Bill Gates und Linus Torvalds im Streitgespräch

Aus LinuxUser 10/2002

Bill Gates und Linus Torvalds im Streitgespräch

Software-Duell

Moderator: Herr Gates, Herr Torvalds, ich begrüße Sie zum TV-Duell. Für unsere Zuschauer kurz die Regeln: Ich stelle eine Eingangsfrage, dann hat der Herausforderer, Herr Torvalds, 90 Sekunden Zeit für eine Antwort, anschließend wird dem amtierenden Amtsinhaber, Herrn Gates, Gelegenheit zur Gegenrede gegeben. Ich stelle dann weitere Fragen, für deren Beantwortung jeder Kandidat maximal 60 Sekunden Zeit hat. Sind die Regeln so weit klar?

(Simultanübersetzer werden mit den letzten Sätzen fertig)

Gates: Ich bin bereit.

Torvalds: Kann los gehen.

Moderator: Gut. Die erste Frage: Die Software-Branche befindet sich im Umbruch. Mit welchen Ideen und Konzepten begegnen die Open-Source-Gemeinde und die traditionellen Software-Häuser dieser Situation? Herr Torvalds, aus Herausforderer haben Sie das erste Wort.

Torvalds: Die Zukunft liegt offenbar in der zunehmenden Vernetzung so unterschiedlicher Geräte wie PCs, Mobiltelefonen, Spielekonsolen, Großrechnern und Ihrer Kaffeemaschine. Wir arbeiten daran, mit Linux sämtliche heutigen und zukünftige Prozessorarchitekturen zu unterstützen, damit jeder Entwickler stets die Option hat, freie Software zu verwenden.

Gates: Microsoft hat eine jahrzehntelange Tradition der Innovation. Wie Ihnen bekannt ist, haben wir die Programmiersprache BASIC, den PC, die Betriebssysteme CP/M, MS-DOS, Unix und Windows sowie das Internet erfunden und arbeiten mit einer gigantischen Forschungsabteilung an neuen Produkten. Gemeinsam mit unserem langjährigen Technologiepartner IBM werden wir noch in diesem Quartal die Zukunft des Home-Computing vorstellen: Nachfolger des veralteten PC wird der IBM Personal Mainframe 2002 (kurz: IBM PM/2). Als Betriebssystem wird IBM OS/2/XP eingesetzt.

Moderator: Eine Nachfrage an Herrn Gates: Können Sie zu dieser Architektur, insbesondere zu OS/2/XP Genaueres sagen?

Gates: OS/2/XP ist eine Weiterentwicklung des gemeinsam von IBM und uns entwickelten OS/2, das Sie schon vom PC kennen. Auf dem PM/2 erhält es eine neue Personality und fußt auf einem DRM-Microkernel. Durch die Integration von Digital Rights Management in den Microkernel stellen wir sicher, dass auf höheren OS-Schichten nur zertifizierte und frei geschaltete Programme und Dokumente verwendet werden.

Moderator: Herr Torvalds, für wann rechnen Sie mit einer Portierung von Linux auf die neue Personal-Mainframe-Archi…

Gates: Wenn ich hier kurz unterbrechen darf: Der DRM-Microkernel ist fester Bestandteil der Hardware und sichert damit den Rechner gegen den Einsatz eines anderen Betriebssystems als OS/2/XP.

Torvalds: Wir haben von diesen Plänen gehört. Sehen Sie: Die Führung von IBM ist in dieser Frage gespalten, weswegen es vermutlich in den nächsten Monaten zu einer Spaltung in zwei gleich große Unternehmen kommen wird, von denen eines als OpenIBM, das andere (nach Fusion) als MS-IBM-NBC weitergeführt wird. Gemeinsam mit OpenIBM werden wir dafür sorgen, dass auch im Personal-Mainframe-Bereich, dem Herr Gates im Übrigen zu viel Bedeutung zumisst, weiterhin Alternativen bestehen.

Moderator: Meine Herren, Ihre Zeitkonten sind erschöpft. Ich danke für Ihre Teilnahme am Duell.

LinuxUser 10/2002 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben