Webbrowser erfüllen unterschiedliche Ansprüche. Min verspricht Konzentration auf das Wesentliche und will mit einfachen Mitteln ablenkungsfreies Arbeiten bieten.
In den letzten Jahren hat sich der Webbrowser für viele Anwender zum meistgenutzten Werkzeug am Computer entwickelt. Wir verbringen im Browser Arbeits- und Freizeit und richten uns unsere Schnittstellen zum Internet sehr individuell ein, abgestimmt auf unsere Arbeitsabläufe und Vorlieben. Die großen Browser wie Mozilla Firefox und Google Chrome bringen dazu zahlreiche Erweiterungen, Themes und weitere Anpassungsmöglichkeiten mit. Die Browser-Dickschiffe liefern sich beständig eine Schlacht um die Gunst der Nutzer. Durch Verträge mit Suchmaschinenherstellern finanziert Mozilla etwa nicht nur den Browser selbst, sondern zu großen Teilen die gesamte Mozilla-Stiftung.
Dass es auch anders geht, wollen immer wieder kleine Teams und einzelne Entwickler beweisen, indem sie alternative Browser erstellen. Sie entstehen meist auf Basis von Webkit oder der daraus von Google abgespalteten Blink-Engine. Oft verläuft das im Sand: Die Browser setzen sich nicht genügend von der Konkurrenz ab, finden nicht ausreichend Anwender, oder die Herausforderungen an die ständig erforderliche Aktualität überfordern die Entwickler. Manchmal klappt es aber auch, wie etwa beim leichtgewichtigen Browser Qupzilla [1], der nach acht Jahren Entwicklung bei KDE Unterschlupf fand [2] und dort jetzt unter dem neuen Namen Falkon den Standardbrowser Konqueror ablöst.
Ganz anders geht der Entwickler des minimalistischen Webbrowsers Min [3] die Sache an. Er setzt nicht auf eine Rendering-Engine der Großen, sondern baut seinen Browser ganz auf CSS, Javascript und die Build-Plattform Electron [4] auf. In Sachen Oberfläche versteht sich Min hervorragend aufs Weglassen, nach dem ersten Start präsentiert das Browser-Fenster abgesehen von der Menüleiste ziemlich viel weiße Fläche. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, dem bietet der kleine Open-Source-Browser einige nützliche Eigenschaften. Geht es etwa um ablenkungsfreies Arbeiten, schlägt die Stunde von Min.
Das Herunterladen des Minimal-Browsers gestaltet sich einfach. Sie klicken auf der Webseite auf den Download-Knopf und erhalten die für Sie passende, knapp über 40 MByte große Version, sofern Sie eine auf Debian basierende Distribution oder Mac OS X verwenden. Nutzen Sie hingegen eine RPM-basierte oder eigenständige Distribution, wie etwa Solus oder KaOS, dann müssen Sie Min selbst aus den Quellen bauen. Alternativ starten Sie das im DEB-Paket enthaltene Binary direkt – der Kasten “Min direkt starten” zeigt, wie das geht. Eine Variante für Windows und der Quellcode findet sich nur auf GitHub [5].
Min direkt starten
Um das Min-Debian-Paket auf anderen als DEB-basierten Distributionen einzusetzen, müssen Sie es wie in Listing 1 gezeigt entpacken. Dabei entsteht im aktuellen Verzeichnis der Pfad usr/bin/min/, ein Klick auf min startet dann den Browser.
Listing 1
$ cd ~/Downloads $ mkdir min-test $ cd min-test $ dpkg -x ../min_1.6.2_amd64.deb
Viel Freifläche
Beim ersten Start sehen Sie sich einer weißen Seite gegenüber. Darüber prangt ein Menü, darunter eine Tab-Leiste mit dem leeren Reiter Neuer Tab. Über die Einstellungen lässt sich bei Bedarf ein sogenannter Dark Mode aktivieren, der den gesamten Browser in ein dunkles Kleid hüllt. Am rechten Rand sehen Sie ein Plus-Zeichen für einen neuen Reiter sowie ein “Hamburger”-Menü-Icon mit drei waagerechten Strichen. Dahinter verbirgt sich in diesem Fall allerdings nur der Eintrag Aufgaben, zu dem wir später noch kommen. Weitere Bedienelemente gibt es nicht. Neue Reiter öffnen sich immer rechts vom aktuellen Tab.
Weder im Menü noch im recht sparsamen Einstellungsdialog (Abbildung 1) fand sich zum Testzeitpunkt eine Möglichkeit, die Sprache des Browsers umzustellen. Auf eine Anfrage beim Entwickler via Github kam postwendend die Antwort, Min sei noch nicht lokalisiert – falls wir jedoch die Übersetzung übernehmen wollten, würde er eine Version mit deutscher Lokalisierung veröffentlichen. Wir stimmten dem Vorschlag zu, und nach nicht einmal einer Woche erschien Min 1.6.2, der auf Deutsch umschaltet, wenn er eine deutsch lokalisierte Umgebung vorfindet.
Das Menü links oben besteht aus den Unterpunkten Datei, Bearbeiten, Ansicht, Entwickler, Fenster und Hilfe. Der erste Blick sollte dem letzten Menüpunkt gelten: Hier findet sich eine Intro-Tour, die einige der Besonderheiten des Browsers erläutert (Abbildung 2). Dazu scrollen Sie die Webseite herunter und machen sich so mit dem Konzept des Browsers vertraut.
Die URL-Leiste von Min, die zugleich als Suchleiste dient, versteckt sich hinter dem jeweils aktuellen Tab. Ein Klick darauf bringt die Leiste zum Vorschein und erlaubt die Eingabe einer URL oder eines Suchbegriffs. Als Suchmaschine nutzt der Browser in der Voreinstellung DuckDuckGo [6], als Alternativen stehen die sprichwörtlich üblichen Verdächtigen zur Auswahl. Dazu gesellt sich die Suchmaschine Startpage [7] hinzu, der viele Anwender wegen der als besser empfundenen Bedienlogik den Vorzug vor DuckDuckGo geben.
Tabs und Bookmarks
Die Farbe der Tab-Leiste passt sich wie beim Konkurrenten Vivaldi der jeweiligen Kopffarbe der Webseite an. Länger nicht benutzte Tabs grauen aus; bewegt man den Mauszeiger darauf, erscheint das Symbol zum Schließen des Tabs (Abbildung 3). Der aktuelle Tab zeigt ein dem Hamburger-Menü ähnliches Symbol, hinter dem sich die Leseansicht befindet, die es auch in Firefox unter dem gleichen Namen gibt. Sie blendet störende Elemente einer Webseite aus und belässt nur das Wesentliche. Allerdings gehen dabei auch die Verlinkungen verloren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Leseansicht lässt alles Überflüssige weg und erlaubt die Konzentration auf den eigentlichen Inhalt.
Die jeweils offenen Tabs lassen sich in Aufgaben organisieren (Abbildung 5). Dazu dient das bereits erwähnte Hamburger-Menü rechts oben. Ein Klick darauf zeigt vorhandene Aufgaben an, lässt Sie neue erstellen und benennen sowie einzelne Seiten oder ganze Aufgaben löschen. Min bietet dabei die Möglichkeit, Seiten innerhalb einer Aufgabe umzuorganisieren und zwischen Aufgaben zu verschieben. Beim nächsten Start von Min bleibt die Struktur der Aufgaben erhalten. Der Fokus-Mode im Menüpunkt Ansicht versteckt alle Tabs außer dem aktuell benutzten. In diesem Modus lassen sich auch keine neuen Tabs öffnen.

Abbildung 5: Tabs lassen sich in Aufgaben gruppieren, die bei vielen Tabs die Übersicht erleichtern.
Besonderheiten
Auch bei den Lesezeichen verhält sich Min etwas eigenwillig und speichert alle besuchten Webseiten in seinem Verlauf ab. Das erlaubt, per URL oder auch nach dem Inhalt der Webseite zu suchen, inklusive einer Fuzzy Search [8]. Sie können also statt nach spiegel.de verkürzt nach spon suchen. Seiten in der “Leseansicht” behält Min für 30 Tage im Speicher, sodass der Seitenaufruf auch ohne Netzwerkverbindung funktioniert.
Min spielt seine Stärken in Sachen Geschwindigkeit besonders bei intensiver Nutzung der Tastatur aus. Hierzu bringt der Browser von Haus aus viele Tastaturkürzel zur Navigation und für Browser-Aktionen mit [9]. Ebenso erleichtert der integrierte Adblocker (basierend auf Easylist und EasyPrivacy [10]) das ungestörte Arbeiten. Zusätzlich gibt es die Option, Skripte und Bilder auf Webseiten zu blockieren. Auch an Entwickler wurde gedacht, die entsprechenden Werkzeuge erhielten einen eigenen Menüpunkt.
Fazit
Min ist keine Konkurrenz für die großen Webbrowser und will es auch gar nicht sein. Der Browser setzt sich zum Ziel, Anwendern das produktive Arbeiten so stress- und ablenkungsfrei wie möglich zu gestalten. Dabei setzt er stark auf Reduktion, um den Fokus auf die eigentliche Arbeit zu lenken. Flash unterstützt Min bewusst nicht. Um mit Min optimal zu arbeiten, lassen Sie am besten die Maus weg und steuern den Browser per Tastatur.
Die größte Schwäche von Min liegt in der bislang fast völlig fehlenden Dokumentation. So muss sich der Neuankömmling den Browser spielerisch durch Ausprobieren erobern. Min wird behutsam, aber stetig entwickelt und verfügt inzwischen nach Angaben der Entwickler bereits über die meisten geplanten Funktionen. Suchen Sie einen schnellen Browser, der nicht ablenkt, dann sollten Sie Min eine Chance geben.
Infos
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Qupzilla: https://qupzilla.com
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“Qupzilla is moving under KDE”: http://blog.qupzilla.com/2017/08/qupzilla-is-moving-under-kde-and.html
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Electron: https://electron.atom.io
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GitHub: https://duckduckgo.com
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Startpage: https://www.startpage.com/deu
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Fuzzy Search: https://de.wikipedia.org/wiki/Unscharfe_Suche
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Tastaturkürzel: https://github.com/minbrowser/min/wiki#keyboard-shortcuts
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Adblocker: https://easylist.to








