Die aktuelle Version des Linux Multimedia Studios glänzt mit professionellen Fähigkeiten wie VST-Support, FL-Studio-Import, Automation und Quantisierung.
Nachdem längere Zeit Funkstille herrschte, steht seit Ende Juli mit Version 0.2.0 wieder ein neues Release des Linux Multimedia Studio (kurz LMMS) [1] zur Verfügung. Neben vielen Fehlerbereinigungen sowie signifikanten Verbesserungen finden sich auch jede Menge neue Funktionen und Plugins – was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass in letzter Zeit mehrere neue Entwickler zum LMMS-Projekt gefunden haben.
Wie von Geisterhand…
In den letzten Wochen und Monaten entstand beispielsweise Unterstützung für die Automation von Steuerelementen. Hinter dieser etwas sperrigen Terminologie verbirgt sich eine ebenso einfache wie leistungsstarke und nützliche Technik, die es ermöglicht, Knöpfe, Schieberegler und ähnliches durch LMMS dynamisch regeln zu lassen. In der aktuellen Version geht das “nur” über selbst gezeichnete Kurven, deren Verlauf den jeweiligen Wert des Elements zu einem bestimmten Zeitpunkt festlegt.
Einfachstes Szenario: Die Lautstärke einer Tonspur soll sich im Laufe des Arrangements ändern. Um dies zu bewerkstelligen, bedarf es keiner großartigen Kunststücke. Nach Auswahl des Eintrages Im Automation-Editor öffnen im Kontextmenü des Lautstärke-Knopfes der betreffenden Spur kann man schon mit dem Zeichnen loslegen. Auf der linken Seite des Editors sind die jeweiligen Werte zu sehen (Abbildung 1 unten). Fällt der dargestellte Bereich zu klein aus, lässt sich die Ansicht über die Werkzeugleiste skalieren. Sobald man nun das Projekt abspielt, dreht sich der betreffende Lautstärkeregler wie von Geisterhand.

Abbildung 1: Die Bedienoberfläche von LMMS samt einiger neuer Plugins (Vibe, Organic, VeSTige) und dem Automations-Editor – hier mit einer Hüllkurve für die Lautstärke.
Dank eines internen generischen Frameworks umfasst die Automation nicht nur Knöpfe, sondern sämtliche editierbaren Elemente. Auch einfache Buttons lassen sich automatisch an- und ausschalten. Selbst die Steuerung so genannter exklusiver Button-Gruppen übernimmt LMMS bei Bedarf, wie zum Beispiel die Modulationsarten (PM, AM etc.) im TripleOscillator-Plugin. Weitere steuerbare Elemente sind LED-Spinboxes (etwa für das Tempo des Songs), Comboboxen (beispielsweise Wahl des Filtertyps oder Akkords in einer Instrumentspur) sowie sämtliche anderen Arten von Schaltern (Abbildung 2).

Abbildung 2: Sämtliche Steuerelemente in LMMS lassen sich jetzt über die Automation dynamisch regeln. Per Kontextmenü ruft man dazu den Automations-Editor auf.
Die Automation schafft auf diese Weise alle Voraussetzungen für dynamische Arrangements. Ihr richtiger Einsatz will aber gleichzeitig geübt sein.
Profi-Plugins nutzen
Die bereits seit LMMS 0.1.4 vorhandene, experimentelle Unterstützung von VST-Plugins wurde in Version 0.2.0 noch einmal deutlich verbessert. Eine native Linux-Unterstützung für VST gibt es nach wie vor nicht. Dank des Wine-Projekts muss man aber unter Linux nicht auf diese oft hochwertigen (und somit meist kommerziellen) virtuellen Instrumente und Effekte verzichten, denn schon seit längerem gibt es Bestrebungen, diese mittels Wine zum Laufen zu bringen.
Allerdings beschränkte sich das bisher im großen und ganzen auf diverse Kommandozeilentools, die sich nicht allzu gut in grafische Software wie Rosegarden [3] integrierten. Damit macht LMMS 0.2.0 endgültig Schluss: Es lädt viele (wenn auch nicht alle) VST-Plugins über das eingebaute VeSTige-Plugin (Abbildung 1 Mitte), das im Kern auf dem FST-Projekt ([4],[5]] basiert.
Doch dazu muss man zuerst einmal LMMS mit VST-Unterstützung kompilieren, denn nach wie vor besteht das Problem, dass sich die VST-Unterstützung nur mit Hilfe von Dateien aus dem proprietären VST-SDK realisieren lässt. Das SDK kann zwar kostenlos heruntergeladen und verwendet werden, doch verbietet es die GPL, mit unfreier Software erstellte Binärpakete zu veröffentlichen. Deshalb muss jeder Anwender, der die VST-Unterstützung nutzen will, LMMS selbst übersetzen.
Doch glücklicherweise erfordert das keinen Drahtseilakt, da eigentlich schon alles vorbereitet ist. Zuerst gilt es sicherzustellen, dass Wine sowie dessen Entwicklungspaket (libwine-dev, wine-devel oder ähnlich) installiert sind. Dabei empfiehlt es sich, eine möglichst neue Version zu verwenden, da dies unter Umständen beeinflusst, welche VST-Plugins LMMS später laden kann und welche nicht funktionieren werden.
Das Skript ./configure spuckt beim ersten Druchlauf zwei URLs aus, unter denen sich die benötigten zwei VST-SDK-Dateien herunterladen lassen. Nachdem diese im Ordner include abgelegt wurden, sorgt ein erneuter Aufruf von ./configure mit der Option --with-vst dafür, dass LMMS durch ein anschließendes make sowie make install (als Nutzer root) VST-Plugins laden kann.
Diejenigen, die nicht den Aufwand scheuen, sich einer einfachen Registrierung zu unterziehen, können sich das offizielle VST-SDK (2.4) auch direkt bei Steinberg herunterladen [6]. Das hat den Vorteil, dass die zwei benötigten Dateien (aeffectx.h und aeffect.h) im SDK um einiges aktueller sind und damit die VST-Unterstützung von LMMS vollständiger ausfällt und einem neueren Standard entspricht.
Nach dem Start von LMMS steht jetzt in der Plugin-Liste links ein weiteres Plugin – VeSTige – zur Verfügung, das man per Drag & Drop in den Song-Editor oder den Beat- und Bassline-Editor zeiht. Hiermit lassen sich nun VST-Plugins laden, die in einem eigenen Unterfenster erscheinen und dort auch bedient werden. Sämtliche Einstellungen der VST-Plugins sichert LMMS beim Abspeichern des Projekts und lädt sie beim Öffnen auch wieder.
Einer kommenden Version soll zudem die Automation sämtlicher Steuerelemente von VST-Plugins ermöglichen. Weiterhin geplant ist das Routing externer MIDI-Events (neben der derzeit schon gerouteten Note-On- und Note-Off-Events) direkt zum Plugin, sodass sich – wie im Profi-Studio – VST-Plugins mit Keyboards und anderen MIDI-Controllern vollständig steuern lassen.
Fruchtige Schleifen
Seit LMMS 0.2.0 besitzt LMMS ein Plugin für den Import von FruityLoops/FL Studio-Projekten (*.flp) [7], das zwar noch nicht vollständig ist, jedoch die wichtigsten Inhalte und Einstellungen aus FLP-Dateien importiert. So erkennt und importiert es einzelne Spuren, Beat- und Basslines, Playlist-Einträge, Noten, Projektnotizen und ähnliches. Auch Hüllkurven-, Arpeggio- und Filter-Einstellungen eines Kanals werden übernommen.
Selbst Einstellungen einzelner FL-Plugins wie dem 3x Osc, Sampler und Plucked! konvertiert das Tool in Einstellungen adäquater LMMS-Plugins (TripleOscillator, AudioFileProcessor, Vibed), sodass so manches importierte Projekt seinem “Original” zum Verwechseln ähnlich klingt. Perfekt fällt der Import jedoch nich aus, da zum einen das (binäre) FLP-Dateiformat nur in seinen gröbsten Strukturen offengelegt ist und zum anderen LMMS keinen hundertprozentiger FL-Studio-Klon darstellt und damit nicht alle Funktionalitäten 1:1 abbilden kann. So fehlt beispielsweise derzeit eine korrekte Implementierung für den Import von Beats/Steps oder Automation-Daten.
Weitere neue Funktionen
Neben den bereits erwähnten Features spendierten die LMMS-Entwickler dem Programm das längst überfällige Undo/Redo-System, was bisher jedoch als experimentell zu betrachten ist und noch die ein oder andere Macke aufzuweist. Trotzdem kann man schon nach Herzenslust an beliebigen Einstellungen spielen, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, gute Einstellungen zu verlieren: Per Bearbeiten | Rückgängig respektive [Strg]+[Z] lassen sich sämtliche Änderungen schrittweise rückgängig machen. Auch das Hinzufügen oder Löschen einer Spur kann man ungeschehen machen, doch spätestens hier wird bei intensiver Nutzung der experimentelle Status des Systems offenbar. Entsprechende Verbesserungen stellen eines der primären Ziele für kommende Versionen dar.
Weiterhin setzt LMMS 0.2.0 auf ein multiples Äußeres, sprich: Es stehen verschiedene Themes für die Oberfläche zur Auswahl. Derzeit beschränkt sich dies auf das herkömmliche Default-Thema (Abbildung 1) sowie das Theme BlueScene (Abbildung 3), doch hoffen die Entwickler auf bald aufkommende weitere Thmes. Derzeit ändert man das Thema über den Einstellungsdialog unter Verzeichnisse, indem man ein anderes Artwork-Verzeichnis wählt. Ein “richtiger” Theme-Wähler soll Bestandteil eines kommenden Releases sein.
Mit der neuen Möglichkeit, Notenlängen und -positionen automatisch zu quantisieren, gestaltet sich zum einen die Benutzung des Piano-Rolls um einiges einfacher. Zum anderen können Besitzer eines MIDI-Keyboards ihre Aufnahmen automatisch quantisieren lassen, auch wenn die Aufnahmen dadurch etwas an ihrer Natürlichkeit verlieren. Um diese Funktion zu nutzen beziehungsweise zu deaktiveren, wählt man in der Quantisierungs-Auswahlbox (Werkzeugleiste im Piano-Roll) eine entsprechende Quantisierungs-Auflösung (Abbildung 3).

Abbildung 3: LMMS kann nun Notenlängen und -postitionen automatisch quantisieren, was die Neutzung des Piano-Rolls um einiges erleichert.
Zu guter Letzt soll noch die neu hinzugekommene Echtzeitfähigkeit von LMMS Erwähnung finden. Entweder mit Root-Rechten oder unter Verwendung des rt-caps-Moduls gestartet, bietet LMMS Echtzeit pur, ohne ständige Knackser beim Bearbeiten. Allerdings sollte man aufpassen, LMMS in diesem Modus nicht zu überlasten – ansonsten kann es passieren, dass sich der Rechner minutenlang nicht mehr ansprechen lässt, weil LMMS sämtliche Rechenzeit mit Beschlag belegt und Nutzereingaben nicht behandelt werden.
Neue Sounds und Plugins
Auch bei den Plugins gibt es Neues zu vermelden. So bietet das auf additiver Synthese basierende Organic-Plugin (Abbildung 1, obere Reihe Mitte) eine breite Palette an Pads- und Orgelsounds. Besonders interessant ist der Randomise-Schalter, welcher allen Knöpfen einen zufälligen Wert zuweist und das Instrument damit die erstaunlichsten Klänge produzieren lässt. Mit ein bisschen Glück findet man so genau den Sound, den man gesucht hat – und wenn nicht, dann gibt es immer noch viele Presets für das Plugin mit dem Karotten-Logo.
Noch leistungsfähiger ist allerdings das Vibed-Plugin, das Elemente des bereits aus LMMS 0.1.4 bekannten BitInvaders mit dem PluckedStringSynth sowie einer Menge weiterer Einstellungen verbindet (Abbildung 1, obere Reihe links). Wie im BitInvader lassen sich eigene Wellenformen zeichnen, die dann als Ausgangsbasis für die Modellierung von bis zu neun schwingenden Saiten dienen. Das Verhalten der Saiten sowie deren äußere Beeinflussung steuert man durch zahlreiche Parameter.
Die Community ruft
Parallel zu LMMS wurden zwei Initiativen gestartet, um der entstehenden LMMS-Community einen Platz zu bieten. Zum einen gibt es seit geraumer Zeit ein LMMS-Wiki [8], das alle möglichen Informationen rund um LMMS bietet – von diversen Installationsanleitungen über Tipps und Tricks bis hin zu Guidelines für Entwickler oder solche, die es werden wollen. Wie jedes Wiki lebt das LMMS-Wiki alleine von den Beitragenden, weshalb laufend Bedarf an weiteren Autoren für Tutorials und Dokumentationen aller Art besteht.
Noch mehr Community soll auf der “LMMS Sharing Platform” (LSP) [9] entstehen. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine illegale Tauschbörse, sondern um eine zentrale Plattform zum Austausch von Inhalten, die im Zusammenhang mit LMMS stehen: Also beispielsweise komplette Projekte, freie Samples oder Presets für bestimmte Instrumente. Für jede hoch geladene Datei muss eine der Lizenzen für künstlerische Inhalte gewählt werden.
Besonders hochwertige Dateien sollen regelmäßig den Einzug in die LMMS-Distribution finden, um allen Nutzern eine brauchbare Sammlung an Samples, Presets und Demo-Projekten bereitstellen zu können. Eine Integration von LSP in LMMS ist geplant, sodass direkt im Dateimenü ein Eintrag der Art Zur LMMS Sharing Platform hochladen zur Verfügung steht, ohne den Umweg über das Webfrontend machen zu müssen. Auch ein zusätzlicher Content-Browser in der Browserleiste soll in diesem Zusammenhang entstehen, um mit einem Klick Dateien herunterladen und verwenden zu können.
Glossar
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VST
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Virtual Studio Technology. Einer von Steinberg Media Technologies entwickelte Schnittstelle für den Dialog zwischen einem Programm und virtuellen Instrumenten oder Effekten, die sich dadurch innerhalb des Sequenzer-Programms als Plugins betreiben lassen. Es gibt rund 1500 solcher Plugins für VST.
Infos
[1] LMMS: http://lmms.sourceforge.net/
[2] LMMS 0.1.0: Tobias Doerffel, “Turntablerocker”, LinuxUser 09/2005, S. 60, http://www.linux-user.de/ausgabe/2005/09/060-lmms/
[3] Rosegarden: Peter Kreußel, “Virtuelles Studio”, LinuxUser 07/2006, S. 58
[4] FST-Projekt: http://www.joebutton.co.uk/fst/
[5] VST-Plugins unter Linux: Dave Phillips, “Audio-Crossover”, LinuxUser 06/2005, S. 52, http://www.linux-user.de/ausgabe/2005/06/052-vst/
[6] VST-SDK: http://ygrabit.steinberg.de/~ygrabit/public_html/
[7] FL Studio: http://www.flstudio.com
[8] LMMS-Wiki: http://wiki.mindrules.net/doku.php
[9] LMMS Sharing Platform: http://lmms.sourceforge.net/lsp/




