Anleitung zum Mitmachen an Community-Projekten

Aus LinuxUser 10/2005

Anleitung zum Mitmachen an Community-Projekten

Kollektive Anstrengung

Freie Software bietet auch Menschen, die keine Programmiersprache beherrschen, viele Möglichkeiten der Mitarbeit. Ob kreatives Grafikdesign, Erstellen von Websites oder Verwaltung von Fehlerdatenbanken. Bringen Sie Ihre Talente ein!

Das Wort “frei” – Sie haben es sicherlich schon bemerkt – spielt bei freier Software eine große Rolle. Nicht nur, dass bei dieser der Quelltext der Programme für jedermann verfügbar und veränderbar ist, die meisten freie Lizenzen gestatten es zudem, die Programme weiterzugeben. Ein Großteil der Software repräsentiert das Ergebnis der Arbeit unzähliger Freiwilliger, die in ihrer Freizeit etwas zum großen Ganzen beisteuern.

Hin und wieder, wenn Sie auf Ihrem Rechner ein ungemein nützliches Programm verwenden, das Ihnen die tägliche Arbeit erleichtert oder einfach nur Spaß macht, dann denken Sie vielleicht darüber nach, ob nicht auch Sie eine Rolle beim Entstehen von freier Software spielen könnten. Im ungünstigen Fall kommt Ihnen dann in etwa folgender Gedanke: “Ich würde ja schon gerne mitmachen, aber da ich nicht programmieren kann: Was hätte ich schon groß beizusteuern?”

Trösten Sie sich! Früher gab es in der Programmiererszene vielleicht große und einsame Helden, die nur mit Lochstreifen und Disketten so groß wie Frisbee-Scheiben bewaffnet in den heroischen Kampf zogen gegen Quelltexte von geradezu epischen Ausmaßen. Ganz allein und ohne Debugger. Doch die Zeit dieser großen Altvorderen scheint vorüber.

Heutige Software-Entwicklung zeichnet sich eher durch kollektives Heldentum aus. Etwas abseits der eigentlichen Programmiertätigkeit gibt es unzählige Einsatzfelder, die auf mutige Mitstreiter warten. Sie brauchen kein C-Guru sein, um hier mitzuhelfen. Dieser Artikel will Ihnen ausschnittartig einige Bereiche des Open-Source-Lebens vorstellen, die für Nicht-Programmierer gute Beteiligungsmöglichkeiten bieten.

Allerdings bringt es die Komplexität heutiger Software mit sich, dass es beim Entwicklen und Pflegen von Projekten koordiniert und geordnet vor sich gehen sollte, damit nicht die besten Ideen in den Tiefen totaler Verwirrung untergehen. Neben der Bereitschaft, sich einzubringen, erweisen sich deshalb auch Kenntnisse der wichtigsten Programme und Methoden, die bei der überwiegenden Mehrzahl der Projekte zum Einsatz kommmen, von Vorteil. Auch über diese gibt Ihnen der Artikel einen kurzen Überblick. Zunächst aber machen wir uns auf, etwas Passendes für Sie zu finden!

Hilfe für Verzweifelte

Wahrscheinlich hat es auch zu Anfang Ihrer Linux-Karriere Stunden des Grams und der Verzweiflung gegeben: Überall lauern Schwierigkeiten für Einsteiger, und vielleicht waren Sie schon fast soweit, Ihre Windows-CD ins Laufwerk zu schieben, um dem vermeintlichen Elend ein Ende zu bereiten. Unter Umständen haben Sie aber – den letzten Strohhalm greifend – eine E-Mail an eines der zahlreichen Foren, News-Gruppen oder Mailing-Listen geschrieben und im letzten Moment die entscheidende Hilfe erhalten, die Sie noch mal vor dem Schlimmsten bewahrt hat.

Auch heute, jetzt gerade, in diesem Moment stehen Menschen da draußen kurz vor der Neuinstallation. Sie bieten Ihnen eine wunderbare Möglichkeit, sich an Open-Source-Software zu beteiligen: Helfen Sie Ihnen! Werfen Sie nicht nur einen Blick in die Foren, wenn Sie selbst nach der Lösung für ein Problem suchen, sondern beantworten Sie auch Fragen, die Ihnen heute vielleicht trivial erscheinen.

Grafik und Design

Halten Sie sich für keinen guten Pädagogen, denn arbeiten Sie stattdessen kreativ. Vielleicht ist Grafik etwas für Sie: Seit der Mitte der 1970er Jahre gibt es dank der Entwickler des Palo Alto Research Center (damals: Xerox PARC) grafische Benutzeroberflächen. Obwohl es besonders unter Unix-Fans und Linux Anhängern immer noch sendungsbewusste Minderheiten gibt, die unablässig auf die Vorteile der Kommandozeile (ohne X natürlich) hinweisen, gilt der Siegeszug der GUIs als grundsätzlich vollzogen.

Während die ersten grafischen Oberflächen noch recht blass wirkten, änderte sich dies in den 80er Jahren: Mit dem Macintosh, dem Commodore Amiga und dem Atari ST kamen Farbe und Komfort auf den Desktop. Grafische Oberflächen von heute punkten durch ein aufpoliertes und elegantes Ambiente. Multimedia steht aller Orten hoch im Kurs.

Neben den unzähligen intuitiven Symbolen warten die beiden großen grafischen Benutzeroberflächen unter Linux – Gnome und KDE – auch mit Hintergrundbildern, Themen und Systemklängen auf. Wenn Sie sich also für Grafik oder die Entwicklung von Klängen interessieren, dann böte sich Ihnen hier ein dankbares Betätigungsfeld.

Abbildung 1: Das Erstellen von Icons sieht einfach aus, ist aber eine Wissenschaft für sich.

Abbildung 1: Das Erstellen von Icons sieht einfach aus, ist aber eine Wissenschaft für sich.

Kleinere Arbeiten an Icons bewerkstelligen Sie auf komfortable Weise mit KIconEdit (Abbildung 1). Für anspruchsvollere grafische Projekte stehen aber vor allem zwei Programme im Mittelpunkt: Das GNU Image Manipulation Program, kurz Gimp, sowie das Vektorzeichenprogramm Inkscape. Gimp ist nicht nur der de-facto-Standard im Bereich Grafik unter Linux, sondern als pixelorientiertes Grafikprogramm auch besonders zum Bearbeiten bestehender Grafikdateien geeignet. Es eignet sich natürlich auch für die Komposition neuer Bilder. Jede Gimp-Installation gibt Ihnen zahlreiche Filter und Skripte an die Hand, die eine Vielzahl beeindruckender Effekte erlauben.

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Inkscape, ein vektororientiertes Grafikprogramm. Inkscape zeigt frustrierten Schülern endlich einmal, dass es tatsächlich alltagsrelevante Anwendungsbereiche für lineare Algebra gibt: Während pixel- oder rasterorientierte Programme nämlich jeden einzelnen Bildpunkt abspeichern, stellt die Vektorgrafik alle Elemente eines Bildes wie Linien, Kreise, Rechtecke oder ähnliche Objekte als Kurven aufgrund mathematischer Funktionen in einem Koordinatensystem dar.

Zwischen beiden Prinzipien bietet sich ein Vergleich mit der Musik an: Pixelprogramme speichern ein Bild auf die gleiche Art, wie ein Stück auf einer einer CD gespeichert ist. Vektorprogramme speichern das Bild wie ein Blatt Noten ein Musikstück speichert: Als Anleitung zur Reproduktion. Das vektororientierte Speichern erlaubt es, Grafiken beliebig zu vergrößern oder zu verkleinert, ohne dass diese Qualitätsverluste erleiden.

Als angehender Grafiker sollten Sie beiden Programmen Ihre Aufmerksamkeit schenken. Beide sind auf ihrem Gebiet Spezialisten und ein kombinierter Einsatz dürfte die gewinnbringenste Methode zum Arbeiten sein.

Abbildung 2: Im Profiprogramm Gimp finden sich eine Menge nützlicher Funktionen.

Abbildung 2: Im Profiprogramm Gimp finden sich eine Menge nützlicher Funktionen.

Das KDE-Team versucht mit der Plattform “Kollaboration” einen Treffpunkt zwischen den Programmentwicklern und den Grafikern herzustellen. Neben diversen Tipps und Tricks finden sich auch Beispiele und Anleitungen zum Erstellen von Symbolen, Desktop-Themes und vieles andere mehr. Ein Forum, in dem ein reger Austausch zu allen nur erdenklichen Themen rund um KDE und Grafik stattfindet, rundet das Angebot ab.

Für Gnome-Grafiker existiert es ein eigenes Angebot, das zwar nicht so ambitionierte Ziele postuliert wie Kollaboration, Neu-Grafikern aber einen guten Eindruck von Gnome-spezifischen Themen rund ums Thema Grafik vermittelt. Nehmen Sie sich etwas Zeit und schauen Sie sich bei beiden Projekten um. Es schadet grundsätzlich nie, einen Blick über den Tellerrand Ihrer Benutzeroberfläche zu riskieren. Entsprechende Informationen im Web finden Sie in der Tabelle “Alles für Grafiker”.

Alles für Grafiker

Gimp – Pixelorientierter Alleskönnner: http://www.gimp.org
Inkscape – Vektororientiertes Grafikprogramm: http://www.inkscape.org
Wissenswertes zum Thema Grafik und Gnome: http://art.gnome.org
Die Plattform “Kollaboration”, Grafik und KDE: http://www.kde-artists.org
Für die entscheidende Inspiration: http://www.kde-look.org

Kreatives Schreiben oder so

Zu einem guten Programm gehört selbstverständlich auch eine gute Übersetzung desselben in die Muttersprache des Benutzers. Gleiches gilt für Handbücher, Howtos und Hilfedateien. Stellen Sie sich nur vor, ein Franzose sollte ein E-Mail-Programm verwenden, das in vulgärem Englisch verfasst ist. C’est impossible, n’est-ce pas? Um kulturellen Unruhen vorzubeugen, sprechen heutige Programme alle nur erdenklichen Sprachen – darunter beispielsweise auch Latein und Plattdüütsch.

Beim Übersetzen des eigentlichen Programms gibt es sehr komfortable Helfer: GTranslator, KBabel oder POEdit, mit denen Sie sich an den entsprechenden Sprachdateien der Projekte zu schaffen machen können. Wie Sie letzteres einsetzen, erfahren Sie ebenfalls in einem eigenen Artikel ab Seite 62. Zum Bearbeiten der Handbücher und Hilfedateien kommen meist normale Texteditoren oder XML-Editoren zum Einsatz.

Beim Übersetzen ist übrigens größte Sorgfalt geboten: Schließlich gibt es nur eine Sache, die noch schlimmer ist als gar keine Übersetzung – eine schlechte Übersetzung. Sind Sie also mehrsprachig veranlagt und auch der deutschen Sprache in ausreichendem Maße mächtig, empfangen die Übersetzungsteams Sie sicherlich mit offenen Armen.

Bevor Sie mit der Arbeit beginnen, schreiben Sie vielleicht eine kurze Nachricht an die einschlägige Mailing-Liste oder die anderen Personen, die mit dem Übersetzen des Programms beschäftigt sind, um abzusprechen, welche Aufgaben noch zu tun sind. So vermeiden Sie, dass es zu Überschneidungen kommt und machen gleich einen guten Eindruck. Auch zu diesem Thema finden sich Seiten im Netz. Die Adressen der entsprechenden Seiten von KDE und Gnome liefert die Tabelle “Übersetzen und Dokumentieren”.

Übersetzen und Dokumentieren

Internationalisieren von KDE: http://i18n.kde.org
Übersetzungszentrale von Gnome: http://www.gnome.org/i18n/

Wenn Ihnen eine Übersetzungstätigkeit zu langweilig ist, verfassen Sie einfach völlig neue Handbücher, FAQs oder Howtos. Ein Weg wäre es, Dokumentation auf der eigenen Homepage zu veröffentlichen oder über Mailing-Listen bekannt zu machen. Hat sich erst einmal herumgesprochen, dass Ihre Anleitungen ein Renner sind, finden diese sicher irgendwann Eingang in die offiziellen Kanäle.

Neben den Handbüchern zählen oft die Websites zu den ersten Anlaufstellen für die Benutzer. Hier gibt es viele Sites, denen eine gründliche Renovierung sehr gut täte. Bei andere Web-Seiten steht lediglich die Pflege oder etwas Überarbeiten an. Für das Webdesign eignen sich besonders die Programme Quanta, Bluefish und NVU. Wenn also HTML für Sie kein Fremdwort ist: Web-Virtuosen sind immer gefragte Leute.

Verwaltungsspezialisten gesucht

Doch nicht nur für Kreative ist Platz in Open-Source-Projekten – auch Menschen mit organisatorischen Talenten sind gefragt. Allein bei der zentralen Meldestelle für Fehler des Gnome-Projektes (http://bugzilla.gnome.org) warten zur Zeit ungefähr 17?000 offene Meldungen auf einen Bearbeiter. Andere Projekte, wie KDE und Debian, pflegen eigene Fehlerdatenbanken. In diesen melden Anwender einer bestimmten Software, wenn das Programm sich ungeplant unkooperativ verhält, und zum Beispiel durch Absturz die Weiterarbeit verweigert.

Geht so ein Bug-Report bei den Entwicklern ein, ist er allerdings oft noch nicht verwertbar. Viele Benutzer liefern nur unzureichende Informationen über Systemzustand und andere Faktoren, die zum Fehler geführt haben. Folglich schafft es der Entwickler in vielen Fällen nicht, das Problem zu reproduzieren.

Oft kommt es auch vor, dass User bestimmte Fehler mehrmals melden und so die Datenbank unnötig füllen. Um die Programmierer zu entlasten, gehen Laien die Fehlerdatenbanken zunächst einmal durch und suchen nach solchen Problemen. Innerhalb des Gnome-Projektes gibt es beispielsweise ein so genanntes Bug-Squad, ein Sonderkommando, das sich einmal pro Woche (donnerstags, am Bug-Tag) im Internet Relay Chat (IRC) trifft, um dann gezielt nach Doppelungen und unvollständigen Einträgen zu suchen.

Der Umgangston ist sehr freundlich und hilfsbereit, und hier sind keine Programmierkenntniss erforderlich, um zu helfen. Verfügen Sie also über organisatorisches Talent, und treibt Ihnen der Gedanke an Ticketsysteme die Freudestränen in die Augen, schauen Sie doch mal auf den entsprechenden Bug-Seiten der einzelnen Projekte (siehe Tabelle “Fehlerdatenbanken”) vorbei.

Koordination

Haben Sie sich für ein Projekt entschieden, dem Sie etwas von Ihrer Lebenszeit spenden wollen, dann treten Sie am besten den einschlägigen Kommunikationskanälen bei. Fast immer bedeutet das, sich auf einer oder mehreren Mailing-Listen einzutragen. Einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg freier Software stellt die E-Mail dar, denn dank dieses Internet-Dienstes spielt es plötzlich keine Rolle mehr, wo auf der Welt die Entwickler leben.

Via Mail kommunizieren sie innerhalb von Sekunden miteinander, so als lebten sie Haus an Haus – jetzt eben nicht mehr in einer realen Stadt, sondern im virtuellen globalen Dorf. Ohne Mailing-Listen wäre der Austausch zwischen den verschiedenen Entwicklern zumindest umständlich.

Die Teilnahme an einer Mailingliste gestaltet sich denkbar einfach: Sie schicken eine Nachricht an einen Server, der diesen darüber informiert, dass Sie von nun an die Liste abonnieren möchten. Der Server sendet Ihnen kurz darauf eine E-Mail zu, mit der Ihre Adresse überprüft. Sie folgen dann entweder einem in der Mail angegebenen Link ins Internet oder beantworten einfach die Mail.

Größere Projekte pflegen meist gesonderte Listen für konkrete Bereiche. Eine Übersicht über die zahlreichen KDE-Listen finden sich unter http://www.kde.de/kontakt/mailinglisten.php, für die Gnome-Listen steuern Sie http://mail.gnome.org/mailman/listinfo an.

Schicken Sie eine Mail an die Adresse der Liste, verteilt der Server Ihre Nachricht automatisch an alle anderen Mitabonnenten. Somit sind die Listen perfekt geeignet für den Ideenaustausch und die Diskussion technischer Probleme. Wenn Sie dann später selbst aktiv sind und eigene Verbesserungsvorschläge erarbeitet haben, senden Sie im Regelfall diese Beiträge ebenfalls an eine Liste, bevor das Projekt sie eventuell offiziell übernimmt.

Warum das? Viele Entwickler erlauben zwar private Modifikationen der Software. Das Verändern des Hauptzweigs des Programm bleibt aber oft denen vorbehalten, die sich gegenüber dem Projekt als vertrauenswürdig erwiesen haben. Zu groß ist das Risiko, dass sozial vernachlässigte Mitmenschen durch destruktives Verhalten gegenüber Daten aller Art nach Aufmerksamkeit betteln. Aus diesem Grunde warten die verantwortlichen Entwickler zunächst einmal ab, bis sie einen Teilnehmer etwas besser kennen und sehen, dass er ein verantwortungsbewusster Mensch ist.

Wenn Sie also als Einsteiger Vorschläge zu Veränderungen haben, dann schicken Sie diese zunächst an die Mailingliste. Hier gucken sich erfahrene Menschen Ihre Änderungen an. Wenn alles in Ordnung ist, wandern die Modifikationen in die Code-Basis. Und spätestens, wenn Sie viele Änderungen einschicken und immer alle einwandfrei sind, kommen die Verantwortlichen mit mehr Verantwortung auf Sie zu und räumen Ihnen die erforderlichen Rechte ein, damit Sie eigenverantwortlich vorgehen dürfen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten Sie aber fit sein für CVS.

Versionskontrolle

Eine der großen Hürden auf dem Weg zu einer aktiven Mitarbeit an Open-Source Projekten ist CVS[1] (engl. Concurrent Versions System), ein System zur Versionskontrolle. Was versteckt sich hinter diesem kryptischen Namen und wozu braucht die Welt so etwas? Sicherlich haben Sie schon einmal einen längeren Text an Ihrem Rechner verfasst. Vielleicht hat Ihnen der eine oder andere Absatz nicht gefallen und Sie haben ihn verändert, bis Ihnen dann nach einigen Tagen und zahlreichen weiteren Verschlimmbesserungen auffällt, dass die ursprüngliche Version besser war.

Mit dieser schmerzlichen Erkenntnis kramen Sie nun in älteren Dateien herum – sofern Sie Sicherungskopien angelegt haben, um den gelöschten Absatz wiederzufinden. Falls kein Backup existiert, bleibt nur eins: Das Hirn marten und den Text so gut es irgend geht aus dem Gedächtnis rekonstruieren – oft ein hoffnungsloses Unterfangen.

Und nun stellen Sie sich vor, Sie arbeiten nicht allein an einem solchen Text, sondern in einer größeren Gruppe von Menschen. Jeder macht Veränderungen, jeder speichert Neuerungen ab, macht sie rückgängig, fügt etwas hinzu und nimmt etwas weg. Konfusion und Massenpanik wären die sicheren Folgen. Hier kommt CVS ins Spiel: Es speichert und verwaltet alle Versionen von Dateien. Es archiviert alte Versionen von Dateien, nummeriert sie und zeigt nicht nur die Änderungen von einer Version zur nächsten, sondern informiert Sie auch darüber, wer diese vorgenommen hat.

Falls sich auf dem langen Weg einer Datei Fehler einschleicht, stellen Sie die ursprüngliche und funktionierende Version der Datei einfach wieder her. Wie CVS in allen technischen Einzelheiten funktioniert, interessiert an dieser Stelle nicht weiter. Entscheidend ist, dass Sie einiges Grundwissen ansammeln, um mit CVS-Servern in einen hoffentlich regen Austausch einzutreten. Schließlich kommt das System bei der überwiegenden Mehrheit von freien Software-Projekten zum Einsatz.

Ein relativ einfaches Beispiel verdeutlicht, wie Sie sich die neusten Schnappschüsse eines bestimmten Programms besorgen. Als Mitarbeiter eines Projektes ist es für Sie schließlich selbstverständlich, immer auf dem neusten Stand zu sein. Anleitungen zum Herunterladen über CVS finden Sie fast bei jedem Projekt auf den entsprechenden Entwicklerseiten. Das Programm Gedit beispielsweise laden Sie sich folgendermaßen herunter:

cvs -d:pserver:anonymous@anoncvs?
.gnome.org:/cvs/gnome login
cvs -z3 -d:pserver:anonymous@ano?
ncvs.gnome.org:/cvs/gnome co ged?
it
Abbildung 3: Ein Versionskontrollsystem vermeidet Chaos beim Entwickeln.

Abbildung 3: Ein Versionskontrollsystem vermeidet Chaos beim Entwickeln.

Während die erste Zeile Sie anonym beim CVS-Server anmeldet, gibt die zweite Zeile an, welches der zahlreichen Unterprojekte von Gnome Sie auf Ihren Rechner übertragen wollen, in Ihrem Falle Gedit. Nach einer Weile befindet sich auf Ihrer lokalen Platte ein neues Verzeichnis, das sämtliche Daten des Projektes enthält, inklusive aller Grafiken, Sprachdateien, Handbücher und so weiter.

Doch worin liegt nun genau der Unterschied zu den Quellpaketen, die von Ihrer Distribution mitgeliefert, oder die Sie vom FTP-Server herunterladen? Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der CVS-Version um den neuesten Stand. Pflegt jemand einige Minuten vorher eine Änderung einer Datei auf dem Server ein, enthält die Datei auch auf Ihrem Rechner diese aktualisierte Form.

Ein FTP-Archiv oder eine CD mit Quellpaketen hält hier nicht mehr mit. Ein neuerer Trend sei noch kurz erwähnt: Das KDE-Projekt setzt künftig statt CVS ein Konkurrenzprodukt ein – nämlich Subversion [2]. Zwischen beiden Systemen gibt es technische Unterschiede, beide leisten aber prinzipiell dasselbe.

Unendliche Weiten

Sie haben am Beispiel zweier großer Projekte, nämlich Gnome und KDE, gesehen, welche Möglichkeiten Ihnen die Open-Source-Welt bietet. Selbstverständlich existieren noch andere potenzielle Einsatzgebiete: Zum einen die großen Projekte, die keiner der Oberflächen direkt zugeordnet sind wie bespielsweise Mozilla oder OpenOffice. Zum anderen Distributionen oder Betriebssysteme wie beispielsweise Debian Linux oder FreeBSD.

Nicht zuletzt sind da noch die vielen kleineren Projekte wie beispielsweise Gaim oder der Bittorrent-Client Azureus. Die Entwicklerplattform SourceForge (http://sf.net/) hostet unzählige und bietet den Entwicklern von freier Software kostenlose Dienste wie CVS, Mailing-Listen, Ticket-Systeme und Speicherplatz an. Eine Benutzerkennung kostet nichts, und schon stützen Sie sich ins Vergnügen stürzen, egal ob Sie selbst ein Software-Projekt starten oder an einem bestehenden mitarbeiten wollen.

Welche Projekte im Einzelnen zur Zeit Mitarbeiter aus welchen Bereichen suchen, erfahren Sie unter http://sourceforge.net/people. SourceForge lässt sich eine komfortabel über einen handelsüblichen Webbrowser bedienen. Grundsätzlich funktioniert die Teilnahme aber auch hier über die uns bereits bekannten Kanäle: Websites, CVS, Mailinglisten, Fehlerdatenbanken.

Haben Sie ein bestimmtes Projekt auserkoren, das auf keiner der vorgestellten Plattformen heimisch ist, forschen Sie einfach ein bißchen, welche Beteiligungsmöglichkeite es bietet. Ein Blick auf die Website sollte Ihnen erste Ansprechpartner offenbaren. Fragen Sie dann einfach nach. Im Regelfall sind alle Entwickler über angebotene Hilfe dankbar.

Abbildung 4: Sourceforge gilt als Sammelplatz für freie Software, wie etwa das Projekt Gaim.

Abbildung 4: Sourceforge gilt als Sammelplatz für freie Software, wie etwa das Projekt Gaim.

Ausblick

Dieser Artikel hat Ihnen eine Reihe von Möglichkeiten demonstriert, wie Sie ohne Programmierkenntnisse beim Entwicklen freier Software eine wichtige Rolle spielen könnten. Sind Sie nun angesichts der vielen vorgestellten Möglichkeiten und Websites etwas irritiert? Wissen Sie gar nicht mehr so recht, wo sie anfangen sollen?

Dann nehmen Sie sich zunächst die von Ihnen verwendete Benutzeroberfläche als Leitbild. Stöbern Sie auf den entsprechenden Seiten im Internet herum und suchen Sie sich ein Programm, mit dem Sie oft und gerne arbeiten und das Sie gut kennen. Abonnieren Sie einschlägige Mailinglisten und treten Sie einfach in Kontakt mit anderen Benutzern. Die Arbeit findet Sie dann garantiert von alleine.

Auch die vielen User-Gruppen sind gute Anlaufstellen. In fast jeder User-Gruppe gibt es Menschen, die sich bereits aktiv in der Entwicklung engagieren und Ihnen sicher weiterhelfen. Machen Sie in jedem Fall vom Kontakt zu anderen Menschen Gebrauch. Gerade hier liegt die vielleicht größte Motivation bei der Mitarbeit an freier Software. Die Gemeinde freut sich schon darauf, Ihren Namen bald in Mailinglisten und ChangeLogs zu sehen.

Infos

[1] Umfangreiche (und erforderliche) Informationen zu CVS: http://ximbiot.com/cvs/

[2] Subversion (CVS-Ersatz und -Alternative): http://subversion.tigris.org/

Der Autor

Martin Möller hat in Hamburg Theologie und Klassische Philologie studiert. Mit Linux (momentan Debian) beschäftigt er sich seit Kernel 1.2.13, außerdem ist er ein begeisterter Anhänger von FreeBSD.

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