Sicherheitslücken mit dem Network Security Toolkit aufspüren

Aus LinuxUser 04/2017

Sicherheitslücken mit dem Network Security Toolkit aufspüren

© aleksanderdn, 123RF

Netzprüfung

Das Absichern von Netzen gegen Angreifer ist keine triviale Aufgabe. Das Network Security Toolkit hilft dabei, bevor es zu spät ist.

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Administrators gehört es, das betreute Netzwerk von Schadsoftware und Eindringlingen freizuhalten. Dabei darf er nicht abwarten, bis das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, sondern muss vorausschauend mögliche Schwachstellen ausfindig machen und nach einer anschließenden Analyse stopfen.

Unter Linux gibt es für diese Aufgabe unzählige Werkzeuge, sodass man zunächst die Spreu vom Weizen trennen muss – oder aber gleich zu einer auf diese Aufgabe spezialisierten Distribution greift. Das Network Security Toolkit NST [1], bereits seit Jahren sorgfältig gepflegt und weiterentwickelt, wartet mit einem bunten Reigen von Test- und Prüfwerkzeugen auf, die auch exotische Sicherheitslücken ausfindig machen.

Einstieg

Das auf Fedora basierende NST erhalten Sie als rund 2,8 GByte großes 64-Bit-ISO [2]. Das Hybrid-Abbild lässt sich sowohl von einem optischen Datenträger aus einsetzen als auch von einem USB-Stick oder aus einer virtuellen Maschine (VM).

Nach dem Start zeigt NST in Grub mehrere Optionen an: Neben dem Live-Betrieb ohne Desktop-Umgebung auf der Konsole steht der Start mit einer grafischen Umgebung zur Wahl. In diesem Fall startet das System mit dem Maté-Desktop (in der Version 1.14.1) und präsentiert sich mit einem wenig spektakulären Erscheinungsbild (Abbildung 1).

Abbildung 1: Auf den ersten Blick lässt sich bei NST kaum ein Unterschied zu einer herkömmlichen Distribution erkennen.

Abbildung 1: Auf den ersten Blick lässt sich bei NST kaum ein Unterschied zu einer herkömmlichen Distribution erkennen.

Auf dem Desktop liegen neben wenigen Standard-Symbolen die beiden Icons Install NST To Hard Drive und Set NST System Passwords. Falls Sie die Werkzeugsammlung live einsetzen möchten, sollten Sie als Erstes die Tastaturlokalisierung auf die deutsche Belegung umstellen. Dazu nutzen Sie den Ncurses-Dialog über das Menü System | Administration | Keyboard.

Für den stationären Betrieb empfiehlt sich jedoch der Einsatz auf einer dedizierten Maschine oder in einem virtuellen System. Dadurch lassen sich auch problemlos Daten und Updates speichern, die auf einem optischen Datenträger oder auf einem USB-Stick ohne persistenten Speicherbereich beim Beenden der Sitzung mangels Schreibfähigkeit unweigerlich verloren gehen.

Virtuelle Maschine

NST lässt sich sowohl unter Oracles Virtualbox als auch unter VMware in einer VM betreiben. Sofern Sie das Fedora-Derivat unter Virtualbox installieren möchten, empfiehlt es sich, der VM mindestens 1,5 GByte RAM und zwei CPU-Cores zuzuweisen. Ansonsten arbeitet die Distribution äußerst langsam und träge. Auf älteren Core2-Duo-Prozessoren für Desktops und Notebooks lässt sich das Toolkit damit nur eingeschränkt nutzen, da diese kein Hyper-Threading beherrschen und lediglich zwei physische Kerne besitzen.

Sobald Sie anschließend auf Ihrem System die Virtualisierungsumgebung gestartet und darin die VM mit dem ISO-Image als Startmedium angelegt haben, bootet das System in den Maté-Bildschirm, von wo aus Sie über Install NST To Hard Drive den Fedora-Installer Anaconda aufrufen.

In nur drei Schritten – Lokalisierung, Partitionierung und Passwortvergabe – packt der Assistent das System auf den virtuellen Massenspeicher. Anschließend schalten Sie die VM aus und entfernen im Konfigurationsdialog der Virtualisierungsumgebung das ISO-Image aus der Laufwerksverwaltung. Der Neustart des Network Security Toolkits geschieht nun – deutlich zügiger als zuvor – vom virtuellen Massenspeicher.

Sofern Sie bei der Installation noch keinen Benutzer angelegt haben, meldet sich nach dem ersten Start automatisch erneut der Installer Anaconda mit dem Dialog zum Anlegen eines Benutzers. Nach einem Klick auf Konfiguration abschließen unten rechts im Anaconda-Dialog beendet sich der Assistent und öffnet den Login-Bildschirm.

Anschließend erreichen Sie die deutsch lokalisierte Arbeitsumgebung. Beachten Sie bitte, dass sich aufgrund der technischen Beschaffenheit virtueller Maschinen grundsätzlich eine Einschränkung im Einsatz von NST in einer solchen Umgebung ergibt: So funktionieren beispielsweise keine WLAN-Tools, da lediglich virtuelle Ethernet-Anschlüsse bereitstehen.

Menüs

NST integriert den größten Teil der auf Sectools.org [3] gelisteten Sicherheitsapplikationen. Sie finden daher im System zwar die standardisierte hierarchische Menüstruktur vor, der Programmfundus weist jedoch erhebliche Unterschiede zu den gängigen Allround-Desktops auf.

So finden Sie im Untermenü Anwendungen | Internet eine ganze Reihe bekannter Sicherheitswerkzeuge von Airsnort und dem Angry IP Scanner über Etherape und Ettercap bis hin zu Tcptrack und WiFi Radar. Im Untermenü Systemwerkzeuge tummeln sich weitere Analysetools wie Cockpit, Traceroute oder Wireshark. Hier findet auch Sectool seinen Platz, ein zum Fedora-Fundus gehörendes Auditing-Tool (Abbildung 2).

Abbildung 2: Fedoras Sectool erlaubt eine erste Prüfung des Systems auf Schwachstellen.

Abbildung 2: Fedoras Sectool erlaubt eine erste Prüfung des Systems auf Schwachstellen.

Webbasiert: WUI

Da die in den Menüs aufgelisteten Tools bei Weitem nicht den kompletten Bestand an vorhandenen Werkzeugen widerspiegeln, jedoch die Aufnahme aller Applikationen die Menüs überfrachtet hätte, haben die Entwickler des NST die meisten Pakete in das sogenannte WUI (“Web User Interface”) ausgelagert, das sich in jedem Browser öffnen lässt.

Um diese Oberfläche zu nutzen, müssen Sie auf dem NST-System die Authentifizierungsdaten anpassen. Das erfolgt im Terminal über den Befehl nstpasswd oder alternativ im Eingangsbildschirm durch Anklicken des Icons Set NST System Passwords. Mit dem Anpassen der Authentifizierungsdaten im Terminal starten gleichzeitig der SSH- sowie der HTTPS-Server, sodass Sie sich von entfernten Rechnern aus über eine verschlüsselte Verbindung anmelden können. Bei der Installation auf einer Festplatte genügt es, die Authentifizierungsdaten nur einmal zu ändern; beim Nutzen optischer Datenträger als Startmedium müssen Sie bei jedem Neustart die Passwörter neu anlegen.

Danach öffnen Sie den Webbrowser, der als Startseite bereits das NST-Interface aufruft. Hier geben Sie die zuvor hinterlegten Authentifizierungsdaten ein. Möchten Sie anstelle der angebotenen ungesicherten HTTP-Verbindung einen abgesicherten Zugriff sicherstellen, rufen Sie die URL https://127.0.0.1:9943 auf. Die ungesicherte Verbindung erfolgt dagegen über Port 9980.

Im optisch recht rustikal wirkenden Übersichtsfenster des Toolkits (Abbildung 3) stehen unten Daten und Hinweise, oben finden Sie eine Menüleiste. Sie enthält in hierarchisch gegliederten Untermenüs die einzelnen Tools. Für Kommandozeilenwerkzeuge erscheint jeweils unterhalb der Menüleiste eine Terminalanzeige mit den entsprechenden Ein- und Ausgaben, in vielen Fällen um kontextsensitive Informationen ergänzt.

Abbildung 3: Optisch altbacken, aber funktionell: das Hauptfenster der webbasierten Oberfläche von NST.

Abbildung 3: Optisch altbacken, aber funktionell: das Hauptfenster der webbasierten Oberfläche von NST.

Über das Menü Docs erreichen Sie zahlreiche Programmdokumentationen. Manche sind als Wiki aufbereitet, andere beschäftigen sich mit bestimmten Skripten und erklären die Nutzung des Toolkits. Außerdem finden Sie hier Links zur Kontaktaufnahme mit den Entwicklern sowie Listen der vorhandenen Pakete.

Das Menü Tools bringt Systemwerkzeuge auf den Desktop. Dazu gehören Dateikonverter, Terminals und Editoren, aber auch Entwicklerwerkzeuge. Im Menü System lagern Applikationen zur Systemkonfiguration sowie zum Anpassen von Diensten wie Cups oder Apache. Hier sehen Sie auch Erweiterungen und Updates für NST und stoßen bei Bedarf deren Installation an. Die Serverdienste müssen Sie in der Regel nicht weiter konfigurieren. Daneben umfasst dieses Menü Tools für virtuelle Umgebungen, Betrachter für Logdateien sowie verschiedene Dateimanager.

Das Menü Network beschäftigt sich mit netzwerkspezifischen Problemstellungen. Hier finden Sie neben Monitoring-Software und Analyseprogrammen auch verschiedene Anwendungen zu NFS- und CIFS-Diensten sowie diverse Werkzeuge für WLANs. Das Menü Security enthält zahlreiche Sicherheitsapplikationen, die sich in Einbruchserkennungssysteme (Untermenü Intrusion Detection), aktive und passive Netzwerkscanner sowie Virenscanner untergliedern.

Der Werkzeugkasten umfasst unter anderem Etherape, Hping, Inetvis, OpenVAS, Nikto, Nmap und Xprobe 2 sowie als Virenscanner für den Einsatz in heterogenen Umgebungen ClamAV, ClamWin, McAfee und Norton. Hier finden sich auch Verweise zu nützlichen Informationen.

Unter den Geolocation Tools organisiert NST Programme, mit denen Sie beispielsweise – grafisch anspruchsvoll aufbereitet – einzelne Rechner oder ganze Netze auf dem Globus lokalisieren und anzeigen. Verschiedene Werkzeuge zum Generieren von Hash-Werten und Passwörtern runden das Angebot ab.

Wesentlich weniger umfangreich fällt dagegen das Untermenü Database aus, das sich auf Werkzeuge für die Datenbanken PostgreSQL und MariaDB kapriziert. Der letzte Menüeintrag rechts, ein X, fasst die vorgenannten Gruppen zusammen und integriert zusätzlich einzelne Anwendungen zum Netzwerk- und Systemmanagement aus den Standardmenüs von Maté (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Menüs von NST sind generell gut gefüllt und bringen vieles Wichtige von Haus aus mit.

Abbildung 4: Die Menüs von NST sind generell gut gefüllt und bringen vieles Wichtige von Haus aus mit.

Direkt über der Menüleiste gibt es links einige Schalter, von denen der Screen-Button ganz außen die Dokumentation in der Ansicht öffnet sowie – gruppiert nach den Menübezeichnungen – die Applikationen als ausführbare Links in einer Tabellenansicht zeigt. An dieser Stelle finden Sie einige grundlegende statistische Daten, wie beispielsweise die Zahl der am System angemeldeten Benutzer sowie die Anzahl der laufenden Prozesse. Außerdem rufen Sie hier die in den Gruppen zusammengefassten Anwendungen direkt über den entsprechenden Link auf. Damit entfällt der umständlichere Weg über die vollgepfropften Menüs.

Alleinstellungsmerkmal

IT-Sicherheitsaspekte müssen durchaus keine knochentrockene Angelegenheit auf der Kommandozeile ausschließlich für Geeks sein, wie NST mit seiner Geolokationsoption beweist. Sie ermittelt die Standorte verschiedener Hosts, zwischen denen Verbindungen bestehen, und zeigt diese auf einer Weltkarte an, wobei Änderungen nahezu in Echtzeit erscheinen. Als Grundlage dafür dienen Dienste von Google, eigene Skripte und Datenbanken sowie Traceroute und Ntop.

Da das Ermitteln des Standorts bequem in der webbasierten Oberfläche geschieht, müssen Sie dazu keine Terminalbefehle absetzen. Welche Möglichkeiten der Geolokation NST bietet und wie sie sich nutzen lassen, erklärt ausführlich das englischsprachige Wiki [4]. Dabei erleichtern Screencasts den Einstieg (Abbildung 5).

Abbildung 5: Vorhandene Verbindungen lassen sich mittels Geolokation plastisch darstellen.

Abbildung 5: Vorhandene Verbindungen lassen sich mittels Geolokation plastisch darstellen.

Im Einsatz

Insbesondere Einsteiger und weniger geübte Administratoren dürften sich beim Erstkontakt mit NST vom gewaltigen Umfang an Applikationen geradezu erschlagen fühlen. Die teils unübersichtliche Menüstruktur im WUI zieht zudem vor allem für weniger versierte Anwender einen erheblichen Aufwand für die Suche nach einer bestimmten Anwendung nach sich. Um dieses Manko zu mildern, gibt es optional noch eine vereinfachte Oberfläche, die Sie aus dem Startbildschirm heraus durch einen Klick auf den Button NST WUI (Simplified) erreichen.

Die Routine verzweigt in eine Listenansicht mit lediglich vier Gruppen von Werkzeugen: Network Tools, System Information, System Administration und Serial Port Tools. Da die Entwickler hier auch die entsprechenden Untergruppen aufgeräumt haben, eignet sich diese Ansicht erheblich besser für den Einstieg.

Durch aussagekräftigere Bezeichnungen für Untergruppen finden Sie bestimmte Tools auch schneller: So enthält die Gruppe Network Tools beispielsweise die Untergruppen Network Sniffer, Network Scanning und Network Monitoring. Unter Network Penetration Testing finden sich Applikationen für Sicherheitschecks. Aus dieser Ansicht heraus lassen sich die Anwendungen innerhalb kurzer Zeit produktiv einsetzen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Das vereinfachte Menü eignet sich bestens für Einsteiger.

Abbildung 6: Das vereinfachte Menü eignet sich bestens für Einsteiger.

Dokumentation

Die umfangreiche Dokumentation zu NST beschreibt nicht nur eingehend die Funktionen der einzelnen Anwendungen, sondern auch den Aufbau des Systems sowie die Funktionsweise der webbasierten Oberfläche.

Sie erreichen die verschiedenen Anleitungen über das Menü Docs und dessen Untergruppen in der herkömmlichen webbasierten Oberfläche. Zusätzlich gelingt das auch über die Untermenüs Package Documentation und NST Project Information in der vereinfachten Arbeitsumgebung.

Darüber hinaus gibt es in den meisten Browseransichten entweder oben oder unten rechts einen NST-Wiki-Button, der das Wiki in einem neuen Reiter öffnet. Damit bleiben bei Unklarheiten keine Fragen mehr offen.

Fazit

Das Network Security Toolkit gehört zum Handwerkszeug eines jeden ernsthaften Administrators. Dabei wirkt die Softwaresammlung aufgrund der vielen Werkzeuge für weniger geübte Anwender zunächst fast abschreckend. Die vereinfachte Oberfläche in Kombination mit einer exzellenten Dokumentation erleichtert den Einstieg hier enorm.

Die webbasierte Umgebung sowie die vorkonfigurierten Dienste verringern den Aufwand für das Nutzen von NST und sorgen für einen reibungslosen produktiven Einsatz im Netz. Das NST platziert sich damit als ideale Anlaufstelle, wenn es darum geht, heterogene Netze gegen Angriffe abzusichern und Sicherheitslücken auf die Spur zu kommen. 

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