Fällt der Name Slax, denken viele Anwender an ein flottes Slackware-Derivat mit KDE-Desktop. Die neue 9er-Generation bricht jedoch radikal mit Traditionen.
So mancher Anwender nennt noch ein betagtes Notebook oder einen älteren PC sein Eigen, der im Keller vor sich hinstaubt. Neben der für aktuelle Verhältnisse eingeschränkten Leistungsfähigkeit, die Computer aus der ersten Dekade des Jahrhunderts bieten, kommt noch ein weiteres Manko hinzu, das den fortdauernden Einsatz solcher Maschinen immer mehr erschwert: Moderne Betriebssysteme wie Linux gibt es immer seltener in 32-Bit-Varianten, die 64-Bit-Ableger eignen sich nicht mehr für Prozessoren der Pentium M- oder der ersten Pentium-4-Generationen. Auch bei den ersten echten Intel-Zweikern-Prozessoren für Notebooks handelt es sich um reine 32-Bit-CPUs.
Die Linux-Community pflegt zwar zahlreiche, speziell für ältere Hardware angepasste Distributionen, allerdings erweisen sich viele davon als nur eingeschränkt alltagstauglich. Sie verfügen meist über eigene, häufig mit nur relativ wenigen Programmen bestückte Paketverwaltungen, manche der schlanken Oberflächen erinnern in Sachen Bedienerfreundlichkeit und Optik eher an die 1990er als an moderne Arbeitsumgebungen.
Doch es geht auch anders: Das in Tschechien entwickelte Slax [1] verhilft betagten Computern zu einem zweiten Frühling und belegt eindrucksvoll, dass sich mit einfachen Mitteln aus dem Linux-Fundus ein modernes Betriebssystem für einzelne Aufgaben zimmern lässt.
Radikalkur
Die Community um Slax pflegt und entwickelt die Distribution bereits seit mehr als zehn Jahren aktiv. Das vom tschechischen Entwickler Tomas Matejicek betreute Projekt basierte bis vor Kurzem auf Slackware Linux, der ältesten immer noch aktiven Distribution überhaupt. Doch die Verbreitung von Slackware nimmt rapide ab. Viele Tools, darunter auch die Paketverwaltung, kamen inzwischen in die Jahre, sodass sich Matejicek nach der Veröffentlichung von Slax 7 im Jahr 2013 entschloss, alte Zöpfe radikal abzuschneiden.
Dazu ersetzt Debian nun Slackware als Basis, und SysVinit wich dem modernen Systemd. Statt des bis dahin genutzten KDE-Desktops kommt nun der wesentlich schlankere Window-Manager Fluxbox zum Einsatz. Auch das Grundkonzept von Slax änderte Matejicek: Statt eines umfassenden Softwarebestands von Alltagsanwendungen, wie bei Slackware üblich, bringt Slax 9 lediglich vier Applikationen mit, die sich der Anwender über einen Menü-Button auf den Bildschirm holt (Abbildung 1).
Zusätzliche Programme lassen sich jedoch aus dem fast unerschöpflichen Debian-Fundus problemlos nachinstallieren. Die in der 32- und 64-Bit-Variante bereitstehenden ISO-Images von Slax 9 umfassen jeweils etwa 260 MByte. Zudem steht ein lediglich rund 900 KByte kleines Netboot-Abbild bereit, das dann das eigentliche Betriebssystem aus dem Netz nachlädt. In allen Fällen startet Slax als Live-System und verzichtet auf einen grafischen Installer.
Für den Einsatz auf 32-Bit-Systemen begnügt sich das Debian-Derivat mit lediglich 128 MByte Hauptspeicher und einer CPU der Pentium-Klasse. Um aber beispielsweise einen Webbrowser zu nutzen, empfehlen die Entwickler mindestens 512 MByte Arbeitsspeicher. Als weitere Voraussetzungen nennt das Projekt lediglich noch eine von Linux unterstützte Soundkarte sowie einen Netzwerkanschluss. Als Trägermedien kommen entweder ein USB-Speicherstick oder eine CD infrage. Abgesehen von einer anderen CPU-Spezifikation gibt sich die 64-Bit-Variante mit denselben Voraussetzungen zufrieden.
Zum Betrieb der 32-Bit-Variante muss der genutzte Prozessor die PAE-Erweiterungen unterstützen, was bei den meisten Prozessoren ab dem Pentium Pro der Fall ist. Eine Ausnahme bilden einige Pentium-M-CPUs der Baujahre 2003 bis 2006. Die PAE/NX-Erweiterungen müssen Sie auch dann aktivieren, wenn Sie Slax in einer virtuellen Maschine etwa mit Virtualbox betreiben. Voreingestellt sind diese Erweiterungen ausgeschaltet, was das System jedoch beim Startvorgang anzeigt.
Start frei!
Slax bootet binnen weniger Sekunden, wobei der Start von optischen Datenträgern naturgemäß etwas länger dauert. Anstelle von Grub 2 nutzt die Distribution Syslinux als Bootloader. Nach dem Start präsentiert sich das System in frischen Grüntönen und mit einer nahezu leeren Arbeitsoberfläche. Lediglich eine kleine Panelleiste mit einem Menüknopf am unteren Rand und einem rechts angeordneten System-Tray bilden die Bedienelemente.
Ein Klick auf den Menü-Button oder ein Druck auf [Alt]+[F2] zeigt die sechs vorinstallierten Programme mit eigenen Icons auf dem Bildschirm an. Mit einem Rechtsklick in die Arbeitsoberfläche aktivieren Sie ein entsprechendes Menü. Bei der Anzeige der Icons auf dem Desktop verschwindet gleichzeitig die Panelleiste, das System dunkelt den Hintergrund leicht ab. Für diesen Effekt wie auch für Transparenzen zeichnet der Compositor Compton verantwortlich. Über dem Icon-Set befindet sich eine transparent gehaltene Eingabeleiste namens Run:, mit deren Hilfe Sie weitere Programme starten.
Sie arbeiten nun entweder mit einer der Applikationen im Live-Betrieb oder führen eines der zahlreichen Kommandozeilenprogramme aus [2]. Dabei legten die Entwickler den Software-Schwerpunkt auf das Warten von Rechnern im Live-Modus. So lassen sich beispielsweise Massenspeicher partitionieren, die SMART-Daten abrufen und Testroutinen starten, um den technischen Zustand der Massenspeicher abzufragen. Die Tools Rsync und Ddrescue dienen zum Sichern und Wiederherstellen von Daten.
Installation
Da Slax dank des Unterbaus über die Debian-eigene Paketverwaltung verfügt, lässt sich das Betriebssystem auch in installierter Form als Allround-Desktop nutzen. Allerdings bringt Slax weder eine grafische noch eine terminalbasierte Installationsroutine mit – es fällt also etwas Handarbeit an.
Zunächst legen Sie dazu auf dem Zielmedium, wahlweise einer eingebauten Festplatte oder einem USB-Stick, eine mit dem Dateisystem Ext4 formatierte Partition an. Anschließend entpacken Sie das ISO-Image von Slax und kopieren den Ordner /slax/ auf den Zieldatenträger. Nun wechseln Sie auf diesem in das Unterverzeichnis /slax/boot/ und rufen das Skript ./bootinst.sh auf. Die Routine installiert daraufhin den Bootloader. Nach einem Neustart des Rechners lässt sich Slax uneingeschränkt verwenden.
Betriebsmodus
Da Slax keine Starter für neu installierte Programme ins Menü integriert, müssen Sie die Anwendungen über die Eingabezeile des Desktops aufrufen. Voreingestellt arbeitet die Distribution komplett im Arbeitsspeicher. Sofern genug davon zur Verfügung steht, legt die Distribution auch auf älteren Systemen ein beeindruckendes Arbeitstempo vor. Persönliche Daten oder neu installierte Pakete gehen jedoch beim nächsten Start des Computers verloren.
Um das zu verhindern, unterbrechen Sie im Bootmenü den Startvorgang via [Esc]+. Das System bietet nun drei Startoptionen an, von denen Sie mit den Pfeiltasten die zweite, Run Slax (Keep changes persistent), anwählen und mit [Eingabe] bestätigen. In diesem Modus legt Slax die Daten dauerhaft in den Verzeichnissen ab und integriert neu installierte Software ins System.
Software installieren
Da die Distribution von Haus aus keinen grafischen Software-Installer anbietet, lassen sich zusätzliche Programme nur mithilfe des Apt-Verwaltungssystems auf der Kommandozeile einrichten. Bevorzugen Sie eine GUI, installieren Sie auf diesem Weg zunächst Synaptic, mit dessen Hilfe Sie anschließend weitere Programme bequem per Mausklick auf die Festplatte packen (Abbildung 2). Das erledigen Sie im Terminal mithilfe der Befehle apt-get update und apt-get install synaptic.

Abbildung 2: Auch größere Programme wie der Weltraum-Atlas Marble oder der Webbrowser Chromium finden sich im Software-Portfolio von Slax.
Um die Tastaturbelegung auf das deutsche Layout umzustellen, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Desktop und wählen aus dem Kontextmenü Keyboard layout | German.
Im Test
In unserem Test fiel Slax vor allem durch seine beachtliche Arbeitsgeschwindigkeit auf. Selbst auf einem knapp 15 Jahre alten HP-Compaq-Notebook mit Einkern-CPU arbeitete die Distribution auch mit nachträglich installierten Applikationen wie der Geografie-Software Marble überaus schnell. Rechenintensive Anwendungen trieben allerdings naturgemäß den schwachbrüstigen Prozessor an seine Grenzen. Slax benötigte tatsächlich sehr wenig Hauptspeicher: Je nach Anzahl der geöffneten Anwendungen betrug die Speicherbelegung im persistenten Modus zwischen etwa 120 und 200 MByte (Abbildung 3).
Weniger erfreulich stellten sich einige kleinere Ungereimtheiten dar: Die im persistenten Modus installierten Applikationen ließen sich bei einem Warmstart jeweils nur dann wieder nutzen, wenn wir beim Booten ebenfalls wieder den persistenten Modus auswählten. Das eingestellte Tastaturlayout vergaß das System bei jedem Neustart, sodass wir jeweils im Menü die deutsche Tastaturbelegung manuell einstellen mussten. Eine deutsche Lokalisierung des Systems steht derzeit noch nicht bereit.
Fazit
Slax gefällt durch sein rasantes Arbeitstempo, hohe Stabilität und den dank Debian-Basis enormen Software-Fundus. Das Betriebssystem kämpft allerdings aufgrund des kompletten Wechsels von Desktop und Basis in der neuen Version noch mit einigen Kinderkrankheiten: Eine vollständige Alltagstauglichkeit erfordert es, Einstellungen, nachinstallierte Software und abgelegte Dateien in allen Betriebsmodi verfügbar zu haben. Auch die Möglichkeit, Menüstrukturen anzulegen und dauerhaft zu sichern, erhöht die Anwenderfreundlichkeit. Für Anwender, die lediglich wenige, eng begrenzte Aufgaben mit dem System ausführen wollen, bietet Slax aber eine interessante Alternative zu den gängigen Distributionen mit ihrem häufig hohen Ressourcenbedarf und viel Software-Ballast.
Infos
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Slax Projektseite: https://www.slax.org/de/
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In Slax integrierte Kommandozeilenprogramme: https://www.slax.org/de/using.php







