrag haben wir das VMDK-Image ausgewählt und als virtuelle Maschine in VirtualBox genutzt. Komprimiert hat das Image eine Größe von 3,2 GByte, wächst aber nach dem Entpacken mittels 7z auf stolze 10 GByte. Mit folgendem Kommando packen Sie das VMDK nach dem Herunterladen im aktuellen Verzeichnis aus:

$ 7z x osgeo-live-11.0-vm.7z

Es bootet in eine englischsprachige Oberfläche mit US-Tastaturlayout. Über den Menüpunkt Preferences | Language Support stellen Sie die Darstellung auf Deutsch oder eine andere gewünschte Sprache um. Abbildung 2 zeigt das Dialogfenster beim Herunterladen der erforderlichen Sprachdateien. Schlägt die Umstellung fehl, aktualisieren Sie als weiteren Zwischenschritt noch die Paketquellen mittels apt-get update und führen erst dann die Umstellung auf die von Ihnen gewünschte Sprache durch.

Abbildung 2: Bezug zusätzlicher Sprachdateien.

Abbildung 2: Bezug zusätzlicher Sprachdateien.

TIPP

Einen Bindestrich erzeugen Sie bei US-Tastaturlayout mit dem [ß]+ der deutschen Tastatur; die Positionen von [Z]+ und [Y] sind vertauscht.

Zum Ausführen melden Sie sich als user mit dem gleichlautenden Passwort an. Weiteren Zugangsdaten für die enthaltenen Programme finden Sie praktischerweise in der Datei passwords.txt auf dem Desktop.

Anwendungen

Die in OSGeo Live enthaltenen Anwendungen lassen sich in desktop- und browserbasierte grafische Informationssysteme (GIS), Webdienste, Datenspeicherungstools sowie Navigations- und Analysewerkzeuge kategorisieren. Einen Überblick der in der Distribution enthaltenen Software gibt die Tabelle “Programmübersicht”.

Kategorie

Programm/Anwendung

Desktop-GIS

GrassGIS, gvSig, OpenJump, QGIS, SAGA GIS, uDig

Browser-GIS

Cesium, GeoMajas, GeoMoose, GeoNode, Leaflet, Mapbender, OpenLayers

Webdienste

52north WPS/SOS, Deegree, EOxServer, GeoNetwork, GeoServer, istSOS, MapProxy, MapServer, ncWMS, Pycsw, QGISServer, Zoo Project

Navigation

Gpsprune, idEditor, JOSM, Marble, OpenCPN, OpenStreetMap, zyGrib GRIB File Viewer

Analysewerkzeuge

GMT, Mapnik, MapSlicer, Monteverdi, Orfeo Toolbox, OSSIM Planet, R

Datenspeicherung

PostGIS, pgRouting, Rasdaman, SpatialLite

Alle Programme starten Sie wahlweise über das Softwaremenü, die Kommandozeile oder ein Symbol auf dem Desktop. Das interne Hilfesystem verbirgt sich in dem orangefarbenen Quadrat mit dem Nagetierchen, das dem Inhalt der OSGeo-Live-Webseite entspricht. Zu jedem enthaltenen Programm gibt es darüber beispielsweise eine Anleitung zum Einstieg in die Benutzung (QuickStart (Abbildung 3)).

Abbildung 3: Browserbasiertes Hilfesystem in OSGeo Live.

Abbildung 3: Browserbasiertes Hilfesystem in OSGeo Live.

Highlights

Nachfolgend werfen wir einen kurzen Blick auf mehrere besonders interessante Anwendungen aus OSGeo Live. Der erste Kandidat ist OpenJump [10], ein in Java geschriebenes GIS-Tool für den Desktop. Abbildung 4 zeigt übereinanderliegende Ebenen (grüne und blaue Layer) mit Daten für die verwaltungstechnische Gliederung und die Wasserversorgung in der Bretagne (Nordwestfrankreich).

Abbildung 4: Ausgewählte Provinzen der Bretagne als Geodaten und Ebenen.

Abbildung 4: Ausgewählte Provinzen der Bretagne als Geodaten und Ebenen.

Das nächste Werkzeug heißt OpenCPN [11] und stellt keine Landkarten bereit, sondern vielmehr Seekarten zur Schiffsnavigation. In Abbildung 5 sehen Sie einen Ausschnitt der Atlantikküste Nordamerikas samt Navigationsmarken und Tiefenangaben. Die farbigen Kreise visualisieren den Bereich der Wahrnehmbarkeit der Lichtsignale für eine Markierung, beispielsweise eine Boje oder einen Leuchtturm.

Abbildung 5: OpenCPN in Aktion.

Abbildung 5: OpenCPN in Aktion.

Bei Marble [12] handelt es sich um einen Globus mit verschiedenen Landkarten – politisch, historisch sowie auch für die Temperaturen im Sommer beziehungsweise Winter. Die Karten lassen sich in alle Richtungen rotieren und verschaffen Ihnen flink einen Überblick zu den Kontinenten unseres Planeten (Abbildung 6). Möchten Sie höher hinaus, schalten Sie zur Darstellung des Monds um – ob der integrierte Routenplaner auch dann noch von Nutzen ist, müssen Sie selbst entscheiden.

Abbildung 6: Marble mit der politischen Landkarte.

Abbildung 6: Marble mit der politischen Landkarte.

Dass OSGeo Live auch GIS-Software in Profi-Qualität enthält, zeigen Anwendungen wie PostGIS, Rasdaman [13] (“Raster Data Manager”) und GeoMoose [14].

Bei Ersterem handelt es sich um die GIS-Erweiterung zum DBMS PostgreSQL. Das völlig eigenständige Rasdaman stammt von der Large-Scale Scientific Information Services Research Group der Jacobs-Universität Bremen. Es gewann bereits eine Reihe internationaler Preise, darunter den European IT Prize und den Geospatial Innovation Award. Rasdaman begrenzt die Anzahl der Dimensionen der zu speichernden Arrays nicht, wichtig unter anderem bei der Verarbeitung entsprechender Bild- und Sensordaten. Zusätzlich zur nativen Abfragesprache NewSQL unterstützt Rasdaman OGC WMS, WCS, WCPS und WPS; es gibt APIs für die beiden Programmiersprachen C++ und Java.

GeoMoose, ein webbasiertes Werkzeug zum Darstellen von Landkarten mit Zusatzinformationen, greift zur Kombination verschiedener Ebenen auf die Bibliothek OpenLayers zurück. Abbildung 7 zeigt das Einsatzfeld beim Ausmessen ausgewählter Flächen, wie hier des grün hinterlegten und rot eingefassten Grundstücks. Die errechnete Fläche sehen Sie in der linken Spalte auf dem Reiter Measure Area.

Abbildung 7: In GeoMoose lassen sich unter anderem beliebige Flächen ausmessen.

Abbildung 7: In GeoMoose lassen sich unter anderem beliebige Flächen ausmessen.

Fazit

Mit OSGeo Live haben Sie eine Werkzeugsammlung zur Hand, die in Bezug auf geografische Daten keine Wünsche offenlässt. Damit gelingen Ihnen nicht nur erste Schritte in der Welt der GIS-Systeme, sondern auch noch darüber hinaus. Diese empfehlenswerte Sammlung sollte sich kein an Geodaten interessierter Anwender entgehen lassen. 

Open Data

Hinter dem Begriff Open Data versteckt sich ganz simpel die Idee offener, frei verfügbarer Daten, auf die jedermann zugreifen kann und sie zu eigenen Zwecken uneingeschränkt verwenden darf. Typischerweise handelt es sich dabei um Daten, die amtlicherseits von der Kommune bis zum Staat erhoben wurden und weder personenbezogen noch durch Urheberrechte, Patente oder anderweitig geschützt sind. Solche Daten geben Transparenz und helfen beispielsweise dabei, den Lebensraum besser einschätzen und beurteilen zu können. Dazu gehören Fragen der Form “Wo passieren die meisten Fahrradunfälle?”, “Welches ist der grünste Bezirk der Stadt?”, “Auf welcher Schule erzielen Abgänger den besten Notendurchschnitt?” und “Wie viele Sporteinrichtungen gibt es in jedem Stadtbezirk?”. Die Visualisierung dieser Daten ermöglicht ein klares Bild und hilft bei Entscheidungen im Alltag [15]. Das Internet macht es uns zudem immer leichter, diese Daten von überallher schnell einzusehen. Abbildung 8 zeigt das ausschnittsweise anhand des erfassten Wasserverbrauchs für den Großraum Kapstadt [16]. Ein dunkelgrüner Punkt zeigt dabei einen minimalen Verbrauch an, ein hellgrüner Punkt einen mittleren Wert, und Gelb signalisiert einen Messwert weit über dem Limit.

Abbildung 8: Darstellung des Wasserverbrauchs in der südafrikanischen Metropole Kapstadt (Ausschnitt).

Abbildung 8: Darstellung des Wasserverbrauchs in der südafrikanischen Metropole Kapstadt (Ausschnitt).

Die Autoren

Frank Hofmann arbeitet von unterwegs aus, bevorzugt in Berlin, Genf und Kapstadt, als Entwickler, Trainer und Autor. Er ist Koautor des Debian-Paketmanagement-Buchs (http://www.dpmb.org). Mandy Neumeyer arbeitet im Tourismus, lebt seit neun Jahren in Südafrika und baut zur Zeit ein zusätzliches Einkommen als digitaler Nomade auf.

Infos

  1. QMapShack: F.Hofmann, M.Neumeyer, “Kilometerfresser”, LU 05/2017, S. 24, https://www.linux-community.de/38731

  2. Routino: Frank Hofmann, “Pfadfinder”, LU 05/2017, S. 30, https://www.linux-community.de/39057

  3. Python-Fahrtenbuch: Frank Hofmann, “Aufgezeichnet”, LU 05/2017, S. 34, https://www.linux-community.de/38817

  4. OSGeo Live: https://live.osgeo.org/de/index.html

  5. OSGeo: https://www.osgeo.org

  6. OSGeo bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source_Geospatial_Foundation

  7. FOSSGIS e. V.: https://www.fossgis.de

  8. Lubuntu: https://lubuntu.net

  9. OSGeo Live herunterladen: https://sourceforge.net/projects/osgeo-live/files/11.0/

  10. OpenJump: http://openjump.org

  11. OpenCPN: http://opencpn.org

  12. Marble: https://marble.kde.org

  13. Rasdaman: http://www.rasdaman.org

  14. GeoMoose: https://www.geomoose.org

  15. Open Data: Frank Hofmann, “Augenöffner”, LU 01/2017, S. 12, https://www.linux-community.de/37782

  16. Wasserverbrauch in Kapstadt: https://citymaps.capetown.gov.za/waterviewer/

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 05/2018 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben