Liebe Leserinnen und Leser,
Wer hätte das gedacht – ausgerechnet in heimischen Gefilden muss sich Microsoft dieser Tage mit einer offenen Revolte gegen eines seiner liebsten Kinder auseinander setzen: Der US-Bundesstaat Massachusetts hat beschlossen, ab 2007 nur noch offene oder wenigstens offengelegte Dokumentenformate zu benutzen. Bei Office-Anwendungen kommt dann nur noch das Open Document Format (ODF) der OASIS zum Zug, elektronisch publiziert wird nur noch als PDF.
Dieser Entschluss trifft die Boys aus Redmond da, wo es am meisten weh tut. Im Klartext bedeutet die Entscheidung der Ostküsten-Rebellen, dass Microsoft Office in spätestens zwei Jahren von 50?000 PCs in der Verwaltung des Commonwealth of Massachusetts fliegt. Lokale Unternehmen werden sich zwangsläufig anhängen, wollen sie mit der Regierung Geschäfte machen; möglicherweise ziehen ja sogar andere Bundesstaaten der USA nach.
Möglichen Ersatz für Microsofts Bürosoftware bietet OpenOffice, das ab der unmittelbar bevorstehenden Version 2.0 seine Dokumente nach der ODF-Norm ablegt; in Frage kämen aber auch ein halbes Dutzend andere Produkte, die den offenen Standard ebenfalls bereits adaptiert haben. Eben das ist genau im Sinne der Landesväter von Massachusetts, die ihre Bürger für das Lesen offizieller Dokumente nicht länger zum Erwerb teurer proprietärer Suiten zwingen wollen.
Damit kippelt einer der bedeutendsten Tragpfeiler des Software-Giganten aus Redmond bedenklich. Allein im letzten Geschäftsjahr setzte Microsoft gut 11 Milliarden US-Dollar mit Produkten für “Information Workers” (also Office und andere Bürosoftware) um, der resultierende Gewinn belief sich auf knapp 8 Milliarden Dollar. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, dass man sich in Redmond verbissen weigert, das hauseigene Produkt ODF-konform zu gestalten.
Dabei wäre das für Microsoft technisch ein Leichtes, basiert doch das Dokumentenformat des kommenden Office 12 ohnehin auf XML – genauso wie ODF. Freilich würde man damit 400 Millionen MS-Office-Anwendern die Möglichkeit geben, jederzeit auf alternative Produkte umzusteigen – und sogar obendrein noch das Betriebssystem zu wechseln: Zu den heute schon ODF-fähigen Büro-Suiten und Anwendungen zählt beispielsweise auch KOffice.
Dass Microsoft lieber das Risiko eingeht, eine wichtige Benutzergruppe zu vergraulen, als MS Office ein offenes und damit der Konkurrenz ausgesetztes Dokumentenformat zu spendieren, spricht Bände. Offensichtlich hält man in Redmond das eigene Produkt trotz seiner breit etablierten Basis nicht für fähig, im freien Wettbewerb zu bestehen.
Wenn Microsoft halsstarrig darauf besteht, statt mit Argumenten einmal mehr mit der Monopol-Karte aufzutrumpfen, kann das den Open-Source- und Linux-Anwender nur freuen. Matt Asay, Direktor von Novells Linux Business Office, hat das in einem Kommentar zum Thema auf den Punkt gebracht: “Lasst uns endlich von dieser Fixierung auf Microsoft loskommen. Die Frage ist doch nicht, was die tun – sondern was wir unternehmen. Open Source funktioniert von unten nach oben, nicht umgekehrt.” Recht hat er – und was sich bei Linux und Open Source tut, lesen Sie wie jeden Monat auch diesmal wieder in LinuxUser. Viel Spaß dabei und
herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur




