Mit Nootka klassische Notation schnell und sicher trainieren

Aus LinuxUser 02/2018

Mit Nootka klassische Notation schnell und sicher trainieren

© Brian Jackson, 123RF

Saitenweise

Mit Nootka üben Sie auf spielerische Weise, Töne in klassischer Notation schnell und sicher zu erkennen.

Es gibt für Linux viele kleine Tools, die es Musikbegeisterten ermöglichen, den Umgang mit musikalischer Notation zu üben. Mit Nootka [1] bietet der polnische Entwickler Tomasz Bojczuk ein umfangreiches, auf das Erlernen von Notenschrift für Gitarristen spezialisiertes Programm an (Abbildung 1).

Abbildung 1: Mit vielfältigen Übungen, spielerischer Bedienung und motivierenden Auswertungen hilft die Software Nootka vor allem Gitarristen beim Erlernen klassischer Notation.

Abbildung 1: Mit vielfältigen Übungen, spielerischer Bedienung und motivierenden Auswertungen hilft die Software Nootka vor allem Gitarristen beim Erlernen klassischer Notation.

Das Programm, das auf vielen Plattformen läuft (siehe Kasten “Installation”), trainiert vor allem das musikalische Grundwissen und das Gehör. Anzeigen und abspielen kann die Software ausschließlich ganze Noten, als Werkzeug für das Komponieren von Musik eignet sie sich nicht. Zählzeiten, Rhythmik und Feinheiten wie Triolen sieht Nootka ebensowenig vor wie Akkorde. Stattdessen hilft es dem Anwender dabei, sich voll und ganz auf das Erlernen der schwierigen Kunst des Erkennens von Tönen in klassischer Notation zu konzentrieren.

Die Applikation integrierte sich im Test problemlos in das professionelle Sound-System Jack. Das erleichtert vor allem den Anschluss von Musikinstrumenten an den Eingang des Programms. Einige Aufgaben verlangen, in Notenschrift angezeigte Töne zu spielen oder zu singen, was sich via Jack besonders einfach umsetzen lässt. Wählen Sie den Gesangsmodus, ist es außerdem möglich, mit einem Keyboard zu üben. Dabei empfiehlt es sich, einen Softwaresynthesizer wie Yoshimi oder Calf an den Jack-Port von Nootka anzuschließen.

Installation

Nootka setzt auf Qt5 und nutzt die Tatsache, dass dieses Framework auf vielen Plattformen bereitsteht, darunter Linux, Windows, BSD und MacOS. Es gibt auch eine Nootka-Variante für Android, die Sie über ein APK installieren, das Sie auf der Webseite sowie im Google Play Store finden. Für Linux steht die Software in allen gängigen Distributionen im Paketmanager bereit, die aktuelle stabile Version gibt es außerdem als DEB, RPM und Archiv für Arch Linux.

Möchten Sie das Paketmanagement nicht bemühen, greifen Sie auf ein AppImage der aktuellen stabilen Version von der Webseite zurück. Es startete im Test unter Ubuntu Studio 16.04 ohne Weiteres, lief allerdings nicht so stabil wie die anderen Varianten. So kam es beim Ändern von Einstellungen für die Oberfläche und den Audioanschluss zu einigen Abstürzen.

Um eine aktuelle Version aus den Quellen zu bauen, benötigen Sie neben den Build-Werkzeugen wie Make und GCC vor allem möglichst aktuelle Entwicklerpakete für Qt5 und Cmake. Unter Ubuntu 16.04 lief der Dreisatz cmake, make und make install für die im Test verwendete aktuelle Entwicklerversion 1.4.4 ohne Probleme durch.

Klassische Töne

Nootka deckt den ganzen Bereich ab, der in klassischer europäischer Musik sowie in Rock- und Popmusik zum Einsatz kommt. Es sei dahingestellt, ob die Beschränkung auf einfache Tonarten in Dur und Moll auf die Dauer langweilig wird. Die meisten Menschen lernen das Lesen ebenfalls mit einfachen Geschichten, und wer die Hausmärchen der Brüder Grimm flüssig liest, kann in der Regel auch Homer oder Kafka entziffern. Darüber hinaus erlaubt es die Software, Kirchentonarten, Zwölfton-Kompositionen und andere besondere Skalen zu analysieren und zu trainieren, indem Sie statt der Vorgaben die Noten frei eingeben.

Liebe zum Detail zeigt das Programm in seiner Internationalisierung: Nicht nur die Oberfläche lässt sich vollständig und in akzeptabler Qualität eindeutschen, sondern auch die Gepflogenheiten beim Benennen von Noten in verschiedenen internationalen Systemen können Sie bei Bedarf einstellen. Das Programm berücksichtigt diese dann in den mitgelieferten Übungen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Schon in den Grundeinstellungen entscheiden Sie, ob Nootka den Ton, der in den angelsächsischen Ländern B heißt, wie in Deutschland üblich H nennt. Die italienische DoReMi-Nomenklatur lässt sich ebenfalls einstellen.

Abbildung 2: Schon in den Grundeinstellungen entscheiden Sie, ob Nootka den Ton, der in den angelsächsischen Ländern B heißt, wie in Deutschland üblich H nennt. Die italienische DoReMi-Nomenklatur lässt sich ebenfalls einstellen.

Das Programm lehrt die Notation aller in temperierter und reiner Stimmung verwendeter Töne, wobei sich Nootka vorwiegend an der gleichstufig temperierten Stimmung von Gitarren orientiert. Wer einen Softwaresynthesizer wie Yoshimi verwendet, darf reine Stimmungen mit korrekter Unterscheidung zwischen Tönen wie Eis und F verwenden und die korrekte Notation für solche Stimmungen in Nootka erlernen und trainieren. Im Einzelnotenmodus ist es möglich, Enharmonische Verwechslungen anzuzeigen.

Das vermeintlich simple Konzept von Nootka stellt sich damit als einfaches Trainingssystem für solide Grundkenntnisse heraus, die sich zu sehr anspruchsvollen Kompositionen verwenden lassen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wer als Gitarrist simple Notation in Buchstaben gewohnt ist, profitiert davon, dass Nootka diese auf Wunsch zusammen mit der Standardnotation anzeigt.

Abbildung 3: Wer als Gitarrist simple Notation in Buchstaben gewohnt ist, profitiert davon, dass Nootka diese auf Wunsch zusammen mit der Standardnotation anzeigt.

Schritt für Schritt

Die Aufgaben im Rahmen des Trainings erweisen sich als durchaus anspruchsvoll: Selbst für das einfachste mitgelieferte Level, bei dem es nur um leer gespielte Gitarrensaiten geht, muss man die Position der sechs Töne in der Notenzeile genau kennen.

Wer noch gar keine Erfahrung mit Notation hat, sollte erst einmal eine in der Grundansicht des Programms nicht unbedingt offensichtliche Funktion nutzen: Nootka zeigt genaue Informationen zu den auf einem angeschlossenen Instrument gespielten Noten an. Das ermöglicht Einsteigern, zunächst in diesem freien Modus die Zusammenhänge zwischen den auf der Gitarre gespielten Tönen und der Notation zu erkunden. Das Programm erkennt jeden Ton bemerkenswert genau und zeigt ihn als Note an (Abbildung 4).

Abbildung 4: Nootka zeigt auf einer angeschlossenen Gitarre gespielte Töne als Noten an, inklusive passender Animation des Griffbretts unten.

Abbildung 4: Nootka zeigt auf einer angeschlossenen Gitarre gespielte Töne als Noten an, inklusive passender Animation des Griffbretts unten.

Die mitgelieferten Übungen gehen alle davon aus, dass der Anwender die Lage der Töne auf dem Notenblatt prinzipiell kennt; es geht um das Training von Präzision und Geschwindigkeit, weniger um das Erlernen der Grundlagen. Je nach Vorkenntnissen konfigurieren Sie die Übungen bei Bedarf entsprechend um (siehe Kasten “Einstellungssache”).

Einstellungssache

Das gesamte Aussehen und Verhalten von Nootka hängt wesentlich von den Einstellungen für das gewählte Level und jenen im Bereich Ansicht ab. So zeigt die Software in einem Level, das auf Einzelnoten eingestellt ist, tatsächlich nur eine Note im Notenblatt, mit der genauen Benennung im Kasten rechts daneben. Levels, die Sie auf Melodie einstellen, präsentieren lange Zeilen mit mehreren Noten, die alle die Zählzeit einer ganzen Note aufweisen, aber klassisch notierbare Tonhöhen einnehmen dürfen.

Viele Elemente der Oberfläche blenden Sie bei Bedarf aus, um Platz für andere zu schaffen, die sich entsprechend ausdehnen. Das Notenblatt und – im Einzelnotenmodus – die Benennungstabelle bleiben aber immer zu sehen. Im Leveleditor wählen Sie mitgelieferte Trainingsaufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade und Themenschwerpunkte aus oder bearbeiten diese. So dürfen Sie entscheiden, ob eine Übung nur Aufgaben zu Einzelnoten oder auch solche zu Melodien enthält. Auf widersprüchliche Auswahlen weist die Software explizit hin, woraufhin Sie den Widerspruch selbst auflösen müssen; einen Automatismus bietet das Programm dazu nicht.

Obwohl von Anfang an Level bereitstehen, die zum Prüfen der Kenntnisse dienen, sollten Einsteiger erst einmal den Typ Übung wählen. Solche Übungen geben keine zeitliche Begrenzung vor und stellen einfach zu einem Thema eine Frage nach der anderen. Der Kasten “Spickzettel” verrät, wie Sie es sich bei Übungen und Examen etwas einfacher machen.

Dazu betätigen Sie die Leertaste, um eine Frage gestellt zu bekommen, und drücken nach der (hoffentlich richtigen) Antwort auf die Eingabetaste. Die Übungslevel lassen sich jederzeit durch einen Klick auf die Schaltfläche Beenden links oben abbrechen. Anschließend zeigt ein Klick auf Statistik eine Übersicht zur Qualität der gegebenen Antworten und zur benötigten Zeit (Abbildung 5).

Abbildung 5: Die Statistik zeigt Hinweise auf die Bedeutung der Kurven, sobald der Mauszeiger über einem Element steht.

Abbildung 5: Die Statistik zeigt Hinweise auf die Bedeutung der Kurven, sobald der Mauszeiger über einem Element steht.

Spickzettel

Die Notenzeile zeigt im Übungsmodus und den Examen keinerlei Vorschau für den Wert eingefügter Noten an. Wenn die Frage verlangt, einen Ton auf dem Griffbrett der Animation unten in die Zeile einzusetzen, wäre eine Vorschau für Einsteiger sinnvoll. Ein Trick hilft dabei, die Lernkurve sanfter zu gestalten: Spielen Sie im freien Grundmodus in der Einstellung für Melodie auf einer angeschlossenen Gitarre nacheinander die Töne für einen C-Dur-Akkord, und blenden Sie bei Bedarf die Namen der Noten ein. Vom so erstellten Notenblatt machen Sie einen Screenshot, den Sie im Übungslevel CDur Tonleiter aufrufen.

Die Funktion zum Auswerten der Übungen enthält eine Automatik, die ab einer bestimmten Qualität bei den Ergebnissen eine Prüfung zum gleichen Thema mit härteren Vorgaben vorschlägt. Wer beim Testen die meisten Fragen relativ zügig beantwortet, bekommt eine putzig gestaltetes Zertifikat angezeigt.

Das etwas umständliche Bedienkonzept der Übungen und Prüfungen mit je einem Druck auf Leer- und Eingabetaste zum Bestätigen der Antwort deaktivieren Sie bei Bedarf in den Einstellungen zu Übungen und Prüfungen. Dann stellt das Programm nach kurzer Wartezeit automatisch neue Fragen und akzeptiert das Einfügen einer Note oder das Spielen eines Tons direkt als Antwort.

Fazit

Insgesamt wirkt Nootka nach kurzer Eingewöhnung in seine sehr umfangreichen Einstellungsdialoge logisch und leicht bedienbar. Die einfache, übersichtliche Gestaltung und die freundlich formulierten Dialoge motivieren zu langen Übungen. Der freie Modus erlaubt auch das Erarbeiten von Notationen für eigene Melodien. 

Alternativen

Genügt Nootka Ihren Ansprüchen nicht ganz, bieten einige weitere Projekte zusätzliche Möglichkeiten. Das Java-Programm ScoreDate [2] etwa bietet zwar deutlich weniger Einstellungsmöglichkeiten, ermöglicht dafür aber auch Rhythmustraining inklusive Schlagzeugnoten. Zudem beschränkt es seine Übungsnoten nicht auf gleichmäßige Zählzeiten. Zwar stammt das letzte Update des Programms aus dem Jahr 2012, das Paket aus Ubuntu “Universe” funktioniert allerdings problemlos.

Sehr umfangreiche Übungsmöglichkeiten bietet ImproVisor [3], das sich allerdings nicht unbedingt für Einsteiger eignet, sondern sich vor allem an ambitionierte Jazzmusiker richtet. Das Programm erlaubt das Zusammenstellen virtueller Begleitbands für eigene Improvisationen und hat dazu mehr als 400 MByte musikalisches Material an Bord. Notenbeispiele bekannter Jazzlegenden wie Dizzy Gillespie oder Charlie Parker erlauben dabei die Analyse stilprägender Kompositionsmethoden des Genres. Anders als die angestaubt wirkende Webseite vermuten lässt, pflegen die Entwickler ImproVisor nach wie vor regelmäßig. Die aktuelle Version stammt vom Juni 2017.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Er findet schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.

Glossar

Skalen

Tonleitern, die Töne enthalten, deren gemeinsame Verwendung in Akkorden und Melodien einen zusammenpassenden harmonischen Eindruck schafft.

Enharmonische Verwechslungen

Es gibt einige Töne, die in verschiedenen Skalen unterschiedliche Namen tragen, obwohl sie in temperierter Stimmung (wie bei Klavier und Gitarre üblich) identisch klingen. So ist Ces auf der Gitarre identisch mit H, kann aber auf einer Violine tatsächlich mit anderer Frequenz gespielt werden.

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