Mitte Juli gaben die Entwickler Version 6 der französischen Linux-Distribution Mageia frei. Wir gehen auf Tuchfühlung.
Hinter der Distribution Mageia steckt kein Unternehmen, sondern Entwickler und Anwender. Deren Ansatz ähnelt der Idee hinter Debian: Software zu entwickeln und zu pflegen, die sie selbst benutzen. Seit 2010 veröffentlichte das Mageia-Team [1] jährlich eine neue Ausgabe der Distribution. Im Lauf der letzten Monate liefen die Tests für das sechste Release, das nun vorliegt.
Eine Version, an der die Entwickler noch arbeiten, trägt stets den Codenamen “Cauldron”, was Hexenkessel bedeutet. Das beschreibt nicht nur treffend die Arbeit an einer Distribution, sondern stellt sprachlich einen Bezug zu Mystik und Zauberei her, der an den ursprünglichen Namen Mandrake anknüpft (siehe Kasten “Von Mandrake zu Mageia”).
Von Mandrake zu Mageia
Die französischen Entwickler, die 1998 eine neue Distribution vorstellten, benannten ihr Projekt nach Mandrake, dem Zauberer [5]. Der Zeichner Lee Falk hatte die vom US-Magier Leon Mandrake inspirierte Comic-Figur 1934 ins Leben gerufen. Falks Mandrake schaffte es ins Radio, Theater und Fernsehen sowie – dank Warner Brothers – auf die große Leinwand. Dort taucht Mandrake voraussichtlich Ende 2017 als “Mandrake der Zauberer” mit Sacha Baron Cohen in der Titelrolle erneut auf [6].
Auch die Linux-Welt blieb von der Faszination des Zauberers nicht unberührt. Die vom Unternehmen Mandrakesoft entwickelte Distribution Linux Mandrake basierte auf Red Hat sollte als Betriebssystem für Endanwender dienen (Abbildung 1). Beim ersten Release im Sommer 1998 war der Namensgeber war als Logo der Distribution zu sehen.
Das anfänglich faszinierende Unternehmen ging allerdings durch zahlreiche Fehlentscheidungen sowie das Platzen der Dotcom-Blase in den Sinkflug. Um die Krise abzuwenden, fusionierte Mandrake 2005 mit der brasilianischen Firma Connectiva zur Mandriva S.A.; die Distribution hieß nun Mandriva Linux. Das sollte den Zusammenschluss der beiden Firmen verdeutlichen und einen laufenden Rechtsstreit aufgrund der Namensgleichheit mit der Comic-Figur entschärfen [7].
Zeitgleich kam allerdings der neue Mitbewerber Ubuntu auf dem Markt, der im Gegensatz zu Mandriva stetig an Popularität gewann. Zudem wuchs in der Community die Kritik am Management der Mandriva S.A., insbesondere an deren verstärkter Business-Ausrichtung und mangelnder Kommunikation mit der Community [8].
Zahlreiche Einschnitte und Neubesetzungen im Management konnten den Niedergang und – im Jahr 2010 – den Verkauf der Firma nicht mehr abwenden. Kurz vor der drohenden Insolvenz legte einer der Investoren frisches Geld auf den Tisch, das er aber an einschneidende Bedingungen knüpfte. Unter anderem fiel die Mandriva-Tochter Edge-IT, Arbeitgeber der meisten Entwickler, dem Rotstift zum Opfer.
Der Großteil der Entwickler stand nun auf der Straße. Im September 2010 erstellten sie einen nichtkommerziellen Fork, als Träger des Projekts trat die Non-Profit-Organisation Mageia auf den Plan. Daneben gingen aus Mandriva Linux gingen zwei weitere freie Forks hervor – PCLinuxOS [9] und ROSA Linux [10] – an beiden arbeiten aktiv Entwickler.
Auch Mandriva S.A. versuchte schließlich, die Distribution als Community-Projekt fortzuführen. So entstand im Dezember 2012 die OpenMandriva Association [11], die seitdem mehr oder weniger pünktlich zu jedem Jahresende ein neues Release der Distribution OpenMandriva Lx freigibt. Die Mandriva S.A. selbst existiert seit 2015 nicht mehr.
Während neue Nutzer mithilfe von Mageia einen möglichst stolperfreien Einstieg in Linux erhalten sollen, fokussiert Debian mehr auf die Nutzer, die bereits über längere Erfahrung im Umgang mit Linux verfügen und genau wissen, was sie wollen. Ubuntu empfiehlt sich zwar ebenfalls für Einsteiger, limitiert die Vorauswahl der Software jedoch auf ein Programm pro Kategorie.
Mageia gibt sich da offener, wie ein Blick in die Kategorien der Softwaredatenbank (“Mageia App Db”) zeigt, die zusätzlich Informationen zu den zuletzt erfolgten Aktualisierungen und Backports (Zurückportierungen neuerer Versionen) beinhaltet (Abbildung 2). Abbildung 3 zeigt die Softwareverwaltung im Mageia Control Center. Darüber aktualisieren Sie installierte Pakete, entfernen nicht mehr benötigte oder ergänzen fehlende Programme auf dem System.

Abbildung 2: Im Gegensatz zu Ubuntu, das ebenfalls auf Ein- und Umsteiger abzielt, bietet Mageia eine größere Vielfalt an Applikationen.

Abbildung 3: Über die Softwareverwaltung im Mageia Control Center halten Sie unter anderem die installierten Paketen auf dem neusten Stand.
Paketierung
In der Praxis äußert sich die Philosophie der Distribution dergestalt, dass das Mageia-Team einen pragmatischen Weg in Bezug auf den Paketmix einschlägt. Mageia steht für die Architekturen i586 und x86_64 bereit, an der Portierung nach ARM arbeiten die Entwickler noch.
Inklusive der von einer Plattform unabhängigen Pakete (noarch) umfasst Mageia mehr als 13?500 Pakete. Diese verteilen sich auf die drei Zweige core, non-free und tainted. Dabei entsprechen main und non-free den gleichnamigen Kategorien bei Debian. Unter tainted fallen hingegen Pakete, die zwar unter freien Lizenzen stehen, aber in einigen Ländern gegen Patente oder das Urheberrecht verstoßen. Dazu gehören etwa Multimedia-Codecs zum Abspielen kommerzieller DVDs.
Zunächst aktiviert Mageia lediglich core mit vollständig freier Software. Die Kategorien non-free und tainted müssen Sie hingegen explizit freischalten (Abbildung 4). Das Image für Mageia Live nutzt Pakete aus den beiden Kategorien core und non-free. Alle Pakete liegen unter /var/local/mga_rpms/Kategorie.

Abbildung 4: Im Mageia Control Center legen Sie fest, aus welchen Kategorien das System Pakete bezieht. Dabei umfasst nur der Zweig »core« komplett freie Software.
Das Mageia-Projekt peilt eine stabile Veröffentlichung jedes Jahr im Sommer an. Das Minor-Release 5.1 im Herbst letzten Jahres war eher unüblich und beruhte auf einer ungeplanten Veränderung in der Teamstruktur.
Mageia 6
Bei der Desktop-Umgebung setzt Mageia 6 auf KDE Plasma 5.8, Gnome 3.24 und XFCE 4.12 (das im Test zum Einsatz kam). Zusätzlich an Bord sind Maté 1.18.2 und Cinnamon 3.2.8 sowie X.org 1.19.3, LibreOffice 5.3.3.2, Firefox 52 ESR, Thunderbird 52 und Chromium 57. Als Kernel kommt die Version 4.9.28 zum Einsatz.
Etliche Werkzeuge haben die Entwickler gründlich überarbeitet: Zum Verwalten der Pakete stehen neben Urpmi mit dem grafischen Frontend Rpmdrake nun auch Yum und DNF bereit. Das Mageia Control Center basiert jetzt auf GTK+ 3, dessen Hilfe auf WebKit 2. Gleichzeitig unterstützt das System von nun an proprietäre Treiber sowie VirtualBox besser.
Viel Arbeit steckten die Entwickler in den Bootloader, der auf Grub 2 basiert. In Folge bedurfte es nicht nur einer entsprechenden Modifikation des Mageia-Installers, sondern auch etlicher systemeigener Werkzeuge. Die Arbeit an einem kritischen Fehler in diesem Bereich sorgte für erhebliche Verzögerungen bei der neuen Veröffentlichung: Es bestand das Risiko, dass der Bug beim Aktualisieren eine bestehende Installation in Mitleidenschaft zieht.
Installation
Als Images stehen auf der Webseite des Projekts [2] derzeit eine Netzwerk-Installation (50 MByte), ein Live-System (1,6 GByte) sowie eine volle DVD (3,6 GByte) mit unterschiedlichen Desktop-Umgebungen bereit. Wir nutzen im Test das Image mit XFCE mit einer Größe von 1,9 GByte.
Um das Betriebssystem sowie dessen Zusammenarbeit mit der Hardware erst einmal zu testen, starten Sie Mageia direkt vom Live-Medium. Bei Rechnern ohne entsprechendes Laufwerk übertragen Sie das ISO-Image auf einen USB-Stick und starten von diesem. Alternativ bietet sich der Betrieb von Mageia als Instanz in einer virtuellen Maschine an.
Die Installation gelingt am einfachsten direkt aus der Live-CD/DVD heraus über die entsprechende Verknüpfung auf dem Desktop. Beachten Sie, dass das System mindestens 7,1 GByte Speicherplatz benötigt, bei weniger bockt es. Der grafische Assistent partitioniert auf Wunsch zuerst die Festplatte, danach prüft er die benötigte Software für das System. Das clevere Angebot, nicht benötigte Softwarepakete abzuwählen, sollten Sie annehmen. Die gesamte Installation benötigt nicht mehr als 30 Minuten inklusive anschließenden Konfiguration und lief im Test reibungslos.
Bei fast jedem Installationsschritt gibt es zusätzliche Schalter für erweiterte Optionen (Advanced Options), die bereits mit sinnvollen Werten vorbelegt sind. Als Kenner nehmen Sie hier das gewünschte Feintuning vor, als Einsteiger belassen Sie die Schalter besser unverändert.
Software
Zur Installation von Software greifen Sie entweder auf urpmi auf der Kommandozeile zurück oder nutzen dessen grafischen Aufsatz Rpmdrake. Den erreichen Sie über das Mageia Control Center oder über den Befehl rpmdrake in einem Terminal. Abbildung 5 zeigt Rpmdrake vor der Installation des Bildbetrachters Geeqie.
Analog zu Apt und Aptitude unter Debian/Ubuntu sowie Yum unter Red Hat/Fedora löst Urpmi im Hintergrund alle Abhängigkeiten sauber auf. Es gibt zudem an, wie viel zusätzlicher Speicherplatz die Installation der neuen Pakete benötigt. Über Mehr Infos erhalten Sie vorab detaillierte Informationen zum Paket – so etwa eine Beschreibung, das Changelog, die im Paket enthaltenen Dateien sowie deren Abhängigkeiten. Liegen diese Informationen noch nicht lokal vor, bezieht das Programm sie vom hinterlegten Mirror über das Netzwerk.
Im Betrieb
Die Zusammenstellung der Software und deren Konfiguration durch die Entwickler beziehungsweise Maintainer wirkte im Test durchdacht. Sie ist auf den Einsatz im Alltag und die angepeilte Zielgruppe der Ein- und Umsteiger von anderen Systemen abgestimmt. Das bedeutet ein Loslegen ohne großes Drama. So funktionierte die Konfiguration des Netzwerks inklusive WLAN sofort, Videos – sogar vom Typ Flash – hakelten nicht (Abbildung 6), und ein Dokumentenbetrachter für PDF zählte zur Standardinstallation.
Viele Handgriffe und Funktionen zum Erkennen der Hardware für Netzwerk, USB oder Bluetooth laufen automatisiert ab, keine verwirrenden Effekte lenken Sie als Benutzer unnötig ab. Fehlende Komponenten, wie etwa die Bürosoftware-Pakete LibreOffice, Abiword oder Gnumeric, installieren Sie bei Bedarf unkompliziert aus dem Repository nach.
Als Dreh- und Angelpunkt für alle Einstellungen dient das grafische Control Center. Selbst erfahrene Anwender nutzen es gern, da es viele Einzelschritte vereinfacht, und man ein gesetztes Ziel in kurzer Zeit erreicht. Änderungen, die Sie direkt über die Konfigurationsdateien der Programme vornehmen, spiegeln sich unverzüglich im Control Center wieder – ein großes Plus. Mit nervtötenden Eigenmächtigkeiten wie bei OpenSuses YaST brauchen Sie hier nicht zu rechnen.
Sie konfigurieren hier außerdem zusätzliche Hardware wie Keyboard, Maus, Scanner und Drucker; diverse Spezialprogramme von Herstellern wie Hewlett-Packard, Epson und Lexmark liegen bei. Selbst an eine Schnittstelle zum Einbinden einer unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) über die Network UPS Tools (NUT [3]) haben die Entwickler gedacht.
Netzwerk und Internet umfassen nicht nur die üblichen Schnittstellen wie Ethernet (Kabel) und WLAN. So können Sie mehrere Profile pro Interface einrichten und Verbindungen teilen. Assistenten für Samba, NFS und WebDAV erleichtern das Einrichten von Freigaben im Netzwerk gelingen.
Im Bereich VPN gibt es vorbereitete Adapter für Cisco VPN und OpenVPN. Das Monitoring von Diensten und Schnittstellen sowie das Protokollieren via Syslog geben einen umfassenden Überblick über den Zustand des Systems. Via Draksnapshot erstellen Sie Abbilder des Systems, die Sie bei Bedarf auf einen externen Datenträger transferieren.
Im Bereich der Sicherheit glänzt Mageia nicht nur mit einer bereits von Anfang an aktiven Firewall, sondern mit sehr gezielt ausgewählten Diensten (ein Portscan mittels Zenmap brachte nur drei offene Ports zum Vorschein) sowie mit einer Kindersicherung. Damit legen Sie pro Benutzer fest, welche Programme und Dienste die lieben Kleinen verwenden und wie lange sie im Internet surfen dürfen (Abbildung 7).
Als Antivirus-Software hält das Paketarchiv das Urgestein ClamAV [4] in einer aktuellen Version bereit. Umsteigern von Windows versucht es Mageia einfacher zu machen, in dem es die Möglichkeit bietet, nicht nur Dokumente, sondern Einstellungen und ganze Profile zu importieren.
Stolperfallen
Mageia pflegt in seinem Wiki eine Liste mit bekannten Fehlern [12] des Releases sowie den gesammelten Vorschlägen zu deren Behebung. Ins Visier geriet bislang beispielsweise der Umgang mit fehlerhafter UEFI-Firmware, aber auch Nvidia-Grafiktreiber sowie der Wechsel von Owncloud zu Nextcloud bekamen bereits ihr Fett ab.
Fazit
Mageia präsentiert sich als gute Wahl für technisch wenig versierte Nutzer mit beschränkter Linux-Erfahrung, die eine Alternative zu Ubuntu suchen. Wer mag, erhält trotzdem Gelegenheit, zu verstehen, wie das alles funktioniert und zusammenhängt. Das schnörkellose System bleibt stets übersichtlich, läuft sehr stabil und lässt sich einfach bedienen. Andere Distributionen können sich bei Mageias Control Centre einiges abschauen – die Integration der Dienste haben die Entwickler hier hervorragend gelöst.
Die Autoren
Mandy Neumeyer arbeitet im Tourismus, lebt seit neun Jahren in Südafrika und baut zurzeit ein zusätzliches Einkommen als digitaler Nomade auf. Frank Hofmann arbeitet von unterwegs – bevorzugt in Berlin, Genf und Kapstadt – als Entwickler, Trainer und Autor. Er ist Koautor des Debian-Paketmanagement-Buchs (http://www.dpmb.org).
Infos
[1] Mageia: http://www.mageia.org
[2] Mageia herunterladen: http://www.mageia.org/de/downloads/
[3] NUT: http://networkupstools.org/
[4] ClamAV: https://www.clamav.net
[5] Mandrake The Magician: http://mandrakethemagician.com/
[6] Sacha Baron Cohen als Mandrake the Magician: http://www.robots-and-dragons.de/news/19863-sacha-baron-cohen-ist-mandrake-the-magician
[7] “Verliert Mandrake seinen Namen?”: https://www.pro-linux.de/news/1/6489/verliert-mandrake-seinen-namen.html
[8] “Gründer verlässt Linux-Distributor Mandriva”: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Gruender-verlaesst-Linux-Distributor-Mandriva-110599.html
[9] PCLinuxOS: http://www.pclinuxos.com
[10] ROSA Linux: http://rosalinux.com
[11] OpenMandriva Association: https://www.openmandriva.org
[12] Errata zu Mageia 6: https://wiki.mageia.org/de/Mageia_6_Errata










