Paketverwaltung bei Rolling-Release-Distributionen

Aus LinuxUser 02/2018

Paketverwaltung bei Rolling-Release-Distributionen

© Andrey Pavlov, 123RF

Keep rollin'

Rolling-Release-Distros wie Arch Linux gelten als instabil und unfit für den Produktiveinsatz. Die einsteigerfreundlichen Arch-Derivate Antergos und Manjaro bieten mehr Komfort.

Das Arch-Wiki antwortet auf die Frage, ob Linux-Einsteiger sich an Arch Linux versuchen sollen und dass man sich auf eine steile Lernkurve einstellen müsste. Arch sei eine “Do-it-yourself”-Distribution, die der Nutzer zusammenbaut [1] – quasi das Ikea unter den Linux-Distributionen. Allerdings gibt es mit Manjaro [2] und Antergos [3] auch zwei Arch-Derivate, die den Zusammenbau übernehmen und dem Nutzer unmittelbar ein einsatzbereites Linux-System auf Basis der Rolling-Release-Distribution auf den Rechner schaufeln.

Beim Anwender stößt die Idee eines leicht zu installierenden Arch-Systems auf offene Ohren: Nicht ohne Grund listet Distrowatch Manjaro auf Platz 3 und Antergos auf Platz 5 unter den beliebtesten Distributionen [4]. Das zeigt, dass Arch Linux schon lange im Distributions-Mainstream angekommen ist – auch wenn Debian und dessen Ableger wie Mint und Ubuntu akkumuliert noch an erster Stelle liegen.

Manjaro geht eigene Wege

Nach einem sehr ausführlichen Blick in LU 09/2015 [5] auf die Grundlagen der Paketverwaltung von Arch Linux mit Pacman, Yaourt, Pacaur oder dem grafischen Frontend Pamac gehen wir hier auf die Arch-Derivate ein: Worin unterscheiden sich die Arch-Abkömmlinge, wie funktioniert unter diesen die Paketverwaltung und wie klappt bei Manjaro und Antergos das Management der Rolling-Release-Updates im Alltag?

Manjaro verwendet in der KDE-Edition Octopi [6] als grafisches Werkzeug zur Paketverwaltung (Abbildung 1). Der Eintrag ins Startmenü lautet Software hinzufügen/entfernen. Über das Programm lassen sich Anwendungen suchen und installieren, Updates einspielen und eben auch wieder löschen. Zudem erledigen Sie mit Octopi typische Verwaltungsaufgaben wie das Hinzufügen von Paketquellen oder das Leeren des Paket-Zwischenspeichers.

Abbildung 1: Manjaro verwendet in der KDE-Edition Octopi als Frontend für die Paketverwaltung.

Abbildung 1: Manjaro verwendet in der KDE-Edition Octopi als Frontend für die Paketverwaltung.

Praktisch sind die Nachrichten im gleichnamigen Reiter. Dort erhalten Sie im wöchentlichen Turnus Informationen über das aktuelle Geschehen hinter den Kulissen von Manjaro. So bleiben Sie über wichtige Updates, sowohl bei Anwendungen wie auch beim System selbst, Neuerungen oder kritischen Sicherheitslücken auf dem Laufenden. Bei Bedarf aktualisieren Sie die Information über das Menü Datei | Distro-Nachrichten abrufen.

Update nötig

Direkt nach der Installation von Manjaro 17.0.6 meldet Octopi bei vielen Aktionen, dass ein Fehler bei der Identifizierung vorliege und man ein Frontend für Su wie Gksu oder Kdesu installieren müsse. Dieser Hinweis erledigt sich, sobald Sie das System auf den neuesten Stand bringen: Ein Update erledigt das Problem automatisch.

Was bei Ubuntu Personal Package Archives oder kurz PPAs sind, nennt sich bei Arch Linux das Arch User Repository oder kurz AUR. Anders als Ubuntu-PPAs stellt das AUR allerdings selbst keine Software zur Verfügung. Es entspricht im Endeffekt einem durch die Community gepflegten Kochbuch und enthält Hunderte von “Rezepten”, wie man Programme, die es nicht in offiziellen Paketquellen der Distribution gibt, in einem Arch-System installiert.

Rezepte aus der Community

Jedes Kochrezept in Form einer Textdatei namens PKGBUILD enthält grob gesagt eine Zutatenliste (also einen Link auf einen Tarball, ein Github-Archiv oder statisch kompilierte Binaries sowie Pakete aus den Arch-Repositorys), Zubereitungsanweisungen (man entpacke das Archiv, lösche dies und jenes, kompiliere Folgendes und kopiere das Ergebnis hier- und dorthin) sowie Metainformationen (welche Version, Beschreibungen oder welche Lizenz). Listing 1 zeigt als Beispiel die PKGBUILD-Datei von Skype für Linux [7]. Am Ende entsteht ein Paket, das sich wie normale Arch-Software über die Paketverwaltung installieren und vor allen Dingen wieder sauber deinstallieren lässt.

Listing 1

# Maintainer: mark.blakeney at bullet-systems dot net
# Original Maintainer: Jameson Pugh <imntreal@gmail.com>
_pkgname=skypeforlinux
pkgname=$_pkgname-bin
pkgver=8.12.76.7
pkgrel=1
pkgdesc="Skype for Linux - Insider/Preview Version"
arch=("x86_64")
url="http://www.skype.com"
license=("custom")
depends=("gtk2" "libxss" "gconf" "alsa-lib" "libxtst" "libsecret" "nss")
optdepends=("gnome-keyring")
conflicts=("$_pkgname" "$_pkgname-beta-bin")
provides=("$_pkgname")
source=("https://repo.skype.com/deb/pool/main/s/$_pkgname/${_pkgname}_${pkgver}_amd64.deb")
sha256sums=('a92e72c9ceee16c54a2c0899f6280dbe2aa8f525b1b32adb4ca19dce8a0f7b8a')
package() {
  tar -xJC "$pkgdir" -f data.tar.xz
  install -d "$pkgdir/usr/share/licenses/$pkgname"
  mv "$pkgdir/usr/share/$_pkgname/LICENSES.chromium.html" \
    "${pkgdir}/usr/share/licenses/$pkgname/"
  rm -rf "$pkgdir/opt"
}

Das Tolle daran: Diverse smarte Küchenhelfer (im Arch-Jargon: AUR-Helper) wie Yaourt oder Pacaur erledigen das Kochen der Pakete fast komplett automatisiert [8]. Sie als Chefkoch müssen (oder besser sollten) dabei lediglich das Rezept kontrollieren, also die PKGBUILD-Datei, damit nichts Unerwartetes passiert. Es empfiehlt sich mindestens ein Blick auf die Zeile source zu werfen: So sehen Sie, woher der AUR-Helper die Software lädt und ob diese aus einer vertrauenswürdigen Quelle stammt.

Manjaro bringt den AUR-Helper Yaourt vorinstalliert mit. Octopi bindet das für die Kommandozeile gedachte Werkzeug in seine Oberfläche ein; allerdings müssen Sie über das Alien-Icon neben der Suchleiste zwischen der Suche im AUR und in den normalen Paketquellen umschalten. Bei der Installation von Anwendungen über das AUR zeigt sich der Nachteil von Yaourt: Immer wieder gilt es, Fragen zu beantworten (Abbildung 2). Dabei unterbricht Yaourt das Bauen der Pakete, bis Sie die Aktion entsprechend bestätigen. Das stört insbesondere, wenn Sie mehrere Pakete über das AUR aktualisieren oder installieren möchten.

Abbildung 2: Bei der Installation von Paketen via Yaourt m&uuml;ssen Sie immer wieder Nachfragen beantworten.

Abbildung 2: Bei der Installation von Paketen via Yaourt müssen Sie immer wieder Nachfragen beantworten.

Zum Deaktivieren dieser Abfragen gibt es zwei Methoden. Erste Variante: Sie stellen unter Werkzeuge | Optionen | AUR mit der Option --noconfirm ein, dass Yaourt zu allem Ja und Amen sagt. Zweite Möglichkeit: Sie installieren via AUR den alternativen Helper Pacaur und stellen dann in dem Dialog auf Pacaur um, lassen aber die Optionen --nonconfirm und --noedit deaktiviert. Pacaur arbeitet anders als Yaourt nicht sequenziell alle Aufgaben ab, sondern stellt nur einmal zu Beginn der Installation von Paketen aus dem AUR alle relevanten Fragen, sodass Sie die PKGBUILD-Dateien kontrollieren können. Danach erledigt Pacaur die anstehenden Aufgaben ohne weitere Nachfragen.

Antergos bleibt nah an Arch

Antergos basiert ebenso wie Manjaro auf Arch Linux. Allerdings unterscheiden sich beide Arch-Abkömmlinge fundamental. Während Antergos direkt auf den Paketquellen von Arch aufsetzt und diese nur mit eigenen Paketen anreichert, zieht Manjaro regelmäßig ein Abbild der Arch-Quellen, prüft und verändert Details, und reicht erst dann die Pakete zur Aktualisierung an den User weiter. So hängt Manjaro immer ein wenig hinter Arch zurück; man darf allerdings davon ausgehen, dass gravierende Änderungen keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen, da der Software-Bestand immer ein wenig besser abgehangen ist.

Auch bei der Installation zeigen sich Unterschiede. Bei Antergos müssen Sie sich nicht zwischen verschiedenen Spielarten entscheiden – es gibt nur ein Image, bei dem Sie während der Installation den gewünschten Desktop auswählen. Zudem stellt Antergos Ihnen frei, das AUR zu aktivieren (Abbildung 3), und bietet schon während der Installation eine Möglichkeit, die Paketquellen zu optimieren (Abbildung 4). Die Installationsroutine sortiert dabei die Liste der Paketserver entsprechend der Geschwindigkeit der Mirrors.

Abbildung 3: Antergos &uuml;berl&auml;sst es schon bei der Installation dem Benutzer, das AUR zu aktivieren.

Abbildung 3: Antergos überlässt es schon bei der Installation dem Benutzer, das AUR zu aktivieren.


Abbildung 4: Auch die Antergos-Paketquellen lassen sich schon w&auml;hrend der Installation optimieren.

Abbildung 4: Auch die Antergos-Paketquellen lassen sich schon während der Installation optimieren.

Mit dem Gnome-Desktop installiert Antergos Pamac [9] als Frontend für die Paketverwaltung. Das Programm stammt ursprünglich von den Manjaro-Entwicklern, Sie finden es über den Eintrag Software hinzufügen/entfernen im Anwendungsmenü. Als Paketmanager erledigt Pamac seine Aufgabe wie das Octopi-Pendant bei der Manjaro-KDE-Edition übersichtlich und reibungslos. Den technischen Unterbau stellt die seit Version 3.0 zweigeteilte Pacman-Paketverwaltung. Das Pacman-Programm selbst fungiert nur noch als Frontend für die Bibliothek Arch Linux Package Management oder kurz Libalpm [10]. Auf diese greifen auch andere Programme zu, wie eben Pamac.

Bei Pamac müssen Sie ebenso wie bei Octopi zwischen einer Suche in den Arch-Paketquellen und dem AUR hin- und herschalten. Das erledigen Sie hier nach einer erfolgten Suche über den Eintrag AUR in der Seitenleiste (Abbildung 5). Auf welchen AUR-Helper Pamac dabei zurückgreift, lässt sich in den Einstellungen jedoch nicht festlegen (Abbildung 6); auch gibt es keine Möglichkeit, in den Build-Prozess einzugreifen. Der Grund dafür: Pamac agiert selbst als AUR-Helper und interagiert nicht mit Yaourt oder Pacaur [11].

Abbildung 5: &Uuml;ber das Paketmanagementwerkzeug Pamac installieren Sie AUR-Pakete &uuml;ber eine grafische Oberfl&auml;che komplett automatisiert.

Abbildung 5: Über das Paketmanagementwerkzeug Pamac installieren Sie AUR-Pakete über eine grafische Oberfläche komplett automatisiert.


Abbildung 6: Im Gegensatz zu Octopi aus Manjaro fungiert Pamac selbst als AUR-Helper. Es gibt hier keine M&ouml;glichkeit, in den Build-Prozess einzugreifen.

Abbildung 6: Im Gegensatz zu Octopi aus Manjaro fungiert Pamac selbst als AUR-Helper. Es gibt hier keine Möglichkeit, in den Build-Prozess einzugreifen.

Aus Sicherheitsgründen sollten Sie daher – speziell bei Antergos in der Gnome-Variante – auf die Installation von AUR-Paketen mittels Pamac verzichten und über das Terminal arbeiten. Hier liefert Antergos von Haus aus Yaourt mit. Für mehr Komfort installieren Sie Pacaur über den Aufruf yaourt -S pacaur.

Die Syntax von Pacaur gleicht danach der von Pacman. Mittels pacaur -Ss Begriff starten Sie eine Suche sowohl in den herkömmlichen Paketquellen als auch im AUR. Über pacaur -S Paket installieren Sie danach das gewünschte Paket (Listing 2). Mit pacaur -Syu bringen Sie in einem Rutsch das komplette System auf den neuesten Stand.

Listing 2

$ pacaur -Ss skype
[...]
aur/skypeforlinux-bin 8.12.76.7-1 (359, 38,28)
    Skype for Linux - Insider/Preview Version
aur/skype-legacy 4.3.0.37-10 (154, 4,94)
    P2P software for high-quality voice communication; legacy version
[...]
$ pacaur -S skypeforlinux-bin
:: Package skypeforlinux-bin not found in repositories, trying AUR...
:: Löse Abhängigkeiten auf...
:: Suche nach Paketkonflikten...
AUR Packages  (1) skypeforlinux-bin-8.12.76.7-1
Repo Packages (1) gconf-3.2.6-5
Download-Größe der Repo-Pakete:    0.90 MiB
Installationsgröße der Repo-Pakete:  7.28 MiB
:: Mit Installation fortfahren? [J/n]
[...]

Fazit

Im Alltag schlagen sich Arch wie auch dessen Derivate sehr gut. Arch Linux ist zwar eine Rolling-Release-Distribution, aber nicht “Bleeding Edge”. Über die Paketverwaltung erhalten Sie fortlaufend Updates, es gibt keinen Unterschied zwischen Upgrades (also einem Versionssprung, den man etwa bei Ubuntu explizit anstoßen muss) und normalen Updates. Das System wie die installieren Programme erhalten fortlaufend Nachschub aus dem Open-Source-Universum.

Die Paketbetreuer versuchen jedoch nicht, neue Programmversionen nach deren Veröffentlichung schnellstmöglich in die Paketverwaltung von Arch zu übernehmen. Bis die verantwortlichen Betreuer mit ihrer Arbeit zufrieden sind, vergeht beispielsweise bei LibreOffice oft eine Woche. Eine neue Version des Gnome-Desktops steckt in der Regel fast einen Monat lang in den “Testing”-Repositories, bis die neuen Pakete alle Arch-Anwender erreichen. Daher müssen Sie bei Arch Linux nicht befürchten, mit der heißen Nadel gestrickte Software zu erhalten. 

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