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© Bela Tiberiu Attl, 123RF

Abgestürzte Systeme sicher neustarten

Not-Aus

Es gibt mehrere Tastenkombinationen, die ein eingefrorenes System wieder zum Leben erwecken. Jede davon erfordert beim Anwender ziemlich lange, gelenkige Finger – möglicherweise der Grund, warum viele Linux-Anwendern sie immer noch nicht kennen.

Wenn etwas schief geht, dann meist richtig: So stürzt die Textverarbeitung üblicherweise kurz vor der Fertigstellung der zehnseitigen Abhandlung über das Liebesleben der gemeinen Haustaube ab. Und da es der Office-Suite im Nirvana zu einsam ist, reißt sie auch gleich noch das komplette X-Window-System mit in den Tod. In solchen Fällen schnellt der Finger bei den meisten Anwendern zum Reset-Knopf am Computergehäuse.

Diese rabiate Wiederbelebungsmaßnahme birgt jedoch gewisse Risiken: Linux selbst lebt meist noch im Hintergrund weiter – oft zusammen mit ein paar weiteren Programmen, die immer noch munter auf die Festplatte zugreifen. Im schlimmsten Fall zerstört der Druck auf den Reset-Taster deshalb nicht nur das Liebesleben der Taube, sondern auch gleich noch ein paar weitere Dateien.

A kind of magic

Glücklicherweise gibt es Hilfe in Form mehrerer "magischer" Tastenkombinationen. Die erfordern zwar ein paar verrenkte Finger, können dafür aber das System ohne Ein- und Ausschalten wiederbeleben oder zumindest den Computer kontrolliert und ohne Datenverlust herunterfahren.

Alle diese Tastenkombination beginnen damit, dass Sie [Alt]+[Druck] gedrückt halten und damit [S-Abf] ("System-Abfrage") auslösen – so ist die Taste auf deutschen Tastaturen auch auf der Vorderseite beschriftet. Auf englischen Tastaturen steht an dieser Stelle dagegen SysRq als Abkürzung für System Request (Systemabfrage). Daher nennt man eine darüber ausgelöste Funktion auch Magic System Request oder kurz und unaussprechlich Magic SysRq.

Auf vielen Notebook-Tastaturen müssen Sie zusätzlich noch [Fn] gedrückt halten. Zusammen mit einer folgenden Buchstaben-Taste für den Abruf einer bestimmten Funktion gilt es somit vier weit auseinanderliegende Tasten auf einmal zu betätigen – nicht umsonst spricht man auch von einem "Affengriff".

Einige Systeme ersetzen zudem die Taste [Alt] durch [AltGr]. Sofern also eine magische Tastenkombination keine Wirkung zeigt, sollten Sie sie noch einmal mit [AltGr] ausprobieren. Schließlich gibt es noch Tastaturen, die nicht so viele gleichzeitig gedrückte Tasten auf einmal auswerten können: In diesem Fall drücken Sie [Alt]+[Druck], lassen dann nur [Druck] los, betätigen die Taste für die gewünschte Funktion, und lassen dann alle Tasten wieder los.

Der Einfachheit halber bezeichnen wir im folgenden die für den Magic System Request zu betätigende Eingangstastenkombination als [S-Abf] – egal, wie diese auf dem konkreten System nun auszulösen ist.

Wo klemmt's?

Wenn [Druck] überhaupt nicht existiert oder [S-Abf] gar nicht funktionieren möchte, aber noch eine Kommandozeile zur Verfügung steht (siehe Kasten "Hintertür"), dann kann man einen Tastendruck als Benutzer root auch mit folgendem Befehl simulieren:

echo k > /proc/sysrq-trigger

Das k steht dabei für die dritte zu drückende Taste, in diesem Beispiel das "k" für die vermutlich wichtigste und am häufigsten benötigte Tastenkombination. [S-Abf]+[K] beendet ("kill") alle Prozesse in der aktuellen virtuellen Konsole. Unter modernen Distributionen zählt dazu üblicherweise auch die grafische Benutzeroberfläche, die daraufhin automatisch neu startet oder zumindest dem Textmodus weicht.

[S-Abf]+[K] erweist sich aber auch dann als nützlich, wenn Sie auf der Konsole arbeiten: Durch das Beenden aller Prozesse stellt sie sicher, dass der Anmeldebildschirm nicht von irgendeinem Trojaner stammt – vorausgesetzt, bei init handelt es sich noch um das unversehrte Original.

Hintertür

Hängt der eingefrorene Rechner in einem Netzwerk, melden Sie sich auf ihm mittels SSH an und beenden dort dann via Kommandozeile die verursachenden Programme mit dem SysRq-Kill-Kommando. Das funktioniert allerdings nur, wenn die abgestürzten Programme nicht die komplette Rechenzeit auffressen. Darüber hinaus muss der SSH-Daemon installiert sein, laufen und sich von außen erreichen lassen. Letzteres verhindert beispielsweise unter OpenSuse die eingebaute Firewall. Aus den gleichen Gründen versagen auch die übrigen Alternativen zu SSH, wie etwa rlogin, das obendrein noch Sicherheitsprobleme besitzt.

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