Wer die Wahl hat, hat die Qual. Dies gilt inzwischen selbst für die Wahl der Browser-Software, mit deren Hilfe man die Tiefen des WWW ergründen will. LinuxUser hat sich für Sie die neueste Generation der Web-Browser einmal etwas näher angeschaut.
Das Internet ist heutzutage in aller Munde. Was vor nicht einmal 10 Jahren in erster Linie im universitären Umfeld begann, entwickelt sich zum echten Volkssport: das Surfen im WWW. Gelingt es einem Hersteller von Web-Browser-Software, die Gunst der Surfer dauerhaft für sein Produkt zu gewinnen, wächst sein Einfluss bei der Weiterentwicklung des WWW als Ganzem. Nicht zuletzt richten sich auch die Entwickler von Web-Seiten (und dank komfortabler HTML-Editoren kann inzwischen praktisch jeder Laie seine eigene Homepage gestalten) in der Regel zuallererst nach den Fähigkeiten (und Schwächen) desjenigen Web-Browsers, der hinsichtlich des Verbreitungsgrades in der Bevölkerung den größten Marktanteil aufweist.
Umverteilung
Mitte der 90er Jahre schien der Navigator von Netscape noch das Rennen um die Gunst der WWW-Surfer für sich gewinnen zu können. Doch in den letzten Jahren hat dieser zumindest in der von Windows dominierten Welt aus diversen Gründen die Führungsposition an den von Microsoft verspätet ins Rennen geschickten Widersacher Internet Explorer abgegeben. Da es letzteren bislang unter Linux nicht gibt, und viele LinuxUser bekanntermaßen ohnehin lieber Open-Source-Produkte einsetzen, rücken bei vielen Anwendern zunehmend Alternativen zum schwächer gewordenen Netscape-Browser ins Blickfeld. Da wäre zunächst einmal das Open-Source-Projekt Mozilla (http://www.mozilla.org) zu nennen, auf dem auch der aktuelle Netscape 6 basiert. Zahlreiche (einstige und derzeitige Netscape-) Entwickler programmieren seit geraumer Zeit an diesem neuen Referenz-Browser, der sich an die offenen Web-Standards des W3-Konsortiums (http://www.w3.org) halten und hinsichtlich Geschwindigkeit und Portabilität die Schwächen bisheriger Browser überwinden soll. Neben dem neuen Netscape 6 und seinem leichtfüßigeren und etwas sicheren Stiefbruder Beonex 0.6pre, die beide noch auf einer älteren Version (5.0) von Mozilla aufsetzen, gibt es inzwischen einige weitere Projekte wie etwa der Gnome-Browser Galeon, die zum Teil neuere Mozilla-Versionen (verwirrenderweise: 0.6 und 0.7) als Basis verwenden und diese hinsichtlich Funktionalität und Bedienkomfort ergänzen.

Abbildung 3: Die KDE-Entwickler haben mit Konqueror einen eigenen Multifunktions-Browser ins Rennen geschickt
Browser-Integration
Eine weitere Browser-Alternative gibt es unter Linux inzwischen dank des KDE-2-Entwicklungsteams. Mit dem Datei- und Web-Browser Konqueror ist den Open-Source-Entwicklern eine weitgehende Verschmelzung von Web-Browser und Betriebssystem-Desktop gelungen. Für Konqueror ist es völlig einerlei, ob es sich bei einer zu betrachtenden Datei etwa um eine lokale Textdatei oder um eine entfernte HTML-Datei handelt. Sobald er mit der entsprechenden MIME-Dateinamenserweiterung (z. B. .pdf oder .html) eine geeignete Anwendung in Verbindung setzen kann und diese dann auch im System starten kann, stellt er die Datei ordnungsgemäß dar.
Proprietäre Browser

Abbildung 4: Den kommerziellen Browser Opera gibt´s auch für Linux – allerdings erst in der Version 4.0b5

Abbildung 5: Der Microsoft Internet Explorer ist gar nicht als Linux-Version erhältlich (lässt sich aber mit etwas Mühe unter WINE betreiben)
Wem die Open-Source-Philosophie weniger wichtig ist und wer notfalls auch bereit ist, für einen guten Web-Browser ein paar Zehner zu investieren, für den könnte der kommerzielle Browser Opera von Interesse sein. Leider scheint für die Opera-Strategen Linux als Internet-Plattform derzeit nicht von allzu großer Bedeutung zu sein, denn die Norweger lassen sich mit der Veröffentlichung neuer Linux-Versionen im Vergleich zu anderen Plattformen ausgesprochen lange Zeit. Schade eigentlich! Opera macht nämlich in diesem Vergleichstest gegenüber den meisten anderen Linux-Browsern eine äußerst gute Figur. So mancher Linux-Anhänger wäre in der momentanen Browser-Situation unter Linux vermutlich durchaus bereit, ein paar Mark in einen Browser zu investieren, der die neueren Web-Standards schon einigermaßen unterstützt und zudem recht schnell und stabil läuft. Zum besseren Vergleich haben wir schließlich noch den aktuellen MS Internet Explorer 5.5 mit aufgenommen. Diesen gibt es derzeit allerdings nur für die Windows- und Mac-Betriebssysteme. Linux-Anwender sind also ggf. auf eine Windows-Emulation (wie Wine, VMware oder Win4Lin) angewiesen, mit der in der Regel Performance und Stabilität etwas absinken.
Testkriterien
Über welche Eigenschaften sollte nun ein guter Web-Browser verfügen? Auch wenn man vielfach zunächst nicht daran denken mag, dürfte eine ausreichende Stabilität, d. h. in erster Linie eine weitgehende Absturzsicherheit, zunächst einmal das wichtigste Kriterium für einen längeren Einsatz gehören. Spätestens nachdem ein mühsam formulierter Brief unmittelbar vor dem Absenden in die ewigen Jagdgründe verschwunden ist, dürfte der Ärger vermutlich groß sein, wenn man Programmierfehler im Browser als Quelle solchen Übels verdächtigt. Unmittelbar nach dieser Grundbedingung Stabilität, ohne die es (fast) nicht geht, dürften aber bereits die Darstellungsgüte und die Ladegeschwindigkeit des Web-Browsers folgen. Kann der Browser bestimmte, etwa mit dem bereits seit längerem verabschiedeten HTML4-Standard programmierte, Webseiten überhaupt korrekt darstellen oder gerät er bereits bei grundlegenden Gestaltungselementen ins Strudeln? Wie viel Zeit benötigt er für den Aufbau komplexer Seiten? Und last but not least dürften noch Fragen zur Sicherheit und zum sonstigen Funktionsumfang der Internet-Suite eine gewisse Rolle spielen.
Stabilität
Dieses Kriterium ist schwer zu messen, da im Zweifelsfall eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielen kann. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass sich die Hälfte unserer Testkandidaten zum Testzeitpunkt in einem Betastadium befanden, beschränken uns daher auf ein eher subjektives Urteil, das vor allem aus den Testerfahrungen abgeleitet ist. Sowohl bei der alten (4.76), als auch bei der neuen Version (6) von Netscape (samt Stiefbruder Beonex) scheint hinsichtlich Programmstabilität derzeit noch so einiges im Argen zu liegen. Vor allem Netscape 6 enttäuscht in dieser Hinsicht. Er stürzte während der Tests mehrfach aus unerfindlichen Gründen ab. Bleibt nur zu hoffen, dass hier die nächste Version deutliche Verbesserungen mit sich bringen wird. Einen weitgehend stabilen Eindruck hinterließen dagegen die proprietären Browser Opera und MS Internet Explorer. Auch der KDE-Browser Konqueror und sein Gnome-Pendant Galeon machen einen recht stabilen Eindruck, wenngleich der Konqueror gelegentlich noch Schwierigkeiten mit der adäquaten Reaktion auf bestimmte Netz-Ereignisse hat.
Darstellungsgüte
Zum Zwecke der besseren Vergleichbarkeit griffen wir größtenteils auf einen bereits seit mehreren Jahren etablierten Benchmark für Internet-Clients von Ziff Davis Media Inc. zurück. Unter http://i-bench.zdnet.com stellt diese internationale Mediengruppe einen umfassenden Benchmark für Internet-Clients namens I-Bench (TM) 2.0 zu Testzwecken für jedermann zur Verfügung. Im Rahmen dieses Vergleichstests mussten wir uns auf die Durchführung grundlegender Tests im Bereich “HTML 4.0 Compatibility Tests” und auf den Performance-Test “HTML Load Speed” beschränken. Sie können aber gerne selbst mit den Browsern Ihrer engeren Wahl weitere Tests durchführen. Doch nun zu den Ergebnissen. Hinsichtlich der Darstellungsgüte von HTML4-konformen Web-Seiten lassen sich die getesteten Browser derzeit ungefähr in folgende (absteigende) Rangfolge bringen:
- MS Internet Explorer
- Konqueror
- Opera
- Galeon
- Netscape 6 / Beonex
- Netscape 4.76
Generell lässt sich derzeit sagen, dass der Mozilla-Browser mit zunehmender Versionsnummer (aktuell: 0.7) hinsichtlich seiner Darstellungsgüte zur Spitzengruppe aufschließen kann. Achten Sie also in Zukunft verstärkt darauf, welche Mozilla-Version Ihr Wunsch-Browser unter der Haube hat! Natürlich ist auch der KDE-Konqueror Work-In-Progress, so dass auch hier von Version zu Version mit weiteren Verbesserungen der HTML4-Darstellungsgüte gerechnet werden darf. Netscape 4.76 wußte bereits mit den relativ elementaren Object-Tags von HTML 4 nichts anzufangen. Da er vermutlich ohnehin nicht mehr weiterentwickelt wird, dürfte er mit zunehmender Verbreitung von komplexeren HTML4-konform programmierten Web-Seiten in naher Zukunft nur noch in begrenztem Umfang sinnvoll einsetzbar sein.
Die Testumgebung:
Getestet wurden die Browser auf folgendem Rechner:
Notebook: Acer TravelMate 512T mit folgender Ausstattung:
- 1 Prozessor GenuineIntel Pentium(r) II MMX Celeron (Mendozino) 366 MHz
- Second Level Cache: 128 KB
- Hauptspeicher: 64 MB RAM
- Bildschirmauflösung: 800×600, 16 Bi
- Standard PCMCIA-Netzwerkkarte mit 2 MBit-Standleitung zum Internet-Provider
- Linux Mandrake 7.2 mit KDE-2.0.1-Update für die Linux-Browser
- Microsoft Windows 98 mit Update auf MS Internet Explorer 5.5 und Internet-Tools
Ladegeschwindigkeit
Auch hinsichtlich der Ladegeschwindigkeit von einfacheren und komplexeren HTML-Seiten unterscheiden sich die Web-Browser zum Teil erheblich. Der “HTML Load Speed”-Test des I-Bench (TM) 2.0 von Ziff Davis Media, Inc. ergibt nach erfolgreichem Durchlauf folgende drei Kennwerte (siehe http://Vergleichstabelle): Gesamtdurchlauf (8x) gibt an, wie viele Sekunden der getestete Browser benötigt, um die insgesamt 8 Iterationen (eine Serie von einfachen und komplex gestalteten Web-Seiten) zu bewältigen. Es handelt sich dabei also um die Summe aus dem (einmalig notwendigen) vollständigen Download (==> 2. Kennwert: 1. Iteration (Download)) und dem Siebenfachen des Durchschnittswerts (3. Kennwert: Durchschnitt weitere Iterationen (gecached)) der restlichen 7 Iterationen, die dann größtenteils vom Browser nur noch aus dem Festplatten- oder RAM-Cache geladen und dargestellt werden müssen. Der letztgenannte Kennwert ist also weniger abhängig von der Übertragungsqualität aus dem Internet und misst (selbstverständlich weiterhin abhängig von der zugrundeliegenden Hardware und dem Betriebssystem) am ehesten die eigentliche HTML-Ladegeschwindigkeit des jeweiligen Web-Browsers. Hier wieder die (leider unvollständige) Browser-Rangfolge hinsichtlich ihrer (absteigenden) Ladegeschwindigkeit (aus dem Cache):
- MS Internet Explorer 5.5
- Netscape 4.76
- Galeon
- Netscape 6 / Beonex
Erstaunlicherweise ist der ältere Netscape-Browser deutlich schneller als der neue Netscape 6. Dies könnte möglicherweise u. a. an dessen spezieller “Dynamic-Fonts”-Technologie liegen, die in der neuen Version nicht mehr zum Einsatz kommt. Opera und Konqueror brachen den Test nach der 1. Iteration ab. Die von Hand gemessenen Zeitwerte deuten aber zumindest darauf hin, dass die beiden hinsichtlich ihrer Performance durchaus in der Nähe von IE 5.5 und Netscape 4.76 anzusiedeln sind. Vergleicht man die Werte von Galeon (Mozilla 0.7) mit denen von Netscape 6 bzw. Beonex (je Mozilla/5.0) so zeigt sich, dass die neuere Mozilla-Version bereits spürbare Performance-Verbesserungen mit sich bringt.
Sicherheit
Wer durchs WWW surft, trifft immer wieder auf sicherheitsrelevante Dinge. Zum einen kann die Sicherheit des Betriebssystems samt der darauf laufenden Anwendungsprogramme durch eine client-seitig ausgeführte Web-Anwendung (z. B. Javascript, Flash) gefährdet werden, wenn diese etwa vom Entwickler einer solchen Web-Anwendung zu Spionage- oder gar Zerstörungszwecken missbraucht wird. Hier gilt also grundsätzlich: Je weniger und, falls doch, je aktueller die Browser-Zusätze, desto geringer ist normalerweise die Gefahr von solchen “Exploits”. Zum anderen kann aber auch die Persönlichkeit des Surfers selbst in Gefahr geraten, wenn personenbezogene Daten und Zugangspasswörter in falsche Hände geraten. Relativ vorbildlich in Sachen Sicherheits-Features sind Beonex, Netscape 6 und Opera. Der MS Internet-Explorer verfügt zwar ebenfalls über ein recht ausgetüfteltes Sicherheitssystem, er ist aber dennoch in der Vergangenheit häufiger aufgrund diverser (struktureller) Sicherheitsmängel (Active X, VBScript u. ä.) in die Schlagzeilen geraten. Denken Sie immer daran: die ausgefeiltesten Sicherheits-Features bringen herzlich wenig, wenn man sie nicht aktiviert oder aus Bequemlichkeit umgeht!
Funktionsumfang
Galeon, Opera und in gewisser Hinsicht auch der Konqueror sind (bislang) reine Web-Browser ohne Integration von anderen Internet-Clients. Integrierte Lösungen, wie sie bei den übrigen getesteten Web-Browsern angestrebt werden, bieten zwar den Vorteil, dass schnell zwischen verschiedenen Fenster hin und hergeschaltet und ggf. auf gemeinsame (Adress-)Datenbestände zugegriffen werden kann. Diesen Vorteil erkauft man sich aber in der Regel durch längere Programmladezeiten sowie einem höheren Sicherheitsrisiko und häufigeren Stabilitätsproblemen. Über die standardmäßige Beigabe von Plugins wie die Java Runtime Environment oder einem Flash- bzw. Shockwave-Plugin erfreut sich der Power-Surfer sicherlich. Andererseits sind solche Plugins hinsichtlich Sicherheit nicht unbedenklich und lassen sich notfalls (möglichst in aktuellster Version) relativ leicht nachrüsten (siehe auch Artikel zu Multimedia-Plugins in dieser Ausgabe).
Hoffnungsträger Mozilla
Wie in der Vergleichstabelle ersichtlich wird, liegt der proprietäre MS Internet Explorer in der Gesamtwertung vor den Linux-Browsern im Test. Welchen Browser man momentan am besten unter Linux einsetzt, hängt stark davon ab, worauf man bei Surf-Parties besonderen Wert legt. Wenn es auf einen schnellen Seitenaufbau ankommt, dann empfehlen sich momentan vor allem Opera, Netscape 4.76 und Konqueror. Wie oben dargestellt hat jeder dieser Browser seine spezifischen Stärken und Schwächen. Sicherheitsbewusste Surfer könnten u. U. auch mit Beonex glücklich werden, wenngleich dessen Browser-Basis im Vergleich zu der von Galeon bereits etwas veraltet ist. Enttäuscht hat bei diesem Test aber das durchweg mittelmäßige bis schlechte Abschneiden von Netscape 6. Unbestritten bringt dieser gegenüber der älteren Version einige Neuerungen (v. a. im Bereich des Sicherheits-Managements) mit sich. Doch nur ein Teil davon ist für den Otto-Normal-Surfer wirklich von Belang. Wichtiger als lästige Zusatz-Features wie MySideBar wären eine ordentliche Stabilität und eine weitestgehende Aktualität hinsichtlich wichtiger Web-Standards gewesen. Wenn der einstige Marktführer mit seiner neuen Browser-Generation so weiter macht, braucht sich wirklich niemand mehr zu wundern, wenn bald auch noch der letzte überzeugte Netscape-Anhänger nach Alternativen Ausschau hält!!
Insgesamt gibt dieser Browser-Test Anlass zur Sorge und zur Hoffnung zugleich. Zur Sorge insofern, als dass die anhaltende (relative) Stärke des MS Internet Explorers in der Windows-Welt dazu führen könnte, dass das Internet in Zukunft noch stärker als bisher unter den Einfluss der Redmond-Lobbyisten gerät (und das bedeutet vor allem immer mehr proprietäre Standards!). Der Test berechtigt aber zu einer gewissen Hoffnung, weil es nämlich mit Mozilla (und seinen Abkömmlingen) einen Open-Source-Web-Browser gibt, der sich schnell weiterentwickelt und durch plattformübergreifende Verfügbarkeit auch in der immer noch dominierenden Windows-Welt in naher Zukunft viele Anhänger finden könnte.








