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Der richtige Dreh

Digitales DJ-ing unter Linux

23.12.2011
Peaktime im Club, ein Pinguin an den Reglern: Mit dem DJ-Programm Mixxx und seinen digitalen Plattentellern heizen Sie Tanzwütigen auf professionellem Niveau ein.

Die Diskussion ist so alt wie das erste digitale DJ-Pult: Vinyl-Puristen verschmähen den mit Computer und Controller ausgerüsteten Laptop-Akrobaten, während dieser über seinen – meist mit einem leuchtenden Apfel versehenen – Bildschirm hinweg den ehrlichen Handwerker als archaisch belächelt.

Tatsächlich setzt sich der Siegeszug des digitalen DJ-ings, also des gepflegten Musikabfeuerns aus den Tiefen der Festplatte, ungebrochen fort. Seit das mittlerweile legendäre Ur-Programm Final Scratch [1] gegen Ende des letzten Jahrtausends zum ersten Mal den Dunst der Nebelmaschine erblickte, satteln immer mehr etablierte DJs auf den Laptop um.

Seitdem ist der Markt förmlich explodiert: Neben dem genannten Pionier fand insbesondere das Rundum-Wohlfühl-Paket Traktor [2] von Native Instruments weite Verbreitung. Linux hat es bisher noch nicht in allzu viele DJ-Pulte geschafft – nicht zuletzt, weil die Branchenriesen die freie Plattform wie gewohnt geflissentlich ignorieren.

Doch es gibt Hoffnung: Das vor knapp sechs Jahren im Rahmen einer Magisterarbeit gestartete Projekt Mixxx [3] hat sich so weiterentwickelt, dass es sich heute langsam aber sicher auf Augenhöhe mit den etablierten Profi-Tools befindet. Spätestens seit der Version 1.9 braucht sich die Open-Source-Software nicht mehr hinter den großen Namen zu verstecken (siehe Kasten "Interview mit RJ Ryan").

Interview mit RJ Ryan

Hinter Mixxx steht ein Team ambitionierter Programmierer. LinuxUser sprach mit RJ Ryan, leitender Entwickler des Open-Source-Projekts.

LU: Ryan, wie viele Entwickler arbeiten derzeit an Mixxx?

Zum festen Team von Mixxx gehören um die zehn Entwickler – allerdings arbeiten alle in der Freizeit an dem Programm, weshalb diese Zahl vielleicht zwei bis drei Vollzeit-Entwicklern gleichkommt.

LU: Wie viele davon sind auch als DJs unterwegs?

RJ Ryan: Ich würde sagen, dass ungefähr die Hälfte des Teams regelmäßig als DJ auflegt – sei es auf Live-Shows, auf College-Partys oder bei Internet-Radiostationen.

LU: Wird Mixxx denn eher privat oder im professionellen Rahmen genutzt?

RJ Ryan: Das haben wir uns auch gefragt und deshalb eine Umfrage unter den Anwendern gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass es zwei Gruppen von Nutzern gibt. Eine davon ist sehr fortgeschritten und nutzt zum Beispiel das Jack-Audiosystem unter Linux dazu, die Klangausgabe von Mixxx durch eigene Effektkonfigurationen zu schicken, um einen maßgeschneiderten Sound zu erschaffen. Bei der anderen Gruppe handelt es sich um die Neueinsteiger ins DJ-ing – die Tatsache, dass Mixxx nichts kostet, verleitet viele Leute zu einem Versuch. Wir werden weiter beide Gruppen unterstützen.

LU: Stellt die Linux-Basis denn nach wie vor eure größte Anwenderschaft dar. oder gibt es mittlerweile mehr Windows- und Mac-OS-X-Anwender?

RJ Ryan: Mixxx startete als Open-Source-Projekt und war zunächst nur für Linux erhältlich. In der Folgezeit gab es viele Portierungen, sodass derzeit Windows bei den Download-Zahlen dominiert. Das Veröffentlichen von Mixxx in Apples App Store machte das Programm auch unter Mac-Anwendern sehr prominent. Wir verfügen aber über keine genauen Zahlen bezüglich der Linux-Anwender, da wir nicht wissen, wie viele Leute Mixxx selbst aus dem Quellcode erzeugen oder inoffizielle Versionen innerhalb kompletter Linux-Distributionen nutzen.

LU: Wie geht es mit Mixxx weiter? Version 2.0 scheint ja nicht weit entfernt zu sein ...

RJ Ryan: Mixxx 1.10 ist bereits veröffentlicht. Version 2.0 hat jedoch einen hohen symbolischen Wert für uns alle, und wir werden sie nicht in Angriff nehmen, bevor wir nicht einige Features dafür entwickelt haben, die Mixxx über die kommerziellen Lösungen hinaus heben.

Tor zum DJ-Himmel

Eigentlich richtet sich Mixxx an professionelle DJs. Dank des einfachen Bedienkonzepts bietet sich die Software jedoch auch an, um die eigenen vier Wände zum Wackeln zu bringen und das Verhältnis zu den Nachbarn nachhaltig zu belasten.

Ähnlich wie das klassische Handwerkszeug aus Plattenspielern und Mixern hilft das Programm dabei, Musikstücke taktgenau zu mischen und ineinander zu überblenden. Brauchte der DJ dabei früher vor allem ein gutes Ohr und viel technisches Geschick, nimmt Mixxx ihm heute einen großen Teil der Arbeit ab, indem es zwei Titel zum Beispiel automatisch im Tempo angleicht.

Mixxx gibt es nicht nur in einer Linux-Version, sondern auch in Varianten für Mac OS X und Windows. Kein Wunder also, dass die Anwenderschaft mittlerweile ebenso groß ausfällt wie der mit ihr entstandene Erfahrungsschatz. Laut Projektkoordinator Adams Davison kommt Mixxx auf etwa 3000 Downloads am Tag [4].

Installation

Das Programm verlangt außer einem Ubuntu-System in der Regel keine besonderen Extras. Es arbeitet mit dem Audiosystem Alsa zusammen, verschmäht aber auch die Alternativen Jack und OSS nicht. Es verhält sich erfreulich ressourcensparend und läuft auch auf älteren Laptops und sogar Netbooks, die ebenfalls beim digitalen Auflegen zum Einsatz kommen.

Wer jedoch professionell arbeiten möchte, sollte zu einigermaßen aktueller Hardware greifen, denn das gleichzeitige Hantieren mit zwei MP3-Dateien, Echtzeiteffekten sowie externen DJ-Controllern zwingt schwächere Geräte hier und da schon einmal in die Knie – die daraus resultierenden Knackser und Aussetzer erfreuen das tanzwütige Publikum nicht unbedingt.

Wer das Gnome-Terminal scheut, installiert Mixxx ganz einfach über die entsprechende Auswahl im Software-Center – allerdings bringen auch "Natty" und "Oneiric" in den Repositories lediglich die Version 1.8.2 mit (Abbildung 1). Unter Ubuntu 10.04 LTS bietet das Paketmanagement sogar nur Version 1.7.2 an.

Abbildung 1: Ubuntu bietet leider nur die Version 1.8 von Mixxx in seinen Paketquellen an – die aktuelle Version installieren Sie über ein PPA.

Möchten Sie in den Genuss der derzeit aktuellen Version 1.9.2 kommen, gilt es mithilfe einiger Zeilen Befehlstext das PPA des Mixxx-Projekts einzubinden (Listing 1). Der kleine Mehraufwand lohnt sich: Die Version 1.9 glänzt im Vergleich zum Vorgänger nicht nur mit direkten Broadcasting-Möglichkeiten ins Internet, einem erweiterten Support und neuen Vorbelegungen für DJ-Controller sowie der Option zum Aufzeichnen im MP3- und Ogg-Vorbis-Format, sondern auch durch eine stark verbesserte Benutzeroberfläche.

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:mixxx/mixxx
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install mixxx libportaudio2

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