Mit der neuen Version 2.6 hat Gnome sein Konzept des Dateimanagers grundlegend überarbeitet. Der stellt nun das räumliche Vorstellungsvermögen der Nutzer auf die Probe.
Usability im LinuxUser
Am Thema “Usability”, also: Benutzerfreundlichkeit, dürfte sich das Schicksal von Linux auf dem Desktop auf lange Sicht entscheiden. Grund genug, ihm eine monatliche Kolumne zu widmen, in der wir Open-Source-Projekte mit Blick auf ihre Benutzbarkeit diskutieren.
Nicht weniger als eine neue Ära der Desktop-Navigation unter Linux soll er einleiten – der Datei-Browser Nautilus in der neuen Gnome-Version 2.6. Hinter diesem hochgesteckten Ziel des Entwicklungsteams steckt ein Paradigmenwechsel, der den Gnome-Desktop leichter erlernbar und intuitiver bedienbar machen und ihn besser an die Denk- und Nutzungsweise der User anpassen soll [1].
Das Gnome-Team bezeichnet die neue Herangehensweise als “Spatial Way” oder “Spatial Interface” (“spatial” – “räumlich”). Während die meisten anderen Dateimanager (darunter der Konqueror, der Windows Explorer und der Mac OS X Finder) sich mehr oder weniger stark an der Pfad-Metapher orientieren und eine Navigation innerhalb von oder zwischen hierarchisch gegliederten Verzeichnissen ermöglichen, versucht Gnomes Dateimanager Nautilus, stattdessen ein visuelles Modell von Objekten zu vermitteln [2].
Objekte, Orte und viele, viele Fenster
In der Praxis zeigt sich das am deutlichsten daran, dass sich Ordner immer in neuen Fenster öffnen und Dateien (im Idealfall) nicht im gleichen Fenster oder in einer Vorschau, sondern von der zuständigen Applikation dargestellt werden. Dadurch muss der Benutzer sich nicht mehr mit einem komplizierten Dateisystem vertraut machen, um an für ihn interessante “Objekte” (Dateien, Ordner, Programme, …) zu gelangen. Statt der bekannten hierarchischen Verschachtelung, die sich an Dateipfaden am deutlichsten zeigt, gibt es ein Nebeneinander von “Objekten” an “Orten”.
Da diese neue Art, wie wir uns auf dem Computer zurechtfinden sollen, bei vielen zunächst Verwirrung oder Ablehnung hervorruft, versucht Nautilus, den Nutzer am “Zurückfallen” in die Welt der Pfade zu hindern. Entsprechend ist der aktuelle Pfad nicht sichtbar, auch gibt es standardmäßig keine zusätzliche “Baum”-Ansicht (Abbildung 1a). Als Zugeständnis an die unwilligen Nutzer können beide jedoch angezeigt werden (Abbildung 1b).
Am Nutzer vorbei entwickelt?
Das Gnome-Projekt verspricht sich von diesem Modell, dass Anfänger die Computer-Bedienung schneller und intuitiver erlernen, während fortgeschrittene Nutzer nach kurzer Zeit einen “Produktivitätszuwachs” erfahren. Zahlreiche Diskussionsforen-Einträge zeigen allerdings, dass dies nicht für jeden gilt.
Gerade die Eigenschaft, immer neue Fenster zu produzieren, sobald ein neuer “Ort” besucht wird, empfinden viele Nutzer als inakzeptabel. So ist es nur eine Frage der Zeit (vermutlich schon beim nächsten Release), dass sich diese “Pop-Up”-Funktion einfach abschalten lässt [3]. Gleichwohl verwundert, dass das Gnome-Projekt den Nutzer (obwohl technisch möglich) zuvor nicht an der Entscheidung teilhaben ließ, sondern ihn zum Besseren “erziehen” wollte. In der Linux-Welt ist dieser Weg sicherlich neu.
Tatsächlich haben die Fenster-Kaskaden ihre Grenzen und werden schnell unübersichtlich, wenn man tief in die Hierarchien geht. In der Praxis zeigt sich, dass man je nach Anwendungsfall schnell zwischen verschiedenen Ansichten wechseln können muss;, etwa, weil man ein soeben abgespeichertes Dokument in einem sehr vollen Ordner über die Sortierung nach Datum finden will. Die Standard-Ansicht von Nautilus 2.6 sieht dafür weder ein Tastatur-Kürzel noch ein Icon vor, lediglich einen Kontextmenüeintrag.
Hinzu kommt, dass die Fenster ihren Namen allein durch den aktuellen Ort erhalten. Besitzt man nun aber zwei verschiedene Ordner namens divers (z. B. einen lokal und einen auf einer Daten-CD), so erscheinen diese auf dem Desktop als zwei identisch benannte Fenster (Abbildung 2). Um herauszufinden, welcher nun welcher ist, muss man umständlich nach den Überresten der Pfadnavigation suchen.

Abbildung 2: Das Spatial-Konzept sorgt für Verwirrung bei gleichnamigen Fenstern. Erst ein Klick auf den Button in der linken unteren Fensterecke ermöglicht die Unterscheidung.
Mangelnde Konsistenz
Nicht nur des ausdrücklichen Anwenderwunsches wegen lässt sich das Spatial-Prinzip nicht immer durchhalten. Sobald sich die Nutzerin aus einer Anwendung heraus per Datei-Dialog im Dateisystem bewegt (z. B. ein gerade geschriebenes Dokument abspeichert), ist sie wieder zurück in der Welt der Pfade und Ordner-Hierarchien. Nicht nur bringen Programme wie OpenOffice oder Ximian Evolution ihre eigenen “klassischen” Dialoge mit, auch Gnome selbst greift in solchen Fällen auf Pfadnavigation zurück (Abbildung 3). Damit stehen sich zwei Navigationsprinzipien gegenüber. Dass das der schnellen Erlernbarkeit dient, ist zu bezweifeln.
Trotz seines Widerspruchs zum Spatial-Paradigma wurde mit GTK 2.4 auch der Datei-Dialog, der von den meisten Gnome-Applikationen benutzt wird, komplett überarbeitet. Eine ausgezeichnete, von vielen Websites (etwa von den online einsehbaren LinuxUser-Artikeln unter http://www.LinuxUser.de/) bekannte Neuerung ist dabei, den aktuellen Pfad als Reihe von Knöpfen/Klick-Feldern über der Datei-Liste abzubilden. Klickt man darin auf ein übergeordnetes Verzeichnis, so springt man einerseits dorthin, andererseits bleibt das ursprüngliche (tiefere) Verzeichnis im Pfad sicht- und klickbar (Abbildung 3). Dadurch lässt sich sehr schnell zwischen zwei Ordnern im gleichen Pfad hin- und herspringen.

Abbildung 3: Dass das zuletzt angesprungene Unterverzeichnis “cups” im GTK-2.4-Datei-Dialog klickbar bleibt, beschleunigt die Navigation.
Datei-Operationen, etwa Drag&Drop auf ein anderes Verzeichnis, oder Kontextmenüs sind in GTK 2.4 allerdings (noch) nicht möglich. Zudem fehlt ein visuelles Feedback während des Ladens einer Dateiliste (z. B. ein Cursor in Form einer Sanduhr).
Entscheidungsgrundlage
Insgesamt beschneidet Gnome in der Version 2.6 die Navigationsmöglichkeiten und -freiheiten des Nutzers sehr stark. Dies vereinfacht die Arbeit mit dem Rechner jedoch nur zum Teil, da sich das Spatial-Modell nicht konsequent durchhalten lässt, wie der Datei-Dialog zeigt. Da es nicht für jeden Anwender und für jeden Anwendungsfall die beste und effektivste Möglichkeit ist, wirkt es in vielen Situationen unflexibel und dogmatisch. Es ist anzunehmen, dass gerade Windows-Umsteiger diese Beschränkungen als Rückschritt betrachten werden. Ob dies einen Vorteil auf dem Unternehmensdesktop darstellt, auf den Gnome durchaus zielt, darf ebenfalls bezweifelt werden.
Ob das “räumliche” Modell von Desktop-Objekten oder die hierarchische, pfadbasierte Navigation das bessere Prinzip ist, entscheiden letztlich die Nutzer. Um so mehr erstaunt aus Usability-Sicht, dass diese offensichtlich vorher nicht gefragt wurden. Nichts wäre einfacher, als beide Modelle in Nutzertests zu überprüfen und dann eine Entscheidung zu treffen. Wären solche Tests durchgeführt worden, so könnten die Gnome-Entwickler die Ergebnisse nun mit den Kritikern diskutieren. Stattdessen werden Theorien über Wahrnehmungen und Psyche auf die Computer-Nutzung übertragen und als allgemeingültig postuliert.
Nichtsdestotrotz ist es eine Bereicherung und ein sinnvoller Ansatz, wenn nicht alle großen Desktop-Projekte versuchen, Windows nachzuahmen oder allgemein auf den sicheren, ausgetretenen Pfaden zu bleiben. Mit dem “neuen” Navigationsprinzip könnte Gnome eine eigene Nutzergruppe ansprechen, die einen einfachen, unkomplizierten Desktop bevorzugt. Damit diese Möglichkeit nicht reine Vermutung bleibt, müssen jedoch professionelle Nutzer-Tests ein integraler Bestandteil der Open-Source-Softwareentwicklung werden (pju).
Autor und Autorin
Jan Mühlig ist Vorstand der relevantive AG, die sich auf Usability im Software- und Web-Bereich spezialisiert hat. Jutta Horstmann ist Informatikerin und arbeitet als selbständige IT-Beraterin im Bereich Entwicklung und Projektmanagement.
Infos
[1] Informationen zum Gnome-2.6-Release: http://www.gnome.org/start/2.6/notes/
[2] Der “Spatial Way” für Nautilus: http://www.bytebot.net/geekdocs/spatial-nautilus.html
[3] Abschaltmöglichkeit für den Pop-Up-Modus in Sicht: http://lists.gnome.org/archives/nautilus-list/2004-May/msg00101.html







