Tee oder Zimt?
Gnome 2 reloaded: Maté und Cinnamon
Als das Gnome-Projekt die runderneuerte Version 3 seiner beliebten Desktop-Umgebung vorstellte, ging ein Aufschrei durch die Nutzerschaft. Viele Anwender kamen mit dem ungewöhnlichen und neuartigen Bedienkonzept nicht zurecht. Statt eines Startmenüs und einer Fensterleiste gab es nun einen separaten Aktivitäten-Bildschirm. Kritiker bemängelten die weiten Mauswege, die umständliche Bedienung und die offensichtliche Fokussierung der Entwickler auf die Touchscreen-Oberflächen von mobilen Geräten. Sogar Linus Torvalds bezeichnete Gnome 3 öffentlich als "verrückten Mist" ("crazy crap") und verlangte nach einer verbesserten Variante (Fork), die sich am alten Gnome 2 orientieren sollte [1].
Maté
Ein offenbar ebenfalls genervter argentinischer Arch-Linux-Nutzer namens Perberos griff im Juni 2011 kurzerhand zur Selbsthilfe: Er setzte auf den letzten Stand des mittlerweile fallen gelassenen Gnome 2 auf und entwickelte ihn einfach unter der Bezeichnung Maté weiter [2]. Der Name verweist auf die südamerikanische Maté-Pflanze, die man bei uns vor allem durch den gleichnamigen Tee kennt. Perberos' erste Aufgabe bestand darin, den Desktop (Abbildung 1) so zu modifizieren, dass er sich problemlos neben Gnome 3 installieren ließ. Dazu benannte er in erster Linie sämtliche Programme und Bibliotheken um und machte sie mit den nun jeweils anders heißenden Kollegen bekannt. Einen Überblick über die bis zum Redaktionsschluss portierten Kernanwendungen gibt die Tabelle "Gnome-2-Pendants in Maté"; einige populäre Gnome-Anwendungen fehlen noch.
Wenn Sie Maté selbst ausprobieren möchten, klappt das derzeit am einfachsten unter Arch Linux, Linux Mint 12, Debian "Wheezy"/"Sid" und Ubuntu 11.10. Für diese Distributionen stehen Repositories mit fertigen Paketen bereit (siehe Kasten "Frisch aufgebrüht"). Nutzer von anderen Distributionen müssen entweder noch etwas warten oder Maté aus dem Quellcode selbst übersetzen. Aufgrund des Code-Umfangs erweist sich das jedoch als ziemlich steiniger Weg – wer es dennoch probieren möchte, findet das komplette Quellmaterial unter [3].
Liegt die Desktop-Umgebung erst einmal betriebsfertig auf der Platte, müssen Sie lediglich noch im Anmeldebildschirm auf Maté umschalten. Bei Ubuntu und Mint geschieht das über das Zahnradsymbol, bei Debian nach der Auswahl des Benutzers in der entsprechenden Ausklappliste (Systemvorgabe).
Gnome-2-Pendants in Maté
| Funktion | Gnome 2 | Maté |
|---|---|---|
| Menü-Editor | Alacarte | Mozo |
| Dokumentenbetrachter | Evince | Atril |
| Bildbetrachter | Eye of Gnome | Eye of Maté |
| Archivmanager | File Roller | Engrampa |
| Taschenrechner | Gcalctool | Matecalc |
| Konfiguration/Systemeinstellungen | GConf | Mateconf |
| Display-Manager (Login) | GDM | MDM |
| Texteditor | Gedit | Pluma |
| Fenstermanager | Metacity | Marco |
| Dateimanager | Nautilus | Caja |
| GTK+-Dialogfenster für Kommandozeilenanwendungen | Zenity | Matedialog |
Frisch aufgebrüht
Linux Mint 12 installiert Maté von Haus aus. Sofern Sie Mint allerdings in der CD-Variante installiert haben, müssen Sie erst noch über den Paketmanager das Paket mint-meta-mate nachholen.
Debian-, Ubuntu- und Arch-Linux-Nutzer binden zunächst das Tridex-Repository ein. Das funktioniert unter Debian 6 "Wheezy" beispielsweise als Benutzer root in einem Terminal via:
# echo "deb http://tridex.net/repo/debian wheezy main" >> /etc/apt/sources.list
Unter Ubuntu 11.10 "Oneiric Ozelot" setzen Sie hingegen auf der Kommandozeile folgenden Befehl ab:
$ sudo add-apt-repository "deb http://tridex.net/repo/ubuntu oneiric main"
Anschließend müssen Sie nur noch die Pakete mate-archive-keyring und mate-core einspielen. Das gelingt unter Debian und Ubuntu am schnellsten auf der Kommandozeile:
$ sudo apt-get update $ sudo apt-get install mate-archive-keyring $ sudo apt-get install mate-core
Unter Arch Linux tragen Sie in die Datei /etc/pacman.conf die folgenden beiden Zeilen ein:
[mate] Server = ftp://tridex.net/repo/archlinux/mate/$arch
Anschließend installieren Sie dann Maté via pacman -Sy mate. Weitere Informationen zu Arch Linux liefert die entsprechende Wiki-Seite [4].
Fremde Heimat
Nach der Anmeldung an Maté präsentiert sich die vertraute Umgebung von Gnome 2. Wie diese genau aussieht, hängt von der jeweiligen Distribution ab – an das ursprüngliche, unveränderte Gnome 2 kommt am ehesten noch Maté unter Ubuntu heran (Abbildung 2).
Links oben thronen die Menüs Anwendungen, Orte und System, rechts daneben sammeln sich alle eingerichteten Applets. Am unteren Rand gibt es die Fensterliste mit dem Umschalter für die virtuellen Desktops. Langjährige Ubuntu-Anwender müssen allerdings etwas umdenken. So fehlt beispielsweise ganz rechts oben in der Ecke das vertraute Me-Menü. Seine Aufgaben übernimmt jetzt teilweise das Menü System. An der Stelle des Me-Menüs sitzt jetzt rechts oben in der Ecke ein weiterer Fensterumschalter.
Darüber hinaus präsentieren sich die Systemwerkzeuge unter System | Einstellungen und System | Systemverwaltung gegenüber früheren Ubuntu-Versionen etwas merkwürdig sortiert. Auch Unity hinterlässt noch ein paar Spuren, beispielsweise in Form der sehr schmalen Bildlaufleisten. Standardmäßig kommt Maté in einer hellblauen Clearlooks-Optik daher. Möchten Sie zum Ubuntu-Braun wechseln, erledigen Sie das wie gewohnt unter System | Einstellungen | Erscheinungsbild.
Unter Ubuntu und Debian wartet noch eine kleine Stolperfalle: Bei der Installation wandern nicht alle zu Maté gehörenden Pakete auf die Festplatte. Beispielsweise fehlt mate-utils, das unter anderem das Screenshot-Programm enthält. Wer die Tastenkombination [Alt]+[Druck] betätigt, erhält daher nur eine Fehlermeldung. Da es kein (Meta-)Paket gibt, das automatisch alle anderen Maté-Komponenten nachzieht, gilt es selbst Hand anzulegen. Eine Liste aller derzeit vorhandenen Maté-Pakete zeigt die Seite unter [5], alternativ hilft eine Suche nach "mate" im Paketmanager Synaptic.



