Neue Arch-Linux-Variante ohne Systemd

Aus LinuxUser 03/2018

Neue Arch-Linux-Variante ohne Systemd

© Zlatko Antic, 123RF

Provisorium

Ohne Systemd kommt eine Distribution heute kaum mehr aus. Das zeigt auch der eher klägliche Versuch, mit Artix ein “befreites” Arch-Derivat zu entwickeln.

Bis heute gibt es deutliche Vorbehalte gegen den Super-Daemon Systemd, der sowohl als Init-System wie für viele andere Aufgaben – etwa beim Schreiben in Log-Dateien oder mit einer eigenen D-Bus-Schnittstelle – tief ins System eingreift. Bei einer solch komplexen und umfangreichen Software treten naturgemäß mehr Fehler auf und lassen sich schwerer finden und beheben als dies bei den klassischen KISS-Tools von Linux. Eine bekannte Schwäche in der Kommunikation der Systemd-Entwickler tut ein Übriges, diesen Dienst bei Teilen der Community unbeliebt zu machen.

Kein Wunder also, dass Entwickler vieler Distributionen, unter anderem Debian, Varianten konzipierten, die ohne dieses eigentlich zentrale Stück Software auskommen. Bei Debian heißt die bekannteste Variante Devuan und setzt auf das klassische SysVinit als Init-System, bei Arch Linux (und Manjaro) heißt eines der entsprechenden Systeme Artix.

Allerdings erschwert die starke Integration von Systemd das Unterfangen, eine solche Distribution aufzubauen. Zu viele Komponenten sind direkt oder indirekt davon betroffen oder mit dem Dienst verbunden. Es genügt daher keineswegs, nur die Systemd-Pakete zu entfernen und ein anderes Init-System zu installieren. Das zeigt sich am Beispiel Artix [1] sehr deutlich.

Installation

Das Artix-Projekt stellt auf seiner Webseite drei Images des Systems zum Herunterladen bereit [2], die sich alle für eine Installation des Systems eignen. Die Tabelle “Images” zeigt die Unterschiede der Varianten auf.

Image

GUI

Aktualisierung

Anmerkung

artix-lxqt-x86_64.iso

LXQt

zyklisch

am besten gepflegte und getestete Variante

artix-base-rolling-x86_64.iso

ohne

Rolling Release

hauptsächlich für Entwickler

artix-i3-rolling-x86_64.iso

i3

Rolling Release

nur empfehlenswert für Anwender mit Erfahrung mit Tiling-Window-Managern

Alle drei Images passen jeweils auf eine CD. Allerdings erscheint dies ein wenig antiquiert, besteht doch die Möglichkeit, sie direkt von einem USB-Stick zu booten. So schreiben Sie ein Image etwa mit Imagewriter [3] problemlos auf ein entsprechendes Medium.

Das recht gelungene Boot-Menü von Artix führt in ein Live-System, aus dem sich die Distribution auch auf der Platte einrichten lässt (Abbildung 1). Die wesentlichen Einstellungen – keytable=de und lang=de_DE – rufen Sie bei Bedarf direkt auf, um sie über die Boot-Parameter an den Kernel zu übergeben.

Abbildung 1: Gut gelungen: Die neuen Boot-Menüs erlauben, wichtige Einstellungen bereits vor dem Systemstart vorzunehmen, und das auf einfache und übersichtliche Weise.

Abbildung 1: Gut gelungen: Die neuen Boot-Menüs erlauben, wichtige Einstellungen bereits vor dem Systemstart vorzunehmen, und das auf einfache und übersichtliche Weise.

Artix setzt OpenRC [4] als Init-System ein. Der Systemstart erfolgte im Test bei allen Images sehr zügig, Systemd brächte hier keinen Geschwindigkeitsvorteil. Dieses Init-System spielt seine Vorteil vor allem dann aus, wenn es um komplexe Systeme mit vielen Abhängigkeiten geht.

Die eigentliche Installation erfolgt über den Desktop des Live-Systems. Normalerweise funktioniert dieses Verfahren gut, erlaubt es doch, zuvor die bei der Installation verwendeten Komponenten zu aktualisieren. Bei Artix jedoch führt das zu großen Schwierigkeiten.

Live-System

Die drei Varianten von Artix verfügen über unterschiedliche Bedienoberflächen (Abbildung 2). Bemerkenswert, aber schlecht durchdacht, wirkt bei allen Varianten die Auswahl der vorinstallierten Software: So steht in keiner der drei Spielarten ein Webbrowser bereit. Der wäre aber hilfreich, um die unter Umständen bei der Installation mittels Calamares erzeugten Fehlermeldungen zu entschlüsseln.

Abbildung 2: Den Artix-Desktop als spartanisch zu bezeichnen, wäre noch maßlos übertrieben – es fehlt sogar ein Webbrowser, was eine Recherche auf Anhieb schwer macht.

Abbildung 2: Den Artix-Desktop als spartanisch zu bezeichnen, wäre noch maßlos übertrieben – es fehlt sogar ein Webbrowser, was eine Recherche auf Anhieb schwer macht.

Ebenfalls fehlt so ziemlich alles, was es ermöglichen würde, Screenshots zu machen. Hier schafft auch die Installation von Lximages-qt, dem eigentlich dafür vorgesehen Programm, keine Abhilfe: Sie führt zu Konflikten bei den von Artix vorinstallierten Versionen verschiedener Bibliotheken.

Insgesamt enttäuscht bereits das Live-System auf der ganzen Linie. Schon das gertenschlanke ISO-Image deutet darauf hin, dass es extrem wenige Komponenten mitbringt. Das wäre nicht besonders schlimm, würde das System über ausreichende Möglichkeiten verfügen, um neue Software nachträglich zu installieren – doch das ist nicht der Fall.

Nur der Befehl pacman steht bereit, und auch das nur in schlecht konfigurierter Form. Sie können zwar das Kommando pacman -Syu absetzen, um das System komplett zu aktualisieren, aber auch hier treten wie bei der Installation neuer Software Schwierigkeiten auf.

Möchten Sie das System aktualisieren oder erweitern, rät das Projekt dazu, die Liste der Server zu bearbeiten und die in Listing 1 gezeigten Einträge am Anfang der entsprechenden Datei /etc/pacman.d/mirrorlist einzufügen. Warum die Entwickler das nicht vor dem Erstellen der Images erledigt haben, muss man nicht verstehen. Es ist aber symptomatisch für die wenig sorgfältige Art, die prägend für die Distribution ist.

Listing 1

Server = http://mirror1.artixlinux.org/repos/$repo/os/$arch
Server = http://artix.wheaton.edu/repos/$repo/os/$arch/
Server = http://mirror.strits.dk/artix-linux/repos/$repo/os/$arch
Server = https://mirrors.dotsrc.org/artix-linux/repos/$repo/os/$arch
Server = https://www.uex.dk/repos/artix/repos/$repo/os/$arch

Im Prinzip wäre es nach dem Erweitern der Quellen möglich, mittels pacman -Syu das System ohne Probleme zu aktualisieren. Das führte jedoch bei den Images aus dem Test, die vom November 2017 stammen, in der Folge wiederholt zu Problemen beim Aufruf von Calamares. Auch mit den zu Redaktionsschluss jüngsten Images vom Januar 2018 gibt es nach dem Aktualisieren weiterhin Probleme.

Installation

Dabei ist Calamares als Installer eigentlich eine gute Wahl. Das modulare Framework für das Einrichten eines Linux-Systems hat sich schon bei vielen anderen Distributionen bewährt. Allerdings schafften es die Artix-Entwickler, die Installation des Bootloaders so zu konzipieren, dass er in vielen Situationen mit einer weitgehend unverständlichen Fehlermeldung abstürzt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Bei der Installation des Bootloaders treten oft wenig aussagekräftige Fehlermeldungen auf.

Abbildung 3: Bei der Installation des Bootloaders treten oft wenig aussagekräftige Fehlermeldungen auf.

Es geht aber durchaus noch verwirrender: Manchmal verläuft die Installation anscheinend erfolgreich, das System bootet aber später nicht. So geschah es im Test bei einer UEFI-freien, also eigentlich einfachen, Installation auf einem Probook von Hewlett-Packard. Diverse Varianten von Arch Linux und Manjaro sowie Ubuntu- und Mint-Systeme ließen sich dagegen weitgehend problemlos auf diesem Rechner installieren.

Wurzel der Übel

Angesichts der oft erfolglosen und in jedem Fall aufwendigen Installationsprozedur von Artix stellt sich die Frage, ob es nicht möglich ist, selbst ein Systemd-freies System zu bauen. Tatsächlich unterstützt Arch Linux ein solches Vorhaben prinzipiell recht gut. Mindestens zwei Gruppen von Paketen stehen dafür bereit.

Es gibt eine Reihe von Paketen, die auf OpenRC aufsetzen, sowie eine Reihe von Paketen ohne Abhängigkeit, die Sie am Zusatz nosystemd erkennen. Erstere installieren mit einigen Schwierigkeiten OpenRC, Letztere entfernen und ersetzen typische Systemd-Abhängigkeiten, weitestgehend ohne Schwierigkeiten. Beide Gruppen finden sich im Arch User Repository (AUR), gehören also nicht zum Grundsystem.

Allerdings gibt es dann immer noch eine ganze Reihe von Paketen, die selbst nach diesen Änderungen weiter Abhängigkeiten zu Systemd aufweisen. Sie alle zu entfernen oder zu ersetzen verursacht ganz erheblichen Aufwand. Im laufenden System erhalten Sie durch pacman -Qe eine Liste der explizit installierten Pakete, die sich als Basis für eigene Experimente eignet.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich also das Vorhaben einer Systemd-freien Installation als wesentlich komplexer, als es zunächst erscheint. Wichtige Hinweise finden Sie im “Migrations Guide” [5], den die Entwickler von Artix erstellt haben. Allerdings setzen alle Bemühungen in diese Richtung zusätzliche Anpassungen [6] voraus, was nicht nur für Artix gilt, sondern auch für viele andere Distributionen [7].

Fazit

So verlockend die Idee auch erscheinen mag, eine installationsfertige Arch-Distribution ohne Systemd bereitzustellen: Die bisherigen Ergebnisse motivieren nicht gerade. Allerdings erweist sich die Alternative, selbst ein von Systemd-Abhängigkeiten befreites System zu erzeugen, als reichlich komplexes Unterfangen. Angesichts dessen wünscht man sich dringend, dass die Artix-Entwickler ihre Hausaufgaben machen und funktionstüchtige ISO-Images bereitstellen. Mit den zum Testzeitpunkt aktuellen Abbilddateien von Ende 2017 und Anfang 2018 überfordert das Projekt die überwiegende Mehrzahl der Anwender. 

Glossar

KISS

“Keep it simple, stupid!”. Ein klassisches Unix-Prinzip, das zugunsten der Verständlichkeit einfache Ansätze gegenüber ausgefeilten komplexen Techniken bevorzugt.

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4 Kommentare
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lQ
8 Jahre her

ehmm, ist man schon Entwickler wenn man artix ohne calamares installiert?
artix-base-rolling-x86_64.iso = hauptsächlich für Entwickler?

Wie oft installiert man eine RR Distribution?
Ich verstehe die calamares Lobhudelei überhaupt nicht, calamares ist ein Scheiss.
Im Artikel wird verschwiegen, daß artix nur ein systemd freies Grundsystem bietet und die [extra] und [community] repos archlinux Pakete bringen.

Artix bietet ferner die Möglichkeit eigene install.iso zu bauen, man muss also nicht meckern wenn irgendetwas fehlt.

MfG

never systemd
8 Jahre her

Hallo, das mit Artix noch nicht alles so rund läuft ist unbestritten. Das kritisieren wir auf: http://www.systemdfree.de schon selber oft genug, obwohl es nicht nur dort auch zufriedene Artix User gibt. Ich hoffe, das nun auch mal positive Berichte von gut installierbaren Distributionen kommen, es gibt immerhin recht viele Distributionen ohne systemd und es werden immer mehr. Einen guten Bericht über void habe ich hier auch schon mal gelesen. Aber was mir nicht gefällt, das suggeriert wird, man kann nur noch *mit* systemd glücklich werden. Fortgeschrittene User lesen sicherlich raus, wie schwierig die Umstellung ist, Einsteiger oder Umsteiger lesen raus,… Mehr »

tztz
8 Jahre her

Hallo!

Also den Spruch:
“eher kläglicher Versuch”
finde ich doch etwas fehl am Platze.
Es zeigt doch nur was systemD für eine Scheisse ist.

Es ist ein Krake, die garnichts anderes mehr zulässt.

Das zeigt doch nur, das gerade die devs und maintainer unter Linux nix mehr in der Birne haben :(

Selbst von den noch vorhandenen Linux-Größen kam kein Wiederstand.

Schon vor gut 5 Jahren hätte man diesen Muell stoppen müssen.

“Moderne” Inits gab es schon vor über 10 Jahren.

Seltsam das die damals noch keiner brauchte ;)

Na egal, bleibt vorläufig nur BSD, Linux ist zerstört.

Hans
6 Jahre her
Reply to  tztz

wo ist ehrlich gesagt dein Problem?! NULL konkrete Argumente gegen systemd. Mir als Endanwender ist das alles so ziemlich Schnuppe, Hauptsache es läuft- Und systemd wäre das letzte, was mich an Linux gegenwärtig stört.

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