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Freibier für alle?

Von der freien Software zur freien Gesellschaft

21.11.2012 Freie Software entsteht nach Prinzipien, die Gemeingüter entstehen lassen, an denen jeder teilhaben kann. Überträgt man diese Prinzipien auf die Gesellschaft, ergeben sich neue Perspektiven, von denen alle profitieren.

Seit 50 Jahren richtet sich die Produktionsweise und Nutzung von Soft- und Hardware nahezu vollkommen kommerziell aus. Dazu in krassem Gegensatz stehen die Prinzipien des Modells der Free Open Source Software (FOSS). FOSS basiert auf Gemeinschaften ("Communities") und setzt nicht den Austausch materieller Güter zur Mitwirkung im Entstehungsprozess oder zur Teilhabe an den Ergebnissen voraus.

Das Zusammenwirken der einzelnen Akteure basiert vielmehr auf einer eigenen Philosophie, bei der Gemeingüter ("Commons") entstehen, die wiederum allen zugute kommen. Das Verhalten wird dabei eher durch soziale Normen anstatt von rechtlichen Regelungen gesteuert. Wer sich damit näher beschäftigt, stellt sich unwillkürlich die Frage; Was würde passieren, wenn man die FOSS-Prinzipien auf die Gesellschaft überträgt und so das Gesellschaftsmodell verändert?

Wie freie Software entsteht

Freie Software entsteht häufig aus tatsächlichen Bedürfnissen heraus. Neben der Notwendigkeit für eine Problemlösung oder einer Erweiterung von etwas Bestehendem zählen auch einfach Neugierde und Spaß an der Freude dazu. Dabei wird mit Vorhandenem experimentiert, Neues ausprobiert und die (Zuverlässigkeits-)Grenzen bestehender Lösungen erforscht.

Viele Projekte werden zunächst von Einzelpersonen begonnen, um die sich im Laufe der Zeit weitere Interessenten scharen, wie etwa beim GNU-Projekt oder dem Linux-Kernel. Dadurch variiert der Kreis der Mitwirkenden an einem Projekt. Meist bildet sich schließlich ein fester Kern, der das Projekt koordiniert und weiter vorantreibt. Neue Interessenten kommen hinzu, andere Beitragende verlassen das Projekt wieder, bringen sich an anderer Stelle ein oder gründen etwas vollkommen Eigenes.

Für die angewendete "Produktionsweise" der (vorrangig) Informationsgüter, wie Software, Texte, Abbildungen, Audio- und Video-Daten und Landkarten, ist das verteilte Speichern und Bearbeiten der Daten über große Distanzen charakteristisch. Der Zugang und die Vernetzung erfolgen über das Internet, das über verschiedene Kanäle – E-Mail, Mailing-Listen, Chat, Twitter, Blogs und Wikis – auch zur Kommunikation und zum Austausch untereinander dient. Dabei verschwimmen die Kultur-, Länder- und Sprachgrenzen zunehmend (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Debian-Entwickler verteilen sich über die ganze Welt, wie diese Karte von der Debian-Projektseite zeigt.

Viele Linux User Groups (LUGs) richten regelmäßig lokale Veranstaltungen aus, an größeren Treffen beteiligen sich häufig auch weitere Interessengemeinschaften wie etwa die German Unix User Group (GUUG). Solche Konferenzen mit Fachvorträgen, Ständen, Ausstellungen und Arbeitstreffen ermöglichen den direkten, persönlichen Kontakt untereinander und bilden den idealen Nährboden für Neues. Wer einmal an einer solchen Veranstaltung teilgenommen hat, kehrt mit vielen Anregungen zurück. Das weitverbreitete Klischee des Programmierers im dunklen Keller, der nicht mit seinem Gegenüber spricht, lässt sich dort nicht bestätigen.

FOSS-Erfolgsgeschichte

Die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe an dem riesigen, nichtkommerziellen Gemeinschaftsprojekt FOSS ist für viele Menschen nur der erste Schritt. Recht schnell erfolgt die individuelle Mitwirkung an FOSS entsprechend der eigenen Fähigkeiten. Das gelingt in verschiedenen Rollen, etwa als Anwender, Entwickler, Gestalter, Dokumentierer, Trainer und Projektkoordinator. Das Debian-GNU/Linux-Projekt dient hier als herausragendes Beispiel in Reinform, da alle Rollen vorbildlich ausgefüllt werden und Debian zudem vollständig nichtkommerziell bleibt. Andere Linux-Distributionen entsprechen dem Genannten nur teilweise, da häufig auch ein kommerzieller Zweig existiert, wie bei Fedora (Red Hat) oder OpenSuse (Suse).

Neben dem Interesse an der Technik und dem Wunsch, zu wissen, wie etwas funktioniert, dominiert das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung jedes Einzelnen. Wer die einzelnen Communities näher beobachtet, merkt schnell, dass FOSS-Enthusiasten nach den folgenden Gesichtspunkten agieren:

  • interessenbasiert: Wozu möchte ich gern beitragen? Was möchte ich benutzen?
  • verpflichtungsfrei: Kein Muss. Was mache ich gern? Wozu habe ich Lust?
  • dem Können gemäß: Was kann ich besonders gut? Was möchte ich Neues dazulernen?

Bei jedem Mitwirkenden trägt die Motivation zur Mitarbeit eine individuelle Färbung. Im sichtbaren Gesamtergebnis bleibt durch die Vielzahl der Beitragenden keine Nische unbesetzt, und der Facettenreichtum verfügbarer Software wächst stetig.

Ähnlich wie früher in der Wissenschaft üblich, wirkt FOSS als Bindeglied zwischen Menschen, die Neues ausprobieren und die sowohl die erzielten Ergebnisse, als auch das dabei erworbene Wissen gemeinsam diskutieren und mit Gleichgesinnten teilen möchten (Prinzip der Kooperation und des Teilens). Dagegen fehlen ein materialistisches Denken und die primäre Zielstellung, mit dem eigenen Beitrag unbedingt Gewinn zu erwirtschaften. Stattdessen stehen der Fortschritt, die Neugierde, der Entdeckerdrang, der tatsächliche Bedarf für eine Problemlösung und deren Praxistauglichkeit im Vordergrund.

Aus dem erbrachten Beitrag jedes Einzelnen leitet sich dessen Anerkennung durch die FOSS-Gemeinschaft ab. Kontinuierliche und qualitativ hochwertige Beiträge ermöglichen einen höheren sozialen Status. Rein materiell ausgerichtete Statussymbole treten in den Hintergrund und spielen nur noch eine deutlich geringere Rolle als bisher.

Das solide Fachwissen der Mitwirkenden sorgt für eine große Vielfalt an Lösungen und entsprechender Alternativen, aus denen die Beteiligten ausschließlich dem Zweck entsprechend auswählen. Da alle Lösungen frei verfügbar sind, entscheidet nicht das Budget darüber, welche Lösung zum Einsatz kommt, sondern die Frage, welche Variante am stabilsten und effektivsten arbeitet. Als weitere Auswahlkriterien fließen häufig die Modifizierbarkeit und Dokumentation sowie die direkte Rückkopplung zu dem Entwicklerteam der gewählten Variante mit ein.

Dieses Vorgehen ermöglicht volle Transparenz sowie individuelle Erweiterungen und Qualitätskorrekturen, die als verbessertes Gemeingut wieder in die FOSS-Gemeinschaft zurückfließen und ihr somit zur Verfügung stehen. Als Resultat profitiert davon nicht nur jeder Einzelne für sich allein, sondern auch in erheblichem Maße die gesamte Gemeinschaft.

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