Die Entwickler preisen die neue Version 54 als “besten Firefox aller Zeiten” an. Tatsächlich verspricht der unter der Haube runderneuerte Webbrowser einen deutlichen Geschwindigkeitsschub.
Drei Webbrowser-Zeitalter prägten die letzten 20 Jahre Internet-Geschichte. Bis Mitte 2004 kontrollierte Microsoft mit seinem Internet Explorer das Geschehen. Über 80 Prozent der Anwender griffen auf den Standardbrowser von Windows zurück. Mit dem schlanken und via Addons erweiterbaren Firefox traf Mozilla ab 2005 den Nerv der Zeit. Zu seinen Spitzenzeiten konnte Firefox knapp 48 Prozent der User hinter sich vereinen. Seit 2008 rollt Google das Feld von hinten auf: Inzwischen favorisieren drei von vier Surfern Chrome als Webbrowser [1].
Firefox liegt (je nach Statistik) derzeit bei 11 bis 14 Prozent Marktanteil. Um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, hat sich Mozilla für die Zukunft viel vorgenommen: Mit dem Projekt Electrolysis [2] genannten Multiprozess-Firefox [3] krempeln die Entwickler den Browser komplett um. Den gerade frisch veröffentlichten Firefox 54 [4] nennt einer der beteiligten Entwickler enthusiastisch den besten Firefox aller Zeiten [5].
Vierzylinder
Bei Firefox e10s (so die Abkürzung für Electrolysis) soll jeder Tab sowie die Oberfläche in einem eigenen Prozess laufen (Abbildung 1). Das verspricht schnellere Ladezeiten sowie mehr Sicherheit und Stabilität. Sämtliche Tabs arbeiten unabhängig voneinander: Bewirkt eine schadhafte Webseite einen Absturz, hängt nur der entsprechende Prozess und der damit verbundene Tab. Alle anderen Webseiten und der Browser selbst laufen ungestört weiter.

Abbildung 1: Firefox 54 mit Electrolysis verlagert Oberfläche und Web-Inhalte jeweils in eigene Prozesse. (CC BY-SA 3.0, Quelle: Dan Callahan, Belén Albeza)
Mit Firefox 54 schaltet Mozilla Electrolysis nun erstmals automatisch für die Anwender scharf – allerdings nur für jene, die keine Addons verwenden. Davor war dies generell nur mit der für Entwickler gedachten “Nightly”-Version möglich. Als Anwender merken Sie zunächst nichts von der Änderung. Die neue Firefox-Version sieht und fühlt sich zunächst genauso an wie die vorherigen Ausgaben des Browsers.
Ob Electrolysis aktiv ist, lässt sich mithilfe der Informationen zur Fehlerbehebung über about:support erkennen. Steht hinter Fenster mit mehreren Prozessen die Zeile 1/1 (aktiviert (Standard)) nutzt Firefox mehrere Prozesse (Abbildung 2). Die Zahlenkombination 1/1 steht dabei für die Anzahl aktuell geöffneter Firefox-Fenster.

Abbildung 2: Die Ausgabe bei Fenster mit mehreren Prozessen aus about:support zeigt, dass Electrolysis aktiv ist.
Da Firefox mit Electrolysis-Plugins die einzelnen Tabs voneinander logisch trennt, blockieren allerdings eine Reihe von beliebten Erweiterungen die Funktion. Dazu gehörte in der Vergangenheit etwa NoScript [6]. Inzwischen haben die meisten Addon-Entwickler allerdings reagiert und ihre Anwendungen entsprechend aktualisiert.
Es gibt im Erweiterungen-Shop von Mozilla jedoch noch immer diverse Browser-Ergänzungen, bei denen das noch nicht geschehen ist. Nutzen Sie ein betroffenes Addon, zeigt das entsprechende Feld aus about:config lediglich 0/1 (deaktiviert wegen Add-ons) an.
Inkompatibilitäten
In einem solchen Fall müssen Sie das inkompatible Addon deaktivieren. Sie finden den Schuldigen am einfachsten über den Add-on Compatibility Reporter [7]. Die Erweiterung fügt in der Erweiterungsübersicht unter about:addons eine zusätzliche Spalte ein: Hinter jedem Eintrag steht dann Compatible with Multiprocess_Firefox beziehungsweise Not compatible with Multiprocess_Firefox.
Ein typischer Kandidat für ein inkompatibles Addon wären die bei Ubuntu automatisch vorinstallierten Ubuntu Modifications (Abbildung 3). Um e10s unter Ubuntu 17.04 zu aktivieren, müssen Sie daher dieses Addon erst einmal abschalten oder den Multiprozess-Firefox per Konfiguration erzwingen (siehe Kasten “Auf Kommando”).

Abbildung 3: Ubuntu-User müssen für den Multiprozess-Firefox das Addon Ubuntu Modifications von Hand deaktivieren.
Damit nutzt Firefox 54 jedoch immer noch nicht unbedingt mehrere Prozesse. Sie müssen in der Konfigurationsdatenbank unter about:config noch die Option dom.ipc.processCount ändern. In der Regel ist hier eine 1 eingetragen. Jeder Wert über 1 steht für einen weiteren Firefox-Prozess, den der Browser bei Bedarf startet. Mozilla empfiehlt als Maximalwert 4, da mit jedem Prozess der Speicherverbrauch steigt, zu viele Prozesse aber kaum mehr Vorteile bringen (Abbildung 4). Programme zur Systemüberwachung zeigen Ihnen die einzelnen Prozesse an (Abbildung 5). Alternativ liefert das Kommando pgrep -c -f firefox die Anzahl der von Firefox gestarteten Prozesse (plus einen für die Oberfläche).

Abbildung 4: Die Anzahl der von Firefox gestarteten Prozesse lässt sich in den Einstellungen anpassen.

Abbildung 5: Die Systemüberwachung zeigt, dass der Firefox 54 das Rendern von Webinhalten (Web Content) auf mehrere Prozesse verteilt.
Auf Kommando
Traditionelle Addons sind bei Mozilla ein Auslaufmodell, mit Version 57 planen die Firefox-Entwickler komplett auf WebExtensions [12] umzustellen. Mithilfe dieser Browser-API lassen sich Addons mit relativ geringem Aufwand gleich für alle gängigen Browser (Firefox, Chrome, Edge) entwickeln. Klassische Erweiterungen kommen zudem oft nicht mit dem Multiprozess-Firefox zurecht. Der Browser aktiviert diese Funktion daher nicht, wenn er eine inkompatible Erweiterung vorfindet. Sie stehen dann vor der Wahl, entweder ein liebgewonnenes Addon weiter zu nutzen oder den Multiprozess-Firefox. Als Ausweg erzwingen Sie e10s via about:config. Dort legen Sie mit browser.tabs.remote.force-enable einen neuen Boolean an. Als Wert wählen Sie true aus. Ein Neustart aktiviert dann den Multiprozess-Firefox zwangsweise. Bei Problemen sollten Sie jedoch besser auf die fragliche Erweiterung verzichten – oder eben auf e10s.
Immer ansprechbar
Im Test änderten sich über mehrere Benchmarks hinweg die Leistungswerte von Firefox 53 zur Version 54 allerdings nur marginal (siehe Tabelle “Leistungsvergleich”). Der Unterschied fällt eher in der Praxis auf: Öffneten wir Firefox 53 ohne e10s (siehe Kasten “Abgeschaltet”) und starteten den Javascript-Benchmark Jetstream [8] in zwei Browserfenstern, ließ sich Firefox auf dem Testrechner so gut nicht mehr bedienen. Andere Webseiten luden nicht mehr, die Oberfläche fror ein.
Mit Firefox 54 und aktiviertem Electrolysis ließ sich der Browser hingegen selbst mit den zwei oder mehr laufenden Benchmarks weiter ohne Beeinträchtigungen bedienen. Die Ergebnisse der Leistungsmessungen lagen in diesem Fall zwar etwas unter jenen von Firefox ohne e10s, doch in der Praxis lässt sich das zugunsten einer stets flüssig zu bedienenden Oberfläche verschmerzen. Im Alltagstest fällt die neue Geschmeidigkeit besonders mit leistungshungrigen Webseiten wie Firefox oder Google+ auf.
Dabei hält sich der Speicherverbrauch in Grenzen. Messungen von Mozilla-Entwicklern ergaben, dass Firefox unter Linux weniger Arbeitsspeicher in Beschlag nimmt als Chrome [9]. Dasselbe gilt für Firefox unter Mac OS X und Windows. Dort muss sich der aktuelle Firefox nur dem Internet Explorer geschlagen geben. Microsofts aktueller Edge-Browser hingegen belegt wieder deutlich mehr Arbeitsspeicher. Firefox bietet sich daher besonders auf Systemen mit wenig Arbeitsspeicher als Alternative zu Chrome an.
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Benchmark |
Firefox 53 |
Firefox 54 |
Chrome 59 |
Opera 45.0 |
|---|---|---|---|---|
|
Jetstream 1.1 |
142,7 |
141,0 |
315,8 |
223,1 |
|
Sunspider 1.0.21 |
297,7 |
259,3 |
315,8 |
223,1 |
|
Peacekeeper1 |
4447,3 |
5764,7 |
4385,7 |
3853 |
|
Höhere Werte sind besser. 1 Benchmark wird nicht mehr gepflegt |
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Abgeschaltet
Im Lauf der Tests erwies sich der Multiprozess-Firefox als subjektiv weniger stabil als der herkömmliche Firefox. Bei mehreren geladenen Webseiten, die intensiv Javascript nutzen (wie etwa den Browser-Benchmarks), treten des Öfteren Abstürze auf. Sie reißen dank e10s zwar nicht den ganzen Browser mit, doch stören sie oft so sehr, dass man Electrolysis abschalten möchte. Öffnen Sie dazu about:config, und setzen Sie die Option browser.tabs.remote.autostart von true auf false. Nach einem Neustart nutzt Firefox nur noch einen Prozess.
Fazit
Laut Software-Entwickler Ronan Cremin hat sich das Volumen einer Webseite über die letzten sechs Jahre hinweg mehr als verdreifacht [10]. Der Aufruf einer durchschnittlichen Webseite lädt eine Datenmenge aus dem Netz, wie man sie früher für das komprimierte Setup des Computerspiels Doom herunterladen musste. Dieser Entwicklung passt sich der neue Multiprozess-Firefox 54 nun endlich an. Wer viel mit Tabs arbeitet und zwischen Firefox, Chrome und Co. hin- und herspringt, spürt die Verbesserungen deutlich.
Allerdings gibt es noch viel zu tun: Im Test ließ Electrolysis vereinzelt Browser-Tabs abstürzen. Ebenso gibt es immer noch zahlreiche inkompatible Erweiterungen [11]. Für den “besten Firefox aller Zeiten” bleibt also noch Luft nach oben – besonders, wenn man sich daran erinnert, wie Phoenix und Firebird (Firefox musste mehrmals seinen Namen ändern) den Nutzer aus den Klauen des Internet Explorers befreiten. Der Weg stimmt jedoch auf jeden Fall.
Infos
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Browser-Statistiken: https://www.w3schools.com/browsers/
-
Electrolysis: https://wiki.mozilla.org/Electrolysis
-
Multiprozess-Firefox: https://developer.mozilla.org/de/Firefox/Multiprocess_Firefox
-
Release Notes zu Firefox 54.0: https://www.mozilla.org/en-US/firefox/54.0/releasenotes
-
“The Best Firefox Ever”: https://blog.mozilla.org/blog/2017/06/13/faster-better-firefox
-
“NoScript add-on does not work with e10s”: https://bugzilla.mozilla.org/show_bug.cgi?id=1058542
-
Add-on Compatibility Reporter: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/add-on-compatibility-reporter/
-
Jetstream: http://browserbench.org/JetStream
-
“Firefox memory usage with multiple content processes”: http://www.erahm.org/2017/05/15/firefox-memory-usage-with-multiple-content-processes/
-
“The web is Doom”: https://mobiforge.com/research-analysis/the-web-is-doom
-
“Are we e10s yet?”: https://www.arewee10syet.com
-
WebExtensions: https://developer.mozilla.org/de/Add-ons/WebExtensions





