76 Fenstermanager in einem System gebündelt

Das Barbecue ist angerichtet

Wenn selbst die kleinen Desktops noch zu groß sind, dann lohnt ein Blick auf die hier vorgestellten Fenstermanager.

Die meisten Anwender benutzen eine komplette Desktop-Umgebung bei der Arbeit mit Linux, andere nutzen den Rechner ganz ohne X-Server. Dazwischen gibt es die Kategorie der Fenstermanager. Nicht so komfortabel – oder, je nach Sichtweise, aufgeblasen – wie Gnome oder KDE, jedoch visuell ansprechender als ein Terminal.

Wem also selbst die leichten Desktops noch zu viele Ressourcen verbrauchen oder zu viel Schnickschnack bieten, der findet im Repertoire des Teams von Linux BBQ [1] eventuell das Richtige: 76 Fenstermanager stellen die Entwickler in einem System zum Testen bereit.

Eine der Stärken des X-Window-Systems im Gegensatz zu den Betriebssystemen von Microsoft oder Apple ist, dass hier die Möglichkeit besteht, Funktionen wie das Verschieben, Minimieren, Vergrößern und Schließen von Fenstern getrennt zu implementieren. Das fördert größtmögliche Vielfalt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Vom Kernel zur Ausgabe auf dem Bildschirm durchwandert das Signal zahlreiche Schichten, darunter den Fenstermanager.

Diese Funktionen finden sich in grafischen Toolkits, wie etwa Qt, GTK+, Clutter, WxWidgets und anderen wieder [2]. Sie alle eignen sich zum Entwickeln eines Fenstermanagers. Neben diesen Funktionen zeichnet ein solches noch die Dekoration um die Fenster, wie etwa die Leiste mit dem Titel.

Einige bieten noch weitere Elemente wie etwa Unterstützung für D-Bus, Docks, Panel, Programmstarter, Icons auf dem Desktop, optische Designs und Hintergrundbilder. Das rückt sie teilweise in die Nähe voll ausgebauter Desktop-Umgebungen. Die meisten Fenstermanager bieten die Möglichkeit, die Funktionen komplett über die Tastatur anzusteuern.

Auch grafische Desktop-Umgebungen benutzen zwischen dem X-Server und der grafischen Umgebung einen Fenstermanager, bei KDE etwa Kwin, bei Gnome 3 ist es Mutter. Compiz ist ein weiterer Fenstermanager, der aber unabhängig von einer grafischen Oberfläche ausgelegt ist. Bei diesen Fenstermanagern handelt es sich um Composition-Manager [3].

Die einfachen Fenstermanager unterscheiden sich voneinander in ihrer jeweiligen Erweiterbarkeit, der Art und Weise, wie Sie diese bedienen und durch die Art, Fenster darzustellen. Hier existieren drei Herangehensweisen: Stacking [4], Tiling [5] und dynamisch [6].

Stacking- oder Floating-Window-Manager erlauben das Überlappen von Fenstern, während solche, die dem Tiling-Konzept folgen, die Fenster ohne Überschneidung wie Kacheln auf dem Schirm anordnen (siehe Artikel zu Tiling-Window-Managern in dieser Ausgabe).

Dynamische Fenstermanager beherrschen beide Techniken und sind in der Lage, zwischen diesen Techniken umzuschalten. Keines der Konzepte hat klare Vorteile; Gewohnheit und verschiedene Vorlieben bestimmen hier die individuelle Wahl.

Einige der 76 Programme, die die Macher von Linux BBQ präsentieren, kommen Ihnen vielleicht bekannt vor: Dazu zählen vermutlich Openbox [7], IceWM [8] und Fluxbox [9]. Viele der bekannteren Vertreter basieren wieder auf weniger bekannten. So sind etwa Fluxbox und Openbox von Blackbox [10] abgeleitet. Dann gibt es noch Namen, die ab und an fallen, wie etwa Awesome [11], Sawfish [12], Ratpoison [13] oder Xmonad [14].

Der Großteil der versammelten Fenstermanager war aber selbst erfahrenen Testern nicht geläufig. Das online zum Download [15] angebotene Image, das auf den Namen "Cream" hört, präsentiert vermutlich mit 76 Stück den Großteil der heute noch gepflegten Fenstermanager.

Das System erlaubt das Ausprobieren der einzelnen Fenstermanager, um die jeweilige Ausstattung und die graduell unterschiedlichen Bedienkonzepte und den Grad an Komfort zu beurteilen. Wer hier nichts findet, dem bleibt vermutlich als letzter Ausweg nur der Bau eines eigenen Window-Managers. Alle versammelten Fenstermanager sind ohne Anpassungen, so wie von den Entwicklern ausgeliefert, auf dem Image vorhanden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Wer auf den Ctwm setzt, bekommt einen Fenstermanager ohne Schnörkel.

Nach dem Start zeigt das System als Erstes ein Auswahlmenü. Der erste Punkt bietet die Möglichkeit, Tastatur, Netzwerk und Zeitzone einzustellen. Der dabei abgefragte Benutzername und das Passwort lauten beide bbq.

Die Basis bildet Debian Sid und benutzt den Kernel von Siduction. Auch das Netzwerktool Ceni ist dort entliehen. Die Auswahl der X-Session erlaubt anschließend das komfortable Testen der einzelnen Window-Manager.

Falls Sie auf der Webseite von Linux BBQ stöbern, bietet sich ein Blick auf das weitere Schaffen dieser liebenswerten Linux-Chaoten an: Das Team um Julius "MachineBacon" Hader hat bereits über 100 verschiedene Images – fast alle auf der Basis von Debian Unstable – veröffentlicht.

Den Entwicklern um Hader ist dabei nichts heilig. Sie wollen in erster Linie Spaß und nehmen sich selbst ebenfalls nicht sonderlich ernst. Sie kombinieren alles mit jedem, vieles bleibt dem Anwender zur gefälligen Konfiguration überlassen.

Auf der einen Seite vertreten sie das KISS-Prinzip [16] der Einfachheit und der minimalistischen und leicht verständlichen Lösung eines Problems. Auf der anderen nehmen sie aber Lennart Poettering, den Entwickler von Avahi, Pulseaudio und Systemd, der sich nicht unbedingt an das KISS-Prinzip und einige andere Unix-Dogmen hält, gegen die Gestrigen in Schutz, die keinen Fortschritt dulden wollen [17].

Fazit

Linux BBQ zeigen auf, wie riesig der Baukasten Linux eigentlich ist, und dass es unendliche Kombinationsmöglichkeiten gibt. Die Entwickler frönen der Vielfalt und lachen über jene, die behaupten, wenn es mehr Einheitlichkeit gäbe, ließen sich Kräfte bündeln und der Durchbruch wäre wahrscheinlicher.

Dem Projekt ist der Durchbruch von Linux egal, für sie ist es längst da angekommen, wo es nach Ansicht der Developer hingehört, nämlich auf den Grill von Grillmeister Hader, auf dass weitere skurrile Kombinationen auf den Teller kommen. Die Kernaussage ist: "Was wir können, kannst Du auch. Roast your own." In diesem Sinne: fröhliches Stöbern. 

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 4 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Fliesenleger
    Effizienz hat ihren Preis: Tiling-Window-Manager nutzen den Desktop optimal aus, doch die Konzepte erfordern einiges Einarbeiten.
  • Von Fenstern und Farben
    Die 3D-Desktops laufen immer stabiler und verdrängen bereits auf vielen Rechnern die alten 2D-Oberflächen. Ein Grund mehr, sich mit den Grundlagen der grafischen Oberfläche und den neuen Techniken vertraut zu machen.
  • Der Fenstermanager Sawfish
    Ein Urgestein der Fenstermanager ist wieder da: Sawfish verzichtet auf 3D-Schnickschnack und lässt sich dafür bis ins Detail den eigenen Bedürfnissen anpassen.
  • LXDE und Razor-qt gehen zusammen
    Kommen verschiedene Ansätze für einen Minimal-Desktop zusammen, entsteht Spannendes – wie bei LXDE und Razor-qt.
  • Generationswechsel bei KDE
    Wer seine Benutzeroberfläche bis ins Kleinste konfigurieren möchte, der findet im KDE-Desktop tausend Stellschräubchen dazu. Da macht auch KDE SC 5 keine Ausnahme, die nächste Generation des K-Desktops.
Kommentare

Infos zur Publikation

Lu07/2016: GIMP FÜR PROFIS

Digitale Ausgabe: Preis € 5,99
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Aktuelle Fragen

Mit Firewire Videos improtieren?
Werner Hahn, 09.06.2016 11:06, 5 Antworten
Ich besitze den Camcorder Panasonic NV-GS330, bei dem die Videos in guter Qualität nur über den 4...
lidl internetstick für linux mint
rolf meyer, 04.06.2016 14:17, 3 Antworten
hallo zusammen ich benötige eure hilfe habe einen lidl-internetstick möchte ihn auf linux mint i...
thema ändern
a b, 29.05.2016 16:34, 0 Antworten
Hallo Linuxer zuerst alle eine schönen Sonntag, bevor ich meine Frage stelle. Ich habe Ubuntu 1...
Ideenwettbewerb
G.-P. Möller, 28.05.2016 10:57, 0 Antworten
Liebe User, im Rahmen eines großen Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Technologie- und Innova...
Welche Drucker sind Linux-mint kompatibel?
Johannes Nacke, 20.05.2016 07:32, 6 Antworten
Hallo Ihr Lieben, ich bitte um mitteilung welche Drucker Kompatibel sind mit Linux-Mint. LG Joh...