Feuerprobe für Novell

Feuerprobe für Novell
03.03.2010 12:10

Seit der Übernahme der Suse Linux AG durch Novell hat die Open-Source-Community stets ein kritisches Auge auf den amerikanischen Netware-Spezialisten geworfen: Was will einen Firma, die Ihr Geld bislang mit Lizenzen von kommerziellen Produkten verdient hat mit einer Linux-Firma anfangen?

Viele Suse-Fans und Linux-Nutzer befürchteten deshalb von Anfang an, dass Novell das Linux-Know-How der Nürnberger einfach dazu nutzen würden, um ihren zwar sehr stabilen aber hoffnungslos veralteten Netware-Kern durch eine moderne Linux-Lösung zu ersetzen. In den ersten Jahren nach der Übernahme bekamen diese Kritiker auch an vielen Stellen Recht, der MS-Deal von Novell trug ebenfalls zur Verunsicherung unter den Suse-Nutzern bei.

Novell war von jeher eine riesige Marketing- und Lizenz-Firma, die sich prima aufs Verkaufen verstand und ihre Investoren mit steigenden Aktienkursen beglückte. Doch dann kam der Kurswechsel: was bei Open-Source-Anhängern Unbehagen auslöste, freute die Investoren. Sie dachten, die Firma würde Ihre Geschäfte wie gehabt weiterführen und mit teuren Produkten Geld verdienen: Dass Novell den Einstieg ins Linux-Geschäft tatsächlich ernst meint, haben bis heute nur wenige begriffen. Und dass ein solcher Umstieg mit einem teilweise komplett anderen Geschäftsmodell nicht von heute auf morgen funktioniert, muss Novell immer wieder von neuem erfahren.

Diejenigen Investoren, die hofften, Novell würde durch die Suse-Übernahme schnell zu den alten Zeiten (und alten Gewinnen) zurückkehren, sehen sich nun getäuscht. Dazu gehören vermutlich auch die Elliott Associates, die ihre 8,5 Prozent Novell-Aktien gerne in einer anderen Preislage hätten. Was liegt da näher, als ein Übernahme-Angebot zu veröffentlichen, den Kurspreis in die Höhe zu treiben und die Aktien dann abzustoßen? Oder nach einer Übernahme den Konzern zu "sanieren" und dann gewinnbringend zu verkaufen?

Man erinnere sich: eigentlich wollte Novell anno 2003 Red Hat übernehmen. Doch Red Hat ließ sich nicht kaufen und steht auch heute mit einer Firmenleitung und Aktionären da, die keine Lust zur Übernahme durch irgendwen haben. Das macht Red Hat bei Open-Source-Fans so populär.

Das aktuelle Übernahmeangebot stellt deshalb für Novell eine Feuerprobe dar: Geht man auf den Kauf ein, dann ist es Novell und den Aktionären nicht ernst mit der Open-Source-Strategie. In diesem Fall wird die Popularität von OpenSuse und Suse Linux Enterprise einen neuen Tiefstand erreichen. Lehnt man hingegen das Angebot ab, beweist Novell, dass die Firma aus den Fehlern der vergangenen Jahren gelernt hat und tatsächlich ihre Brötchen mit quelloffener Software verdienen möchte.

Ein konsequentes Nein könnte an dieser Stelle viele Unentschlossene zu Novell-Partnern machen.


Kommentare
Das kommerzielle Linux-Geschäft ist in sich fragwürdig
GoaSkin , Donnerstag, 04. März 2010 18:12:39
Ein/Ausklappen

Blickt man auf die 1990er Jahre zurück, waren kommerzielle Linux-Distributionen weit verbreitet. Man zahlte Geld für eine große Software-Sammlung auf CD (Breitband-Internet war kaum verbreitet und einen Brenner hatte auch nicht jeder), ein dickes Handbuch und das eine oder andere kommerzielle Produkt, für das als Bestandteil einer Distribution nur geringe Lizenzkosten anfielen.

Als die kostenlosen Distributionen immer weiter verbreitet waren und die User kaum noch bereit waren, Geld für die Mühe einer klassischen kommerziellen Distribution auszugeben, suchten die kommerziellen Distributoren scheinbar nach anderen Argumenten, warum jemand Geld für eine Distribution ausgeben soll. Und das betrifft nicht nur Novell. Man darf viele 100 Euro ausgeben, um kommerzielle Business-Lösungen wie Lotus Domino oder Oracle überhaupt offiziell nutzen zu dürfen oder gegen Beschuldigungen aufgrund vermeintlicher Patentverletzungen geschützt zu sein. Kurz gesagt: Man zahlt für Linux-Distributionen, weil die Software-Industrie versucht, bestimmte User-Gruppen (größere Unternehmen) zu gängeln und den Distributoren erlaubt, dabei mitzuverdienen. Novell scheint die Urheberrechts- und Patentpolitik von Microsoft ganz recht zu sein und versucht diese, für das eigene Geschäft zu nutzen. Dem stehen aber auch Fedora & Co. in nichts mehr nach.

Was die eigene Produktivität dieser Unternehmen betrifft, bekommt man hingegen nur dünne Ergebnisse mit. Lösungen, in die eine enorme Leistung hineingesteckt wird, sind für die freien Open Source-Entwickler zum Teil eher Kleinigkeiten. Da wären z.B. die häufigen Versuche verschiedener Software-Hersteller, Desktop-Applikationen für Linux anzubieten, die hinterher auf den meisten Systemen nicht laufen und aus diesem Grund auch wieder aufgegeben werden - oder die ganzen Applikationen, die auf Open Source-Diensten aufbauen aber so ineffizient umgesetzt sind, dass eine sehr hohe Rechenleistung für quasi nichts erforderlich ist. Garnicht erst zu sprechen ist von den vielen Versuchen, kommerzielle Office-Applikationen für Linux anzubieten, die Open Office das Wasser nicht reichen können und darum so wenig wahrgenommen werden, dass der Arbeitsaufwand niemals in einem Verhältnis zum Ertrag steht.

Es sind und bleiben vor allem Rechts- und Haftungsfragen, die Nutzer dazu bewegen, kommerzielle Distributionen samt kommerzieller Software zu nutzen. Eine qualitative Überlegenheit gibt es nur sehr selten.


Bewertung: 222 Punkte bei 25 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
Genau
blau (unangemeldet), Donnerstag, 04. März 2010 08:50:55
Ein/Ausklappen

"Lehnt man hingegen das Angebot ab, beweist Novell, dass die Firma aus den Fehlern der vergangenen Jahren gelernt hat und tatsächlich ihre Brötchen mit quelloffener Software verdienen möchte.

Ein konsequentes Nein könnte an dieser Stelle viele Unentschlossene zu Novell-Partnern machen."

Dem kann ich nur zustimmen.


Bewertung: 193 Punkte bei 26 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
-
Re: Genau
GoaSkin , Samstag, 06. März 2010 02:00:22
Ein/Ausklappen

Novell hat in der Vergangenheit nur sehr wenig aus Fehlern gelernt.

Die Firma ist bekannt dafür, Firmen zu kaufen, die sie anschließend durch Fehler im strategischen Management herunterwirtschaftet. Ein gutes Beispiel ist Wordperfect. Das Programm war einmal ebenso weit verbreitet, wie MS Word. Novell hat die Firma geschluckt, ist mit dem Erbe einen falschen Weg gegangen und hat dadurch die User vergrault. Nach dem das Produkt für einen schon viel geringeren Wert an Corel verkauft wurde, hat Corel dem Programm den Rest gegeben. Und ein vergebliches UNIX-Engagement hat es bei Novell auch schon einmal gegeben. Novell kaufte sich Rechte am UNIX-Code der Bell Labs, um das eigene Derivat UNIXWare herauszubringen. Nachdem dies zum Flop wurde, verkaufte man das Produkt an SCO weiter. Als SCO dann später behauptete, im Linux-Kernel wäre geklauter UNIX-Code verarbeitet und anfing, von Linux-Nutzern Lizenzkosten abknüpfen zu wollen, kaufte Novell plötzlich SuSE und fing erneut an, sich für UNIX-artige Betriebssysteme zu engagieren. Hätte Novell den Code aber nie an SCO verkauft, hätte die Firma immernoch ihr UNIX und den ganzen Ärger hätte es nie gegeben.


Bewertung: 166 Punkte bei 15 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht

Infos zum Autor

Marcel Hilzinger

Marcel Hilzinger

Marcel Hilzinger arbeitet als Redakteur für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Am liebsten schreibt er Artikel zu netten Gadgets oder Multimedia-Software. In seiner Freizeit spielt er gerne Kicker.

Zum Blog von Marcel Hilzinger →