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© Elena Mikhaylova, 123rf.com

In allen Wassern

Webseiten bearbeiten mit Bluefish

22.02.2012
Der Web-Editor Bluefish bietet eine professionelle Entwicklungsumgebung mit buchstäblich hunderten Funktionen und einer ausgefeilten Projektverwaltung. Dabei schafft er trotzdem den Spagat, Einsteigern das Leben leicht zu machen.

Das Internet läuft auf Linux-Servern und größtenteils mit Techniken aus dem Linux-Umfeld. Da liegt es nahe, dass auch Webdesigner unter Linux arbeiten. Erstaunlicherweise ist das Angebot an Software für diesen Zweck nur im Segment für Vollprofis gut ausgebaut. Zwar fühlen sich die große IDE für Berufsprogrammierer und der bewährte Kommandozeileneditor auf Linux heimisch, an intuitiven Webeditoren für Menschen mit mehr Talent für Design und Inhalt als für komplexe Programmlogik mangelt es. Einzig der Webeditor Bluefish [1] hält hier seit einigen Jahren die Fahne hoch (Abbildung 1).

Abbildung 1: Bluefish bietet hunderte Komfortfunktionen für die Arbeit mit HTML-Quellcode und zeigt auf Mausklick das Ergebnis im Browser an (hier in Chromium).

WYSIWYG?

Für das Gestalten von Webseiten setzen viele Programme auf WYSIWYG, Sie arbeiten dort also direkt in der Browser-Ansicht der Seite. Solche Editoren erlauben jedoch konzeptbedingt nur eher simple Layouts und zeigen sich von der Modularität moderner Websites schnell überfordert. Außerdem programmiert keine Automatik so elegant und effizient wie ein Mensch: Selbst Anfänger finden schnell heraus, wie sie einen gewünschten Effekt einfacher und damit schneller als ein Automat erzielen.

Der direkte Zugriff auf den Quellcode erweist sich spätestens beim ersten Darstellungsproblem als unerlässlich. Allerdings ist der Umgang mit Quellcodes nicht intuitiv. Wer mit einem universellen Texteditor wie Vim oder Gedit eine Webseite schreibt, muss zu Anfang dauernd in den Referenzen der verwendeten Programmiersprachen [2] nachschlagen, wie sich denn nun ein gewünschter Effekt programmieren lässt.

An dieser Stelle setzt Bluefish an: Hier fügen Sie hunderte von oft gebrauchten Befehlen und Konstruktionen per Mausklick in Webdateien ein. Für komplexere Aufgaben gibt es Assistenten, die sinnvolle Alltagsbegriffe wie Liste oder Grafikbeschreibung statt der zuweilen kryptischen Namen der Programmierbefehle anbieten.

Die von uns getestete aktuelle Entwicklerversion bietet auch bereits viele HTML5-Elemente in einem neuen Karteireiter des Editormenüs. Ob sich dieses neue Menü wirklich als gute Idee erweist, muss sich erst noch zeigen: Schließlich begründen die neuen Elemente keineswegs ein "neues HTML", es handelt sich einfach um neu eingeführte Techniken im "ganz normalen" HTML. Prinzipiell ist etwa das HTML5-Video-Tag (Abbildung 2) nichts weiter als eben ein neues HTML-Tag: Es wäre also in einer Liste mit den bekannten Tags für Links oder Bilder gut aufgehoben.

Abbildung 2: Die HTML5-Unterstützung in Bluefish macht schöne Fortschritte. Hier der Assistent für das neue Video-Tag in Aktion.

In der Praxis dürften derzeit viele Nutzer aber gerade die neuen Tags in einem Editor gezielt suchen – einfach, um sie auszuprobieren. In dieser Phase erscheint das Extramenü zumindest nicht ganz sinnlos. Werden die HTML5-Tags aber erst Alltag, gerät das Extramenü zur überflüssigen Kuriosität.

Unendliche Weiten

Webseiten kommen im Browser in Form von HTML, CSS und Javascript an. Webentwickler kombinieren dazu einige hundert Befehle und Parameterangaben für Werte wie Größe und Farbe zu immer neuen Konstruktionen. Entwickler von Webeditoren können unmöglich alle Kombinationsmöglichkeiten voraussehen. Trotzdem sollen die beliebtesten und wichtigsten Funktionen mit einem Klick zu erreichen sein, also müssen die Programmierer auswählen, welche Funktionen sie weglassen, um die Programmoberfläche nicht zu sehr zu überladen.

Die Bluefish-Entwickler tendieren eher dazu, soviel wie möglich anzubieten, wobei sie parallel vier verschiedene Methoden nutzen:

  • Mit vorgefertigten Menüeinträgen und Knöpfen fügen Sie die wichtigsten Alltagsfunktionen per Mausklick ein, wie etwa Überschriften, Absätze oder Hervorhebungen. Für komplexere Funktionen – etwa Bilder, Listen oder Links – öffnen Sie mit dieser Methode Assistenten, in denen Sie Werte wie die Bildadresse oder die gewünschte Zahl der Listenpunkte eintippen.
  • Eine Automatik macht noch während des Eintippens von Befehlen Vorschläge für deren Komplettierung. Tippen Sie eine spitze Klammer und dann einen Buchstaben, klappt neben der Schreibmarke eine Liste mit möglichen Vervollständigungen aus.
  • Bearbeitbare Funktionslisten funktionieren ähnlich wie normale Menü-Einträge, lassen sich aber an Ihre Wünsche anpassen und auch löschen oder neu anlegen.
  • Mithilfe von Assistenten legen Sie ganze Dateien nach Vorlagen neu an.

Erst die letzten beiden Methoden machen aus Bluefish einen wirklich empfehlenswerten Webeditor. Selbst Einsteiger in die Webprogrammierung entwickeln sich bald zu Perfektionisten, die nur noch das wollen, was sie als das non plus ultra empfinden. Solche individuellen Optimallösungen tragen Sie in Bluefish selbstständig in die Templates des Dateimenüs und in die Funktionsliste in der Seitenleiste ein (siehe Kasten "Individueller Bluefish").

Auch die Autovervollständigung funktioniert gut. Beim Formatieren von bereits geschriebenen Texten wirkt diese Methode allerdings oft etwas umständlich: Bluefish fügt beim Vervollständigen des Anfangs auch gleich den Schluss des Tags hinzu – der steht dann vor dem Textabschnitt, den er eigentlich abschließen soll. Beim nachträglichen Formatieren wenden Sie die gewünschten Tags also besser mit Mausklicks oder Tastaturkürzeln auf markierte Abschnitte an.

Individueller Bluefish

Die Templates des Datei-Menüs und die Funktionen der Funktionsliste stehen in Bluefish in einfachen Textdateien. Das Verzeichnis /usr/share/bluefish/templates enthält die Vorlagen für den Menüpunkt Datei | Neu aus Template. Durch Bearbeiten dieser Dateien, passen Sie den Inhalt der aus dem Menü erzeugten Dateien an Ihre Wünsche an. Allerdings kann Bluefish die Dateien in diesem Verzeichnis noch nicht dynamisch ins Menü einbinden.

Ihre Möglichkeiten beschränken sich also auf die bereits vorhandenen fünf Vorlagendateien. Dort dürfen Sie allerdings eintragen, wonach Ihnen der Sinn steht. Möchten Sie beispielsweise ein Python-Template statt einer Vorlage für C-Header, schreiben Sie einfach den gewünschten Python-Code in die Datei C_header.

Deutlich flexibler bearbeiten Sie die Einträge in der Funktionsliste, die Sie im Kasten links mit einem Klick auf den Karteireiter mit dem Symbol Einfügen in Datei finden. Ein Rechtsklick im Bereich dieser Liste führt in ein Menü, in dem der Eintrag Neuer Schnippsel ein Fenster öffnet, in dem Sie zunächst eine neue Gruppe von Vorlagen anlegen (Abbildung 3). Ein Rechtsklick auf diesen neuen Eintrag in der Liste erlaubt Ihnen nun, eine neue Vorlage in Ihrer Gruppe anzulegen.

Schließlich tragen Sie in den Vorlage-Assistenten einen Text ein, den Bluefish vor dem aktuellen Cursor oder der Markierung im Dokument eingefügen soll, sowie einen weiteren, der dahinter gehört (Abbildung 4). In der Liste auf der rechten Seite stellen Sie ein Assistentenfenster zusammen, das Bluefish beim Klick auf Ihre neue Vorlage aufruft. Vor jedem Eingabefeld steht eine Zeichenkombination aus einem Prozentzeichen und einer Ziffer. Tragen Sie genau diese Kombination in den Text der Vorlage ein. An dieser Stelle setzt Bluefish beim Aufruf der Funktion das ein, was der Nutzer in das passende Feld im Assistenten eingibt.

Finden Sie den Assistenten zu umständlich, bearbeiten Sie die in einem XML-Dialekt gehaltene die Schnipsel-Datei direkt. Diese legt Bluefish allerdings erst an, sobald Sie wenigstens einen Schnipsel mit Hilfe des Assistenten anlegen und speichern. Die Datei finden Sie in Ihrem Home unter ~/.bluefish/snippets.

Abbildung 3: In der Funktionsliste definieren Sie eine eigene Gruppe, der Sie dann die gewünschten Schnipsel hinzufügen.
Abbildung 4: Hier bittet der Assistent Sie, einen Kommentar einzugeben. Diesen schreibt Bluefish vor dem div-Tag in das Dokument.

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