Die unabhängige Distribution Void Linux im Test

Aus LinuxUser 04/2016

Die unabhängige Distribution Void Linux im Test

© Computec Media GmbH

Alles neu

Viele abgespeckte Distributionen für betagte Computer wollen primär Einsteiger ansprechen. Wollen Sie dagegen auch auf alten Einkern-Prozessoren neue Technologien einsetzen, und schrecken Sie vor der Kommandozeile nicht zurück, dann sollten Sie sich Void Linux ansehen.

Viele Linux-Distributionen basieren auf etablierten Varianten des freien Betriebssystems und übernehmen damit bewährte Technologien. Doch zunehmend tauchen auch unabhängig aus den Quellen entwickelte neue Linux-Derivate auf, die sich vor allem an Anwender mit älterer Hardware richten und den Fokus auf ein schlankes System legen. Das aus Spanien stammende und noch sehr junge Void Linux [1], soeben erst in der zweiten Version erschienen, sieht sich dagegen als Allrounder für unterschiedlichste Hardware-Plattformen. Neben einem ressourcenschonenden Design zeichnet sich “The Void” vor allem durch eine Vielzahl neu entwickelter Kernkomponenten aus, die auch vor dem Paketmanagement und sogar dem Init-System nicht halt machen.

Void Linux steht in Varianten für herkömmliche Computersysteme mit 32-Bit- oder 64-Bit-Architektur bereit sowie in einer Version für ARM-basierte Rechner wie den Raspberry Pi, wobei die Entwickler hier auch das ältere ARMv6-Design berücksichtigten [2]. Somit lassen sich auch RasPi-Modelle der ersten Generation unter Void problemlos nutzen.

Als minimale Hardware-Voraussetzungen für Intel-basierte Systeme nennen die Entwickler einen Pentium-4-Rechner mit lediglich 96 MByte Arbeitsspeicher und 350 MByte freiem Speicherplatz. Auch bei 64-Bit-Rechnern erhöhen sich RAM- und Plattenplatzbedarf nicht. Für den Einsatz grafischer Desktops empfehlen sich allerdings 256 MByte oder 512 MByte Arbeitsspeicher.

Auch die Desktop-Auswahl präsentiert sich vielfältig: Es gibt Images mit Cinnamon, Enlightenment, LXDE, LXQt, Maté und XFCE als Arbeitsoberfläche. Zusätzlich bietet das Projekt Images ohne voreingestellte Desktop-Umgebung zum Herunterladen an. Alle Abbilder beanspruchen weniger als 600 MByte Speicherplatz, sodass sie sich bequem auf CD-Rohlinge brennen und in PCs mit entsprechenden Laufwerken nutzen lassen.

Rasant

Void Linux startet sehr zügig in ein Live-System, das bereits im Bootmanager die Option bietet, das Betriebssystem komplett in den Arbeitsspeicher zu kopieren. Diese Verfahrensweise empfiehlt sich vor allem bei sehr betagten 32-Bit-PCs mit langsamen optischen Laufwerken und veralteten USB-Anschlüssen der ersten Generation, von denen kein zügiger Start gelingt. Nach Auswahl einer der Optionen bootet das System binnen kürzester Zeit in eine schlichte grafische Oberfläche (Abbildung 1).

Abbildung 1: Void Linux startet erstaunlich schnell auch in einen Cinnamon-Desktop.

Abbildung 1: Void Linux startet erstaunlich schnell auch in einen Cinnamon-Desktop.

Aufgrund der Verwendung ressourcenschonender Arbeitsoberflächen beansprucht Void dabei tatsächlich nur sehr wenig Speicher: Auf einem Testsystem mit LXQt-Desktop und 256 MByte physikalischem Arbeitsspeicher gelang der Start bei einem Speicherverbrauch von lediglich etwa 110 MByte. Auch der im Vergleich dazu etwas “fettere” Cinnamon-Desktop startete auf derselben Maschine, arbeitete anschließend jedoch bei voller Arbeitsspeicherauslastung sehr träge.

Auf einem weiteren Testgerät mit Einkern-Prozessor und 512 MByte RAM agierte die Cinnamon-Umgebung dagegen deutlich lebhafter. Der Speicherbedarf summierte sich dabei inklusive des Cache-Speichers auf rund 190 MByte. Von daher liegt es nahe, Oberflächen wie Cinnamon, XFCE oder Maté eher auf Maschinen mit mindestens 512 MByte Arbeitsspeicher zu betreiben.

Auch auf den Massenspeichern fällt Void Linux nicht durch übermäßigen Ressourcenverbrauch auf: Unsere LXQt-Installation kam in der Standard-Installation mit 950 MByte Festplattenspeicher aus, während die Cinnamon-Variante etwa 1,2 GByte Platz beanspruchte.

Individuell

Wie bereits die teils erheblich differierenden Image-Größen erwarten lassen, variiert der in den Live-Varianten verfügbare Software-Bestand je nach Desktop-Umgebung. So findet bei LXQt beispielsweise der schlanke Qupzilla als Webbrowser Verwendung, bei den anderen Arbeitsoberflächen dagegen Firefox. Auch die Verwaltungswerkzeuge unterscheiden sich je nach Desktop und bestehen teils aus einzelnen Tools, teils aus einem integrierten grafischen Programm, das alle Einstellungen unter einer einheitlichen Oberfläche bündelt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Unter Cinnamon lässt sich der Desktop bequem grafisch anpassen.

Abbildung 2: Unter Cinnamon lässt sich der Desktop bequem grafisch anpassen.

Generell beschränken sich die unterschiedlichen Void-Varianten von Haus aus auf einen gegenüber anderen Distributionen deutlich reduzierten Softwarebestand. Die spartanische Ausstattung ist den geringen Größen der ISO-Images geschuldet, die noch auf eine CD als Datenträger passen sollen: Da bleibt schlichtweg kein Platz für Boliden wie LibreOffice oder Gimp. Nichtsdestotrotz lässt sich in jeder Variante des Betriebssystems eine Internet-Verbindung aufbauen und anschließend benötigte Software aus den Repositories in das System einspielen.

Voreingestellt enthalten die einzelnen Varianten lediglich die beiden Untermenüs Accessories und Internet. Beide führen nur wenige installierte Anwendungen auf: So finden Sie im Untermenü Internet ohne Ausnahme nur einen Webbrowser, das Menü Accessories listet ausschließlich einige Verwaltungsprogramme wie Dateimanager oder Bildbetrachter auf. Die jeweils desktopspezifischen Einstellprogramme bringt Void jedoch von Haus aus mit, sodass Sie systemspezifische Settings vornehmen und den Desktop anpassen können, ohne dazu Software aus dem Internet laden zu müssen.

Kernkomponenten

Die Kernkomponenten des Betriebssystems befinden sich bereits in den ISOs auf einem recht aktuellen Stand: So arbeitet Void Linux mit Kernel 4.2.6, die GNU-C-Bibliotheken kommen in Version 2.22, das Drucksystem Cups steht bei Version 2.1.3 und der Windowmanager Openbox bei Version 3.6.1. Auch die Anwendungen weisen größtenteils aktuelle Versionsnummern auf: Gimp meldet sich in Version 2.8.16, die Textverarbeitung Abiword in Version 3.0.1, und Firefox in Version 44.0. Auch die Desktops selbst, wie Maté, XFCE und die Gnome-Shell, liegen in aktuellen Varianten vor.

Void Linux kommt mit vielen Neuerungen, die sich erst bei einem näheren Blick auf das System offenbaren: So setzen die Entwickler anstelle von SysV-Init, Upstart oder Systemd auf das Runit-Init-Schema. Das speziell auf hohe Arbeitsgeschwindigkeiten optimierte und mit lediglich drei Stufen sehr einfach aufgebaute Runit bedient sich einer eigenen, betont simpel gehaltenen Syntax. Damit lassen sich auch von Einsteigern Dienste und Prozesse einfach starten, verwalten und beenden [3]. Die einzelnen Runlevel organisiert Runit anders als die gängigen Init-Systeme: Das Skript der ersten Stufe initialisiert das System, während anschließend auf Stufe 2 Dienste und Prozesse starten. Das Skript der Stufe 3 beendet dagegen laufende Prozesse und fährt das System herunter.

Die Void-eigene Paketverwaltung namens Xbps enthält laut Projektangabe bereits mehr als 6000 Pakete. Ursprünglich wurde das Tool als Paketmanager für NetBSD entwickelt und besitzt einige Alleinstellungsmerkmale. So lassen sich etwa vorkompilierte Pakete einfach über die Webseite des Void-Projekts in einem Suchdialog lokalisieren [4]. Ähnlich wie andere professionelle Paketmanager löst Xbps Abhängigkeiten beim Installieren neuer Software automatisch auf und verfügt über verschiedene Repositories. So gibt es spezielle Subrepos für Entwickler sowie für proprietäre oder unter einer geschlossenen Lizenz stehende Software. Mithilfe einer fortgeschrittenen Syntax bringen Sie mittels Xbps auf der Kommandozeile ohne Probleme einzelne Programme oder gleich das gesamte System auf einen aktuellen Stand, ebenso gelingen Downgrades. Eine detaillierte Dokumentation des Tools samt entsprechender Beispiele findet sich auf der Projektseite [5].

Rollend

Anders als statisch aktualisierte Distributionen wie das klassische Debian oder dessen Ableger Ubuntu arbeitet Void Linux als Rolling-Release-System und bleibt damit permanent auf dem aktuellsten Software-Stand. Durch Integrationstests mithilfe des cloudbasierten Tools Travis CI sorgen die Entwickler dafür, dass die Void-Repos auch nach Updates und Erweiterungen stets konsistent bleiben.

Mithilfe von Xbps-src, einem zum Paketverwalter Xbps gehörenden Tool zum Bau von Binärpaketen, erstellen Sie aus Quellcode Binärpakete. Dabei arbeitet Xbps-src mit Containern und lässt sich durch Abschotten der einzelnen Prozesse auch ohne Root-Rechte nutzen. Als Cross-Compiler ist das Werkzeug zudem in der Lage, unabhängig von der gewählten Host-Plattform Binärpakete für die anderen unterstützten Architekturen zu erzeugen.

Installation

Ein grafischer Installer, der das Betriebssystem mit wenigen Mausklicks auf einen Massenspeicher packt, fehlt Void Linux bislang. Die kommandozeilenbasierende Installationsroutine bringt das System aber recht zügig und ohne optische Schnörkel auf die Festplatte oder SSD.

Um die Routine anzustoßen, öffnen Sie im aktiven Live-System ein Terminal und gewähren sich dort mithilfe von su mit dem Passwort voidlinux administrative Rechte. Dann rufen Sie am Prompt den Befehl void-installer auf. Dabei gilt es, zu beachten, dass das Betriebssystem von Haus aus das US-Tastaturlayout verwendet, bei dem der Bindestrich auf [ß] liegt.

Die Routine öffnet eine Ncurses-Oberfläche, die Sie in wenigen Einstellungsdialogen zu einem funktionsfähigen System führt (Abbildung 3). Etwas ungewöhnlich gibt sich der Dialog zum Anlegen eines Root-Passworts: Hier sehen Sie das eingegebene Passwort weder im Klartext noch durch Sternchen symbolisiert. Beim Partitionieren können Sie manuell ein Dateisystem vorgeben, wobei auch moderne Varianten wie btrfs und f2fs zur Auswahl stehen.

Abbildung 3: Optisch schlicht, jedoch funktionell: der Installer von Void Linux.

Abbildung 3: Optisch schlicht, jedoch funktionell: der Installer von Void Linux.

Software

Das Einrichten neuer Softwarepakete nehmen Sie unter Void ebenfalls auf der Kommandozeile vor. Obwohl der Paketverwalter Xbps sehr fortschrittliche Funktionen aufweist, lässt sich das grundlegende Software-Management mit lediglich vier Befehlen erledigen. Dabei dürfen Sie die vorgegebenen Parameter – sofern sinnvoll – miteinander kombinieren und können sich so zusätzliche Arbeitsschritte ersparen.

Um das Hauptarchiv zu aktivieren, geben Sie im Terminal das Kommando aus Listing 1 ein, wobei Sie das Archivdatum durch das gewünschte Datum in der Form YYYY-MM-TT vorgeben. Beim anschließenden Laden der Informationen holt Void automatisch verschiedene Dateien zur Integration von Subrepositories. Die entsprechenden Unterarchive aktivieren Sie danach mit dem Befehl xbps-install Repo.

Listing 1

# xbps-query --repository=http://archive.voidlinux.eu/glibc/Archivdatum/current -Mis \*
# xbps-install void-repo-nonfree-7_1
# xbps-query -l | more
# xbps-install -Sf Paket

Um beispielsweise das Subrepository mit unfreier Software freizuschalten, geben Sie am Prompt den Befehl aus der zweiten Zeile von Listing 1 ein. Nach einer Sicherheitsabfrage installiert das System dann das entsprechende Repo. Beachten Sie bitte, dass Sie hierzu mit Administratorrechten arbeiten müssen, da der Vorgang ansonsten fehlschlägt. Um ein stets konsistentes System zu erhalten, sollten Sie nach dem erfolgreichen Einbinden mithilfe des Befehls xbps-install -S eine Synchronisation des Datenbestands ausführen.

Um sich den in der Software-Quelle vorhandenen Programmbestand anzusehen, geben Sie anschließend am Prompt das Kommando aus der dritten Zeile von Listing 1 ein. Das Tool listet nun seitenweise die Pakete in alphabetischer Reihenfolge auf (Abbildung 4). Auch das Einrichten neuer Pakete gelingt mithilfe eines einzigen Befehls. Mit Administratorrechten ausgestattet, geben Sie dazu im Terminal xbps-install Paket ein. Mithilfe desselben Befehls, jedoch unter zusätzlicher Angabe des Parameters -S, aktualisieren Sie außerdem gezielt einzelne Pakete. Der Schalter funktioniert auch dann, wenn Sie das angegebene Paket noch gar nicht installiert haben.

Abbildung 4: Bereits gut ausgestattet präsentieren sich die Software-Archive von Void Linux.

Abbildung 4: Bereits gut ausgestattet präsentieren sich die Software-Archive von Void Linux.

Mit dem Kommando aus der vierten Zeile von Listing 1 spielen Sie eine ältere Paketversion ein oder installieren bestimmte Versionsnummern einer Software. Um die gesamte Void-Installation auf den aktuellen Stand zu bringen, geben Sie dagegen xbps-install -Su ein.

Analog zum Installieren neuer Pakete entfernen Sie Anwendungen mithilfe des Befehls xbps-remove. Auch er kennt mehrere wichtige Parameter, mit denen Sie das System konsistent halten. In der einfachsten Form entfernen Sie mittels xbps-remove Paket die definierte Software. Möchten Sie darüber hinaus auch alle zugrundeliegenden Abhängigkeiten löschen, ergänzen Sie das Kommando um den Schalter -R. Mit xbps-remove -O leeren Sie den Zwischenspeicher, in dem die Paketverwaltung ihre Daten ablegt.

Auch an sogenannte Dateiwaisen haben die Entwickler gedacht: Diese unnötigen Rudimente bereits gelöschter Software, die besonders bei stark genutzten Installationen im Lauf der Zeit viel Speicherplatz beanspruchen, entfernen Sie mithilfe des Befehls xbps-remove -o aus dem System.

Das Einrichten von Paketen erledigt der Paketmanager in zwei grundlegenden Schritten: Zunächst entpackt er das Paketarchiv, anschließend integriert er die Binärdateien ins System und erledigt die Konfiguration. Nach dem Update einzelner Pakete fällt gelegentlich eine Neukonfiguration an, die Sie über den Aufruf xbps-reconfigure -a anstoßen.

Sie ermitteln die zu konfigurierenden Pakete, indem Sie am Prompt zunächst den Befehl xbps-query -l eingeben. Alle in der resultierenden Liste mit einem vorangestellten uu markierten Pakete gilt es, noch zu konfigurieren, um ein vollständig konsistentes System zu erhalten.

Fazit

Void Linux gefiel im Test mit mehreren Desktop-Umgebungen durch seine Stabilität und hohe Arbeitsgeschwindigkeit. Oberflächen wie Maté oder Cinnamon bieten zudem eine zeitgemäße Bedienung und umfangreiche Konfigurationsmöglichkeiten. Da das System ressourcenschonend arbeitet und der Softwarefundus bereits einen erklecklichen Umfang erreicht hat, bietet sich Void durchaus als Allrounder für schmalbrüstige PCs mit Einkern-CPUs und wenig Arbeitsspeicher an. Experimentierfreudige Anwender, die ein Betriebssystem mit vielen Innovationen jenseits ausgetretener Pfade bevorzugen, kommen mit Void Linux daher voll auf ihre Kosten. 

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