Aufwendige Videokompositionen, Bluescreen-Tricks und andere komplexe Video-Effekte entstehen in der Regel in hochpreisigen Programmen wie AfterEffects, Nuke oder Fusion. Eine extrem interessante Open-Source-Alternative bietet das schlanke Natron.
Natron [1] gehört zu den sogenannten Compositing-Programmen, bei denen Effekte und Videokompositionen im Vordergrund stehen. Anders als Schnittprogramme wie Kdenlive oder OpenShot stellt Natron sämtliche Videoschnipsel und Effekte als Kästchen dar. Diese sogenannten Knoten (“Nodes”) lassen sich wiederum über Linien miteinander verketten. Das erlaubt zwar äußerst komplexe Kompositionen, erfordert aber umgekehrt auch eine etwas längere Einarbeitungszeit.
Natron entstand 2013 am französischen Forschungsinstitut Inria [2]. Projektleiter Alexandre Gauthier-Foichat gewann mit dem kleinen Programm sogar einen Wettbewerb, was ihm ermöglichte, in Vollzeit an dem Effektprogramm zu arbeiten. Die Version 1.0.0 erschien schließlich pünktlich zu Weihnachten 2014. Bis dahin hatten die Entwickler bereits mehrere praxistaugliche Vorabversionen veröffentlicht, die jeweils zahlreiche kleinere Änderungen mitbrachten. Dieses Konzept hielten die Entwickler auch in den nachfolgenden Versionen bei: So korrigierte beispielsweise die Version 1.2.1 nicht nur Fehler, sondern brachte unter anderem auch neue Effekt-Knoten mit.
Meist erscheinen neue Versionen im Monatsrhythmus, manchmal lassen sich die Entwickler aber auch ein halbes Jahr Zeit. Im Herbst 2015 veröffentlichten sie beispielsweise zahlreiche Vorabversionen, denen dann im März 2016 Natron 2.0.0 folgte. Anders als die Versionsnummer suggeriert, gab es auch hier wieder nur mehrere kleinere Änderungen. Zu den größeren Neuerungen zählt der Dopesheet-Editor, in dem sich Effekte und Clips auf einem Zeitstrahl steuern lassen. Einige neue Knoten binden zudem erstmals Effekte der Bildverarbeitung ImageMagick ein. Seit März veröffentlichen die Entwickler wieder jeden Monat eine neue Version, die jedoch hauptsächlich Fehler korrigieren. Zu Redaktionsschluss lag Natron 2.0.5 vor, das im Folgenden als Besprechungsgrundlage dient.
Funktionsmonster
Dass sich Natron an professionelle Anwender richtet, lässt schon der Funktionsumfang erkennen. So unterstützt es Techniken wie Rotoscoping und Rotopainting, mit denen sich reale Videos “abpausen” lassen. Die Tracking-Funktion verfolgt halbautomatisch bewegte Gegenstände wie etwa Autos. Natron lässt sich sowohl über Python-2-Skripte steuern als auch auf der Kommandozeile. Letzteres ist praktisch für das Berechnen aufwendiger Effekte auf einem Server.
Natron unterliegt der GPLv2 und baut auf freien Komponenten auf. So kümmert sich OpenColorIO um die Farbverwaltung, die Kollegen OpenImageIO und Ffmpeg im- und exportieren so ziemlich alle existierenden Video- und Bildformate. Effekte lassen sich über Plugins nach dem OpenFX-Standard in der Version 1.4 nachrüsten beziehungsweise einbinden – das schließt auch kommerzielle Effekte ein. Ein Autospeichersystem soll Abstürzen den Schrecken nehmen. Farben speichert Natron intern mit 32-Bit-Gleitkommazahlen, was exakte Farbkorrekturen ermöglicht.
Damit die Arbeit möglichst flott vonstatten geht, spannt das Compositing-Programm alle vorhandenen Prozessorkerne ein. Dabei bleibt Natron genügsam: 3 GByte Hauptspeicher und eine 3D-Grafikkarte genügen in der Regel. Die GPU muss allerdings mindestens OpenGL 1.5 unterstützen, mitsamt der Erweiterungen GL_ARB_texture_non_power_of_two, GL_ARB_shader_objects, GL_ARB_vertex_buffer_object, GL_ARB_pixel_buffer_object, GL_ARB_framebuffer_object und GL_ARB_texture_float. Mit glxinfo | grep GL_ARB prüfen Sie, ob Ihre Grafikkarte den Anforderungen entspricht.
Registrierungspflicht
Die Entwickler stellen Natron in verschiedenen Paketformaten sowie als Tarball mit statisch kompilierten Binaries bereit [3]. Der Download gelingt allerdings erst nach einer kostenlosen Registrierung auf der Natron-Seite. Alternativ ziehen Sie den Quellcode bei GitHub [4] und übersetzen ihn selbst.
Haben Sie den Tarball entpackt, müssen Sie lediglich das Skript Natron starten. Das Hauptfenster aus Abbildung 1 zeigt im Bereich links oben die Vorschau. Alle außerhalb des grauen Rechtecks platzierten Videos erscheinen später nicht im von Natron generierten Film. Der zusätzliche Platz um das Rechteck ist etwa dann hilfreich, wenn Sie einen zweiten Clip in die Szene hineinfliegen lassen möchten.
Im Bereich unten links bauen Sie gleich die Effekte zusammen, deren Einstellungen in der Seitenleiste am rechten Rand erscheinen (unter Properties). Im Moment sehen Sie dort mit den Project Settings die Grundeinstellungen für den fertigen Film.

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Edit | Preferences festlegen.Reingeholt
Stellen Sie sicher, dass der Bereich links unten das Register NodeGraph anzeigt. Es präsentiert jeden Videoschnipsel und jeden Effekt als Kästchen beziehungsweise Knoten. Der dort bereits existierende Knoten Viewer repräsentiert den Vorschaumonitor im linken oberen Bereich. Die aus dem Knoten führenden schwarzen Striche stellen Sie sich am besten als heraushängende Videokabel vor. Da diese im Moment noch ins Leere führen, zeigt die Vorschau nur ein schwarzes Bild an.
Um das zu ändern, klicken Sie mit der rechten Maustaste irgendwo neben Viewer und wählen aus dem Menü Image | Readers den Punkt ReadFFmpeg. Dann wählen Sie eine Videodatei von der Festplatte aus und klicken auf Open. Natron erstellt nun einen neuen Knoten, der den Clip repräsentiert und die Bezeichnung ReadFFmpeg1 trägt. Gleichzeitig erscheinen rechts oben in den Properties zahlreiche Informationen über die Datei (Abbildung 2).

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Abbildung 2: In den Einstellungen des Reader-KnotensFile finden Sie etwa den Dateinamen. Über das Symbol rechts neben dem Namen tauschen Sie den Clip bei Bedarf gegen eine andere Datei aus.Natron verbinden zudem den Knoten schon mit dem ersten Eingang der Vorschau. Damit liest der Node ReadFFmpeg1 das Video von der Festplatte und schiebt es an den Viewer weiter, der es schließlich in der Vorschau darstellt. Unterhalb der Vorschau finden Sie eine Zeitskala samt Wiedergabeschaltflächen. Über das nach rechts gerichtete Dreieck starten Sie beispielsweise den Film (Abbildung 3).

Abbildung 3: Natron zählt die Bilder (Frames) durch. Hier zeigt die Vorschau den Frame 4915 an. Um schnell im Film zu navigieren, können Sie auch das orangefarbene Dreieck auf dem Zeitstrahl verschieben.
Grauschleier
Einen Effekt fügen Sie nach dem gleichen Muster hinzu wie das Video: Klicken Sie mit der rechten Maustaste im NodeGraph auf eine freie Stelle, und entscheiden Sie sich im unteren Bereich des Kontextmenüs für einen Effekt. Als Beispiel soll im Folgenden ein Schwarzweißfilm entstehen. Dazu fügen Sie via Color | ColorCorrect einen Knoten für die Farbkorrektur hinzu. Um ein Schwarzweißbild zu erhalten, muss das Video durch die Farbkorrektur laufen – beziehungsweise den Knoten mit dem Namen ColorCorrect1. Er zieht die Sättigung aus dem Bild und schiebt das somit farblose Ergebnis in die Vorschau.
Unter Umständen hat Natron bereits genau diese benötigte Verbindung hergestellt. Andernfalls müssen Sie selbst Hand anlegen: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über den Eingang (Source) der Farbkorrektur. Halten Sie die linke Maustaste gedrückt, und ziehen Sie das Kabel auf den Videoknoten (ReadFFmpeg1). Sobald Sie die Maustaste loslassen, verbindet Natron das Video mit der Farbkorrektur. Ziehen Sie auf dieselbe Weise den Eingang des Viewers zur Farbkorrektur (ColorCorrect1). Das Ergebnis sollte ähnlich aussehen wie in Abbildung 4. Mit dem Mausrad zoomen Sie in das Knotengewirr hinein und wieder heraus. Die Knoten dürfen Sie zudem per Drag & Drop auf der Fläche verschieben und so etwas Platz schaffen. Mit der Taste [F] zentrieren Sie die Darstellung.

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ReadFFmpeg1 das Video von der Festplatte und übergibt es an den Knoten ColorCorrect1. Der nimmt eine Farbkorrektur vor und leitet das Ergebnis dann an den Knoten Viewer1 weiter, der es schließlich in der Vorschau anzeigt.Damit läuft jetzt das Video durch die Farbkorrektur in die Vorschau. Rechts auf dem Register Properties zeigt Natron die Einstellungen der Farbkorrektur an (Abbildung 5). Schieben Sie dort den Regler neben Saturation nach links, ziehen Sie damit die Farbe heraus – übrig bleibt in der Vorschau das Schwarzweißbild. Nach dem gleichen Prinzip fügen Sie weitere Effekte hinzu. Um einen Knoten zu entfernen, klicken Sie ihn mit der Maus an, woraufhin er einen weißen Rahmen erhält. Dann drücken Sie [Entf].

Abbildung 5: Ist es Ihnen zu fummelig, die kleinen grünen Regler zu ziehen, tippen Sie einfach die Werte direkt in die Eingabefelder.
Rauswurf
Nach Abschluss der Arbeiten exportieren Sie den Film über einen weiteren Knoten. Dazu klicken Sie wieder mit der rechten Maustaste auf einen freien Bereich des NodeGraph und entscheiden sich dieses Mal für Image | Writers | WriteFFmpeg. Im neuen Fenster wählen Sie unter File type das gewünschte Dateiformat (etwa MP3) und vergeben rechts neben Sequence einen Dateinamen. Nach einem Klick auf Save erscheint der neue Knoten WriteFFmpeg1. Ziehen Sie seinen Eingang (Source) auf den Knoten für die Farbkorrektur (ColorCorrect1).
Wie Sie dabei sehen, lässt sich ein Ausgang an mehrere Eingänge anschließen. Im Beispiel wandert das Schwarzweißbild sowohl in die Vorschau als auch in die Ausgabedatei. In den Properties auf der rechten Seite finden Sie alle Exporteinstellungen. Dort sollten Sie insbesondere noch das Format und den Codec an Ihre Wünsche anpassen. Setzen Sie zudem Format Type auf Project Format. Mit einem Klick auf Render exportiert Natron schließlich das Video.
Ausblick
Die Entwickler arbeiten bereits emsig an den nächsten Natron-Versionen. Während Sie diesen Text lesen, dürfte wahrscheinlich schon die Version 2.1 erhältlich sein. Sie soll vor allem die Rotoscoping-Werkzeuge sowie die Zusammenarbeit mit Blender verbessern. Zudem wird es einen einzelnen Read/Write-Knoten geben, der die zahlreichen Knoten zum Lesen und Schreiben wie ReadFFMPEG und WriteOIIO überflüssig macht.
Die für Ende Juli geplante Version 2.2 soll ebenfalls einige neue Knoten mitbringen und endlich ein Handbuch erhalten. Derzeit müssen Sie die Funktionsweise der zahlreichen Knöpfe weitgehend selbst erforschen, es helfen lediglich ein extrem karges Wiki [5] und ein paar Tutorials [6]. Die Planungen über die Version 2.2 hinaus versprechen eine bessere Unterstützung für 3D-Szenen (unter anderem durch eine 3D-Kamera und einen 3D-Tracker) sowie die Integration der besonders unter Gimp beliebten GMIC-Filter [7].
Infos
[1] Natron: http://natron.fr/
[2] Inria: http://www.inria.fr/en/
[3] Download fertiger Linux-Pakete: http://natron.fr/download/?os=Linux
[4] Natron-Quellcode auf GitHub: https://github.com/MrKepzie/Natron
[5] Natron Wiki: https://github.com/MrKepzie/Natron/wiki
[6] Natron Tutorials: https://forum.natron.fr/c/tutorials
[7] GMIC-Filter: Karsten Günther, “Best of GMIC”, LU 07/2016, S. 26: https://www.linux-community.de/36852





