Das Besticken von Stoffen ist eine bereits seit dem Altertum bekannte und gepflegte Textilkunst. Wenn dieses alte Handwerk auf moderne Technik und freie Software trifft, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten.
Wien, 18. Bezirk. Andrea Mayr-Stalder, studierte Mediengestalterin und Initiatorin vieler Bildungsprojekte rund um Linux und freie Software, hat uns eingeladen, ihr Stitchcode-Projekt kennenzulernen. In ihrem Büro liegen auf einem Tisch verschiedene Stoffe und ein Stickrahmen. Daneben stehen zwei elektronische Stickmaschinen und ein Laptop. Auf Basis dieser “Hardware” hat Mayr-Stalder gemeinsam mit dem Künstler und Programmierer Michael Aschauer das Stitchcode-Projekt ins Leben gerufen, das inzwischen nicht nur in allgemeinbildenden Schulen auf wachsendes Interesse stößt, sondern auch vom Förderprogramm Netidee.at der österreichischen Internet Foundation unterstützt wird.
Entstehungsgeschichte
Die beiden Initiatoren verfolgen das Stitchcode-Projekt bereits seit einigen Jahren. Sie habe sich zunächst Gedanken gemacht, wie ein neuer Zugang zum Gestalten von Stickmustern gefunden werden könne, erklärt uns Mayr-Stalder. Dabei habe sie sich von den kostspieligen proprietären Software-Paketen, die für die gängigen elektronischen Stickmaschinen angeboten werden, eingeengt gefühlt: Viele der Ideen, die Mayr-Stalder und Aschauer im Laufe der Zeit entwickelten, ließen sich mit der herkömmlichen Software nicht umsetzen. So begannen die Arbeiten am Stitchcode-Projekt, das nicht nur neue Zielgruppen für das kreative textile Gestalten interessieren soll, sondern im Turtlestitch-Modul auch abstrakte Logik in Stickarbeiten erfahrbar machen will.
Aller Anfang ist schwer
“Das größte Problem waren für uns die Dateiformate.”, erinnert sich Andrea Mayr-Stalder. Jeder Hersteller von modernen Stickmaschinen kocht hier sein eigenes Süppchen. So gibt es etwa 40 verschiedene, weitgehend zueinander inkompatible Dateiformate zum Ansteuern der Maschinen. Daher beschränkten sich die beiden Projektinitiatoren auf das vom Marktführer für Stickmaschinen genutzte und gut dokumentierte EXP-Format, das – in Abwandlungen – auch einige Dritthersteller unterstützen. Ein weiteres Problem ergab sich für Mayr-Stalder aus undokumentierten Funktionen der Stickmaschinen: “Wir waren ganz überrascht, als wir bemerkten, dass unsere Stickmaschine auch Hexadezimal-Codes annimmt und verarbeitet!” So lassen sich beispielsweise mit den Maschinen auch PGP-Keys aussticken (Abbildung 1).
Neue Software
Um neue Zielgruppen für die Ästhetik des Stickens zu erschließen, entwickelte Michael Aschauer auf der Basis von Python und Javascript ein Zeichentool für den Einsatz im Webbrowser. Dieses Werkzeug ermöglicht das Freihandzeichnen ähnlich wie auf Papier mit einem Stift. Mit der Maus oder einem Grafiktablett mit Stift setzen Sie dabei Ihre kreativen Ideen um und speichern das so generierte Stickmuster anschließend lokal ab. Die dabei entstandene EXP-Datei können Sie danach beispielsweise per USB-Stick in eine Stickmaschine laden und aussticken. Neben eigenen Mustern unterstützt das Browsertool inzwischen auch die Drag-&-Drop-Integration von Fremdzeichnungen, die sich dann abspeichert und aussticken lassen (Abbildung 2).
Sogar rudimentäre Bearbeitungsfunktionen bietet das Browser-gestützte Werkzeug: So ermöglichen die unterhalb des Browserfensters mittig angeordneten Schalter clear, back und back10 das Löschen der gesamten Zeichnung, des letzten Stichs oder der letzten zehn Stiche. Das Zeichentool haben die Projektinitiatoren im Oktober 2013 im Internet veröffentlicht [1].
Stickende Schildkröte
Deutlich komplexer präsentiert sich das Turtlestitch-Modul [2], das mehrere Ziele verfolgt. Primär soll es Laien mithilfe einer grafischen Oberfläche mit der Logik des Programmierens vertraut machen. Anschließend lassen sich die mit dem Modul generierten Muster aussticken, was die abstrakten Programmierschritte haptisch erfahrbar macht.
Andrea Mayr-Stalder verspricht sich von dieser Herangehensweise gleich mehrere Vorteile: “Wir können also vor allem auch junge Mädchen für den häufig arg trockenen Informatikunterricht begeistern, indem wir die abstrakte Logik des Programmierens konkret in den Stickmustern erfahrbar machen.”, ist sich die Projektleiterin sicher. “Zugleich fördern wir dabei das kooperative Arbeiten im Team und ermuntern die Schüler zu mehr Kreativität.” Neben Schülern der weiterführenden Schulen und Kunststudenten sieht sie als Zielgruppe für Turtlestitch auch Mediengestalter und Designer, die mit neuen Gestaltungsmethoden experimentieren möchten. Hier steht die ästhetische Innovation im Vordergrund – Sticken kann viel mehr, als nur Logos und Schriftzüge ausarbeiten.
Für das Turtlestitch-Modul entwickelte Michael Aschauer erneut ein im Webbrowser ablaufendes Werkzeug, das auf der freien grafischen Programmierumgebung Snap! basiert. Die visuelle Programmiersprache Snap! richtet sich in erster Linie an Einsteiger und möchte diese mit der grundlegenden Logik des Programmierens vertraut machen. Daher benötigt der Stick-Eleve keinerlei Kenntnisse in anderen Programmiersprachen, um das Turtlestitch-Modul zu nutzen.
Durch den Wegfall einer stationären Installation lässt sich das ebenfalls in Javascript realisierte Turtlestitch-Modul genauso wie das Zeichentool von Stitchcode faktisch auf jedem Computer plattformunabhängig nutzen (Abbildung 3). Die damit generierten Muster kann man entweder lokal oder in der Cloud speichern und von dort aus wiederum per USB-Stick auf einer Stickmaschine ausarbeiten (Abbildung 4).
Workshops
Neben der Präsenz im Internet bietet das Projekt auch Workshops mit der Turtlestitch-Programmierumgebung an, wobei diese Kurse für jeweils vier bis fünf Teilnehmer eine Länge von etwa vier Stunden haben. Die Workshops sprechen vornehmlich junge Mädchen und Frauen an und sind meist bereits Wochen im Voraus ausgebucht. Andrea Mayr-Stalder betont jedoch, dass eine sinnvolle Teilnahme an den Kursen bereits ab einem Alter von etwa zehn Jahren möglich ist, da die Workshops die Logik des Programmierens sehr niederschwellig vermitteln (Abbildung 5).
Zukunft
Andrea Mayr-Stalder und Michael Aschauer haben sich für die Zukunft viel vorgenommen. Aschauer entwickelt dabei die Zeichensoftware weiter und plant die Integration neuer Features. So wird das Tool künftig auch vorhandene Grafiken, Bilder und Vorlagen per Drag & Drop übernehmen, sodass der Anwender sie anschließend manuell nachzeichnen kann. Das soll das Werkzeug auch für Menschen attraktiv machen, die kein Talent zum Freihandzeichnen haben.
Zusätzlich kooperieren die Projektinitiatoren mit einer wachsenden Anzahl von allgemeinbildenden Schulen sowie mit der Universität für angewandte Kunst in Wien, in denen dreiteilige Workshops mit jeweils etwa 15 Teilnehmern pro Kurs angeboten werden sollen. Da hierbei der Fokus auf der Programmierumgebung liegt, sind im schulischen Bereich dazu Klassen der Sekundarstufe 1 vorgesehen, deren Schüler und Schülerinnen ein Mindestalter von etwa 13 Jahren haben. So kann freie Software auch einen wesentlichen Beitrag zur fächerübergreifenden Schulbildung leisten und mit dazu beitragen, die Freude an einer alten Textilkunst zu wecken.
Infos
[1] Browsertool zum Freihandzeichnen: http://www.stitchcode.com/drawtool/
[2] Turtlestitch-Modul: http://www.turtlestitch.org/turtlestitch/










