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Altomedia, 123RF

Video-Compositing mit Natron

Filmbaukasten

Die noch junge Compositing-Anwendung Natron möchte den kommerziellen Effektprogrammen Nuke und AfterEffects Konkurrenz machen. Die Bedienung wirkt auf den ersten Blick umständlich und verwirrend – doch das scheint nur so.

Während klassische Videoschnittprogramme das Filmmaterial trimmen und zu einem Gesamtkunstwerk arrangieren, stehen bei sogenannten Compositing-Anwendungen die Effekte im Vordergrund. In einer entsprechenden Benutzeroberfläche lassen sich mehrere davon hintereinanderschalten und so wesentlich einfacher aufeinander abstimmen. Ein komplexer Greenscreen- oder Tagesschau-Effekt stellt daher für eine Compositing-Anwendung eine leichte Fingerübung dar.

Zu dieser Programmgattung gehört auch das quelloffene Natron [1]. Dessen Entwicklung begann Mitte 2013 am französischen Forschungsinstitut Inria [2], das die notwendige Anschubfinanzierung leistete. Im Dezember gewann Projektleiter Alexandre Gauthier den von Inria ausgeschriebenen Wettbewerb "Boost Your Code", wodurch er zwölf Monate in Vollzeit an Natron arbeiten kann. Seit Juni 2014 veröffentlicht das Entwicklerteam regelmäßig erste Vorabversionen. Diese bieten bereits einen erstaunlichen Funktionsumfang und liefen in unseren Tests weitgehend stabil (siehe Kasten "Absturzgefahr"). Zum Redaktionsschluss war die Version 0.9.6 aktuell, die auch im Folgenden als Grundlage dient.

Natron richtet sich nicht an Hobbyfilmer, die schnell zu möglichst bunten Ergebnissen kommen möchten. Das macht schon die ungewöhnliche Benutzeroberfläche deutlich, die sich stark am Profi-Programm Nuke orientiert [3]. Hier gibt es keine Zeitleiste, sondern Videos und Effekte erscheinen als kleine Kästchen, die Sie mit Verbindungslinien zusammenschalten. Dieses ungewöhnliche Konzept ermöglicht wesentlich komplexer aufgebaute Szenen als in herkömmlichen Videoschnittprogrammen.

Absturzgefahr

In unseren Tests unter Ubuntu 14.04 in der 64-Bit-Version stürzte Natron 0.9.6 hin und wieder ab. Das passierte vor allem beim Import von Videos und beim Aktualisieren der Vorschau. Als Verursacher ließ sich die dafür zuständige, externe Bibliothek Ffmpeg identifizieren, die offenbar auch das Compositing-Programm mit ins Nirwana riss. Insbesondere wollte Ffmpeg keine HD-Videos im weitverbreiteten AVCHD-Format lesen. Jeden entsprechenden Versuch quittierte es reproduzierbar mit einer schwarzen Vorschau, auf die dann ein Absturz folgte. Unter OpenSuse 13.1 traten diese Fehler nicht auf, dort lief Natron stabil.

Natron erzeugt nach jeder Aktion eine Zwischenspeicherung und versucht daraus nach einem Absturz den alten Stand wiederherzustellen. Das funktionierte auf unserem Ubuntu-Testrechner recht zuverlässig. Wenn Sie Natron ausprobieren, sollten Sie dennoch regelmäßig Ihr Projekt speichern.

Wie die Profis

Die professionelle Ausrichtung des Programms zeigt sich auch an den übrigen Funktionen: So speichert Natron Farben intern mit 32-Bit-Gleitkommazahlen, was exakte Farbkorrekturen und Farbmanipulationen ermöglicht. Die Farbverwaltung übernimmt dabei die Bibliothek OpenColorIO. Deren Kollegen OpenImageIO und Ffmpeg importieren Bild- und Videodateien in zahlreichen Formaten.

Natron bringt bereits von Haus aus mehrere Effekte mit. Neben der obligatorischen Farbkorrektur und Greenscreen-Effekten gehört dazu sogar ein einfaches Rotoscoping-Werkzeug [4]. Weitere Videoeffekte lassen sich über die Plugin-Schnittstelle OpenFX einbinden. Natron unterstützt dabei nicht nur quelloffene, sondern auch kommerzielle OpenFX-Plugins, wie etwa Furnace von The Foundry [5].

Dank einer besonders effizienten Verarbeitung sehen Sie die Auswirkung einer geänderten Einstellung sofort in der Vorschau. Zudem spannt Natron alle vorhandenen Prozessorkerne mit ein. Dabei stellt das Programm äußerst geringe Anforderungen an die Hardware: Laut Entwickler genügen bereits 3 GByte Hauptspeicher, die Grafikkarte muss lediglich den Standard OpenGL 1.5 mit einigen Erweiterungen (GL_ARB_texture_non_power_of_two, GL_ARB_shader_objects, GL_ARB_vertex_buffer_object und GL_ARB_pixel_buffer_object unterstützen). Kommerzielle Programme geben sich da wesentlich leistungshungriger, wenngleich auch bei Natron eine flotte CPU und mehr Hauptspeicher nicht schaden.

Das Berechnen der bearbeiteten Videoszenen übernimmt auf Wunsch ein Kommandozeilenprogramm, das sich etwa auf einem dafür abgestellten Server beziehungsweise einer Serverfarm starten lässt.

Einspieler

Um Natron zu installieren, laden Sie von dessen Homepage [1] die 32- beziehungsweise 64-Bit-Version herunter (auch auf Heft-DVD) und entpacken das entsprechende Tar-Archiv auf die Festplatte. Rufen Sie das entpackte Programm auf, so meldet sich ein Installationsassistent, der Ihnen ein paar Fragen stellt. Nach einem Klick auf Weiter geben Sie das gewünschte Installationsverzeichnis für Natron ein. Im nächsten Schritt wählen Sie die zu installierenden Komponenten aus (Abbildung 1). Sie benötigen zumindest Natron selbst, die Natron/OFX Core Libraries sowie die OFX IO Plugins. Die übrigen Punkte stehen für zusätzliche Plugins und Effektpakete.

Abbildung 1: Der Installationsassistent spielt auf Wunsch weitere Effekte ein.

Verwenden Sie Natron zum ersten Mal, sollten Sie die Voreinstellungen belassen: So sitzen Sie gleich nicht vor einer unüberschaubaren Effektauswahl. Nach einem Klick auf Weiter zeigt der Assistent die Software-Lizenzen aller von Natron verwendeten Komponenten an. Aktivieren Sie hier Ich akzeptiere die Lizenzvereinbarungen, klicken Sie auf Weiter und lassen Sie Natron Installieren. Unter einigen Desktop-Umgebungen, etwa unter Unity in Ubuntu, erstellt der Assistent automatisch noch passende Einträge im Startmenü. Fehlen diese auf dem von Ihnen verwendeten System, rufen Sie stattdessen im Installationsverzeichnis das Skript Natron auf.

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