MyPaint: Zeichnen wie mit einem Stift

Aus LinuxUser 02/2015

MyPaint: Zeichnen wie mit einem Stift

© Frank Rohde, 123RF

Schwungvoll

Durchpausen oder selbst gestalten – mit MyPaint und einem Grafiktablett stehen Ihnen alle Optionen offen. Die notwendigen Werkzeuge bringt es auf alle Fälle mit.

MyPaint versucht als klassisches Malprogramm die Verwendung von Pinsel und Stift so weit wie möglich zu emulieren. Dem sind freilich Grenzen gesetzt, aber es gibt auch eine Reihe von Features, die Sie mit realem Material kaum erreichen. Um die Möglichkeiten von MyPaint [1] voll auszuschöpfen, sollten Sie das Programm nicht mit einer Maus bedienen, sondern ein druckempfindliches Eingabegerät – typischerweise ein Grafiktablett – verwenden.

Moderne Linux-Kernel bieten eine ziemlich gute Treiberunterstützung für Wacom-Tablets und baugleiche Modelle anderer Hersteller – bei Letzteren sieht es allerdings nicht ganz so gut aus, wie beim Original. Darüber hinaus sollte die Hardware weder sehr alt sein – maximal etwa fünf Jahre – noch sehr neu, um das Grafiktablett vernünftig zu nutzen.

Einen ersten Hinweis, ob Linux ein Gerät unterstützt, liefert ein Aufruf von xsetwacom (Listing 1). Das Programm stammt aus dem Paket xf86-input-wacom, unter Umständen weicht der Name je nach Distribution ab. Findet sich hier das Eingabegerät – oft taucht es sogar mehrfach auf – so steht “nur” die normale Konfiguration ins Haus. Mehr dazu lesen Sie in den beiden nächsten Abschnitten.

Listing 1

$ xsetwacom --list devices
Wacom Bamboo Pen Pad pad                id: 16  type: PAD
Wacom Bamboo Pen Finger touch           id: 17  type: TOUCH
Wacom Bamboo Pen Pen stylus             id: 18  type: STYLUS
Wacom Bamboo Pen Pen eraser             id: 19  type: ERASER

Die Beschreibung des Geräts (im Beispiel Wacom Bamboo Pen Pen...) weicht im konkreten Fall durch das bei Ihnen vorhandene Gerät ab. Finden Sie über den Befehl keine Eingabegeräte, kommt eine ganze Reihen möglicher Fehlerquellen und zugehöriger Abhilfen infrage. Am besten sehen Sie in einem Forum zu der von Ihnen verwendeten Distribution – etwa für Ubuntu bei Ubuntuusers [2] – nach entsprechenden Postings und fragen gegebenenfalls auch nach, ob eine Lösung bekannt ist.

Setup grafisch …

Das Setup für Grafiktabletts umfasst mehrere Etappen: Der Kernel muss die entsprechenden Module laden und initialisieren, in der Desktop-Umgebung definieren Sie grundlegende Eigenschaften, und die Applikationen stellen spezielle Eigenschaften ein. Dass der Kernel das Eingabegerät erkennt, setzt voraus, dass die entsprechende Unterstützung vorhanden und aktiviert ist. Dies zeigt sich beim Booten oder Anschließen des Grafiktabletts (Listing 2).

Listing 2

[  104.396599] input: Wacom Bamboo Pen Pen as /devices/pci0000:00/0000:00:1d.0/usb2/2-1/2-1.1/2-1.1.3/2-1.1.3:1.0/0003:056A:00D4.0003/input/input16
[  104.398681] wacom 0003:056A:00D4.0003: hidraw2: USB HID v1.00 Mouse [Wacom Co.,Ltd. CTL-460] on usb-0000:00:1d.0-1.1.3/input0
[  104.398843] input: Wacom Bamboo Pen Finger as /devices/pci0000:00/0000:00:1d.0/usb2/2-1/2-1.1/2-1.1.3/2-1.1.3:1.1/0003:056A:00D4.0004/input/input18
[  104.399072] input: Wacom Bamboo Pen Pad as /devices/pci0000:00/0000:00:1d.0/usb2/2-1/2-1.1/2-1.1.3/2-1.1.3:1.1/0003:056A:00D4.0004/input/input19
[  104.399391] wacom 0003:056A:00D4.0004: hidraw3: USB HID v1.00 Device [Wacom Co.,Ltd. CTL-460] on usb-0000:00:1d.0-1.1.3/input1

Hat der Kernel das Eingabegerät erkannt, konfigurieren Sie es mit den Werkzeugen der verwendeten Desktop-Umgebung. Unter Gnome fällt das besonders leicht: In dessen Control Center gibt es ein spezielles Tool für die Konfiguration von (Wacom-)Grafiktabletts (Abbildung 1). Bei KDE sieht es ähnlich aus.

Abbildung 1: Die grundlegenden Einstellungen für ein Grafiktablett erledigen Sie mit den Werkzeugen der eingesetzten Desktop-Umgebung, in diesem Fall Gnome.

Abbildung 1: Die grundlegenden Einstellungen für ein Grafiktablett erledigen Sie mit den Werkzeugen der eingesetzten Desktop-Umgebung, in diesem Fall Gnome.

Über den Mausverfolgungsmodus legen Sie fest, wie das Grafiktablett den Bildschirm abbildet. Normalerweise kommt die Methode Tablett (absolut) zum Einsatz, die bewirkt, dass die aktive Fläche des Grafiktabletts den gesamten Bildschirm des Rechners abdeckt. In diesem Modus entspricht die Position des Mauszeigers der Position des Stifts auf dem Tablet. Alternativ ist es möglich, im Modus relativ nur den Zeiger zu verschieben, ohne die Ausgangsposition vorher anzupassen. Das hilft bei kleinen Geräten, erfordert aber mehr Zeit beim Einarbeiten.

Unter Bildschirm zuordnen … stellen Sie ein, ob der Stift nur auf einem ausgewählten oder allen angeschlossenen Bildschirmen arbeitet. Diese Eigenschaft trägt der Tatsache Rechnung, dass grafikaffine Anwender gern mit mehreren Bildschirmen gleichzeitig arbeiten: Einer dient zum Zeichnen, einer für die Werkzeuge sowie Einstellungen und einer steht für alle anderen Aufgaben zur Verfügung.

Anschließend gilt es, die Charakteristika der Eingabegeräte einzustellen: Viele Wacom-Stifte verfügen über einen eingebauten virtuellen Radiergummi. Damit Sie diesen nicht versehentlich aktivieren, verfügt er über eine Druckschwelle, die Sie bei Bedarf vorab festlegen.

Die nächsten beiden Einstellungen für die am Stift vorhandenen Knöpfe fallen etwas mehrdeutig aus. Im Wesentlichen stellen Sie ein, was geschieht, sobald Sie einen der Schalter betätigen. Normalerweise erweist sich die Voreinstellung, das Emulieren von Maustasten, als gute Wahl.

Allerdings gibt es die Möglichkeit, andere Funktionen an diese Tasten zu binden. Das gerät etwas unübersichtlich, weil Programme wie MyPaint identische Möglichkeiten anbieten, die dann ebenfalls wirken. Um hier das gewünschte Ergebnis zu erzielen, müssen Sie daher systematisch und schrittweise vorgehen.

Von besonderer Bedeutung ist der letzte Schieberegler, mit dem Sie die Druckempfindlichkeit des Zeichenstifts einstellen. Damit steuern Sie, wie das Umsetzen von Druck auf eine Eigenschaft, meist die Dicke des Strichs, erfolgt (Abbildung 2). Hier verfügt MyPaint ebenfalls über analoge Funktionen.

Abbildung 2: Eine der Besonderheiten von Grafiktabletts: Der Druck des Stifts steuert unter anderem die Stärke des Strichs.

Abbildung 2: Eine der Besonderheiten von Grafiktabletts: Der Druck des Stifts steuert unter anderem die Stärke des Strichs.

… und im Terminal

Eine Ausnahme macht die Desktop-Umgebung XFCE, für die es bislang kein Tool gibt, mit dem Sie Grafiktabletts konfigurieren könnten. Daher wäre es wünschenswert, kämen die mit den Gnome Control Center vorgenommenen Einstellungen zum Zug. Das ist aber derzeit (XFCE 4.10) nicht der Fall; es existiert aber ein Workaround [3].

Es geht allerdings auch anders, und das für alle Umgebungen: Mittels xsetwacom stellen Sie alle unterstützten Eigenschaften direkt von der Befehlszeile aus ein. Um den absoluten Modus zu aktivieren, verwenden Sie den folgenden Befehl:

$ xsetwacom --set "Wacom Bamboo Pen Pen stylus" mode absolute

Den Namen in den Anführungszeichen ersetzen Sie dabei durch die für Ihr Gerät ermittelte Beschreibung. Auf diesem Weg dürfen Sie zusätzlich das Schlüsselwort modetoggle verwenden, das zwischen dem absoluten und relativen Modus umschaltet. Die Kurve zum Steuern der Druckempfindlichkeit definieren Sie über zwei Stützpunkte. Das Schlüsselwort lautet PressureCurve, gefolgt von den vier durch Leerzeichen getrennten Parametern.

Die Manpages des Befehls (man xsetwacom und man 4 wacom) beschreiben die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Konfiguration; weitere Infos finden Sie im Ubuntuusers-Wiki [4] sowie auf der Homepage des LinuxWacom-Projekts [5].

Die dritte Einrichtungsstufe erfolgt direkt im Anwenderprogramm, bei MyPaint über den Punkt Einstellungen im Menü Bearbeiten (Abbildung 3). Der erste Reiter erlaubt dabei, die Druckempfindlichkeit über eine Kurve einzustellen. Diese Funktion hängt direkt mit den Einstellungen in der Desktop-Umgebung zusammen, sodass hier Wechselwirkungen auftreten.

Abbildung 3: MyPaint erlaubt es, die Druckempfindlichkeit zu konfigurieren und die Tasten des Stifts individuell zu belegen.

Abbildung 3: MyPaint erlaubt es, die Druckempfindlichkeit zu konfigurieren und die Tasten des Stifts individuell zu belegen.

Das gilt auch für die im zweiten Reiter möglichen Tastenbindungen: Falls Sie in der Desktop-Umgebung die Emulation von Maustasten konfiguriert haben, besteht die Möglichkeit, diese hier zu nutzen. Allerdings unterstützt MyPaint für einige Tasten nur den Einsatz zusammen mit einem Modifier wie [Strg],[Alt],[Umschalt] oder einer anderen Taste.

Altes und Neues

Die Oberfläche von MyPaint gibt sich auch in der aktuellen Version 1.1 klar gegliedert und sehr übersichtlich (Abbildung 4), wenig lenkt von der Zeichenfläche ab. Da sich die Werkzeuge am oberen Rand befinden, verändern Sie die Pinsel, deren Charakteristika und den Stil von Linien mit wenigen Mausklicks (Abbildung 5). Es braucht nur wenige Parameter, um die erforderlichen Einstellungen vorzunehmen. Daneben ermöglicht es MyPaint 1.1 – es sollte inzwischen in den Repositories aller gängigen Distributionen angekommen sein – mit Gimp erstellte Farbpaletten zu nutzen. [6].

Abbildung 4: Die Oberfläche von MyPaint versammelt die Werkzeuge am oberen Rand. Das Dock am rechten Rand zeigt Informationen an und erlaubt die Auswahl von Farben, Pinseln und Ebenen.

Abbildung 4: Die Oberfläche von MyPaint versammelt die Werkzeuge am oberen Rand. Das Dock am rechten Rand zeigt Informationen an und erlaubt die Auswahl von Farben, Pinseln und Ebenen.

Abbildung 5: Gut gelöst: Die wichtigen Funktionen erreichen Sie in MyPaint sehr schnell. So wählen Sie Pinselspitzen, steuern deren Verhalten (Mitte) und legen fest, wie das Programm Pinselstriche interpretiert (rechts).

Abbildung 5: Gut gelöst: Die wichtigen Funktionen erreichen Sie in MyPaint sehr schnell. So wählen Sie Pinselspitzen, steuern deren Verhalten (Mitte) und legen fest, wie das Programm Pinselstriche interpretiert (rechts).

Dem Ebenenkonzept kommt bei MyPaint eine besondere Bedeutung zu: Das Programm kann nun eine im Prinzip unbegrenzte Menge an Ebenen verwenden, um die Teile eines Bilds getrennt zu verwalten. Diese Ebenen verwaltet es im Dock, wo Sie einzelne Layer durch einen Mausklick aktivieren. Ein Klick auf das Symbol mit dem Auge blendet die Ebene aus, löscht sie aber nicht. Die aus Gimp bekannten Modi für Ebenen beherrscht MyPaint nun ebenfalls, wenngleich nur eine kleine Untermenge.

Voreingestellt zeigt MyPaint am rechten Rand kein Dock. Dieses entsteht aber automatisch, sobald Sie die Fenster, die sich durch die in der Werkzeugleiste rechts angeordneten Buttons öffnen, an der Abreißkante “aushängen” (Abbildung 6). In diesen Fenstern wechseln Sie bei Bedarf direkt Farbe, Pinsel oder Ebene.

Abbildung 6: Nur bestimmte Werkzeuge erlauben das Platzieren im Dock, wo sie dann permanent bereitstehen. Sie positionieren sie dort über einen Klick auf die "Abreißkante".

Abbildung 6: Nur bestimmte Werkzeuge erlauben das Platzieren im Dock, wo sie dann permanent bereitstehen. Sie positionieren sie dort über einen Klick auf die “Abreißkante”.

Eine Besonderheit vom MyPaint stellen die Pinselspitzen dar. Das Programm sortiert sie in mehrere Gruppen, die Sie bei Bedarf teilweise über zusätzliche Pakete installieren. Die Gruppen kombinieren eine Reihe von Eigenschaften, die weit über die reine Form hinausgehen (Tabelle “Stiftspitzen”). Alle Spitzen unterstützten das “weiche Zeichnen” wie es bei Gimp heißt, und erlauben es so, feinste Striche ohne sichtbare Artefakte zu erzeugen.

Stiftspitzen

Gruppe Eigenschaften
Klassisch Diese Spitzen simulieren mehr oder weniger reale Zeichengeräte, also Pinsel, weiche und harte Stifte, Marker, Airbrush, Kalligrafiefedern oder Spachtel.
Experimentell Unterschiedlich animierte Spitzen, die ihre Form in schneller Folge während der Anwendung verändern.
Favoriten Vom Anwender ausgewählte Spitzen. Sie ziehen diese via Drag & Drop aus den anderen Gruppen.
Verloren & Gefunden Spitzen zum exakten Radieren, Malen, Verwischen und für viele weitere Funktionen
Set#1 Ähnliche Stifte
Set#2 Diverse Pinsel
Set#3 Spezielle, größtenteils animierte Werkzeuge

Neu in MyPaint 1.1 sind die Geometrie-Werkzeuge, die Sie über das Werkzeug für den Linienmodus (Abbildung 5, rechts) auswählen. Mit Linien erzeugen Sie einzelne Striche, mit Linienfolge zusammenhängende Linien und Ellipse frei wählbare Kreisformen. Diese Werkzeuge verfügen über die Möglichkeit, den Druck auf den Stift auszuwerten [7]; das gelingt mithilfe des Reglers Linien Druck (Abbildung 5, unten). In die gleiche Gruppe gehört das Werkzeug zum symmetrischen Malen.

Wie schon bei der Version 1.0 erlaubt es auch das aktuelle Release, viele Funktionen mit Tastenkürzeln aufzurufen. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Shortcuts zeigt die Tabelle “Tastenkombinationen”. Neu ist die Möglichkeit, mittels sogenannter Scraps schnell die aktuelle Arbeit zwischenzuspeichern und so mehrere Varianten eines Bilds vorrätig zu halten. Mit [F2],[F6] und [F7] wechseln Sie dann schnell zwischen den Scraps hin und her [8].

Tastenkombinationen

Taste(n) Funktion
[Strg]+[N] neues Bild
[Strg]+[N] Bild öffnen
[Strg]+[E] Bild exportieren
[Strg]+[Bild-oben] neue Ebene über aktueller
[Strg]+[Bild-unten] neue Ebene unter aktueller
[Strg]+[C] Ebene kopieren
[Strg]+[V] Zwischenablage einfügen
[Strg]+[Pfeil-links] schrittweise drehen
[Strg]+[Pfeil-rechts] schrittweise drehen
[Strg]+[S] Bild als OpenRaster speichern
[Umschalt]+[Strg]+[S] Bild speichern unter
[Strg]+[Q] Beenden
[Strg]+[Z] Undo
[Z] Undo
[Y] Redo
[Entf] Ebene leeren
[.],[+] Ansicht vergrößern
[,],[-] Ansicht verkleinern
[F2] Bild als Scrap speichern
[F3] letztes Bild öffnen
[F5] Änderungen rückgängig machen
[F6] voriges Scrap als Bild öffnen
[F7] nächstes Scrap als Bild öffnen
[F11] Vollbildmodus
[A] Deckkraft verringern
[S] Deckkraft erhöhen
[B] Pinsel auswählen
[D] Pinsel verkleinern
[F] Pinsel vergrößern
[G] Farben auswählen
[I] vertikal spiegeln
[U] horizontal spiegeln
[J] verbundene Linien zeichnen
[K] Linien und Kurven zeichnen
[L] Ebenen(dock) anzeigen
[O] Kreisformen zeichnen
[P] Freihand zeichnen
[R] Farbpipette
[Umschalt]+[I] Symmetrisches Zeichnen

Fazit

Sobald Sie die etwas lästige Installation und Konfiguration des Grafiktabletts einmal hinter sich gebracht haben, macht die Arbeit mit MyPaint richtig Spaß. Mit wenigen Klicks richten Sie neue Ebenen ein, wählen Pinsel aus, stellen diese ein oder wechseln komfortabel zwischen verschiedenen Farben, unterschiedlichen Stärken bei den Strichen und verschiedenen Stiften.

Die Ebenen erlauben, Bilder abzuzeichnen (quasi durchzupausen), was selbst weniger begabten Anwendern eine Möglichkeit bietet, das Zeichnen zu üben. Das alles geht angenehm schnell von der Hand und benötigt wenig Ressourcen. 

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