Linux bietet eine überraschende Fülle an schlanken Webbrowsern als Ersatz für Ressourcenfresser wie Mozilla Firefox und Google Chrome. Während die einen eher spartanisch wirken, geben sich andere überraschend komfortabel.
Webbrowser wie Firefox und Chrome verschlingen heutzutage Arbeitsspeicher gigabyteweise. In den etwas angegrauten PC passen oft gar nicht mehr so viele RAM-Riegel hinein. Erfeulicherweise bieten die meisten Linux-Distributionen in ihren Paketlisten auch schlankere Webbrowser-Alternativen an. Die neueren davon, wie etwa Qutebrowser [1], bauen wie Apples Safari und neuerdings Opera auf Webkit als Rendering-Engine auf. Doch auch Webkit gilt nicht unbedingt als allzu sparsamer Geselle.
Da erscheint ein Blick auf jene Browser angeraten, die schon recht lange existieren und sich beim Ressourcenverbrauch weniger unverschämt geben. Sie lassen sich grob in zwei Kategorien aufteilen: Webbrowser mit grafischer Oberfläche unter X und Webbrowser für den Textmodus. Letztere laufen also auf der Konsole, in einem Terminal-Emulator oder entfernt per SSH. Auch hier gibt es Ausnahmen: Manche Exemplare bieten auch noch eine grafische Oberfläche auf der Konsole mittels Framebuffer, einer beherrscht sogar alle drei Varianten.
Wir haben uns sieben dieser extraschlanken Webbrowser für Sie genauer angesehen. Alle finden sich in den Repositories von Debian 8 “Jessie” und den aktuellen Debian-Derivaten wie Ubuntu oder Linux Mint. Als Testplattform diente ein Thinkpad 760XD von 1997 mit 80 MByte RAM unter Debian 8.
NetSurf
NetSurf [2], der Größte unter den Kleinen, wird aktiv weiterentwickelt; die neueste Version 3.3 erschien Anfang 2015. Das Debian-Paket der Version 3.2 mit GTK-Oberfläche braucht rund 4 MByte auf der Platte, im Betrieb greift der Browser schon bei nur einer geöffneten Seite 104 MByte RAM ab. Spätestens bei vielen offenen Tabs sorgt dies auf Rechnern mit wenig RAM für Geschwindigkeitseinbußen, da das System dann Teile des Webbrowsers in den Swap-Bereich auslagern muss.
Dafür bietet NetSurf aber auch am meisten. Neben der besten CSS-Unterstützung (CSS 2.1) in der Runde und damit auch der optisch ansprechendsten Darstellung heute typischer Webseiten bietet er als einer der wenigen auch Javascript-Support, den Sie allerdings explizit in den Einstellungen aktivieren müssen. Zum Einsatz kommt eine ältere Mozilla-Javascript-Bibliothek, die auf extrem Javascript-lastigen Webseiten teilweise zu Schwierigkeiten führt.
So bemängelt Gmail einen “unbekannten Browser” und zeigt nur die HTML-Variante an, Google Maps erscheint als reinweiße Seite und beim Aufruf von OpenStreetMap crasht NetSurf. Github rendert NetSurf bei ausgeschaltetem Javascript problemlos, mit Javascript braucht die Ansicht einer Projektseite selbst auf einem Rechner mit 2-GHz-CPU und 4 GByte RAM Ewigkeiten.
Ansonsten glänzt NetSurf mit vielen Einstellmöglichkeiten, eingebauten (jedoch manuell zu aktivierenden) Ad- und Popup-Blockern sowie einer Anzeige der Ladedauer (Abbildung 1). Auch das von den gängigen Browsern her bekannte [Strg]+[+] und[Strg]+[-] zum Ändern der Schriftgröße unterstützt NetSurf als einziger in der Konkurrenz.

Abbildung 1: NetSurf mit mehreren geöffneten Tabs. Letztere lassen sich wahlweise oben oder unten anordnen.
Neben der GTK-Variante gibt es NetSurf auch als Framebuffer-Variante (Paket netsurf-fb) für eine grafische Oberfläche auf der Linux-Konsole. Meist müssen Sie dazu allerdings noch explizit den Framebuffer-Kernel-Treiber laden (auf dem Testrechner etwa mit modprobe tridentfb) und Berechtigungen anpassen. Dauerhaft aktivieren Sie den Treiber gegebenenfalls durch einen Eintrag in /etc/modules. Im Test zeigte NetSurf auf der Konsole jedoch nur einen schwarzen Bildschirm und crashte dann.
Dillo
Auch bei Dillo handelt es sich um einen aktiv entwickelten Webbrowser für X. Er setzt jedoch nicht auf GTK auf, sondern auf den schlankeren Fast Light Toolkit FLTK. Entsprechend wirken manche Elemente der Benutzeroberfläche (Abbildung 2) etwas untypisch. Aktuell ist die Version 3.0.5, die Entwickler arbeiten derzeit an Version 3.1.

Abbildung 2: Dillo mit mehreren geöffneten Tabs. Der “Käfer” unten rechts signalisiert die Anzahl der gefundenen HTML-Fehler in der Seite.
Dillo [3] unterstützt eingeschränkt CSS 2. Damit rendert er moderne Webseiten oft ansehnlicher als die meisten anderen Browser in dieser Runde, kommt aber nicht an die Qualität von NetSurf heran. Dafür braucht er unter gleichen Bedingungen mit 27 MByte Arbeitsspeicher nur ein Viertel dessen, was NetSurf konsumiert, und gibt sich auch auf der Platte mit 1,3 MByte Platzbedarf schlanker. Wie bei NetSurf dürfen Sie auch bei Dillo vieles einstellen, von der Größe der Navigationsknöpfe bis zu Feineinstellungen des Renderers. Dazu gilt es, die Konfigurationsdatei dillorc zu bearbeiten.
Während des Aufbaus einer Seite zeigt Dillo an, wie viele eingebettete Bilder er schon lädt, wie groß die heruntergeladene Seite ausfällt und wie viele HTML-Fehler die Seite enthält. Eine kleine Unschönheit: In der Standardeinstellung gibt Dillo Unmengen an Debug-Meldungen in dem Terminal aus, in dem Sie ihn aufgerufen haben. Beim Aufruf über ein Menü des Betriebssystems fällt das freilich nicht auf.
Links2
Links 2.8 [4] agiert als echter Zwitter: Sie können ihn sowohl als Text-Browser auf der Konsole (Abbildung 3) als auch unter X als grafische Anwendung (Abbildung 4) nutzen. Rufen Sie nur links2 auf, startet die Text-Variante, über links2-g oder das Shellskript xlinks2 gelangen Sie in ein grafisches Fenster. Zusätzlich funktioniert links2 -g auf der Konsole ebenfalls als grafischer Browser, dann aber mit dem Framebuffer. Im Gegensatz zu NetSurf funktioniert das mit Links2 problemlos.
Selbst im grafischen Modus braucht Links2 unter 20 MByte Arbeitsspeicher. Auf der Platte belegt er gut 3 MByte – größtenteils, weil es seine eigenen Schriftarten und zahlreiche Lokalisierungen mitbringt, zum Beispiel für Schweizerdeutsch. Das Menü am oberen Rand erscheint erst, wenn Sie auf die dortige Leiste klicken oder [F10] drücken; vorher sehen Sie dort nur einen Pfeil nach links als Zurück-Button. Browser-Tabs beherrscht Links2 nicht, kann allerdings mehrere X-Fenster öffnen. Aus dem Terminal-Fenster heraus öffnet er dazu weitere solcher Fenster.
Die Rendering-Engine von Links2 ist gewöhnungsbedürftig: Da sie sowohl für den Text- als auch den grafischen Modus zum Einsatz kommt, sieht die grafische Variante sehr wie ein Text-Modus mit proportionalen statt dicktengleichen Schriftarten aus. Auch alle Menüs und Dialoge erinnern sehr an den Text-Modus. Bilder zeigt Links2 nur im grafischen Modus an, sowohl unter X als auch im Framebuffer. Im Text-Modus greift er auf externe Bildbetrachter zurück (Abbildung 4).
W3m
Mit W3m [5] verlassen wir fast schon die grafische Umgebung. Als Webbrowser im Textmodus stellt er alle Texte in der Schriftart des Terminals dar, nur in unterschiedlichen Farben sowie gegebenenfalls in Fettschrift. Installieren Sie aber den sogenannten Inline-Image-Support (Debian: Paket w3m-img, dann legt der Browser Bilder via Framebuffer oder X über das Text-Terminal, sodass es aussieht, als wären sie Bestandteil des Fensters (Abbildung 5).
In der Version 0.5.3 belegt W3m gut 2,1 MByte Plattenplatz. Für das Anzeigen der LinuxUser-Webseite braucht er rund 10 MByte Arbeitsspeicher, das Anzeigen der schlägt mit nochmals 7 MByte zu Buche. Ein großer Unterschied zu anderen Textmodus-Webbrowsern: W3m bewegt einen Cursor durch die Webseite, wie bei einem Texteditor. Das genaue Verhalten des Cursors legen Sie in den Einstellungen fest. Bei der Konkurrenz dagegen springen Sie mit den Pfeiltasten von Link zu Link beziehungsweise zu Formularfeldern.
Lynx
Beim Text-Browser Lynx [6] handelt es sich mit Abstand um den Senior dieser Runde, entstand er doch bereits 1992 und somit vor dem WWW. Er nutzte anfangs ein proprietäres Hypertext-Protokoll, das jenem des WWW-Konkurrenten Gopher ähnelte. Die Entwickler arbeiten nach wie vor aktiv an Lynx und veröffentlichen alle paar Monate ein neues Devel-Release. Die aktuelle Version benötigt zum Anzeigen der LinuxUser-Webseite rund 11 MByte RAM (Abbildung 6).
Der Browser strotzt nur so von Einstellmöglichkeiten, die Sie über [O] erreichen. Änderungen greifen erst, wenn Sie sie mit Änderungen akzeptieren am Anfang der Optionen-Seite anwenden. Sollen die Einstellungen auch beim nächsten Start noch vorhanden sein, müssen Sie sie außerdem dauerhaft speichern. Das klappt aber nur für solche Settings, deren Namen nicht auf (!) endet.
Über den User-Mode geben Sie an, wie vertraut Sie mit der Bedienung von Lynx sind. In der Standard-Einstellung Neuling (Abbildung 6) zeigt Lynx am unteren Fensterrand drei Zeilen mit Hilfestellung. In der Einstellung Fortgeschrittener erscheint stattdessen in der letzten Zeile nur noch die URL zum aktuell hervorgehobenen Link (Abbildung 7).
Dass es sich bei Lynx um einen alten Hasen und Leitwolf unter den Textbrowser handelt, merkt man auch daran, dass viele seiner Tastenbefehle sich bei den anderen Text-Browsern wiederfinden: [G] öffnet einen Dialog zur URL-Eingabe, [Shift]+[G] erlaubt das Bearbeiten der angezeigten URL, [R] nimmt einen Reload vor, die Pfeiltaste nach links führt zur vorherigen Webseite zurück, die Pfeiltasten nach oben und unten springen von Link zu Link. [Q] schließlich beendet den Browser.
Zu den Eigenheiten von Lynx gehört des, dass der Browser anders als Links2, ELinks und W3m selbst in einem Terminal mit hellem Hintergrund Webseiten in der Standardeinstellung immer mit schwarzem Background darstellt. Um das zu ändern, müssen Sie ein anderes Lynx Style Sheet (“LSS”) in einer CSS-ähnlichen Sprache schreiben.
ELinks
Wie Links2 zählt auch ELinks [7] zu den Weiterentwicklungen des Urgesteins Links 0.9x, stammt allerdings von einem anderen Personenkreis. Während der ansonsten eher etwas konservative Links2 eine grafische Benutzerschnittstelle bietet, bekam ELinks im Text-Modus zusätzliche Features spendiert (Abbildung 8). So nutzt er auf der Linux-Konsole mehr Farben und zeigt in einem Terminal-Emulator den Titel der angezeigten Webseite in der Titelleiste des Fensters an. ELinks braucht mit stolzen 17 MByte für die LinuxUser-Homepage aber fast so viel RAM wie die grafische Variante von Links2. Zudem stagniert die Entwicklung: Die letzte Beta-Version von ELinks erschien Ende 2012, die letzte stabile Version Mitte 2009.
Netrik
Netrik [8] platziert sich als mit Abstand sparsamster Text-Browser im Testfeld (Abbildung 9): Er begnügt sich mit 4,3 MByte Arbeitsspeicher und 655 KByte Plattenplatz. Allerdings bietet er auch die wenigstens Features und beherrscht insbesondere als einziger Browser im Feld kein HTTPS. Die letzte Veröffentlichung stammt zudem von Mitte 2009 – dass der Browser doch noch irgendwann HTTPS-Unterstützung erhält, erscheint also mehr als fraglich.
Geschwindigkeitsvergleich
Während ein Geschwindigkeitsvergleich bei den grafischen Webbrowsern eher schwerfällt, bieten vier der Text-Browser dazu die Kommandozeilenoption -dump. Sie lädt eine als Parameter angegebene Webseite herunter und gibt sie gerendert auf STDOUT aus. Für die LinuxUser-Homepage ergaben sich auf einem Pentium MMX mit 166 MHz Taktrate von 1997 folgende Zeiten:
- Links2: 1,66 Sekunden
- W3m: 2,21 Sekunden
- Lynx: 2,43 Sekunden
- ELinks: 3,65 Sekunden
Überraschenderweise markieren hier die beiden Geschwister Links2 und ELinks mit einem Geschwindigkeitsunterschied um den Faktor 2 die entgegengesetzten Enden der Rangliste. Zwar kennt Netrik auch den Dump-Mode, zeigt jedoch vor dem Anzeigen der Webseite potenzielle HTML-Fehler an, die man erst mit [Enter] quittieren muss. Damit lässt sich die Ladezeit nur schwierig messen.
Nicht getestete Features und Webbrowser
Unterstützung für SSL-Client-Zertifikate erhielten Links2 und Lynx erst nach der Veröffentlichung von Debian 8. Die Versionen auf unserer Testplattform beherrschten das entsprechend noch nicht.
Flash [9] sollte man schon an und für sich meiden [10]. Auf alten Rechnern empfiehlt es sich noch viel mehr, diesem ausgesprochenen Ressourcenfresser aus dem Weg zu gehen.
Der Autor wollte auch noch Arachne [11] testen. Der ursprünglich für DOS geschriebenen Webbrowser läuft auch auf Linux, hier unter Zuhilfenahme der (bei Debian nicht mehr mitgelieferten) SVGAlib [12]. Auch Links2 kann – passend kompiliert – dieses Bibliothek nutzen. Leider gab es bei Arachne jedoch außer Crashes nichts zu sehen.
Weitere nicht (oder nicht mehr) in Debian verfügbare Browser – allesamt mit Links2 und ELinks verwandt – führt die ELinks-History [13] auf.
Fazit
Nahezu alle schlanken Webbrowser haben ihre Nische und damit ihre Daseinsberechtigung. Der aktuelle Trend hin zu HTTPS dürfte allerdings Netrik im WWW letztlich zum Verhängnis werden. Die Nutzung als Dokumentenbetrachter für lokale HTML-Dateien schränkt dies allerdings nicht ein. Welcher der vorgestellten Kandidaten sich für Ihre Zwecke eignet, probieren Sie am besten am lebenden Objekt aus, indem Sie die ganze Riege mit dem Befehl aus Listing 1 installieren. Der Autor dieses Artikels nutzt im reinen Text-Modus am liebsten den Klassiker Lynx, auf dem Nokia N900 greift er zu Dillo. Soll es aber schnell und grafisch sein, bei möglichst minimalem Ressourcenverbrauch, dann favorisiert er Links2 unter X.
Listing 1
$ sudo apt-get install netsurf dillo links2 elinks lynx w3m w3m-img netrik
Danksagung
Der Autor bedankt sich bei Frank Hofmann und Florian Bruhin für Kritik und Anregungen im Vorfeld des Artikels.
Der Autor
Axel Beckert (http://axel.beckert.ch/) benutzt Linux seit zwei Jahrzehnten. Er freut sich, dass selbst auf seinem ersten Laptop, einem IBM Thinkpad 760 von 1996, immer noch ein aktuelles Linux läuft. Für Debian pflegt er die Pakete von Dillo, Links2 und Lynx. Daneben hatte er seine Finger auch schon in den Paketen von NetSurf und Netrik.
Infos
[1] Qutebrowser: http://qutebrowser.org
[2] NetSurf: http://netsurf-browser.org
[3] Dillo: http://dillo.org
[4] Links2: http://links.twibirght.org
[5] W3m: http://w3m.sf.net
[6] Lynx: http://lynx.invisible-island.net
[7] ELinks: http://elinks.cz
[8] Netrik: http://netrik.sf.net
[9] Occupy Flash: http://occupyflash.org
[10] “Weg mit Flash!”: http://heise.de/-2751583
[11] Arachne für DOS: http://glennmcc.org
[12] SVGAlib: http://svgalib.org
[13] Geschichte von Links und seinen Derivaten: http://elinks.cz/history.html@IE:












