Als digitaler Nomade unterwegs

Aus LinuxUser 05/2017

Als digitaler Nomade unterwegs

© Computec Media

Office im Rucksack

Arbeiten Sie, wo Sie möchten, anstatt im Großraumbüro. Digitale Nomaden in der IT machen genau das – und verbinden damit Reisen und Broterwerb.

Viele Menschen mögen es, abseits der Heimat unterwegs zu sein und auf dem Weg möglichst viel Neues kennenzulernen. Als digitaler Nomade besteht die Kunst darin, diese Freiheit gekonnt zu nutzen und mit einem Einkommen zu verbinden, das dieses Unterwegssein ohne viel Ballast finanziell gestattet. So ein Lebensstil passt nicht zu jedem und nicht zu jeder Phase des Lebens. Er ermöglicht aber eine veränderte Balance zwischen Arbeit und Leben, die vielen vermutlich gut täte.

Das Wirken als digitaler Nomade ist kein ganz neues Format: Inzwischen gehört es zum festen Bestandteil der Arbeitskultur von Selbstständigen im Kreativ- und IT-Bereich. Wer einmal Feuer gefangen hat, kommt davon selten wieder los. Wir geben Tipps für Einsteiger und Erfahrene, die aus der eigenen Praxis stammen.

Immer unterwegs

Unabhängig Arbeitende heißen umgangssprachlich Selbstständige, Freiberufler, Freelancer, digitaler Nomade oder neudeutsch Location Independent. Dabei vermischen sich inhaltlich mehrere Bereiche, eine saubere Trennung fällt oft schwer. Alle fünf genannten Varianten drehen sich aber im Kern um den selbstständigen Erwerb des Einkommens.

Selbstständig heißt, auf eigene Rechnung zu arbeiten und nicht zwingend bei einem Unternehmen angestellt zu sein. Stattdessen arbeitet man unabhängig und ausschließlich auf Basis eines Vertrags, der sich in der Regel auf ein bestimmtes Projekt oder eine zeitlich begrenzte Kooperation bezieht (siehe Kasten “Selbstständigkeit in Deutschland”).

Selbstständigkeit in Deutschland

Nach deutschem Recht dürfen Freiberufler nur den Tätigkeiten nachgehen, die nicht der Gewerbeordnung unterliegen, und insbesondere keine Tätigkeit im Handel ausüben. Zur der Berufsgruppe der Selbstständigen zählen Anwälte und Steuerberater, Künstler, Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, freie Dozenten, Softwareentwickler und Übersetzer [1]. Freelancer – auch Honorarkraft, Contractor oder freier Mitarbeiter genannt – dürfen dagegen Arbeitnehmer, Freiberufler oder Gewerbetreibender sein [2].

Während ein Teil der Tätigkeiten einen festen Arbeitsort erfordern, gilt das für digitale Nomaden und Location Independents nicht. Aus historischer Perspektive handelt es sich bei Nomaden um Menschen oder Volksgruppen, die traditionell mit ihrem (zumeist überschaubaren) Hab und Gut von Ort zu Ort ziehen. Sie schlagen ihr Lager für kurze Zeit genau da auf, wo es Ihnen gerade richtig erscheint und ein Überleben gelingt.

Digitale Nomaden sind die neuzeitliche Variante dieses eher archaischen Konzepts mit weitgehendem Fokus auf Dienstleistungen unter Einsatz von Hardware und Software [3], wobei das Internet für die entsprechende Vernetzung sorgt. 1997 prägten die Autoren Tsugio Makimoto und David Manners den Begriff “digitaler Nomade” mit ihrem gleichnamigen Buch [4].

Die zunehmende Miniaturisierung und Digitalisierung der Arbeitsmittel (Werkzeuge), die Spezialisierung der Arbeitsfelder sowie der Ausbau der technischen Infrastruktur fördert diese Form der Arbeit gegenwärtig immer stärker. Was für den Bergmann Hammer und Meißel waren, sind für den mobilen IT-Spezialisten die Kombination aus speziellen Kenntnissen, Laptop, Smartphone und allerlei zusätzlichen technischen Geräten.

Der Unterschied zwischen digitalen Nomaden und Location Independents liegt darin, dass das Einkommen des digitalen Nomaden nicht zum Leben an jedem beliebigen Teil der Erde ausreicht. Während ein hoher Lebensstandard unter Ausnutzung von weltweit unterschiedlichen Lohnniveaus und Lebenshaltungskosten in vielen Ländern gelingt, hat der Location Independent zusätzlich den Vorteil, seinen Arbeitsplatz wirklich an jeden Teil der Erde verlegen zu können – selbst nach London, New York oder München, also in Städte und Länder mit hohem Preisniveau. Der Schritt zum digitalen Nomaden ist also einfacher, der Schritt zum Location Independent braucht mehr Zeit und nicht selten Glück.

Vielfach nimmt die Außenwelt nur den Besitz und den geschickt wirkenden Umgang mit der passenden, mobilen, elektronischen Technik in einer nach Urlaub aussehenden Atmosphäre wahr. Das greift viel zu kurz: Jenseits dieser vermeintlichen Leichtigkeit stehen organisatorische und technische Hürden, die es zu meistern gilt.

Motivation

Digitale Nomaden bringen viele Eigenschaften mit, die auch ein normaler Unternehmer unbedingt braucht: Dazu zählen Neugierde, Offenheit, Disziplin, Flexibilität und Geschick beim Organisieren. Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, Variabilität und Kontrolle über den eigenen Tagesablauf außerhalb einer klassischen Arbeitswelt spielt dabei eine große Rolle. Viele Menschen in kreativen Berufen schätzen zudem die Unkompliziertheit bei der Auswahl des Arbeitsorts, die ihnen hilft, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Die digitale Technik und dadurch gegebene Flexibilität erleichtert außerdem den Wunsch des Nomaden nach der Ferne. Sie ermöglicht den Spagat zwischen dem Alltag mit der Arbeit und dem Entdecken von Neuem. Um das zu erfüllen, bedarf es eines Einklangs mit Projekten und Zeitzonen, in denen sich die Beteiligten gerade aufhalten. Für den Abgleich, wie spät es gerade an einem anderen Ort der Welt ist, hat sich Zeitzonen.de [5] als sehr nützlich erwiesen. Es bereitet die Unterschiede sehr gut auf (Abbildung 1) und verbindet das mit hilfreichen Fakten zum jeweiligen Land. Weiterhin integriert es Informationen zur Zeitumstellung sowie einen Rechner für die Währung und Einheiten.

Abbildung 1: Die Webseite Zeitzonen.de informiert nicht nur über die lokalen Zeiten sowie Sommer- und Winterzeit, sie bietet darüber hinaus einen Rechner für Einheiten und Währungen.

Abbildung 1: Die Webseite Zeitzonen.de informiert nicht nur über die lokalen Zeiten sowie Sommer- und Winterzeit, sie bietet darüber hinaus einen Rechner für Einheiten und Währungen.

Um einen Aufenthalt an einem anderen Ort mitzufinanzieren, eignet sich House Sitting [6] oder Pet Sitting [7]. Das hat den Vorteil, dass Sie gleich ein sogenanntes “Home away from home” haben, ohne lange in lokalen Zeitungen oder auf lokalen Webseiten nach mietbaren Unterkünften vor Ort zu suchen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Sie auf diese Weise oft mietfrei für den Zeitraum wohnen, in dem Sie Haus, Hof und Tiere bewachen.

Daneben gibt es komplette Ressorts wie das Kohub [8] in Thailand, die sich vollständig auf die Zielgruppe der digitalen Nomaden eingestellt haben. Zum Paket gehören Unterkunft, zwei Mahlzeiten am Tag, Equipment, organisierte Events und Räume samt Technik zum Arbeiten. Aufschlagen und loslegen lautet hier die Devise – für alles andere sorgt der Anbieter.

Hostels vor Ort eignen sich nur bedingt für den Aufenthalt, da sich hier nicht selten eine eher kontraproduktive, vom Nachtleben angehauchte Zusammenkunft von vornehmlich jüngeren Reisenden findet. Klappt es mit der Unterkunft, reisen Sie damit unter Umständen der Sonne oder einem Hobby durch die Saison hinterher, was für Kite-Surfer oder Taucher attraktiv ist.

Jobs

Die Gretchenfrage aber lautet: Woher stammt das Einkommen? Vorrangig aus Dienstleistungen, die Sie über das Internet erbringen [9]. Dazu zählen das Betreuen von Social-Media-Kanälen (Facebook oder Twitter) für ein Unternehmen, Webdesign und laufende Pflege einer Internetseite sowie Suchmaschinenoptimierung (SEO) – aber auch Grafikdesign, Programmierung, Entwicklung, Consulting und Affiliate Marketing. Bei Letzterem profitiert dann unter Umständen das eigene Blog.

Bewährt haben sich darüber hinaus Online-Kurse (Betreuung von Schülern oder Studenten im Rahmen eines Trainings), Übersetzungen sowie die Tätigkeit als Autor, Copywriter und Korrekturleser. Möglich sind außerdem bezahlte Artikel für Blogs in Kombination mit dem Verkauf von Verlinkungen darauf.

Besitzen Sie die Gene eines Verkäufers, lohnt es, über einen Online-Shop für den Import und Export digitaler Güter nachzudenken. Stark nachgefragt sind ebenfalls sogenannte virtuelle Assistenten [10], die sich um das Aktualisieren von Webseiten, die E-Mail-Korrespondenz oder das Annehmen von Telefonaten kümmern [11]. Daneben kommt auch die Variante infrage, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen zumindest partiell das Arbeiten unabhängig vom Ort ermöglicht – fragen Sie ihn danach!

Aufträge ergeben sich einerseits aus lokalen Kontakten (“Networking”) sowie Plattformen wie Dnxjobs [12] und Upwork (früher oDesk) [13]. Beachten Sie bei den Angaben zum Honorar, dass Ihre Konkurrenz sich weltweit verteilt und die Budget-Vorstellung der Auftraggeber zum Teil weit unter den in Mitteleuropa üblichen Sätzen liegt. Auch hier gilt für beide Seiten, dass sich auf Dauer nur Qualität und freundlicher Umgang miteinander auszahlt.

Wie sich gezeigt hat, liegt der Schlüssel zum Erfolg häufig in einer Kombination dieser Möglichkeiten. Mehr und mehr Menschen nutzen das aus, indem sie ein (nach europäischen Maßstäben) kleineres Einkommen beziehen und es vorrangig in Asien als Lebens- und Arbeitsort ausgeben. Das Ausnutzen dieser Unterschiede [14] nennt sich Geo-Arbitrage [15]. Da Großunternehmen von solchen Modellen massiv profitieren, sollten Sie sich nicht davor scheuen – geschenkt bekommt man schließlich nichts.

Orte

Zu den von digitalen Nomaden bevorzugten europäischen Städten zählen Barcelona, Berlin, Budapest und Lissabon, in Asien sind es Thailand mit Bangkok und Chiang Mai sowie Nepals Hauptstadt Kathmandu. Für Afrika steht Kapstadt auf der Liste [16], für Amerika San Francisco (Abbildung 2).

Abbildung 2: Einer der beliebtesten Orte für digitale Nomaden: Bangkok. Die niedrigen Lebenshaltungskosten ermöglichen ein gutes Leben bei einem nach europäischen Maßstäben geringen Einkommen.

Abbildung 2: Einer der beliebtesten Orte für digitale Nomaden: Bangkok. Die niedrigen Lebenshaltungskosten ermöglichen ein gutes Leben bei einem nach europäischen Maßstäben geringen Einkommen.

Einen ausführlichen Vergleich der Infrastruktur bezogen auf die Regionen, das Klima, das Freizeitangebot, die Offenheit der Bewohner sowie der Lebenshaltungskosten finden Sie online [17]. Darin rangiert Kathmandu an der Spitze vor Budapest (Platz 7), Lissabon (Platz 48), Kapstadt (Platz 51, siehe Kasten “Südafrika”), Barcelona (Platz 58) und Berlin (Platz 60).

Südafrika

Der vorliegende Artikel entstand unter der Sonne Südafrikas, frühere veröffentlichte Beiträge bei Aufenthalten in Frankreich, der Schweiz und Österreich. Aus Sicht der Autoren bietet Südafrika unglaublich viele Möglichkeiten, dem Entdeckerdrang nachzugehen. Nicht ohne Grund apostrophiert man Südafrika auch als “the world in one country” – Anlass genug, länger hier zu verweilen. Sollten Sie erste Schritte ins digitale Nomadenleben wagen wollen, helfen wir Ihnen gern mit Tipps zum Standort Kapstadt und Umland weiter.

Haben Sie den richtigen Aufenthaltsort gefunden, geht es um den konkreten Arbeitsplatz, an dem Neues entsteht. Dazu nutzen Sie in der Regel projektbezogen einen Schreibtisch oder mieten diesen bei Bedarf an (“Rent-a-desk”). Das tun Sie unter Umständen beim Kunden direkt vor Ort – in dessen Räumlichkeiten, in einem Café [18] oder in der Unterkunft (“Home Office”).

Coworking Spaces bieten sowohl kurzzeitig wie langfristige Gelegenheiten, Bürobedarf in aller Vielfalt zu mieten, meist in Verbindung mit guter technischer Infrastruktur und Ausstattung sowie (internationalen) Gleichgesinnten (Abbildung 3). Oft ergänzen eine Bar oder ein Café das Arrangement. Größere Häuser bieten teils ein komplettes Mittagessen an.

Abbildung 3: Gemeinsames Wirken über den Dächern von Cape Town: Die Coworking Space Garage der Woodstock Exchange in Kapstadt.

Abbildung 3: Gemeinsames Wirken über den Dächern von Cape Town: Die Coworking Space Garage der Woodstock Exchange in Kapstadt.

Über verschiedene Plattformen wie Coworking [19], Sharedesk [20] oder Coworking Switzerland [21] erhalten Sie eine ausführliche Zusammenstellung inklusive Preis, Lage in der Stadt und den notwendigen Informationen für die Kontaktaufnahme. Abbildung 4 zeigt die Schweizer Coworking Spaces mit detaillierten Informationen zum Coworking Neuchâtel, Abbildung 5 zeigt dasselbe für das Betahaus in Berlin, und Abbildung 6 die Orte, die sich bei Sharedesk für Kapstadt finden.

Abbildung 4: Schweizer Coworking Spaces im Überblick: Hier finden Sie alle Informationen, die bei der Entscheidung helfen, ob Sie die passende Location gefunden haben.

Abbildung 4: Schweizer Coworking Spaces im Überblick: Hier finden Sie alle Informationen, die bei der Entscheidung helfen, ob Sie die passende Location gefunden haben.


Abbildung 5: Im Herzen der Hauptstadt arbeiten – das Betahaus Berlin gehört zu den Orten, an dem sich die digitalen Nomaden in Deutschland treffen.

Abbildung 5: Im Herzen der Hauptstadt arbeiten – das Betahaus Berlin gehört zu den Orten, an dem sich die digitalen Nomaden in Deutschland treffen.


Abbildung 6: Wer mehr Sonne zum Arbeiten braucht, sucht sich seinen Coworking Space in Kapstadt.

Abbildung 6: Wer mehr Sonne zum Arbeiten braucht, sucht sich seinen Coworking Space in Kapstadt.

Es empfiehlt sich, vor dem Anmieten den Coworking Space zu beschnuppern oder auszuprobieren, um herauszufinden, ob der Platz den eigenen Vorstellungen entspricht. Es sollte ein angenehmer Ort sein, den Sie gut erreichen und der es Ihnen ermöglicht, produktiv zu arbeiten – Sie bezahlen ja schließlich dafür.

Darüber hinaus muss der Ort alle grundlegenden Bedingungen erfüllen. Dazu zählen neben Strom und stabilem Netzwerk (Internet) selbstverständlich Kaffee, (ergonomische) Sitzmöbel sowie die Möglichkeit, ungestört und in Ruhe zu arbeiten. Entwickler benötigen häufig einen Platz zum Konzentrieren, ohne störende Geräusche und Gerüche. Das umfasst auch Musik und Telefonate der Nebenmenschen [22].

Um vorher einzuschätzen, ob der Zugang zum Netz den Ansprüchen genügt, bitten Sie den Betreiber am besten darum, einen Speedtest [23] vorzunehmen und Ihnen danach das Ergebnis zu übermitteln. Damit bleiben schon vorab alle Beteiligten auf der sicheren Seite, und keiner ist enttäuscht, wenn die Bedingungen vor Ort nicht den Erwartungen entsprechen.

Neben dem Flair hängt der Erfolg in noch höherem Maß von den anderen Coworkern und den Veranstaltungen ab, die im Haus für diese und weitere Interessierte stattfinden. Dazu zählen regelmäßige Vorträge, Treffen und Workshops sowie das gemeinsame Essen, Sightseeing oder Ausflüge. Das stärkt das Netzwerk untereinander und erhöht die Bindung an den Ort. Größere Locations, wie das Betahaus Hamburg [24], bieten ein recht umfangreiches Programm.

Sagt Ihnen für die zu erbringende Aufgabe ein solcher Ort gerade nicht zu, gibt es durchaus Alternativen. Bewährt hat sich etwa das Arbeiten unterwegs [25] – in der Abgeschiedenheit einer Berghütte am See, im Zug, im Flugzeug, im Wohnmobil sowie auf dem Schiff [26]. Diese mangels Mobilfunknetz mitunter längere Phase der Ungestörtheit ist einfach grandios.

Technik dahinter

Klären Sie am besten vor dem Aufbruch, welche Arbeitsmittel Sie unterwegs benötigen. Neben möglichen Adaptern für diverse Formate von Netzsteckern zählen dazu Datenpakete des Mobilfunkproviders für das Smartphone, um dieses als mobilen Hotspot zu nutzen. UMTS-Sticks oder Reisemodems für mobiles WLAN in Kombination mit einer lokalen SIM-Karte helfen ebenfalls, in einem bezahlbaren Rahmen zu bleiben und nicht im Nachhinein den Roaming-Tod zu sterben.

Bei der Kommunikation mit den Geschäftspartnern helfen Skype, Google Hangout und Jitsi [27] weiter – je nachdem, was das Gegenüber verwendet und wie viel Wert Sie auf Sicherheit legen. Jitsi ist vollständig Open Source, browserbasiert ohne vorherige Installation und verschlüsselt die Daten zwischen den Teilnehmern des Chats, der Videokonferenz oder des Screen-Sharings. Liefen die vorherigen Versionen nur mit Chromium, lasst sich Jitsi seit Kurzem auch mit Firefox nutzen (Abbildung 7).

Abbildung 7: Eine Chat-und-Video-Session mit Jitsi, einem Open-Source-Client für Telefonie, Videokonferenzen und Screen-Sharing im Browser.

Abbildung 7: Eine Chat-und-Video-Session mit Jitsi, einem Open-Source-Client für Telefonie, Videokonferenzen und Screen-Sharing im Browser.

Hilfreich ist eine Telefonnummer im Festnetz, etwa von Sipgate [28] oder über einen selbst aufgesetzten Freeswitch-Dienst [29]. Sind Sie momentan nicht zu erreichen und spricht Ihnen jemand eine Nachricht auf das Band, erhalten Sie automatisch eine entsprechende E-Mail.

Für das Smartphone lohnen sich Apps wie Scanbot [30] zum Digitalisieren von Dokumenten, ein Wifi-Finder wie OpenWLANMap [31], ein Backup/Cloud-Service wie Dropbox oder Owncloud sowie ein VPN-Client wie StrongVPN [32]. Als Chat-Client genießt Whatsapp zwar weite Verbreitung, als Alternative dazu ohne Erfassen der Verbindungsdaten ist Threema [33] aber definitiv einen Blick wert.

Community

Neben privaten Blogs zum Informationsaustausch der digitalen Nomaden untereinander bestehen lokale Gruppen, die sich beispielsweise über die Plattformen [34] Meetup [35] und Facebook koordinieren. Damit kommen Sie unkompliziert mit Gleichgesinnten in Kontakt.

Digitale Nomaden treffen sich auch zu einer eigenen Konferenz, der DNX Global. Dort kommen diejenigen zusammen, die bereits diesen Lifestyle leben oder zukünftig leben möchten. Erstmalig fand das Treffen 2015 in Berlin statt. Trotz des deutschen Veranstaltungsorts waren nur etwa 30 Prozent der Teilnehmer Deutsche. 2016 folgte Bangkok als Veranstaltungsort, im März 2017 kommt Buenos Aires an die Reihe, im Mai erneut Berlin [36], und im September steht dann Lissabon auf dem Plan [37].

Seit einigen Jahren gibt es außerdem Coworking-Camps, bei denen digitale Nomaden zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen [38]. Diese finden in aller Regel jährlich statt.

Offizielles

Keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen sollten Sie die Regelungen in Zusammenhang mit Wohn- und Geschäftsadresse (Firmensitz): Daran hängen zu zahlende Steuern und Abgaben sowie Reisepass und Visa-Formalitäten, die Gültigkeit von Versicherungen (Haftpflicht und Krankenkasse) sowie der Zugriff auf Geld unter Einsatz entsprechender Zahlungssysteme.

Als Bürger der Europäischen Union vergessen viele sehr leicht, wie einfach der Wechsel für die Menschen zwischen den EU-Staaten mittlerweile ist. Für viele außereuropäische Länder gestaltet sich das wesentlich aufwendiger. Oft genügt jedoch ein Touristenvisum, das in der Regel eine Gültigkeit von 90 Tagen hat, und das Sie vielfach kurzfristig oder direkt bei der Einreise erwerben.

Unterwegs sein als digitaler Nomade in und um einen geografischen Hotspot ist vergleichsweise einfach. Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich durchweg ein Verständnis für diese Arbeitsform etabliert. Das beinhaltet die Entwicklung der erforderlichen Infrastruktur, die sich stetig in Bezug auf Verfügbarkeit und Bandbreite verbessert.

WLAN-Zugänge gibt es aufgrund der sich hin- und herbewegenden Rechtsprechung zur Störerhaftung in Deutschland mitunter nur sehr restriktiv. Damit geht einher, dass nicht immer alle Dienste freigeschaltet sind – das betrifft insbesondere SSH, HTTPS und FTP. In anderen Ländern existieren in dieser Bedingung viel weniger Einschränkungen, etwa in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Südafrika.

Frankreich laviert als Sonderfall in den letzten Jahren stetig zwischen Offenheit und Begrenzung der Dienste hin und her, was insbesondere das Einstufen verschlüsselter Verbindungen aufgrund von Terrorismus betrifft [39]. Bitte berücksichtigen Sie das beim Einsatz der Netzdienste, wenn Sie aus dem Ausland auf in Deutschland gehostete Daten zugreifen möchten.

Vor- und Nachteile

Das Agieren als digitaler Nomade klingt verlockend nach Freiheit, Ungezwungenheit und Abenteuer. Obwohl es in exotischer Lage stattfindet: Behalten Sie im Hinterkopf, dass Sie damit dauerhaft Ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Es gelten daher alle Prinzipien und Rahmenbedingungen, die Sie zum Broterwerb benötigen – egal, von wo aus Sie gerade arbeiten.

Neben der Eigenverantwortlichkeit sind die eingangs genannten Eigenschaften wichtig, die Sie als Unternehmer mitbringen sollten: Nicht jeder vermag mit dem Faktor Unsicherheit umzugehen. Dann ist es besser, sich einzugestehen, dass es leichter aussah, als es tatsächlich ist. Bleiben Sie länger unterwegs, verfliegt unter Umständen der Reiz, es geht die Bindung an Orte verloren und es stellt sich eine Sättigung mit dem starken Gefühl des “irgendwie zurück nach Hause” ein.

Fazit

Für die Autoren stellt die Lebensform des digitalen Nomaden die perfekte Art und Weise dar, Entdeckerdrang mit dem beruflichen Alltag zu verbinden, ohne dabei auf die üblichen vier bis sechs Wochen Urlaub im Jahr beschränkt zu sein. Die Möglichkeit des verlegbaren Arbeitsplatzes bietet nicht nur eine Chance, das herbstlich-graue Schmuddelwetter in Deutschland durch blauen Himmel mit Sonne zu ersetzen, sondern ermöglicht zusätzlich, fremde Kulturen mit überraschenden Sicht- und Arbeitsweisen kennenzulernen, dabei neue Kontakte zu knüpfen und Türen zu unerwarteten Geschäftsfeldern aufzustoßen. Ebenso gehören Freizeitaktivitäten, neue Sprachen und bislang unbekannte Regionen dazu.

Diese Arbeitsform erlaubt den Blick über den Tellerrand hinaus und hat im konkreten Fall den persönlichen Horizont erweitert. Das ging oft damit einher, gewohnte, eingefahrene Handlungsmuster infrage zu stellen. Es geht mehr um den Konsum von Erlebnissen statt den Konsum von Dingen. Keinen großen Besitz zu haben, auf den es aufzupassen gilt, wirkt sehr befreiend. Der Konsum von Erlebnissen bleibt hingegen stets ein Teil von uns selbst, der uns bereichert – kurz: back to the basics.

Das Nomadenleben hat jedoch nicht nur positive Seiten. So sind Familie und Freunde nicht immer in greifbarer Nähe, und es dauert eine gewisse Zeit, bis man feste Bindungen an einem neuen Ort aufbaut. Häufige Ortswechsel bedürfen steter Neuorientierung und der Erinnerung, wo man gerade aufwacht. Einerseits ist das total spannend, aber andererseits muss man dafür auch Zeit einplanen.

Bei diesem Lebens- und Arbeitsstil ist es von Vorteil, zumindest zeitweise mit Einsamkeit umgehen zu können, wenn das vertraute Umfeld gerade mal wieder Tausende Kilometer entfernt liegt. Elektronische Kommunikation ersetzt eben nicht alles. Treibt Sie aber die Neugierde an, fällt es vermutlich leichter, Abstriche bei den (vermeintlichen) Annehmlichkeiten eines traditionellen Zuhauses zu machen. Der Kompromiss ist es wert. 

Die Autoren

Frank Hofmann arbeitet von unterwegs – bevorzugt aus Berlin, Genf und Kapstadt – als Entwickler, Trainer und Autor. Er ist zudem Koautor des Debian-Paketmanagement-Buchs (http://www.dpmb.org). Mandy Neumeyer lebt seit neun Jahren in Südafrika und reist sehr gerne um die Welt. Sie arbeitet im Tourismus und baut zur Zeit ein zusätzliches Einkommen als digitaler Nomade auf.

Infos

  1. Freiberufler: http://www.foerderland.de/gruendung/gruendungsvarianten/freiberufler/

  2. Freier Mitarbeiter: https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Mitarbeiter

  3. Digitale Nomaden: https://de.wikipedia.org/wiki/Digitaler_Nomade

  4. Digitale Nomaden: Tsugio Makimoto, David Manners: Digital Nomad, Wiley, ISBN 978-0-471-97499-4, http://eu.wiley.com/WileyCDA/WileyTitle/productCd-0471974994.html

  5. Zeitzonen: http://www.zeitzonen.de

  6. Nomador: https://www.nomador.com

  7. Trusted House Sitters: https://www.trustedhousesitters.com

  8. Kohub: http://kohub.org

  9. Digitales Nomadenleben für Einsteiger: http://www.planetbackpack.de/digitale-nomaden-jobs/

  10. Virtuelle Assistenten im Vergleich: http://t3n.de/news/virtuelle-assistenten-deutschland-506137/

  11. Strandschicht: http://strandschicht.de

  12. Dnxjobs: http://www.dnxjobs.com/

  13. Upwork: http://upwork.com

  14. Geo-Arbitrage: http://officeflucht.de/geo-arbitrage/

  15. Geo-Arbitrage: https://wirelesslife.de/geo-arbitrage/

  16. Nomadlist: https://nomadlist.com

  17. Location-Guide für digitale Nomaden: https://wirelesslife.de/hotspots-digitale-nomaden/

  18. “Arbeiten, wann und wo sie wollen”: http://stadtteilreporter-schanzenviertel.abendblatt.de/Allgemein/sie-heisen-digitale-nomaden-und-arbeiten-wann-und-wo-sie-wollen/

  19. Coworking: http://www.coworking.de

  20. Sharedesk: http://www.sharedesk.net

  21. Coworking Switzerland: http://www.coworking.ch

  22. “What Makes a Great Coworking Space?”: https://catjohnson.co/makes-great-coworking-space-infographic/

  23. Speedtest: https://www.wieistmeineip.de/speedtest/

  24. Betahaus Hamburg: http://hamburg.betahaus.de/events

  25. Nomad Cruise: http://www.nomadcruise.com

  26. Coboat: http://www.coboat.org

  27. Jitsi: https://jitsi.org

  28. Sipgate: https://www.sipgate.de

  29. Freeswitch: https://www.freeswitch.org

  30. Scanbot: https://scanbot.io

  31. Open WLAN Map: http://www.openwifi.su

  32. StrongVPN: http://strongvpn.com

  33. Threema: https://threema.ch/de

  34. Digital Nomads (Berlin): https://www.meetup.com/de-DE/Digital-Nomads-Berlin/

  35. Digital Nomads (Kapstadt): https://www.meetup.com/de-DE/Digital-Nomads-in-Cape-Town/

  36. DNX Berlin: http://www.dnx-berlin.de

  37. DNX Global: http://www.dnxglobal.com

  38. Coworking Camp: http://coworking.camp

  39. WLAN-Gesetze in Frankreich: https://netzpolitik.org/2015/franzoesische-gesetzentwuerfe-plaene-gegen-tor-und-oeffentliches-w-lan/

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