Drohen die Kernel-Entwickler auszusterben?

Drohen die Kernel-Entwickler auszusterben?

Graue Bärte

Die Linux Foundation lädt ausgesuchte Kernel-Entwickler jedes Jahr nach San Francisco zum Collaboration Summit ein. Immer mehr der Gäste tragen inzwischen einen grauen Bart.

Die Bärte von Richard Stallmann, Alan Cox, John ‘Maddog’ Hall und einigen weiteren Urvätern der Linux- und OSS-Entwicklung galten lange Zeit als das Wahrzeichen eines echten Linux-Hackers. Doch inzwischen sind Stallmann & Co. ergraut und manch einer fragt sich, ob der Linux-Kernel für junge Entwickler nicht genug Anziehungskraft besitze. Diese Frage stellte der LWN-Editor Jonathan Corbet am Mittwoch bei seinem Roundtable-Gespräch am Collaboration Summit der Linux Foundation und stach damit offensichtlich in ein Wespennest.

Greg Kroah-Hartmann, der für Novell am Kernel entwickelt meinte, dass die alte Garde zwar immer noch vorhanden sei, dies aber bei der stets sehr hohen Zahl an Änderungen auch notwendig sei. Er fügte hinzu: “Wenn wir im Weg stehen, lasst es uns wissen.” Auch andere Entwickler sehen dies so, halten den Code für deutlich komplizierter und die Arbeit für notwendig. Einzig Andrew Morton ließ ein gewisses Maß an Ermüdung durchblicken:

“Yes, we’re getting older, and we’re getting more tired. I don’t see people jumping with enthusiasm to work on things the way that I used to.”

Die Information Week titelte deshalb ihren Artikel zum Collaboration Summit mit “Linux Graybeards? Yes, But Also A Wisdom Circle”.

Open Source ist langweilig

Die Internetseite jfplayhouse.com ging einen Schritt weiter und behauptet, dass es keine Überraschung sei, dass keine jungen Leute am Kernel arbeiten möchten, da Linux eines der langweiligsten Open-Source-Projekte überhaupt sei:

“This shouldn’t be a surprise when Linux is one of the most boring open source software projects in existence. It’s a massive heap of code that is mostly worked on by corporate developers. “

Zudem seinen die meisten Arbeiten am Kernel abgeschlossen und es gäbe kaum mehr interessante Arbeiten zu erledigen, oder wer hätte denn Interesse daran, einen Treiber für eine Webcam zu schreiben, der auf die Verbreitung von Linux eh keinen Einfluss habe, meint Jerkface in seinem ausführlichen Artikel zum Thema Kernel- und Linux-Entwicklung im Allgemeinen.

Die zu beiden Artikeln entfachten Kommentar-Diskussionen ließen nun auch Jonathan Corbet zu Wort kommen, der sich das Thema zum Podiumsgespräch ausgesucht hatte. Laut Corbet ist der Kernel in keiner Weise vom Aussterben bedroht — im Gegenteil. Von den rund 1000 Entwicklern, die in die rund drei Monate dauernden Relase-Zyklen involviert seinen, arbeiten laut Corbet rund 20 Prozent aus reinem Spaß am Kernel. Zudem gebe es auch sehr viele First-Time-Contributors, also Entwickler, die zum ersten Mal etwas zum Kernel beisteuerten. Der Kernel selbst sei attraktiver denn je, es gäbe auch immer mehr Code, der in den Kernel aufgenommen werden wolle. Das Problem der Alterung betreffe somit in erster Linie und lediglich die berühmte Kernel-Garde, nicht den Kernel an sich. Hier müsse man sich halt damit abfinden, dass diese Leute sich so lange an der Entwicklung beteiligen würden, bis sie sterben, wie James Bottomley meinte.

Graubärte als Zeichen der Weisheit

Einen interessanten Vortrag hielt am 4. Collaboration Summit auch Sam Ramij, ehemals Open-Source-Beauftragter bei Microsoft. Unter dem TItel “Does Open Source Mean Open Cloud?” wies er darauf hin, dass war schätzungsweise 90 Prozent aller virtuellen Maschinen auf einem Linux-System laufe, die darüberliegende Software-as-a-Service-Struktur jedoch weitgehend proprietär sei.

Der Kernel und die Linux-Gemeinschaft können die grauen Bärte also weiterhin gut gebrauchen. Das zeigte auch eine Keynote von Dan Frye über die Zusammenarbeit zwischen IBM und den Kernel-Entwicklern. Als IBM vor rund zehn Jahren ankündigte, 1 Milliarde USD in Linux zu investieren, habe man das Entwicklungsmodell nicht wirklich verstanden und teilweise vergeblich versucht, Code in den Kernel einzubringen. Wie sich nachträglich herausgestellt hat, haben dabei beide Seiten Fehler gemacht. So kann sich der jetzt beim Mercurial-Projekt arbeitende Matt Mackall erinnern, dass man einen riesigen Codeblock für das Volume-Management bei Festplatten einfach abgewiesen hatte, weil man nichts damit anfangen konnte:

“Linus didn’t know what volume management was. For a long time it appeared to be going in, then it was rejected as ‘just not salvageable'”

Heute sei man solchen komplexen Problemen gegenüber gerüstet und IBM habe über die Jahre gelernt, wie man am besten mit der Kernel-Entwicklung zusammenarbeitet. Auch Google scheint nun entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben: Nachdem man Android lange hinter verschlossenen Türen entwickelt und kaum mit den Kernel-Entwicklern zusammengearbeitet hat, sollen weite Teile von Android nun zurück in den Kernel portiert werden. Die Kernel-Entwickler könnten somit schon in Kürze mit neuen riesigen Codeblöcken konfrontiert werden. Um die Entwickler darauf vorzubereiten und für gute Stimmung zu sorgen, spendierte Google sämtlichen Teilnehmern des Collaboaration Summits ein Nexus One.

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