Nicht nur Nutzer von Netbooks und schwachbrüstigen Rechnern wünschen sich ein System, das blitzschnell bootet – wie das freie Puppy Linux oder das kommerzielle Xandros Presto.
Speziell Besitzer von Netbooks und älteren Rechnern kennen das Problem nur zu gut: Man möchte eben mal den Mail-Account prüfen oder bei Wikipedia etwas nachschlagen – und muss erst einmal minutenlang warten, bis der Rechner hochfährt. Abhilfe schaffen hier so genannte Quickstart-Linuxe. Sie nehmen für sich in Anspruch, binnen weniger Sekunden zu starten und haben alle notwendigen Programme an Bord.
Die beiden Kandidaten in diesem Test könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Xandros das auf Ubuntu basierende Presto [1] für knapp 20 US-Dollar anbietet, stellt Puppy [2] seine nur 100 MByte kleine Distribution kostenlos zum Download bereit. Wir haben geprüft, was beide können, wie schnell sie starten und welchen Nutzen sie bieten. Als Testumgebung wählten wir ein für den Betrieb solcher Schnellstart-Distributionen typisches Szenario: ein Rechner mit installiertem Windows XP, dem Puppy Linux respektive Presto als Zweitsystem zur Seite standen.
Installation
Xandros bietet Presto auf seiner Projektseite mit dem Hinweis Download Presto free zum Download an. Allerdings verschweigt die Seite an dieser Stelle, dass es sich dabei um eine zeitbeschränkte Version handelt, die nach sieben Tagen abläuft. Möchten Sie Presto danach weiter nutzen, müssen Sie für 19,95 US-Dollar eine Lizenz von Xandros erwerben.
Presto besteht aus einem Windows-Binary, das beim Ausführen den Installer startet. Entsprechend erfordert die Installation grundsätzlich ein auf dem Rechner installiertes Windows-System, eine paralleler Betrieb zu einem bereits installierten Linux-Systemen ist nicht möglich. Das Konzept ähnelt dem von Wubi [3]: Das Setup richtet auf einer Windows-Partition ein virtuelles Dateisystem in einer Datei ein, in dem es die Distribution wie ein normales Windows-Programm installiert. Die bestehende Partitionierung bleibt davon unberührt. Xandros nennt als Mindestvoraussetzung 4 GByte freien Speicher auf der Zielpartition. Außer der Eingabe des Zielverzeichnisses bietet das Setup keinerlei Möglichkeiten weiterer Einstellungen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Windows-basierte Installer von Presto lässt als einzige benutzerseitige Eingabe die Wahl des Zielverzeichnisses zu.
Der Installer schreibt in den Windows-Softwaremanager einen Eintrag, der es ermöglicht, das System rückstandsfrei zu deinstallieren. Darüber hinaus modifiziert er den Windows-Bootloader dahingehend, dass er auch Presto startet.
Die Live-Distribution Puppy Linux bietet hier ungleich mehr Möglichkeiten, macht es durch die Vielfalt an Optionen dem Normalanwender jedoch auch nicht unbedingt leicht, das für ihn Passende auszuwählen. Der Desktop enthält ein Icon namens Install. Ein Klick darauf öffnet ein Dialogfenster, in dem Sie zwischen Universal Installer: und BootFlash USB installer: (Abbildung 2) wählen. Wie der Name bereits suggeriert, eignet sich letzterer nur dazu, Puppy auf USB-Speichermedien einzurichten.

Abbildung 2: Puppys Installer offeriert eine Vielzahl verschiedener Einrichtungsmethoden, die ihn zwar sehr flexibel, aber für unerfahrene Anwender auch sehr kompliziert machen.
Möchten Sie die Distribution auf der Festplatte einrichten, wählen Sie die erste Option. Wie Presto erlaubt auch Puppy Linux eine Installation ohne das Verändern des Dateisystems, bietet zudem aber auch das Einrichten eines ganz normalen Systems an. Hier startet zunächst der Partitionsmanager Gparted, mit dem Sie die Partitionen entsprechend vorbereiten. Bei einer Installation im bereits vorhandenen Dateisystem kopiert Puppy lediglich die Datei pup-431.sfs und die benötigten Startdateien ins gewählte Verzeichnis.
Beim Herunterfahren bietet Puppy an, die Veränderungen und eigenen Dateien in einem Container namens pupsafe.2fs zu speichern. Beim Booten sucht die Distribution auf den vorhandenen Partitionen zunächst nach diesem Container, hängt ihn ins Heimatverzeichnis des Anwenders ein und lädt die darin enthaltenen Konfigurationsoptionen.
Allerdings hat Puppys Konzept bei Einsatz als Schnellstart-System einen kleinen Haken: Anders als Presto passt es den Windows-Bootloader nicht automatisch an und bringt auch keinen eigenen Bootloader wie Grub4DOS mit, der in der Lage wäre, Puppy ohne Linux-Partition zu starten. Entsprechend bedarf es bei dieser Art der Installation eines externen Bootloaders.
Zwar bietet Puppys Konzept ungleich mehr Möglichkeiten, ist aber auch deutlich schwieriger zu bedienen als der Presto-Installer: Bei Xandros’ Variante kann selbst der blutigste Anfänger kaum was falsch machen.
Software und Updates
Xandros Presto beschränkt sich beim Funktionsumfang aufs Wesentliche. Einen Teil der Programme erreichen Sie über die Startleiste links (Abbildung 3), so etwa den Webbrowser Firefox 3.5.2, den multifunktionalen Instant-Messenger Pidgin 2.5.7 sowie Skype 2.0. Zusätzliche Anwendungen, darunter beispielsweise OpenOffice 3.0.1 oder den Realplayer 11, finden Sie im Application Store, den sie mit einem Klick auf das Icon mit dem stilisierten Einkaufskorb öffnen. Dieser Software-Bauchladen ermöglicht Ihnen theoretisch auch das nachträgliche Installieren hunderter von Applikationen, die Xandros in seinem Presto Application Store vorhält.

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Abbildung 3: Xandros offeriert zwar über das Einkaufskorb-Symbol in der Startleiste einenApplication Store mit hunderten von Programmen, jedoch ließ sich im Test keines davon installieren.In der Praxis aber gelang im Test bei keinem der Programme die Installation. Diese scheiterte stets an einem Connection-Timeout (Abbildung 3), den Anwender bereits seit Mai 2009 im Presto-Forum [4] bemängeln. Xandros hat es augenscheinlich bis heute noch nicht einmal für nötig befunden, auch nur auf die Forenanfragen zu reagieren, geschweige denn, den Fehler zu beheben.
Ähnlich mager sieht es mit Aktualisierungen aus: Weder war ein manuelles Update möglich, noch bewerkstelligte das System selbst eine Aktualisierung. Da die Konfigurationsdatei /etc/apt/sources.list, in der normalerweise die Repositories stehen, keinerlei Einträge enthält, erschien das auch nicht weiter verwunderlich.
Ungleich umfangreicher kommt die Softwareausstattung von Puppy Linux daher (Abbildung 4) – allerdings handelt es sich beinahe durchweg um verhältnismäßig alte Versionen. So dient als Browser und Mailclient Seamonkey 1.1.18, das Verfassen von Dokumenten und Tabellen übernehmen Abiword 2.6.3 und Gnumeric 1.8.2. Aqualung spielt Musikdateien ab, Gxine zeigt Filme verschiedener Formate.

Abbildung 4: Puppys Paketmanager erlaubt das nachträgliche Installieren zusätzlicher Software – allerdings löst er fehlende Abhängigkeiten nicht selbständig auf.
Auch Puppy besitzt einen Paketmanager, den Sie über einen Klick auf den Button Puppy Package Manager aus dem Install-Fenster öffnen (Abbildung 4). Zur Auswahl stehen einige hundert Zusatzpakete, die das System in die verschiedensten Richtungen ausbauen. So finden Sie in den Repositories unter anderem OpenOffice, Pidgin, Gimp, Xchat oder Firefox. Wie sich herausstellte, ermittelt der Installer zwar die Abhängigkeiten der Programme, löste sie aber nicht selbständig auf. Einige Programme, beispielsweise Pidgin starteten zudem auch nach dem Einrichten der angeforderten Bibliotheken nicht.
Netz und System
Gemäß Prestos Ausrichtung beschränken sich die Konfigurationsmöglichkeiten des Systems auf ein absolutes Minimum. Mit einem Klick auf Presto Settings, das als Symbol einen gekreuzten Schraubendreher und -schlüssel verwendet, öffnet sich der Werkzeugkasten. Allerdings enthält er nur Tools zum Einstellen des Tastaturlayouts und der Bildschirmgröße. Das Importwerkzeug für Bookmarks, das die Lesezeichen aus Microsofts Internet Explorer importieren sollte, verweigerte im Test seinen Dienst.
Die Xandros-Oberfläche zum Einrichten des Netzwerks nennt sich Network Connections und erinnert an das Pendant von Ubuntu. Sie ermöglicht das Verwalten von (W)LAN-Verbindungen und DSL-Zugängen. Darüber hinaus enthält sie einen einfach zu bedienenden VPN-Einrichtungsassistenten (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der Netzwerkmanager von Presto ermöglicht neben der Konfiguration der Netzzugänge auch das einfache Erstellen von VPN-Verbindungen.
Presto lässt jegliche Art von Benutzerverwaltung oder Authentifizierung vermissen. Es kennt nur die beiden Nutzer user und root, jeweils ohne Passwort. Jeder Anwender, der das System mit Presto bootet, erhält also automatisch vollen Zugriff auf sämtliche Ressourcen des Rechners. Auch die Windows-Partition hängt Xandros’ Quickstart-Linux beim Booten automatisch im Lese- und Schreibmodus ins Dateisystem ein.
Allerdings haftet dieser Makel nicht Presto alleine an: Auch Puppy Linux fehlt eine Nutzerverwaltung. Es verwendet als Default-User root – ebenfalls ohne Passwort. Auch die freie Distribution hängt die gefundenen Partitionen des Systems automatisch mit Lese- und Schreibrechten ins System ein.
Puppys Konfiguration öffnen Sie über das Desktop-Icon setup. Es erlaubt Ihnen unter anderem das Einstellen des Tastaturlayouts, der Bildschirmauflösung und des Netzwerks. Das Icon Setup Cups printing… startet die webbasierte Konfigurationsoberfläche des Printservers, Setup ALSA sound… den ALSA wizard. Sowohl die Konfigurationstools als auch den Paketmanager und den Installer fasst Setup im Startmenü zusammen.
Ressourcenverbrauch und Geschwindigkeit
Puppy benötigt beim normalen Start üppige 250 MByte freien Hauptspeicher. Das liegt daran, dass es sich in der Grundeinstellung beim Systemstart in den Hauptspeicher lädt. Der damit verbundene Vorteil: Alle aufgerufenen Programme benötigen nur wenige Sekunden, bis sie einsatzbereit sind. Der Systemstart vom Ende des POST-Tests bis zum Bereitstellen der grafischen Oberfläche dauerte auf unserem Testrechner im Schnitt 22 Sekunden.
Hier spielt Presto seinen größten Trumpf aus: Es benötigte im Schnitt nicht einmal 10 Sekunden, bis es einsatzbereit war. Allerdings dauerten die Programmstarts deutlich länger als bei Puppy. Während dort die Mozilla-Suite Seamonkey nicht einmal drei Sekunden zum kompletten Laden brauchte, ließ sich Firefox unter Presto stolze 8 Sekunden dafür Zeit. Der Hauptspeicherverbrauch lag auch bei der Xandros-Distribution bei etwa 250 MByte.
Fazit
Xandros richtet sich mit Presto in erster Linie an Windows-Anwender, die mit geringstem Installations- und Konfigurationsaufwand ein schnell bootendes System einrichten wollen. Dieses Ziel erfüllt die Distribution mit 10 Sekunden Bootzeit und einer narrensicheren Installation und Konfiguration voll und ganz. Die magere Grundausstattung verbunden mit dem nicht funktionierenden Paketmanager sorgen jedoch für Unmut. Die fehlende Nutzer- und Rechteverwaltung ermöglicht jedem Anwender ungehinderten Zugriff aufs System – sogar auf Windows, da Presto die Partitionen beim Booten im Lese- und Schreibmodus mountet.
Dieses Sicherheitsmanko weist auch Puppy Linux auf. Seine vielen Installationsoptionen bieten dem Anwender mehr Möglichkeiten, komplizieren aber gegenüber Presto auch die Systemeinrichtung. Puppys Paketmanager funktioniert zwar, lässt aber deutlichen Spielraum für Verbesserungen. So löste er Abhängigkeiten nicht selbständig auf und wirkte insgesamt eher unhandlich. Bei einigen Programmen misslang der Start auch nach einer manuellen Nachinstallation der fehlenden Bibliotheken. Immerhin bringt die Distribution von Haus aus deutlich mehr Programme mit als Presto und startet diese in Sekundenschnelle starten.
Würde Prestos Paketmanager wie vorgesehen funktionieren, wäre die Xandros-Distribution ein klarer Tipp für jeden Windows-Nutzer, der ein pfeilschnelles System wünscht. Puppy Linux richtet sich dagegen eher an versiertere Nutzer. Wer die Vorteile beider Systeme genießen möchte und ein wenig Handarbeit nicht scheut, der findet in Tiny Core Linux [5] eine ernst zu nehmende Schnellstart-Alternative zu Presto und Puppy.
Infos
[1] Xandros Presto: http://www.prestomypc.com
[2] Puppy Linux: http://puppylinux.org
[3] Wubi: http://wubi-installer.org
[4] Presto-Forum: http://prestomypc.com/forums/viewtopic.php?f=14&t=782
[5] Instant-Boot-Linux im Eigenbau: Hans Joachim Liesert, “Kernphysik”, LinuxUser 01/2010, S. 60, https://www.linux-community.de/artikel/20146/





