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© Varin Rattanaburi, 123RF

Innovation im Linux-Umfeld

Alles neu

In den experimentellen Zweigen der Distributionen warten ständig neue Trends auf Tester. Wer treibt Linux voran und wie sieht die Zukunft aus?

Der Kernel feiert im Sommer seinen 25. Geburtstag. Seit seiner Geburt hat sich um ihn und die GNU-Software-Suite eine faszinierende Vielfalt an digitalen Ökosystemen entwickelt. Am Kernel selbst arbeiten die Entwickler mit viel Sorgfalt weiter – sie mögen keine großen Sprünge, sondern stetige Entwicklungen in überschaubaren Schritten.

Wenn im Verlauf des Artikels von "Linux" die Rede ist, meint das aber nicht bloß den Kernel – es sei denn, er wird explizit erwähnt. Vielmehr geht es umgangssprachlich um das Umfeld der Distributionen und um die Frage, wer hier früher wie heute maßgeblich die Entwicklung vorantreibt, technisch wie ideologisch.

Altes neu entdeckt

Beim Blick auf die innovativen Entwicklungen der letzten Jahre fällt auf, dass die Entwickler das Rad nicht immer neu erfinden, sondern oft ältere Technologien aufgreifen und weiterführen. So bedient sich das mittlerweile etablierte Werkzeug Systemd beim Kernel und nutzt Funktionen wie Namensräume und Cgroups als essenzielle Bestandteile (Abbildung 1).

Abbildung 1: Systemd-Nspawn ermöglicht es, Anwendungen in Containern voneinander abzuschotten.

Auch das neue Display-Protokoll Wayland [1] modernisiert eher, als dass es einreißt und neu baut. Docker und CoreOS setzen neben vielen Kernel-Funktionen auf altbewährte Zutaten wie BSD-Jails [2] und Solaris-Zones [3]. Das Dateisystem Btrfs nimmt den Faden von Suns ZFS auf [4], bedient sich bei RAID und integriert Snapshots [5] sowie das Zonen-Modell von Solaris.

Selbst den UsrMerge [6] (Abbildung 2), den einige Distributionen bereits vollzogen haben und der in anderen kurz bevorsteht, hat Solaris bereits vor rund 15 Jahren vorgemacht. Das dahinterliegende Problem und der heutige Dateibaum, der dem Filesystem Hierarchy Standard (FHS [7]) unterliegt, ist noch wesentlich älter und geht ganz banal auf Probleme beim Speicherplatz zurück, die die Unix-Erfinder Ken Thompson und Dennis Ritchie im Jahr 1970 hatten [8].

Abbildung 2: UsrMerge vereinfacht den FHS-Dateibaum.

Das zeigt, dass es sich lohnt, innovativ erscheinende Ideen immer zu hinterfragen: Manchmal handelt es sich dabei einfach nur um mehr oder minder verspätete Korrekturen vergangener Unzulänglichkeiten.

Viele der wirklich innovativen Entwicklungen nehmen in Unternehmen ihren Anfang, oder diese arbeiten die Neuerungen zumindest weiter aus. Die großen Distributionen der 90er-Jahre haben dank dieser Innovationen alle bis heute überlebt. Suse entstand 1996 mit Wurzeln in SLS [9] (Abbildung 3) und Slackware [10], Debian wurde bereits 1993 gegründet. Im gleichen Jahr hoben in den USA die Entwickler Red Hat aus der Taufe, das später mit Red Hat Enterprise Linux (RHEL) eine Distribution für Unternehmen konzipierte und parallel dazu mit der Community-Distribution Fedora die Entwicklung vorantrieb.

Abbildung 3: SLS gilt als die erste komplette Linux-Distribution.

Im Jahr 2004 erschien erstmals Ubuntu, mit dem Versprechen, den Linux-Desktop zu revolutionieren. Seitdem warten viele nicht mehr auf Godot, sondern auf das "Jahr des Desktops". Das Warten ist freilich vergeblich, da Linux längst da ist, wo es gebraucht wird – selbst noch so viele Innovationen bringen unter Linux kein einheitliches Produkt wie bei Microsoft hervor.

Debian setzt Akzente

Abgesehen von Debian gehören die genannten Distributionen zu Unternehmen, die mit Linux Geld verdienen. Und damit erschließt sich bereits die seit 23 Jahren andauernde Leistung von Debian: Noch heute betreut eine Schar von unzähligen Entwicklern ohne finanzielles Interesse in einer Do-o-kratie das Projekt.

Die gemeinsame Arbeit verläuft dabei entlang einer Reihe von Regeln und Richtlinien. Die beiden wichtigsten sind das Debian Manifest [11] und der Social Contract [12], eine Art Vertrag, der unter anderem die Debian Free Software Guidelines (DFSG) [13] beinhaltet. Beide haben die Entwickler 1997 als Richtlinie anerkannt und in einer Revision 2004 erneuert.

Damit gab sich das Projekt Regeln, die weit über das eigentliche Wirken hinaus Bedeutung erhielten: Viele aus Debian abgeleitete Projekte haben diese als Richtschnur für den Umgang mit der Entwicklung freier Software und den Umgang untereinander in der Community anerkannt. Somit hat Debian vor allem in ideologischer Hinsicht enorm viel für die Arbeit an freier Software getan.

Technisch geht es das Projekt eher gemächlich an, legt den Fokus eher auf Stabilität und sendet keine größeren innovativen Impulse nach außen. Allerdings zeigt sich Debian in letzter Zeit offener, Innovation von außen aufzunehmen. Der Wechsel auf Systemd (Abbildung 4) fand zwar unter Schmerzen statt, aber doch sehr zeitnah. Derzeit legen die Entwickler die Grundlagen für UsrMerge, wieder begleitet von vielen Diskussionen, aber auf einem guten Weg.

Abbildung 4: Systemd-Service-Files sind pflegeleichter als die SysVinit-Skripte.

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