TreLOS Win4Lin Version 1.0

Aus LinuxUser 10/2000

TreLOS Win4Lin Version 1.0

Don't turn around

Mit Win4Lin geht neben VMware der zweite PC-Emulator an den Start.

Im Gegensatz zu VMware simuliert Win4Lin von TreLOS (http://www.TreLOS.com) keinen universellen Rechner, die Emulation ist genau auf die Bedürfnisse von Windows 95/98 abgestimmt. Das Ergebnis ist ein deutlich schlankerer und schnellerer Windows-Emulator, der aber auch nur mit den entsprechenden Windows-Versionen umgehen kann.

Spezial-Kernel

Die Installation erfordert tiefgreifende Änderungen im System, Win4Lin benötigt einen speziell angepassten Kernel. Wir nahmen uns also zuerst die auf dem FTP-Server der Firma TreLOS bereitgestellten Patches vor. Uns gelang es aber weder mit Version 2.2.16 noch 2.2.15, einen lauffähigen Kernel mit Win4Lin-Unterstützung zu bekommen. Im Fall des Kernel 2.2.16 verwendeten wir den für Red-Hat-Systeme vorgesehenen Patch, der jedoch nur unvollständig durchgeführt wurde – die Nacharbeiten erwiesen sich als umfangreich, und unsere Bemühungen endeten in einem Fehler in der Speicherverwaltung. Der Patch von Version 2.2.15 verlief sehr vielversprechend, der angepasste Quellcode ließ sich anschließend zu einem neuen Kernel kompilieren – nur nach dem Neustart beschwerte sich das Installationsprogramm, es sei keine Win4Lin-Unterstützung enthalten. Kurzum, bei den Kernel-Patches liegt noch einiges im Argen.

Um so wertvoller, dass TreLOS auf der CD gleich fertige Kernel für die unterschiedlichsten Distributionen mitliefert und noch aktuellere Versionen auf ihrem FTP-Server zur Verfügung stellt (ftp://ftp.TreLOS.com). Dabei handelt es sich um die Standard-Installations-Kernel der einzelnen Distributionen, die um den Win4Lin-Support erweitert wurden – wenn Sie mit dem Standard-Kernel aus Ihrer Distribution nicht klar kamen und ihn neu übersetzen mussten, werden Sie Win4Lin wahrscheinlich nicht einsetzen können. Der Blick ins Internet bescherte uns einen Kernel 2.2.14 für SuSE Linux 6.4 als RPM-Paket. Flugs mit rpm -i Kernel-Win4Lin1-SuSE6.4_2.2.14-02.i386.rpm eingespielt und anschließend neu gestartet, wagten wir uns an die Installation des RPM-Pakets Win4Lin1.0.rpm mit der eigentlichen Emulator-Software. Der Neustart ist übrigens erforderlich, das Emulator-Paket installiert nur auf einem Win4Lin-fähigen System, vorzugsweise in der grafischen Oberfläche.

Windows 98 SE

Zum Abschluss der Emulator-Installation wurden wir um die Windows-CD gebeten. Win4Lin stellt nur einen virtuellen PC zur Verfügung, tatsächlich läuft also ein mehr oder minder normales Windows-System. Sehr unschön: Da wir das RPM-Paket von der CD installierten, konnten wir die CD natürlich nicht unmounten – es blieb uns nichts anderes übrig, als zunächst die Installation abzubrechen. Hier wünschten wir uns etwas mehr Anwenderfreundlichkeit. Besser ist es, die Windows-CD später über das Konfigurations-Programm winsetup von Hand einzuspielen. Mittels Load Windows CD (unter System-Wide Win4Lin Administration zu finden) lesen Sie die gesamte Windows-CD inklusive einer Boot-Diskette ein. Danach können Sie die beiden Datenträger getrost archivieren, die Einrichtung von Windows erfolgt komplett von der Festplatte. Die nun folgende Windows-Installation können Sie aus Sicherheitsgründen nicht als Administrator root durchführen, Sie müssen sich als normaler Benutzer einloggen. Nach dem Wechsel rufen Sie dann unter der grafischen Oberfläche winsetup auf und wählen die benutzerdefinierte Konfiguration. Über Install Windows wird der Emulator aufgerufen und Windows Setup gestartet. In TreLOS’ Support-Datenbank ist vermerkt, dass Win4Lin nur mit der US-Version von Windows laufen würde – glücklicherweise kommt Win4Lin trotzdem mit der deutschsprachigen Variante zurecht, eine US-Version von Windows 98 lag uns leider nicht vor. Nach Annahme des Microsoft-Lizenzvertrages und Eingabe der ProductID verlief zu unserer Überraschung der Rest der Installation vollautomatisch: Sämtliche Bestätigungen und Eingaben übernimmt das Win4Lin-Einrichtungsprogramm. Bei Windows 98 Second Edition war dies aber das Ende der Fahnenstange – Windows schloss zwar den ersten Teil der Installation ab, doch Win4Lin konnte seine Patches nicht an der kernel32.dll anbringen und brach ab. Diesem Problem war nicht beizukommen, auch war in der Support-Datenbank von TreLOS nirgends etwas vermerkt. Nach zwei Tagen gaben auch wir uns geschlagen.

Windows 98

Neues Spiel, neues Glück, beim zweiten Mal versuchten wir es mit Windows 98 in der “Originalfassung”. Hier klappte die Installation endlich wie vorgesehen, und wir konnten das System in Betrieb nehmen. Ohne weitere Konfiguration stand das Netzwerk zur Verfügung, und der Internet Explorer ließ sich – mit LAN-Zugriff konfigurert – anstandlos starten. Win4Lin bietet über einen speziellen Treiber direkten Zugriff auf das Linux-Netzwerk, Modems und ISDN-Karten brauchen also lediglich unter Linux eingebunden werden. Leider konnten wir im Internet Explorer keine RealAudio-Dateien begutachten, für die Soundkarte war kein Pseudo-Treiber installiert. Auch die Installation eines Windows-Treibers für die eingebaute Karte brachte hier keine Besserung.

Abbildung 1: Der Internet Explorer arbeitete einwandfrei dank Netzwerk-Emulation

Abbildung 1: Der Internet Explorer arbeitete einwandfrei dank Netzwerk-Emulation

Microsoft Office

Da Windows allein noch keinen Sommer macht, ging es als nächstes an die Einrichtung von Microsoft Office 2000 – Microsoft hatte uns speziell für diesen Test mit einem großen Care-Paket bedacht. Zunächst einmal vermisste Windows den Treiber für das Pseudo-CD-ROM, demzufolge konnte Windows nicht vom CD lesen. Abhilfe brachte ein symbolischer Link – im Home-Verzeichnis wird bei der Einrichtung von Windows das Verzeichnis win angelegt, dieses stellt das Laufwerk C: unter Windows dar. Wir legten also einen Link von /cdrom nach ~/win/cdrom an und mounteten die CD von Hand auf /cdrom. Dazu noch ein Hinweis: Haben Sie über Start/Ausführen ein Programm gestartet, bleibt das CD-ROM-Laufwerk auch nach Ende dieses Programms gesperrt – Sie können es nicht unmounten und eine neue CD einlegen. Offensichtlich hält Windows noch Dateien oder Verzeichnisse auf der CD geöffnet. Starten Sie über Start/Ausführen ein Programm aus einem anderen Verzeichnis, wird das CD-ROM geschlossen und Sie können unmounten. Das Auswählen eines anderen Programms allein reicht indes nicht, es muss gestartet werden.

Nachdem die CD für Windows nun ansprechbar war, gingen die Probleme weiter. Der Installer von Office 2000 war nicht in der Lage, den verfügbaren Speicherplatz auf der Festplatte festzustellen (der Windows Explorer zeigte die gesamte Festplatte als “frei” an), und brach mit einer Reihe Fehlermeldungen ab – insgesamt sei die Bestimmung des verfügbaren Festplattenplatzes fehlgeschlagen. Auch die Installationsprozedur von Microsoft Office 97 verlief nicht besser, es beharrte darauf, mindestens 5 MByte freien Speicherplatz zu bekommen, obwohl zu dem Zeitpunkt rund 1 GByte zur Verfügung stand. Alles in allem ließ sich Microsoft Office nicht installieren, wir mussten uns mit dem direkten Aufruf der einzelnen Programme von der Office-97-CD begnügen. Überraschenderweise lief Word überaus stabil, selbst bei einem Buch mit über 500 Seiten. Unter Excel hatten wir nur kleine Tabellen in peto, diese waren aber ebenfalls kein Problem.

Abbildung 2: Word lief problemlos und erstaunlich schnell, selbst bei großen Dokumenten

Abbildung 2: Word lief problemlos und erstaunlich schnell, selbst bei großen Dokumenten

Sun StarOffice

Um wenigstens eine verbreitete Office-Anwendung ausprobieren zu können, installierten wir Suns StarOffice 5.2 (für Windows). Im Gegensatz zu dem Microsoft-Pendant verlief die Installation vorbildlich, es kam weder zu Fehlermeldungen noch zu Auffälligkeiten im Betrieb. Lediglich der Import des 500-Seiten-Dokuments dauerte seine Zeit und zeigte die üblichen Import-Probleme hinsichtlich eingebetteter Objekte und Schriften.

Abbildung 3: StarOffice lief absolut rund, hier die Tabelle des Grafikkarten-Tests aus dem Linux-Magazin 09/2000

Abbildung 3: StarOffice lief absolut rund, hier die Tabelle des Grafikkarten-Tests aus dem Linux-Magazin 09/2000

Moorhuhn-Jagd

Ein weiterer Grund, sich Windows zu bewahren, ist das große Spiele-Angebot. Hier war die Kür das allseits beliebte Moorhuhn, da es wie viele anderen Spiele DirectX voraussetzt. Auch hier überraschte uns TreLOS: Moorhuhn stellte zwar auf unserem Pentium II mit 400 MHz keine neuen Geschwindigkeitsrekorde auf, ließ sich aber ganz gut spielen. Einzig das Scrollen mit den Cursor-Tasten war hakelig, da die Tastenwiederholung nicht einwandfrei funktionierte. Die Installation von DirectX 7 für die neue Moorhuhn-Version schlug indes fehl – offensichtlich hat hier Win4Lin seine Finger im Spiel. Zu guter Letzt sahen wir uns noch Apples QuickTime an und ließen ein 320×240 Pixel kleines Video ablaufen. Die Geschwindigkeit entsprach in etwa der eines Pentium-233-Systems unter Windows 98.

Abbildung 4: Moorhuhn war durchaus spielbar, nur das Tasten-Scrolling etwas hakelig

Abbildung 4: Moorhuhn war durchaus spielbar, nur das Tasten-Scrolling etwas hakelig

Microsoft steht Kopf

Ein beliebter Stolperstein bei Win4Lin ist die Eigenschaft, unter bestimmten Umständen Grafiken horizontal zu spiegeln. Prompt fielen wir bei der Erstinstallation auf die Nase: Alle Grafiken waren horizontal gespiegelt!

Abbildung 5: Kein Trick: Bei Win4Lin steht selbst Microsoft Kopf

Abbildung 5: Kein Trick: Bei Win4Lin steht selbst Microsoft Kopf

Flugs in der Support-Datenbank bei Telos vorbeigeschaut fanden wir als Hotfix, den Symbol-Cache zu leeren, und als endgültigen Bugfix Update Nummer 4. Zu unserem Erstaunen änderte die Installation des Updates nichts – wie in Abbildung 6 zu sehen blieben grafische Programme wie hier AstroriX unbenutzbar. Hier half uns Kommissar Zufall: Den Screenshot von AstroriX machten wir zunächst mit xv, doch hier bekamen wir nur Streifen statt eines Bildes. Wir fanden heraus, dass xv nicht mit den 24 Bit Farbtiefe des verwendeten XF86_SVGA-Servers klar kam – und wechselten auf 16 Bit Farbtiefe. Nun funktionierte der xv einwandfrei, zu unserem “Leidwesen” aber auch Win4Lin.

Abbildung 6: Unspielbar: Die Grafiken sind an der richtigen Stelle, nur gespiegelt

Abbildung 6: Unspielbar: Die Grafiken sind an der richtigen Stelle, nur gespiegelt

Offensichtlich spielt bei diesem Fehler der X-Server eine entscheidende Rolle. Reproduzierbar wurden bei 24 Bit Farbtiefe alle Grafiken gespiegelt, bei 16 Bit war das Phänomen auch ohne das Update verschwunden. Die Screenshots haben wir dann wieder im 24-Bit-Modus mit import aus dem Paket ImageMagic (siehe auch Artikel auf Seite 92) gemacht.

Fazit

Win4Lin stellt tatsächlich eine Alternative dar. Inwieweit es für Ihre Zwecke brauchbar ist, müssen Sie aber selbst entscheiden. Im Großen und Ganzen funktionierte Windows recht stabil, und wenn die Installationsprobleme von Office überwunden sind, steht dem Linux-Einsatz der unter Windows liebgewonnenen Programme nichts mehr im Wege. Interessant ist auch die Möglichkeit, verschiedenen Benutzern unterschiedliche Windows-Versionen zur Verfügung zu stellen: Damit kann der Sohn endlich dem Vater nicht mehr die Registry zumüllen (oder umgekehrt?). Dennoch, gelegentlich bekamen wir einen Absturz des Emulators, einmal mussten wir sogar neu booten, da offensichtlich auch der Kernel in Mitleidenschaft gezogen wurde – Windows lässt grüßen. Auch liefen nicht alle Spiele, die wir von http://www.download.com zogen; Invaders 1.0 zum Beispiel stürzte stets mit einer Schutzverletzung ab. Bevor Sie sich Win4Lin für 35 Dollar bestellen, sollten Sie die 45 MByte große Demo-Version ausprobieren, die Sie auf der Homepage von TreLOS finden – hier sind zwar nur Sitzungen von maximal 60 Minuten möglich, ansonsten konnten wir aber keine Einschränkungen feststellen. Win4Lin gefiel uns insbesondere wegen der hohen Laufgeschwindigkeit im Vergleich zu anderen Emulatoren. Wir sind gespannt auf die bald anstehende Version 2.0 und deren Verbesserungen.

Infos

[1] TreLOS Homepage: http://www.trelos.com

LinuxUser 10/2000 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben