BeOS-Neuauflage in der Beta mit Paketmanagement

Aus LinuxUser 12/2018

BeOS-Neuauflage in der Beta mit Paketmanagement

© Computec Media

Haiku OS

Nach 16 Jahren hat das Haiku OS eine erste Beta-Version veröffentlicht. Der BeOS-Abkömmling bringt ein interessantes System zur Softwareverwaltung mit.

Manche Dinge brauchen etwas länger. Das gilt ebenso für Betriebssysteme wie für vieles andere. Neben dem mittlerweile als Running Gag gehandelten GNU Hurd [1] kommt dem IT-Kundigen der seit 1996 in der Entwicklung befindliche Windows-Nachbau ReactOS [2] sowie das 2001 gestartete Haiku [3] in den Sinn. Letzteres lehnt sich an BeOS [4] an und dessen Entwickler programmiert ein zum Vorgänger binärkompatibles Open-Source-System.

Was lange währt?

Haiku hat nun mit einer ersten, lange erwarteten Beta-Version ein wichtiges Lebenszeichen von sich gegeben, denn die letzte Alpha-Version erschien bereits vor sechs Jahren. Die Wurzeln von Haiku liegen aber wesentlich weiter zurück: Alles begann 1990 mit der Gründung der Firma Be Inc. durch den bei Apple entlassenen Entwickler Jean-Louis Gassée.

Die Intention von Be war die Entwicklung eines neuen Betriebssystems mit der Programmiersprache C++ auf einer proprietären Hardware-Plattform. BeOS lief anfangs auf der BeBox, einem Computer mit dem Hobbit-Prozessor von AT&T. Nach dessen Einstellung wechselte das System auf die Power Macs von Apple, und 1998 folgte dann der Wechsel auf die Intel x86-Architektur.

Seiner Zeit voraus

Für die damalige Zeit war es ein modernes Betriebssystem, das Funktionen wie Multitasking und Multithreading enthielt. Es verwendete das Dateisystem BeFS, war aber in der Lage, auf Partitionen mit den Dateisystemen FAT16, FAT32 oder HFS zuzugreifen, NTFS und Ext2 unterstützte es zumindest lesend. In den Jahren 1995 bis 2000 gab es insgesamt fünf wichtige Veröffentlichungen, bevor das Unternehmen das System einstellte. Es unterlag – trotz Vorteilen gegenüber Microsoft Windows – dem Konkurrenten.

Ab 2003 erwachte BeOS kurzzeitig im kommerziellen Betriebssystem Zeta [5] erneut zum Leben. Dem System war aber wenig Erfolg beschieden. Unter anderem wegen rechtlicher Probleme endete daher 2006 die Arbeit daran. Weitere Versuche BeOS wiederzubeleben liefen unter Namen wie BlueOS, Cosmoe und zumindest optisch ZevenOS. Im Jahr 2008 gab es einen Versuch, Zeta auf der Basis von Ubuntu als Zebuntu zu entwickeln. Keines dieser Projekte ist jedoch derzeit noch aktiv.

Haiku bleibt

Somit ist Haiku der einzige lebende Nachfahre von BeOS. Es begann als OpenBeOS mit dem Ziel, ein zum Vorläufer binär-kompatibles Open-Source-System zu erstellen. Dabei kommt nicht der Quellcode des Originals zum Einsatz; die Entwickler programmieren die Funktionen vielmehr nach. Hinter OpenBeOS stand 2001 im Wesentlichen Michael Phipps, der zu den frühen Jahren und seinen Intentionen 2003 ein ausführliches Interview gab [6].

Als Grundlage verwendet Haiku einen modularen Hybrid-Kernel, der ein Fork des vom ehemaligen BeOS-Entwickler Travis Geiselbrecht geschriebenen NewOS ist. Wem der Name Geiselbrecht jetzt vage bekannt vorkommt: Er ist in letzter Zeit für den Zircon-Kernel des bei Google in der Entwicklung befindlichen Betriebssystems Fuchsia [7] verantwortlich.

Haiku ist wie BeOS modular aufgebaut. Die einzelnen Teile, an denen jeweils Teams arbeiten, heißen bei Haiku “Kits”, und es gibt ein gutes Dutzend davon. Als Dateisystem dient mit OpenBFS eine Reimplementation des ursprünglichen BFS.

Von einer ersten OpenBeOS-Version 2002 – 2004 wechselte der Name zu Haiku – erschienen bis zur ersten Alpha-Version Ende 2009 einige Snapshots, die das System erweiterten. Die Alpha-Version wendete sich erstmals an externe Tester. Haiku R1 Alpha 1 war keineswegs komplett und verfügte noch nicht über eine Paketverwaltung. Es gab keinen Browser, und es war nur möglich, eine Festplatte zu verwenden, wobei das Partitionieren nichts für schwache Nerven war. Das ausgelieferte Image diente als Live-CD mit Installer.

Vier Alphas

Es folgten weitere drei Alpha-Versionen, die schrittweise unter anderem mehr Hardware und weitere Dateisysteme unterstützten. Haiku R1 Alpha 4 erschien 2012. Im Jahr darauf führten die Entwickler mit Haiku Depot [8] ein Paketverwaltungssystem ein. Es installiert über das Pkgman komprimierte Pakete und ist mit dem von OpenSuse ausgeliehenen Libsolv in der Lage, Abhängigkeiten aufzulösen.

Der Feinschliff nach der letzten Alpha dauerte sechs Jahre, bis Ende September 2018 mit Haiku R1 Beta [9] ein weiterer Meilenstein gelang. Die offensichtlichste Änderung, die beim Download ins Auge springt, ist eine Version für 64-Bit-Systeme. Bisher gab es nur solche für die 32-Bit-Architektur. Allerdings ist mit der 64-Bit-Ausgabe derzeit noch kein Betrieb der alten BeOS-Anwendungen möglich. Die Arbeiten zu diesem Hybrid-Support starteten im April  [10], stehen aber noch am Anfang.

Ebenfalls noch in der Zukunft liegt die Unterstützung des Dateisystems XFS, mit der Entwickler im Rahmen des Google Summer of Code 2018 begonnen haben [11]. Ansonsten ist die Liste der bereits verfügbaren Verbesserungen aus sechs Jahren länger als der Arm eines Entwicklers.

Haiku Depot

Mit der Beta ist es erstmals möglich, das bereits erwähnte Haiku Depot zu testen (Abbildung 1). Es unterscheidet sich von herkömmlichen Systemen zum Verwalten von Paketen dadurch, dass statt einer Datenbank, die die installierten Dateien in Kombination mit einer Reihe von Werkzeugen verwaltet, hier eine Art komprimiertes Dateisystem-Image zum Einsatz kommt. Dieses hängt das System jeweils bei der Installation und danach bei jedem Boot über die Kernel-Komponente Packagefs ein.

Dass Sie auf diese Weise die Pakete eigentlich nur aktivieren und nicht im herkömmlichen Sinn installieren, ermöglicht es etwa, nach einem fehlerhaften Update in einen vorherigen Status zu booten, eine Technik, die unter Linux in letzter Zeit als “atomare Updates” die Runde macht.

Abbildung 1: Haiku Depot übernimmt das Verwalten von Software unter Haiku. Dabei führt es Buch über Pakete und die Quellen.

Abbildung 1: Haiku Depot übernimmt das Verwalten von Software unter Haiku. Dabei führt es Buch über Pakete und die Quellen.

Da sich die Transaktionen auf der Festplatte zum Verwalten von Paketen darauf beschränken, sie zwischen Verzeichnissen zu verschieben und parallel die Liste der aktivierten Pakete zu aktualisieren, sind Installationen und Deinstallationen auf mehrere Arten möglich. Das erlaubt es aber, ein installiertes Paket-Set auf einem nicht laufenden Haiku-System zu verwalten, indem Sie dessen Boot-Disk einhängen und dann das Verzeichnis /system/packages und die zugehörige Konfiguration bearbeiten.

Haiku Ports

Auf der Kommandozeile nutzen Sie Pkgman, um den Paketbestand zu verwalten und sich aus dem Haiku Ports [12] genannten Repository mit nativen und portierten Anwendungen zu versorgen. Das Tool erlaubt es, mittels Dateinamen zu suchen oder Software zu installieren. Dazu zählt etwa der auf WebKit basierende Browser WebPositive (Abbildung 2), an dem ein Vollzeit-Entwickler dank Spenden ein Jahr gearbeitet hat. WebPositive unterstützt HTML5 und spielt Youtube-Videos ab.

Abbildung 2: Der Haiku-Browser WebPositive basiert auf WebKit, beschränkt sich auf die Grundlagen des Surfens und unterstützt Tabs und Lesezeichen.

Abbildung 2: Der Haiku-Browser WebPositive basiert auf WebKit, beschränkt sich auf die Grundlagen des Surfens und unterstützt Tabs und Lesezeichen.

Die Beta-Version des Systems bietet zudem eine Anzahl neuer Treiber für WLAN, die die Entwickler größtenteils von FreeBSD übernommen und angepasst haben. Das Media-Subsystem haben sie ebenfalls massiv überarbeitet. Es unterstützt nun unter anderem Streaming, wobei der FFmpeg-Decoder und der DVB-Tuner viel Aufmerksamkeit erhielten. Die Netzwerk-Verwaltung haben die Developer komplett neu geschrieben, was es nun erlaubt, diese per Plugins zu erweitern.

EFI unterstützt

Das Booten von GPT-Partitionen auf EFI-Geräten ist mit der neuen 64-Bit-Version ebenfalls möglich. Laut Aussagen der Entwickler war dies eine der komplexesten Änderungen. Nun sollte der Start auf jeglicher Hardware der letzten fünf Jahre funktionieren.

Wenn Sie jetzt Appetit auf einen Blick über den Tellerrand bekommen haben, so ist dieser leicht gestillt: Auf dem Server des Projekts stehen Abbilder für Systeme mit 32- und 64-Bit-Architektur zum Test bereit. Im heruntergeladenen Zip-Archiv finden Sie ein ISO-Image, das Sie wie üblich in Ihrer bevorzugten Virtualisierungssoftware starten oder auf einen USB-Stick schreiben.

Planen Sie den Einsatz in VirtualBox, hilft ein Video beim Einrichten der Software, dass das leicht abweichende Vorgehen bei der Partitionierung im Vergleich zu Linux-Images erklärt [13].

Egal, ob in einer virtuellen Umgebung oder auf einer physischen Festplatte, Haiku startet sehr schnell, die Installation von Haiku dauert zudem nur rund 30 Sekunden. Der anschließende Neustart landet direkt im Desktop. Es gibt bei Haiku keinen Anmeldemanager, da es nur für einen Benutzer ausgelegt ist. Im Test stand die Internetverbindung per Ethernet automatisch.

Der Desktop weist einige Icons auf und rechts oben mit dem Tracker das zentrale Bedienelement von Haiku (Abbildung 3). Dieser ist nicht nur für den Desktop zuständig, sondern regelt außerdem das Einhängen von Geräten (Abbildung 4).

Abbildung 3: Der Tracker, symbolisiert durch eine Feder, ist das zentrale Bedienelement des Desktops. Er ist Herr über Applikationen, Applets und Einstellungen.

Abbildung 3: Der Tracker, symbolisiert durch eine Feder, ist das zentrale Bedienelement des Desktops. Er ist Herr über Applikationen, Applets und Einstellungen.


Abbildung 4: Im Einstellungsmenü des Trackers legen Sie unter anderem fest, welche Laufwerke das System wann wie ein- und aushängt.

Abbildung 4: Im Einstellungsmenü des Trackers legen Sie unter anderem fest, welche Laufwerke das System wann wie ein- und aushängt.

Der ausführliche User Guide dient als gute Grundlage zum weiteren Erforschen des Haiku-Desktops. Sie aktualisieren Haiku sowohl über das Terminal wie grafisch über den Software-Updater (Abbildung 5).

Abbildung 5: Updates spielen Sie bei Haiku entweder per Terminal oder grafisch per Software-Updater ein.

Abbildung 5: Updates spielen Sie bei Haiku entweder per Terminal oder grafisch per Software-Updater ein.

Fazit

Den Entwicklern von Haiku gebührt Respekt für das Durchhaltevermögen über diesen langen Zeitraum. So etwas ist nur mit einem Enthusiasmus zu schaffen, der der Open-Source-Gemeinschaft eigen ist. Es ist gelungen, die Konzepte eines damals fortschrittlichen Betriebssystems über fast 20 Jahre zu bewahren.

Am Ende stellt sich jedoch die Frage, ob sich Haiku jemals als eine Alternative zu modernen Betriebssystemen anbietet oder ob es eine Fingerübung von Enthusiasten bleibt. Beim Spielen mit dem System kommt der Wunsch auf, dass es einmal seiner Zeit voraus sein möge wie einst BeOS.

Da die Entwickler keine Angaben zu künftigen Veröffentlichungen machen, ist nicht klar, wann eine stabile Version von Haiku bereitsteht. Sie dürfen aber getrost davon ausgehen, dass die Entwickler sich danach daranmachen, das Erreichte zu erweitern und zu modernisieren. 

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