Benutzerfreundlichkeit von Musik-Playern

Aus LinuxUser 11/2004

Benutzerfreundlichkeit von Musik-Playern

Musikalische Oberfläche

Musik abspielen möchte mittlerweile fast jeder Desktop-Benutzer mit seinem Rechner. Wir haben uns angesehen, ob diese Aufgabe auch für Laien leicht zu meistern ist.

Noch vor wenigen Jahren war Musikhören auf dem Rechner eingefleischten Fans vorbehalten: Der Festplattenplatz war beschränkt, speichersparende Musikformate wie MP3 und OGG Vorbis gab es noch nicht. Radio-Streams waren mangels schneller Internetanbindungen Zukunftsmusik. Der Umgang mit Musik am Rechner begrenzte sich meist auf das gelegentliche Abspielen einer Audio-CD oder die Wiedergabe der Systemklänge.

Mit größerem Speicherplatz, schnelleren Internet-Anbindungen und dem Siegeszug des MP3-Formats bietet der Computer für Musikliebhaber inzwischen viele interessante Anwendungsmöglichkeiten, die über das gelegentliche Abspielen einzelner Musikdateien hinausgehen. Oft wollen mehrere tausend Musikdateien in unterschiedlichen Formaten verwaltet, betitelt, geordnet, und natürlich abgespielt werden. Dazu kommen Radio-Streams aus dem Internet, die sich möglichst nahtlos in den Musik-Player integrieren sollen.

Trotz des Unix-Mottos “One program for one function” – jedes Programm soll sich auf seine Hauptfunktion konzentrieren – gibt es mittlerweile auch unter Linux Anwendungen, die versuchen, viele Funktionen unter einer Oberfläche zu vereinen. Ein solcher Ansatz ergibt auf dem Desktop oft Sinn, denn vielen Nutzern ist der Unterschied zwischen Musik von einer Audio-CD und einer MP3-CD nicht klar oder egal.

Anlass genug, sich auf dem Gebiet der Musik-Player umzusehen und eine kleine Auswahl aus Sicht der Benutzerfreundlichkeit etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das Urgestein

XMMS [1] ist das wohl bekannteste Abspielprogramm für Linux. Es orientiert sich am populären Winamp für Windows und bietet damit vielen Umsteigern ein gewohntes Erscheinungsbild. Die Oberfläche ist unterteilt in ein Hauptfenster mit Wiedergabe- und Lautstärkereglern, die an Kassetten- oder CD-Player erinnern, und ein separates Fenster, das die Wiedergabeliste, die so genannte “Playlist”, beherbergt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Buttons und Menüeinträge der Playlist sind bei XMMS schwer verständlich.

Abbildung 1: Die Buttons und Menüeinträge der Playlist sind bei XMMS schwer verständlich.

Beim ersten Start von XMMS zeigt sich allein das Hauptfenster, das auf klassische Menüleisten zugunsten einer gestylten Optik verzichtet. Dem Nutzer wird dadurch nicht sofort klar, wie er nun weiter vorgehen soll. Kennt er das Pendant Winamp nicht, bleibt ihm nur das Durchprobieren der Funktionen.

Hier zeigt sich das Hauptproblem von XMMS: Die Oberfläche unterstützt den Benutzer kaum. Die Beschriftungen sind klein und schwer zu erkennen, auf Hinweise beim Fahren des Maus-Cursors über Buttons hofft man vergebens. Das Einstellungsmenü und der “Skin”-Browser, mit dem man eine nutzungsfreundlichere Oberfläche wählen könnte, sind nur durch einen unscheinbaren Button am linken Rand des Players oder über das überladene Kontextmenü des Hauptfensters zu erreichen.

Durch diese Unübersichtlichkeit verheimlicht XMMS einige seiner Fähigkeiten dem Benutzer geradezu. So lassen sich damit sowohl Audio-CDs also auch Live-Streams aus dem Internet wiedergeben; doch der Zugang zu diesen Medien versteckt sich so tief in der Oberfläche des Playlist-Fensters, dass manche Benutzer wohl nie von diesen Funktionen erfahren.

Geht es um die Verwaltung mehrer Abspiellisten, stößt XMMS an die Grenzen seines Bedienkonzepts. Es zeigt immer nur eine Playlist über die Oberfläche des Players. Bei einer großen Menge an Dateien ist die Benutzerin deshalb genötigt, mehrere Listen auf der Festplatte abzulegen und über den Datei-Browser zu verwalten. Wünschenswert wäre eine Möglichkeit, diese Dateien direkt innerhalb des Players zu verwalten.

Zur Verwirrung trägt weiterhin bei, dass XMMS beim Abspeichern einer Playlist keine Dateierweiterung vorschlägt. Wer nur einen Namen angibt und auf OK klickt, erhält eine Fehlermeldung. Nur wenn man die übliche Dateierweiterung .pls manuell auswählt, speichert es im richtigen Format; jedoch fügt XMMS dem Dateinamen die Erweiterung auch dann nicht selbst hinzu, so dass es beim späteren Laden der Liste eine Textdatei vermutet und die Titel fehlerhaft einliest.

Facelifting für XMMS

BMP [2] entstand aus der Idee, die Benutzerfreundlichkeit von XMMS zu verbessern und an bestehende Desktop-Standards anzupassen. Konsequenterweise stellten die Entwickler dabei von GTK1 auf das neuere GTK2-Toolkit um. Die Oberfläche selbst hat sich dadurch nicht verändert, doch Dateidialoge und Einstellungsmenüs erscheinen in neuem Gewand.

Darüber hinaus verbesserten die Programmierer die Schriftanzeige sowie die Buttons zur Verwaltung der Abspielliste. Diese sind zwar weiterhin sehr klein, bei einem Linksklick offenbaren sie ihre Funktionen aber in einer von Menüleisten bekannten Weise: mit einem eindeutigen Icon und einem die Funktion umschreibenden Text (Abbildung 2). Das erleichtert das Hinzufügen von Musikdateien im Vergleich zu XMMS deutlich.

Abbildung 2: BMP erklärt, wie man Musik hinzufügt.

Abbildung 2: BMP erklärt, wie man Musik hinzufügt.

Leider haben die Entwickler von BMP die Gunst der Stunde nicht genutzt und den Skin nicht leichter bedienbar gestaltet. Statt der geläufigen Icons für Play-, Pause- und Stop-Buttons verwenden sie abstrakte Icons, deren Funktion auf Anhieb nicht ersichtlich ist. Ein Standard-Skin mit besserem Kontrast und eindeutigen Icons sollte BMP zu einem Mehr an Benutzerfreundlichkeit verhelfen. Wem das Erscheinungsbild zu fad sein sollte, kann in den im Vergleich zu XMMS gut gegliederten und aufgeräumten Einstellungen immer noch einen anderen Skin wählen.

Die Probleme von BMP und XMMS zeigen, daß das Konzept eines Players mit nur einer Abspielliste nicht allen Anforderungen genügt. Beide Programme dienen allenfalls dazu, Musik auf die Schnelle aus dem Datei-Browser heraus abzuspielen. Um große Mengen an Musikdateien zu organisieren, kommt der Benutzer an Programmen nicht vorbei, die die Playlist-Verwaltung zur zentralen Aufgabe gemacht haben.

JuK

Dass es für Linux Musik-Player gibt, die mit einer schlichten, überschaubaren Oberfläche das Abspielen von Musik erleichtern, zeigt JuK [3], die Standard-Jukebox für KDE. Als einziges getestetes Programm bietet JuK ein dem Benutzer von vielen anderen Programmen vertrautes Erscheinungsbild mit einer Menüleiste, einer Werkzeugleiste für die wichtigsten Abspielfunktionen und einer Statusleiste (Abbildung 3).

Abbildung 3: JuK überzeugt mit seiner strukturierten Oberfläche.

Abbildung 3: JuK überzeugt mit seiner strukturierten Oberfläche.

Auch wenn die Oberfläche Design-Liebhabern langweilig erscheinen mag, verdient sie aus Sicht der Benutzerfreundlichkeit ein Lob: Die Menüleiste verschafft dem Nutzer schnell einen Überblick über die Möglichkeiten des Programms. Auch wenn das auf Kosten der Funktionalität geht; so ist JuK nicht in der Lage, Internet-Streams oder Audio-CDs wiederzugeben. Die Buttons der Werkzeugleiste sind groß und eindeutig, zur Unterstützung bei etwaigen Unklarheiten gibt es erklärende Hilfetexte bei Berührung mit dem Maus-Cursor.

Beim ersten Start fragt JuK nach Verzeichnissen, die Musikdateien enthalten, um sie einer Ordnerliste hinzuzufügen. Die Verzeichnisse aus dieser Liste durchsucht es nach jedem Start nach neuen Musikdateien und fügt sie gegebenenfalls der Datenbank hinzu. Überraschungen wie beispielsweise bei Links, die auf nicht mehr existierende Dateien zeigen, bleiben hier anders als bei XMMS und BMP aus.

JuK aktualisiert seine Datenbank aber ausschließlich beim Start. Zwar merkt es auch beim Abspielen, wenn Dateien der Wiedergabeliste nicht mehr existieren, es überspringt sie in der Abspielliste aber kommentarlos. So gerät JuK bei aktivierter Option Wiedergabeliste wiederholen in eine Endlosschleife, wenn darin nur noch verwaiste Verknüpfungen stehen.

Der Teufel steckt allerdings auch bei JuK in Details, die den Arbeitsfluss mitunter ins Stocken geraten lassen. So erscheint im Kontextmenü eines Abspiellisteneintrags der Befehl Löschen in ähnlicher Weise gleich zwei Mal. Davon bezieht sich einer auf den Musiktitel in der Playlist, der andere auf die Datei auf der Festplatte. Das birgt für User die Gefahr, Musikstücke versehentlich statt aus der Abspielliste unwiderruflich von der Platte zu entfernen. Zwar fragt ein Dialogfenster vor dem Ausführen des Kommandos nach, erfahrungsgemäß klicken aber die meisten Benutzer solche Fenster ungelesen weg.

Ähnlich irreführend wirkt der Entfernen-Befehl im Playlist-Kontextmenü. Er fragt nach, ob es “die Titel [der Wiedergabeliste] wirlich löschen soll”. Auch hier tappt der Benutzer im Dunkeln und erhält erst nach einem mutigen Klick auf Entfernen die Gewissheit, dass nicht die Dateien auf der Festplatte gemeint waren.

AmaroK

AmaroK [4] bricht ganz mit dem Paradigma des “einen Programms für eine Funktion” und bietet eine Unmenge an Gimmicks, die das Musikhören so erlebnisreich wie möglich gestalten sollen: So gibt es die Möglichkeit, Albumbilder aus dem Internet von amazon.com nachzuladen. Eine On-Screen-Display-Titelanzeige öffnet sich Aufmerksamkeit heischend bei jedem angespielten Lied, ein Icon mit Fortschrittsanzeige blinkt dazu in der Kontrollleiste. Mehrere Visualisierungsmodi verschönern die wahlweise an XMMS oder JuK erinnernde Oberfläche. Dass AmaroK auch Musik abspielt, gerät dabei beinahe in Vergessenheit.

Denn bei all den Spielereien scheinen die Entwickler etwas Wichtiges vergessen zu haben: ein für die Benutzerin klares und intuitives Bedienkonzept. Funktions-Buttons und Elemente der Menüleiste, die sich bei anderen Programmen üblicherweise im oberen Bereich des Fensters befinden, haben die AmaroK-Entwickler kurzerhand an das untere Ende verfrachtet und zum Teil unter einem Button mit dem Namen “Menü” versteckt (Abbildung 4). Der Benutzerin fehlt damit ein gewohnter Einstiegspunkt. So fällt es nicht leicht, die Fähigkeiten des Programms zu erkunden.

Abbildung 4: Viel Unruhe und die ungewohnte Anordnung der Buttons gestalten die Benutzung vom AmaroK nicht einfach.

Abbildung 4: Viel Unruhe und die ungewohnte Anordnung der Buttons gestalten die Benutzung vom AmaroK nicht einfach.

Die Funktions-Buttons im linken unteren Bereich beziehen sich auf die Wiedergabeliste, die sich im rechten Bereich des Fensters befindet. Es überrascht nicht, wenn Benutzer diese Buttons fälschlicherweise auf Grund der räumlichen Nähe mit der direkt über ihnen liegenden Musiksammlung assoziieren.

Diese hohen Einstiegshürden bergen das Risiko, dass Benutzer ohne den Willen, sich in AmaroK einzuarbeiten, dem Programm schnell den Rücken zuwenden.

Je nach Anspruch

Linux braucht sich auf dem Gebiet der Musik-Player nicht hinter anderen Plattformen zu verstecken. Welcher sich am besten eignet, kommt wie immer ganz auf die individuellen Anforderungen an. Zum schnellen Abspielen einzelner oder weniger Dateien bieten sich XMMS oder BMP an. Leider machen deren Oberflächen viele ihrer Funktionen auf Anhieb nicht leicht zugänglich.

JuK liefert eine schlanke Oberfläche mit einem klaren Bedienkonzept und leitet den Benutzer auch bei der Organisation vieler Musikdateien und Abspiellisten intuitiv zum Ziel. Das wegen seines großen Funktionsumfangs vielsprechende AmaroK enttäuscht. Eine Orientierung an traditionellen Menü- und Button-Anordnungen sollte auch Amarok zu mehr Benutzerfreundlichkeit verhelfen.

Der Autor

Florian Grässle studiert Computer-Visualistik und arbeitet für die relevantive AG als Usability Engineer.

LinuxUser 11/2004 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben