Mit dem auf Linux basierenden Touchscreen-Smartphone Pre macht Palm dem Apple iPhone optisch, haptisch, technisch und in Sachen Offenheit ernsthaft Konkurrenz.
Manche Leute glauben noch heute, Palm [1] hätte den PDA erfunden. Das stimmt zwar nicht – tatsächlich war das erste Produkt der Firma 1993 ein rechter Flop –, es zeigt aber den Stellenwert des Unternehmens im Markt für Taschencomputer. Der beruht nicht zuletzt auf dem 1996 eingeführten, stiftgesteuerten Palm Pilot, der sich in immer neuen Versionen hunderttausendfach verkaufte. Rasch wurde der Begriff Pilot quasi zum Synonym für PDA, und auch eine entsprechende Synchronisationssoftware für Linux trägt diesen Namen.
Zum Erfolg der Palm-Pilot-Serie trug nicht zuletzt deren Betriebssystem PalmOS bei, das besonders durch seine Art der Dateneingabe auffiel, eine Art Handschrifterkennung: Auf rechteckige Eingabeflächen im Display schreibt man mit einem Stift Buchstaben und Ziffern (“Grafitti”). Dazu gibt es eine optionale Bildchirmtastatur und vier Tasten. Das schlichte Bedienkonzept sprach offensichtlich die Anwender an, PalmOS erreichte fünf Major Releases.
Von PalmOS zu WebOS
Als Mobiltelefone und PDAs begannen, zu Smartphones zusammenzuwachsen, wurde jedoch bald klar, dass PalmOS bald nicht mehr in der Lage sein würde, die aus der neuen Hardware erwachsenden Anforderungen zu erfüllen. Daher begann Palm mit der Entwicklung eines neuen Betriebssystems für seine Geräte, das unter dem Codenamen “Nova” lief und 2009 als WebOS das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Bei WebOS handelt es sich um ein Multitasking-Betriebssystem, das auf einen Linux-Kernel aufsetzt. Während dieser der GPL untersteht, gilt das für das Betriebssystem selbst nicht: WebOS selbst ist proprietäre Software und Closed Source.
In Sachen Bedienung hat Palm das Betriebssystem konsequent auf die Anforderungen der Smartphone- und Web-2.0-Generation getrimmt: Ein kapazitiver Touchscreen dient als Eingabemedium, die Finger als Bedienelement. Anders als der Vorgänger PalmOS kommt WebOS mit einer Vielfalt von Verbindungsprofilen und -Technologien zurecht. Alle Daten gleicht das System mit Internet-Diensten ab, statt sie ausschließlich auf dem Gerät selbst zu speichern. Moderne Softwarekomponenten wie Webkit sorgen dabei optimale Darstellung.
Als erstes Gerät mit dem neuen System lieferte Palm ab Juni 2009 in den USA das Smartphone Palm Pre [2] aus. Seit Mitte Oktober ist das Gerät auch in Deutschland exklusiv beim Anbietern O2 [3] zu haben.
Die Hardware
Im rundlichen, knapp handflächengroßen hochglanzschwarzen Kunststoffgehäuse des Palm Pre steckt recht ordentliche Hardware (siehe Tabelle “Palm Pre – technische Daten”). Die Basis bildet ein System-on-Chip des Typs OMAP3430 von Texas Instruments. Als Prozessor dient eine ARM-CPU Cortex A8, die bis zu 600 MHz Taktrate verträgt, von Palm jedoch auf 500 MHz untertaktet wurde. Die Bildschirmansteuerung übernimmt eine PowerVR-SGX-530-Chip, unterstützt von einem ISP (Image Signal Processor). Für Multimedia-Power sorgt daneben ein mit 430 MHz getakteter DSP des Typs C64x+.
Als Arbeitsspeicher stehen 256 MByte RAM zur Verfügung. Zur Datenspeicherung gibt es 8 GByte Flash, von denen der Anwender allerdings nur knapp 7 GByte nutzen kann. Beides erweist sich in der Praxis zwar als mehr als ausreichend, nicht aber als wirklich üppig: Dank der leistungsfähigen Hardware und des Multitasking-OS tendieren viele Anwender dazu, Anwendungen nach Gebrauch nicht zu schließen, sondern im Hintergrund einfach weiterlaufen zu lassen. Ab etwa einem Dutzend offener Anwendungen wirkt der sonst wieselflinke Pre dann gelegentlich etwas träge. Und die Multimedia-Fähigkeit verleiten dazu, den Flash-Speicher rasch mit Videos, Musikstücken und Dokumenten zu füllen. Da wird es auf 7 GByte schnell etwas eng – und der Pre besitzt keinen Card-Slot, über den sich der Massenspeicher flexibel erweitern ließe. Diese Probleme kennt auch Palm und will im Laufe des Jahres mit einem Pre Plus kontern: Er wird verdoppelten Arbeits- und Massenspeicher aufweisen.
Das 3,1-Zoll-TFT-Display des Pre zeigt bei 24 Bit Farbtiefe 320 mal 480 Pixel in brillanten Farben an und regelt seine Helligkeit stromsparend über einen Umgebungslichtsensor nach. Bewegt man das Smartphone zum Telefonieren ans Ohr, schaltet ein Näherungssensor den Bildschirm ganz ab. Der Dritte im Sensor-Bund ist ein Lage- und Beschleunigungsmesser, der unter anderem beim Kippen des Geräts dafür sorgt, dass dafür geeignete Anwendungen wie etwa der Webbrowser ins Querformat wechseln. Diese Funktion unterstützt beispielsweise auch die Kamera-Applikation für die eingebaute 3,2-Megapixel-Digicam, die – nötigenfalls mithilfe eines LED-Blitzes – recht scharfe Bilder liefert und auch Videos erstellen kann.
Verbindung zur Außenwelt nimmt der Palm Pre via GSM und UMTS, über WLAN und per Bluetooth auf. Details dazu finden Sie in der Tabelle “Palm Pre – technische Daten”. Gerade für die Internet-Konnektivität erweist sich die WLAN-Anbindung gegenüber dem hierzulande oft recht dünnen Mobilfunk als wahrer Segen. Neben den drahtlosen Techniken kommt auch ein Kabel zum Zug: Über die mitgelieferte Micro-USB-Strippe lässt sich der Pre als Massenspeicher am PC betreiben (Abbildung 1). Während das Telefon als USB-Laufwerk verwendet wird, lassen sich allerdings weder Anrufe noch SMS senden oder empfangen, wovor der Pre vor Aufnahme dieser Betriebsart mehrmals nachdrücklich warnt.

Abbildung 1: Der Palm Pre präsentiert als Massenspeicher eine übersichtliche Ordnerstruktur, in deren Root sich sogar eine Kopie der GPL findet.
Lade-Spaß
Das erwähnte USB-Kabel muss im Nebenjob auch als Ladekabel für den 1150-mAh-Akku des Palm Pre herhalten, wozu es entweder mit einem Rechner verbunden wird oder den mitgelieferten Netzstecker angestöpselt bekommt. Das erweist sich auf beiden Seiten der Verbindung als wackelige Angelegenheit: Auf Netzseite trennt sich das Kabel schon bei minimalem Zug ausfreiwillig wieder vom Steckerteil. Um das Kabel ins Smartphone zu praktizieren, gilt es erst mit spitzen Fingern eine wackelige Abdeckkappe aufzufummeln, die dann an einem dünnen Kunststofffädchen baumelt.
Das dass nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, ist offensichtlich auch Palm klar, denn im Zubehörangebot findet sich die Ladestation Touchstone. Auch sie erhält den Strom zwar über das USB-Kabel samt nickligem Stecker, sie erspart aber wenigstens das Gefummel mit der sollbruchstellenartigen USB-Port-Klappe des Telefons. Der “Touchstone” sieht aus wie ein schräg abgeschnittener Zylinderstumpf. Auf ihn platziert man das Pre in Hoch- oder Querausrichtung. Es bleibt dort magnetisch haften und erhält nun via Induktion seine Ladespannung, man kann derweil damit weiter arbeiten. Damit erweist sich der Touchstone-Lader als praktisch unverzichtbares Zubehör.
Bedienung
Als wichtigstes Bedienelement des Palm Pre dient der Touchscreen, über dessen unten angeordnete Schnellstartleiste man an die zentralen Applikationen Telefonie, Kontakte, E-Mail, Kalender und Anwendungsmenü gelangt. Daneben gibt es unterhalb des Displays eine Art Touchpad, das hauptsächlich als große Escape-Taste dient: Mit einem Wischer von rechts nach links darüber gelangt man stets einen Schritt oder ein Menü zurück.
Ein Klick auf den ebenfalls in dieser Leiste untergebrachten Knopf verkleinert die gerade laufende Anwendung zu einer kleinen Karte auf dem Bildschirm. Dank Multitasking kann man mehrere dieser Kärtchen offen haben, die sich dann nebeneinander schlichten – per Fingerwischer lässt sich nun zwischen ihnen wechseln. Um eine Anwendung zu schließen, schnippt man sie einfach nach oben aus dem Bildschirm heraus.
Stehen Texteingaben an, verschiebt man untere und obere Gehäusehälfte vertikal gegeneinander. Zum Vorschein kommt daraufhin eine recht durchdachte, aber sehr kleinteilige Daumentastatur im QWERTZ-Layout. Auch Anwender mit Wurstfingern (wie beispielsweise der Autor) haben kaum Schwierigkeiten beim Tippen. Zum Telefonieren braucht man die Tasten übrigens nicht – dafür gibt es eine Bildschirmtastatur.

Abbildung 2: Der Palm Pre präsentiert als Massenspeicher eine übersichtliche Ordnerstruktur, in deren Root sich sogar eine Kopie der GPL findet.
Mit sonstigen Bedienelementen geizt das Palm Pre – es gibt nur noch einen Schalter zum Sperren des Bildschirms, einen Schieber zum Stummschalten des Smartphones und eine Wippe zum Regeln der Lautstärke der recht klangreinen Soundausgabe.
Synergien
Der Palm Pre bringt alles an Anwendungen mit, was man von einem Smartphone so erwarten darf – eine Liste finden Sie in der Tabelle “Palm Pre – technische Daten”. Daraus generiert er aber einen außergewöhnlichen Nutzwert, indem er die Daten aus allen Anwendungen integriert.
Als extrem praktisches Feature erweist sich beispielsweise die Universalsuche: Sobald Sie Buchstaben ins Suchfeld eingeben, durchstöbert der Pre alle Kontakte und Anwendungen nach Passendem. Wir der lokal nicht fündig, bietet er eine Suche in Google, Google Maps, Wikipedia oder Twitter an. Kontaktdaten und Termine führt der Palm Pre über eine “Synergy” genannte Funktion auf Wunsch aus mehreren Quellen zusammen, so unter anderem von Google und Facebook. Dabei synchronisiert er sie in beiden Richtungen und erkennt sogar Doppler. Im Zusammenspiel
Eingehende Chat-Nachrichten, SMS oder E-Mails präsentiert der Palm Pre sofort am unteren Bildschirmrand im sogenannten Dashboard mit einem Kurzabriss, bei E-Mails beispielsweise dem Betreff. Durch einen Fingertapser springt man dann von dort aus direkt in die zugehörige Anwendung.
Apps
Wer sich mit den bereits mitgebrachten Anwendungen nicht ausgelastet fühlt, der darf sich in Palms App Catalog bedienen. Darin finden sich zahlreiche kostenlose und kostenpflichtige Applikationen aus allen nur denkbaren Bereichen, darunter auch viele Spiele. In Sachen Quantität kann Palm hier allerdings mit dem großen Konkurrenten Apple derzeit nicht einmal entfernt mithalten.
Das könnte sich allerdings schnell ändern, denn anders als die Firma mit dem Obst im Logo nagelt Palm sein Entwicklerprogramm [4] und die Applikationen nicht zu, sondern hält sie in alle Richtungen offen. Neben dem sonst (allein) üblichen Modell – Entwickler registriert sich kostenpflichtig, stellt geprüfte Apps in Hersteller-Store ein, teilt sich den Umsatz mit dem Hersteller – kennt Palm zwei weitere Varianten. Die richten sich gezielt an Open-Source-Entwickler, denen Palm dazu auch einen kostenlosen Developer-Account spendiert.
Bei der sogenannten Web Distribution hostet Palm die App selbst im Webstore, übt aber keinerlei inhaltliche Kontrolle oder Zensur aus. Der Hersteller prüft vor dem Einstellen lediglich, ob es sich bei der fraglichen Anwendung nicht etwa um Schadsoftware handelt. Entwickler, denen das schon zu weit geht, dürfen Apps aber auch im “Homebrew”-Modell über ihre eigene Website anbieten und Palm komplett außen vor lassen.
Fazit
Der Palm Pre bringt technisch und anwendungsseitig alle Attribute mit, um ihn zu einem potenziellen iPhone-Killer zu machen. Das einzige, was den Pre derzeit noch vom Status eines echten Apple-Konkurrenten abhält, ist vergleichsweise schmale Bestückung des App-Stores. Dafür kann man das Gerät anders als ein iPhone auch vertrags- und SIM-Lock-frei erwerben, zudem offeriert Palm ein Open-Source-freundliches, offenes Kooperationsmodell für Entwickler. Von diesen sachlichen Argumenten einmal abgesehen: Wer das todschicke, technisch elegante und angenehm zu bedienende Palm-Smartphone einmal in den Fingern gehabt hat, wird es nur ungern wieder herausrücken.
Palm Pre – technische Daten
| System | SoC (TI OMAP3430) |
| CPU | Cortex A8 ARM, 500 MHz |
| GPU | PowerVR SGX 530 |
| RAM | 256 MByte |
| Flash | 8 GByte (frei: 7,1 GByte2 / 6,7 GByte3) |
| Display | TFT-Touchscreen 3,1 Zoll, 320 x 480 Pixel, 24 Bit |
| Betriebssystem1 | Palm WebOS 1.4.1 |
| Tastatur | ausfahrbar (Slider), QUERTZ |
| Kamera | 3,2 Megapixel, LED-Blitz |
| Sensoren | Helligkeit, Beschleunigung, Annäherung |
| Anschlüsse | Micro-USB 2.0, 3,5mm Stereo out |
| Bedienelemente | Touchstrip unterhalb des Bildschirms, Ein/Aus-Schalter, Lautstärkeregler (Wippe) |
| Maße / Gewicht | 59,5 x 100,5 x 16,95 mm / 136 g |
| Energieversorgung | |
|---|---|
| Akku | 1150 mAh Lithium-Polymer |
| Standby-Zeit | 200h2 / 70h3 |
| Gesprächszeit | 5h2 / 3,5h3 |
| Stromversorgung | via Micro-USB-Anschluss |
| Besonderheit | optional: induktive Ladestation (“Touchstone”) |
| Konnektivität | |
| Netz | Quadband 850/900/1800/1900 MHz |
| Standards | GSM, GPRS, EDGE, UMTS, HSDPA |
| Messaging | SMS/MMS, Instant Messaging |
| WLAN | IEEE 802.11b/g, WEP, WPA, WPA2, 802.1x |
| Bluetooth | 2.1 + EDR, A2DP Stereo Bluetooth |
| POP3, IMAP, MS Outlook Direct Push | |
| Unterstützte Medienformate | |
| Audio | MP3, AAC, AAC+, AMR, QCELP, WAV |
| Video | MPEG4, H.263, H.264 |
| Grafik | BMP, GIF, JPEG, PNG |
| Mitgelieferte Anwendungen | |
| PIM | Kontaktverwaltung, Mailclient (POP/IMAP), Kalender, Aufgaben |
| Büro | PDF-Viewer, Dokumentenbetrachter, Notizzettel, Taschenrechner |
| WWW | IM (Google Talk, AIM), Webbrowser, Google-Maps-Client, YouTube-Client |
| Multimedia | Audioplayer, Videoplayer, Kamera-Applikation (Foto/Video), Bildbetrachter |
| Sonstiges | Uhr, AGPS, Location-based-Services via Google Maps, Geotagging für Fotos, Abgleich von Kontakten und Terminen mit Google und Facebook, tägliche automatische Datensicherung auf Palm-Server |
| Bezugsquelle, Zubehör, Preise | |
| Bezugsquelle | O2 (http://www.o2online.de) |
| Preis | 409 Euro (ohne Vertrag, kein SIM-Lock) |
| Zubehör | Touchstone (induktives Ladegerät) 59,99 Euro, Pkw-Ladegerät 18,65 Euro, Ledertasche 34,99 Euro, Akku 44,99 Euro |
| 1 Stand 9.4.2010 2 Herstellerangabe 3 Testergebnis | |
Infos
[1] Palm (deutsch): http://www.palm.com/de/de/
[2] Palm Pre: http://www.palm.com/de/de/phones/pre/
[3] O2: http://o2online.de
[4] Palm-Entwickler-Website: http://developer.palm.com/





