Interview mit dem Darktable-Entwickler Aurélien Pierre

Aus LinuxUser 08/2022

Interview mit dem Darktable-Entwickler Aurélien Pierre

© macor / 123RF.com

Gut entwickelt

Aurélien Pierre arbeitet seit Ende 2014 an dem RAW-Entwickler Darktable, der sich unter seiner Ägide in den vergangenen Jahren zu einer echten FOSS-Alternative zu Adobes Lightroom gemausert hat. Im Interview erklärt uns der Entwickler seine Ziele und Motivation.

Aurélien Pierre arbeitet in Vollzeit am RAW-Entwickler Darktable. Die Bezahlung seiner Stelle wird über Spenden finanziert, außerdem gibt er Kurse zur Fotobearbeitung mit Darktable. Der Einstieg in die Entwicklung der Software lief am Anfang ganz klassisch: Pierre korrigierte Fehler, die zuvor niemand reparieren wollte. Inzwischen schreibt er zentrale Module, die die Arbeitsweise der Anwendung grundlegend revolutionieren. Im Interview erzählt er davon.

LinuxUser: Darf ich fragen, wie alt du bist?

Aurélien Pierre: Ich werde demnächst 31.

LU: Wie bist du ein Darktable-Entwickler geworden?

AP: Ich habe eine Ausbildung in Vermessungstechnik – das ist so ähnlich wie Fotografie, weil es mit Sensoren, Kalibrierung und so weiter zu tun hat. Als ich an der École Polytechnique studierte, sah ich auf Instagram zufällig eine Werbung für eine Blind-Deconvolution-Software. Da ich bereits Vorwissen über Dekonvolution hatte, begann ich, zu diesem Thema zu recherchieren. Weil ich Darktable schon von Beginn an für meine eigenen Arbeiten [1] nutzte, war es naheliegend, ein Blind-Deconvolution-Modul für die Software zu programmieren. Dieses Projekt ist allerdings letztlich bis heute nicht abgeschlossen. Es hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, dass es kein optimales Erstprojekt war, unter anderem weil die Blind-Deconvolution-Technologie sehr komplex und rechenintensiv ist. Ich habe darum bald angefangen, über einfachere Projekte nachzudenken.

Ich habe dann verschiedene Programmierfehler in Darktable korrigiert, vor allem Dinge, dich mich störten, die aber niemand anderer reparieren wollte. Das Ergebnis dieser Bemühungen war irgendwann das Modul Filmic. Was mich damals an Darktable am meisten störte, waren die Tools zum Manipulieren von Farben, insbesondere in HDR-Situationen. Darum habe ich zu Beginn fast ausschließlich Schwarz-Weiß-Fotos bearbeitet. Ich glaube, ich bin irgendwie eine negative Persönlichkeit, weil mich immer Dinge motivieren, mit denen ich unzufrieden bin. Außerdem bin ich jemand, der sich nicht mit schlechten Situationen abfinden will. Ich warte nicht darauf, dass jemand meine Probleme für mich löst.

Darum entwickelte ich dann die erste Version von Farbbalance, was aus heutiger Sicht allerdings überflüssig war. Allmählich kristallisierte sich jedoch heraus, dass man für bessere Farben einen ganz neuen Workflow in Darktable braucht, vom ersten bis zum letzten Bearbeitungsschritt. Die wichtigste Inspirationsquelle waren dabei (Kino-)Filme. Ich finde, Filme haben eine sehr interessante Farbdarstellung. Farben dienen dort gewissermaßen als Sprache. Insbesondere in den hoch budgetierten Produktionen wird die Realität durch die Farben verändert, um bestimmte Gedanken, Gefühle und Standpunkte zu vermitteln.

LU: Anschließend hast du unter anderem den Tone Equalizer entwickelt, oder? Und in Darktable**3.8 beziehungsweise**4.0 stammen alle wichtigen neueren Module außer das Entrauschen-Profil von dir.

AP: Genau. Beim Entrauschen-Profil war ich nicht frustriert genug, darum habe ich es nicht verändert. Außerdem habe ich zwischendurch unter anderem für einen Freund den Negadoctor programmiert und zwei weitere Module für meine Frau.

LU: Aus unserer Sicht ist Darktable jetzt eigentlich fertig, oder?

AP: Ja, so sehe ich es auch. Während der letzten Monate habe ich für die Funktion Farbbalance RGB einen neuen Farbraum entwickelt, den ich Darktable Uniform Colorspace nenne. Das war die letzte größere Veränderung. Der Farbraum verfolgt primär das Ziel, dass sich Farben in der Fotografie ähnlich verhalten wie in der Malerei. Wenn man bei Fotos die Intensität der Farben zurücknimmt, ist das Ergebnis grau. Wenn man jedoch in der Malerei Rot mit Weiß oder Schwarz mischt, bekommt man Rosa. Dies hat mit der ersten Version von Farbbalance RGB schon halbwegs funktioniert, mit dem neuen Farbraum klappt es aber noch besser.

LU: Das ist uns bei der aktuellen Entwicklerversion von Darktable schon aufgefallen. Es erzeugt wirklich sehr schöne Farben. Nächste Frage: Du entwickelst Darktable hauptberuflich, oder? Wie ist das möglich?

AP: Ich habe einen bescheidenen Lebensstil und komme mit verhältnismäßig wenig aus. Ich bekomme Spenden dafür, dass ich Darktable entwickle, außerdem gebe ich auch Kurse in Fotobearbeitung mit Darktable. Meine Frau und ich kommen mit unserer finanziellen Situation zurecht.

LU: Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass es Open-Source-Alternativen zu kommerziellen Fotobearbeitungsprogrammen gibt?

AP: Meine Antwort auf diese Frage ist eine Gegenfrage: Was hätte Jackson Pollock gemacht, wenn das Dripping in der Software, die er nutzte, nicht programmiert gewesen wäre? Er konnte diese verrückte, unkonventionelle Technik nutzen, weil die analoge Technik der Malerei das erlaubte. Das Problem bei digitaler Kunst ist aber, dass die Software den Künstler sozusagen aussperrt. Wenn man kein Entwickler ist, bleibt man auf das beschränkt, was einem die Software zur Verfügung stellt. Auch wenn man als Benutzer Ideen zur Weiterentwicklung von Software hätte, ist man auf die Position eines Konsumenten reduziert, sogar als Künstler. Das Werkzeug ist ein kommerzielles Produkt geworden. Man ist nicht mehr wirklich ein Nutzer, so wie man damals Nutzer von Farbe und Pinseln war.

Die Open-Source-Welt ist nicht zuletzt wichtig für Anwender, die die Industrie ausklammert, weil es ihr nur um Profit und Marktanteile geht. Die Zielgruppe von kommerzieller Software sind aus meiner Sicht nicht unbedingt fähige und mutige Menschen, sondern Nutzer, die jeden Preis für die Software bezahlen würden. Doch wenn man die Kunst auf diese Weise beschränkt, standardisiert man allmählich alles. Man zwingt die Nutzer dazu, die Standardwerkzeuge zu verwenden.

Am liebsten hätte ich Software, die wie ein Lego-Spiel ist. Bei kommerzieller Software geht es vor allem darum, dass sie sich einfach bedienen lässt. Dabei bleibt aber die Flexibilität auf der Strecke. Es ist auch schlecht, wenn Effizienz die Kreativität behindert. Man ist dann gezwungen, dasselbe zu machen wie alle anderen. Das halte ich für einen sehr gefährlichen Trend. Ich entwickle keine Open-Source-Waschmaschinen oder -Schreibprogramme, es ist von Anfang an ein kreatives Unterfangen. Es kommt darauf an, Tools zu haben, mit deren Hilfe man ein bisschen verrückt sein kann, wenn man es will. Die kommerzielle Welt interessiert das nicht, da geht es primär um Profit.

LU: Du hast in einer Diskussion auf Pixls.us einmal geschrieben, dass Du das Programmieren hasst. Warum ist das so, und warum tust Du es trotzdem?

AP: Programmieren ist für mich wie Kochen: Ich hasse Kochen, aber ich liebe es zu essen. Coden ist ein Mittel, das einen Zweck erfüllt. Ich mache es nicht, weil es mir Spaß macht, und mir sind Entwickler suspekt, die es ein wenig zu sehr mögen. Sie verlieren leichter das eigentliche Ziel aus dem Blick. Man muss sich beim Programmieren sehr auf das Ziel konzentrieren, weil der Weg dorthin schmerzhaft ist. Die anderen Entwickler und ich hatten deswegen neulich eine emotionale Diskussion. Ich habe darum beschlossen, einen eigenen Fork von Darktable zu entwickeln, weil ich eine Software möchte, die sich mehr am Workflow orientiert.

LU: Was und wo hast du studiert?

AP: Ich habe einen Abschluss als Maschinenbauingenieur von der École Polytechnique in Montréal. Ich habe davor aber kurze Zeit Physik studiert.

LU: Hast du noch andere Interessen und Hobbys?

AP: Ich habe als Kind Klavierspielen gelernt, aber mittlerweile spiele ich nicht mehr so oft, weil ich hier kein Klavier habe. Außerdem fehlt mir die Möglichkeit, zusammen mit anderen Musikern zu spielen. Darum komponiere ich lieber gelegentlich.

LU: Du bist quasi ein Künstler, der zufällig programmieren kann, und nicht umgekehrt, oder?

AP: Ja, das hoffe ich. Als Jugendlicher konnte ich mich lange nicht entscheiden, ob ich Musiker oder Physiker werden sollte. Selbstverständlich haben mich meine Eltern zum “sichereren” Berufsweg ermutigt, und so habe ich mich zunächst für ein Physikstudium entschieden. Aber ich bin schnell dahintergekommen, dass man als Physiker von Förderern abhängig ist. Die Entscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft war für mich ein wenig traumatisierend, aber heute bin ich froh, dass ich beides haben kann.

Wenn ich ein Foto bearbeite, schaue ich nicht auf die Zahlen. Ich will in meinem Flow sein und mich dabei entspannen. Wenn das Werkzeug gegen mich arbeitet, klappt das aber nicht. Ich beschäftige mich also mit der Wissenschaft, um sie dann vergessen und mich auf die Kunst konzentrieren zu können.

LU: Was sind deine Pläne? Wie lange willst du ein Darktable-Entwickler sein?

AP: Während der Covid-Periode habe ich mich auf das Programmieren konzentriert, weil nicht viel anderes möglich war. Ich hoffe, ich komme jetzt wieder mehr zum Fotografieren. Außerdem habe ich beschlossen, aus Darktable schrittweise auszusteigen und Johannes Hanika beim Entwickeln von Vkdt [2] zu helfen. Es gibt Performance-Probleme mit Darktable, die man nicht reparieren kann. Dafür wäre ein kompletter Neustart nötig. Ich glaube, es gab bei Darktable auch einige “Jugendsünden”.

Mir persönlich wäre es außerdem wichtig, ein Malprogramm zu haben, mit dem man RAWs entwickeln kann. Das ist bei Darktable aber technisch nicht möglich. Ich hasse es, Fotos mithilfe von Schiebereglern zu bearbeiten, ich will sie mit einem Wacom-Stift retuschieren. In Darktable sind aber Echtzeitinteraktionen nicht möglich. Das Höchste der Gefühle wären gezeichnete Masken, aber dabei handelt es sich um Vektoren und nicht um richtige Pinselstriche. In Vkdt funktioniert das aber bereits. Wenn wir versuchen würden, Darktable in diese Richtung weiterzuentwickeln, wäre das eine halbgare Funktion, weil es zu langsam wäre.

LU: Aber im Moment ist Darktable doch insgesamt ein leistungsfähigeres Programm als Vkdt, oder? Wirst du zumindest noch Bugs in Darktable korrigieren?

AP: Selbstverständlich, aber das macht dann nicht mehr so viel Arbeit. Tatsächlich habe ich noch das eine oder andere Projekt für Darktable, zum Beispiel ein Modul zum Bearbeiten von alten CMYK-Drucken. Es wird wahrscheinlich im Dezember-Release enthalten sein.

LU: Könnte man sagen, Darktable ist eine Art Sekte?

AP: Darktable kommt aus der Open-Source-Welt, und die besteht hauptsächlich aus Informatikern. Wie jedes Open-Source-Tool hat Darktable eine sehr emotionale Beziehung zu seinen Usern und umgekehrt. Linux- und Darktable-Anwender sind stolz darauf, dass sie Linux beziehungsweise Darktable verwenden. Offensichtlich ist Open Source nicht nur Software, sondern in gewisser Weise auch eine politische Bewegung. Ich weiß nicht, ob Darktable eine Sekte ist – ich hoffe es nicht –, aber wie bei jedem Open-Source-Programm gibt es einige User, die es ein wenig zu sehr lieben.

Mein Wunsch ist, dass Open-Source-Software an erster Stelle gute Software ist und erst an zweiter Stelle gleichsam zufällig Open Source. Derzeit scheint es eher umgekehrt zu sein. Ich wünschte, es gäbe unter Darktable-Anwendern mehr Künstler. Im Moment ist der Anteil von Informatikern, die Schwierigkeiten haben, ihre teuren Kameras sinnvoll zu verwenden, viel zu hoch. Ich verstehe mich meist nicht so gut mit Open-Source-Fanatikern, mir ist eigentlich egal, unter welcher Lizenz eine Software steht. An erster Stelle steht für mich, ob eine Software funktioniert oder nicht.

LU: Verwendest du kommerzielle Software?

AP: Ich nutze fast ausschließlich Linux und freie Software, aber ich habe auch Windows. Ich habe gelegentlich Photoshop verwendet, aber seit Darktable dort ist, wo ich es haben will, kommt das kaum mehr vor. Ich versuche nicht, die Menschen zu Linux und Darktable zu bekehren. Meiner Meinung nach gelingt das noch am ehesten bei Fotografen, die gern analog fotografieren, beziehungsweise den Umstieg zur Digitalfotografie nicht so recht geschafft haben. Solche Fotografen versuchen oft auch, digitale und analoge Techniken miteinander zu verschmelzen, was nicht so einfach ist. Ich finde das auch nicht überraschend, denn ich habe Darktable bewusst mit dem Ziel entwickelt, gleichsam eigene Filme erstellen zu können. Die Digitalfotografie lässt die Nutzer in der Hinsicht allein. Kommerzielle Software versucht, das Problem durch Presets und Styles zu lösen, aber das ist im Grunde nur Tiefkühlkost. Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht nicht organisch.

LU: Danke für das Interview!

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