Jeder hat seine lokale LUG, der er sich zugehörig fühlt. In Berlin sind das einige mehr – und sie arbeiten geschickt zusammen.
Die Hauptstadtregion umfasst die großen Städte Berlin, Potsdam und Brandenburg (Havel) mit rund 6 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von etwa 30?000 Quadratkilometer [1]. Die Mentalität der Bewohner spiegelt die Widersprüche in der Region wieder – einerseits eine starke lokale Verwurzelung, andererseits eine recht große Offenheit gegenüber weiteren Kulturkreisen. Auffällig ist die starke Identifikation und Verbundenheit mit dem eigenen Kiez, Viertel und Stadtbezirk.
In Bezug auf die Bevölkerungsdichte sowie auf die technische Infrastruktur und Netzanbindung gibt es deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land. Etwa 80 Prozent der Bewohner Berlin-Brandenburgs leben in und um Berlin sowie in den größeren Städten. Während daher viele Bezirke in Berlin mit schneller DSL-Anbindung glänzen, sind die eher dünn besiedelten Brandenburger Landkreise meist nur über langsames DSL, ISDN oder alternativ über ein Funknetz angebunden (Richtfunk/WiMax).
Aktive Linux-Netzwerke
In Berlin ist die Auswahl grandios – jeder Open-Source-Enthusiast findet seine passende Community in Laufweite (Abbildung 1). Jeden Mittwoch treffen sich die Mitglieder der Berliner Linux User Group (BeLUG, [2]) und die Berliner OpenSolaris UserGroup (brosug, [3]). Donnerstags geht es zur Free Software Foundation Europe (FSFE, [4]), zur German Unix User Group (GUUG, [5]) an die TU Berlin oder zur Linux works! [6] nach Friedrichshain.
Freitags warten die Veranstalter der Freitagsrunde [7] an der TU Berlin und die Open Source Fan Group in Marzahn-Hellersdorf (OSFanG, [8]) mit buntem Programm auf. Am letzten Freitag im Monat treffen sich die Nutzer des Individual Network Berlin (IN-Berlin, [9]) in ihren Vereinsräumen in Moabit. Wer eher ganznächtige Veranstaltungen in einem recht abgefahrenen Ambiente sucht, dem sei die c-base in Mitte [10] ans Herz gelegt. Dort treffen sich nicht nur die Freifunker Berlins [11], sondern auch jeden Mittwoch die Ubuntu User [12] der Hauptstadt.
Skolelinux, die auf Debian basierende Distribution für Schulen und Bildungseinrichtungen, betreibt seit Mai 2010 ein Lern- und Testzentrum (LTZ) in Berlin-Weißensee [13]. Das ehrenamtlich vom Skolelinux-Regionalteam Berlin-Brandenburg betreute LTZ kann man jeden Sonnabend besuchen, regelmäßige Veranstaltungen rund um Skolelinux befinden sich in Planung.
Vergleichsweise ähnlich aktive Gemeinschaften gibt es auch in Potsdam und Brandenburg (Havel) beheimatet. Die Linux User Group Potsdam (upLUG, [14]) trifft sich jeden Sonntag im Studentischen Kulturzentrum (KuZe) zum Fachsimpeln. Alle zwei Wochen stoßen die Potsdamer Freifunker [15] hinzu und laden zum Kennenlernen ein. Traditionell am Mittwoch lädt die Brandenburger Linux User Group (BraLUG) [16] zum Stammtisch ein, an dem auch die Brandenburger Freifunker [17] teilnehmen.
Etwas magerer sieht es im übrigen Brandenburg aus. Lediglich die Linux User Group Senftenberg (LUGSE, [18]) in der Niederlausitz hält dort die Fahne hoch. Die Domains der LUGs aus Cottbus (COLUG) und Frankfurt (Oder) sind derzeit ohne aktuellen Inhalt. Gleiches gilt für die LUG Berlin-Lichtenrade (LUGL) und den Linux-Stammtisch Rathenow (Havelland).
Spezialisten
Eine Sonderstellung nehmen zwei weitere Berliner Netzwerke ein – die Open-Source-Bürogemeinschaft Büro 2.0 in Berlin-Neukölln [27] und das Unternehmernetzwerk Open Source Berlin (OSB, [28]): Hier zählt hier die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen auf der Basis von Freier Software zum erklärten Daseinszweck.
Das Büro 2.0 wurde 2008 als Bürogemeinschaft gegründet und beherbergt auf derzeit 1100 Quadratmeter etwa 20 klein- und mittelständische Firmen und Einzelunternehmer. In deren Fokus stehen ausschließlich Dienstleistungen rund um Linux und freie Software. Es arbeiten etwa 70 Personen in den unterschiedlichsten Bereichen, von der Administration über Entwicklung und Vertrieb von Hard- und Software bis hin zu Projektbetreuung, Portal- und Webentwicklung, Druckvorstufe, Security sowie Wireless- und Voice-over-IP-Lösungen.
Das Netzwerk OSB wurde 2009 von den Partnern Heinlein Support, Linux Information Systems AG, Science+Computing, Sernet und Tarent gegründet. Es hat seinen Ursprung im Berliner Linux-Unternehmerstammtisch, der zuvor regelmäßig in Berlin-Kreuzberg stattfand. Das Netzwerk gilt als offenes Zusammentreffen der Berliner Linux-Unternehmer und zielt auf die Stärkung des Themas Open Source in der Hauptstadt ab. Die Koordination übernimmt dabei die Technologiestiftung Berlin (TSB), die eng mit der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) und der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technik und Frauen (WTF) kooperiert.
Vielfalt im Detail
Wirft man einen genaueren Blick auf die einzelnen LUGs und vergleicht sie miteinander, fallen etliche Gemeinsamkeiten auf: Die vorwiegend kleinen Gruppen mit durchschnittlich 10 bis 30 aktiven Mitgliedern finden sich in regelmäßigen Abständen zusammenfinden. Aufgrund der überschaubaren Mitgliederzahl kennt man sie außerhalb der Linux-Gemeinde kaum. Das setzt der Medienwirksamkeit beim Erreichen der gesetzten Ziele enge Grenzen.
Die starke Heterogenität der Mitglieder in Bezug auf Alter, Einkommen, Interessen, Überzeugungen und die beruflichen und privaten Verpflichtungen beeinflusst den Fortbestand einer LUG entscheidend. Jede Usergroup kämpft um ihre Organisationsform und die damit verbundenen Formalitäten. Das beinhaltet die Struktur und die Form, etwa als Verein mit dem Status der Gemeinnützigkeit. Hinzukommen die Mitglieder und deren Beiträge, die Ressorts und Aufgaben sowie die Nachwuchsförderung.
Als große Hürde stellt sich die Nutzung von Räumlichkeiten mit passender technischer Anbindung und Ausstattung dar. Die finanziellen Einschränkungen führen oft zur Zusammenarbeit mit lokalen Bildungseinrichtungen. Zwischen der BraLUG und der Fachhochschule Brandenburg beispielsweise besteht seit 2006 ein Kooperationsvertrag, die upLUG arbeitet eng mit der Universität Potsdam zusammen, und die GUUG kann Räume der TU Berlin nutzen. Ebenso teilen sich die BeLUG und der nichtkommerzielle Internetanbieter Individual Network Berlin e.V. (IN-Berlin) die Räumlichkeiten.
Die Grundlage für solche Symbiosen bilden meist persönliche Kontakte oder sogar personelle Überschneidungen zwischen den Mitgliedern und den Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtung. Alle LUGs nutzen die Räumlichkeiten für ein kostenfreies, qualitativ hochwertiges Vortrags- und Veranstaltungsprogramm.
Kommunikation
Die Kommunikation zwischen den Mitgliedern und der “Außenwelt” erfolgt über unterschiedliche Kanäle. Jede LUG pflegt eine Webseite und präsentiert darauf aktuelle Termine, Veranstaltungen und Projekte. Die BeLUG glänzt mit dem BeLUG-Distibutionen-Brenner BeLDI [19] (Abbildung 2), die upLUG mit den seit 2008 stattfindenden Schülerprojekttagen [20] mit Schulen aus Potsdam, dem Potsdamer Umland und seit 2010 auch aus Berlin. Ergänzt wird die Internetpräsenz jeweils durch ein Wiki (Abbildung 3) für Fragen und Problemlösungen rund um Freie Software, eine Mailingliste sowie einen IRC-Kanal zum Chatten.
Wichtige Elemente sind daneben die Teilnahme an und die Organisation von Veranstaltungen und lokalen Vereinstreffen, dem LinuxTag Berlin, dem Software Freedom Day und dem Brandenburger Linux-Infotag (BLIT, [21]).
Als einzigartig darf die Kooperation mit Freifunk [11] gelten, einer partizipativen, lokalen Funkvernetzung. Die grundlegende Idee dahinter ist die Freigabe nicht benötigter Internetbandbreite an Interessenten, die nicht über einen entsprechenden Netzzugang verfügen – sei es aus technischen, organisatorische oder monetären Gründen. Viele Freifunk-Teilnehmer konsumieren nicht nur, sondern beteiligen sich als Open-Source-Enthusiasten aktiv an der Weiterentwicklung und Betreuung der Freifunk-Infrastruktur.
Regionales LUG-Treffen
Bis etwa Ende 2007 agierte jede LUG fast nur für sich. Die Kommunikation nach außen hin über die jeweiligen Einzugsbereiche hinaus fand fast ausschließlich und in überschaubarer Form auf elektronischem Wege statt. Persönliche Kontakte beschränkten sich weitestgehend auf einzelne Mitglieder und das Zusammentreffen bei größeren Veranstaltungen. Der überregionale Informationsaustausch fehlte, man blieb unter sich und konnte nicht am Wissensstand der anderen partizipieren. Informationen über interessante Veranstaltungen, Projekte und Entwicklungen blieben auf einen kleinen Personenkreis beschränkt.
Daraufhin reifte die Idee, eine Veranstaltung für die Region zu etablieren, bei der sich alle LUGs treffen und austauschen können. Seit dem Frühjahr 2008 findet regelmäßig das Regionaltreffen der LUGs aus Berlin und dem Umland statt – einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Die Veranstaltungsorte variieren, man trifft sich in den Vereins- oder Clubräumen der jeweils gastgebenden LUG. Ziel dabei ist, die anderen LUGs besser kennzulernen und zu erleben, in welchen Räumlichkeiten sie ihren Sitz haben und wer sich alles zugehörig fühlt.
Neben dem Fachsimpeln über eingesetzte Technik und damit verbundene Schwierigkeiten oder Erfolgserlebnisse bietet das Zusammentreffen vor allem Raum zum persönlichen Informationsaustausch. Kontakte untereinander können erneuert und gepflegt werden, die Vernetzung verstärkt sich.
Ergebnisse
Wer an das Klischee glaubt, IT-Interessierte seien eher schweigsam und nicht kommunikativ, wird hier eines Besseren belehrt. Die Resonanz auf die regionalen LUG-Treffen war bisher ausgesprochen positiv und hat zu einer deutlich stärkeren Kooperation geführt. Das betrifft nicht nur das gemeinsame Agieren bei von Veranstaltungen, sondern auch das Wissen über Interessen und Kompetenzen in der Region: Alle haben es jetzt deutlich einfacher, zeitnah kompetenten Rat und Hilfe zu bekommen. Das bezieht sich nicht nur auf Open-Source-Projekte, sondern wirkt bis in den kommerziellen Bereich hinein. Besonderes Profil gewinnt die stärkere Vernetzung bei der gemeinsamen Vorbereitung des Software Freedom Day (SFD) und des Brandenburger Linux Infotages (BLIT).
Zum diesjährigen SFD lud die LUG Friedrichshain in ihre Räumlichkeiten am Ostkreuz ein. Die Veranstaltung glänzte durch ein opulentes Vortragsprogramm und gut gefüllte Projektstände. Der BLIT existiert seit 2004 als regionale Veranstaltung, 2008 erfolgte ein Standortwechsel von der FH Brandenburg (Havel) an die Universität Potsdam. Der BLIT ist seitdem ein erfolgreiches Kooperationsprojekt der BraLUG, upLUG und der Universität Potsdam und mittlerweile die größte regionale Linux-Veranstaltung in Brandenburg. Rund 350 Besucher treffen sich jeden Herbst auf dem Campus Griebnitzsee und nehmen an den 30 Vorträgen und Workshops teil (Abbildung 4).
Weitere Ziele
In der Diskussion für eine weitere Vernetzung untereinander sind mehrere, kleine Projekte. Dazu gehört die verstärkte Nutzung einer gemeinsamen, LUG-übergreifenden Mailingliste für Ankündigungen, die mit der Anlage und Pflege eines Vortrags- und Referentenarchivs einhergehen soll: Bestimmte Wissensgebiete lassen sich kaum abdecken, Vortragende sind entsprechend rar.
Ebenso gilt es, die Idee eines gemeinsamen Event-Kalenders in die Tat umzusetzen. Bei den Vorbereitungen dazu zeigte sich die enorme Anforderungsbreite, die sicher noch Konfliktstoff birgt [22]. Der Unterschied zu den bereits bestehenden Kalendern ([23],[24],[25],[26]): Die Anlage als verteiltes System und die Möglichkeit, dass jeder einen gewünschten Ausschnitt des Kalenders auf seiner Webpräsenz einbetten kann.
Die Vernetzung der LUGs trägt auch dazu bei, dass jeder Teilnehmende lernt, Verantwortung zu übernehmen. Im Open-Source-Bereich liegt die Komplexität höher als im allgemeinen Durchschnitt, da es Individualisten mit ihren Eigenheiten zu koordinieren gilt. Das fördert die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und zwischen den Lagern zu vermitteln – Kompetenz, die sich auszahlt, wenn die bisherigen Organisatoren zu entlasten sind und Positionen neu besetzt werden müssen.
Communities verbinden!
Es liegt auf der Hand, dass für eine Vernetzung von technikaffinen Gemeinschaften nicht ohne internetbasierte Kommunikation funktioniert. Ein offenes, tolerantes und kreatives Umfeld hilft, die richtigen Leute zu finden, die als Vermittler oder Botschafter zwischen den einzelnen Interessengruppen fungieren und die jeweilige “Sprache” sprechen. Nur so lassen sich gemeinsame Aktivitäten organisieren und die Barrieren und Vorurteile abbauen. Dabei unterstützt auch ein regelmäßiges Veranstaltungsprogramm, an dem jeder teilnehmen und zu dem jeder beitragen kann.
Der Treffpunkt sollte ein Ort mit angenehmer Atmosphäre sein. Angenehm heißt nicht nur Strom, Netz und Getränke, sondern auch eine Person, welche die Verantwortung innehat und sie aktiv ausübt. Dieser Koordinator fungiert als Ansprechpartner und übernimmt die Verantwortung beispielsweise für die Schlüssel zum Treffpunkt und die Sauberkeit. Auch ein kleines, leckeres Angebot an Verpflegung schadet nicht.
Die wichtigste Voraussetzung von allen können abver nur Sie persönlich beitragen – als aktiver Partizipant: Ohne Ihre Teilnahme und Hilfe bewegt sich nichts.
Danksagung
Der Autor bedankt sich bei Silke Meyer, Wolfram Eifler, Sebastian Andres (BeLUG), Ralf Vögtle (BeLUG), Thomas Osterried (IN-Berlin), Thomas Orgis (upLUG), Sven Guckes und Paul Hänsch (Linux works!) für deren kritischen Anmerkungen und Kommentare im Vorfeld dieses Artikels.
Infos
[1] Metropolregion Berlin/Brandenburg: http://de.wikipedia.org/wiki/Metropolregion_Berlin/Brandenburg
[2] BeLUG e.V.: http://www.belug.de
[3] brosug: http://hub.opensolaris.org/bin/view/User+Group+brosug/WebHome
[4] FSFE: http://www.fsfe.org
[5] GUUG Lokalgruppe Berlin: http://www.guug.de/lokal/berlin/index.html
[6] Linux works!/LUG Friedrichshain: http://friedrichshain.homelinux.org
[7] Die Freitagsrunde – TechTalks: https://wiki.freitagsrunde.org/TechTalks
[8] OSFanG: http://www.osfang.de
[9] IN-Berlin: http://in-berlin.de
[10] c-base Berlin e.V.: http://www.c-base.org
[11] Freifunk Berlin: http://berlin.freifunk.net
[12] Ubuntu Users Berlin http://www.ubuntu-berlin.de
[13] Skolelinux LTZ Berlin: http://wiki.skolelinux.de/LernUndTestZentrum
[14] upLUG: http://www.uplug.de
[15] Freifunk Potsdam: http://www.freifunk-potsdam.de
[16] BraLUG: http://www.bralug.de
[17] Freifunk Brandenburg (Havel): http://www.freifunk-brb.de
[18] LUGSE: http://lux.informatik.fh-lausitz.de/cms/
[19] BeLDI: http://belug.de/beldi.html
[20] upLUG-Schülerprojekttage: http://wiki.uplug.de/index.php?page=SchuelerProjektTage
[21] Brandenburger Linux-Infotag (BLIT) http://www.blit.org
[22] Linux-Zentralkalender: http://linuxwiki.de/Zentralkalender
[23] Veranstaltungen im Linux-Wiki: http://linuxwiki.de/LinuxVeranstaltungen
[24] Sven Guckes’ Linux-Event-Kalender: http://www.guckes.net/events/
[25] Gridcalendar: http://www.gridcalendar.net
[26] Veranstaltungen bei Pro-Linux: http://www.pro-linux.de/kalender
[27] Büro 2.0 Berlin: http://www.buero20.org
[28] Open Source Berlin: http://www.opensourceberlin.de










Herzlichen Dank für den interessanten Artikel, allerdings eine kleine Anmerkung:
Der Stammtisch von ubuntu-berlin findet nicht jeden Mittwoch, sondern jeweils am zweiten Mittwoch des Monats statt.
Hi!
Ich steh nun unter dem Artikel als eine, die ihn mit vordiskutiert hat. Mein Punkt kommt mir zu kurz, nämlich die Atmosphäre in LUGs. Um hier nicht so lang zu werden, hab ich das in meinem Blog ausgeführt: http://silkemeyer.net/anmerkung-zum-artikel-communities-verbinden