Home-Theater-PCs schlagen eine Brücke zwischen Wohnzimmer und Arbeitsplatz. Mit dem auf Linux basierenden Element OS sind Sie auch mit Standard-Hardware dabei.
Die moderne Unterhaltungselektronik und der PC mit Internetanschluss wachsen immer weiter zusammen. Kleine Settop-Computer, sogenannte Home-Theater-PCs oder auch Nettops gehen mit multimedialen Inhalten wesentlich flexibler um als ein altgedienter Fernseher mit DVD-Player und lassen sich obendrein bei Bedarf auch noch als schlichter Rechenknecht verwenden.
Wer auf allen Multimedia-Hochzeiten mittanzen möchte, ohne für Betriebssystem, Anwendungssoftware, Antiviren-Programme und Codecs jeweils viel Geld ausgeben zu müssen, kommt bei der Ausstattung seines Mediacenter-PCs an Linux nicht vorbei. Dabei sind die Zeiten umständlicher Installation und manueller Konfiguration längst vorbei: Dank spezieller Mediacenter-Distributionen, die Ihnen die bunte Multimedia-Welt in allen Facetten eröffnen, lässt sich ein solches System zur Not sogar ohne jegliche Installation im Live-Betrieb sofort nutzen.
Doch Mediacenter ist nicht gleich Mediacenter: Mit dem aus den USA stammenden Element OS [1] tritt eine noch sehr junge Distribution an, die durch einige Besonderheiten Aufmerksamkeit erregt.
Elementares
Element OS basiert in der neuesten Version 1.3 auf Ubuntu 9.10 und besteht nicht wie andere Mediacenter-Distributionen aus einer einheitlichen Oberfläche mit ausschließlich medialen Applikationen: Stattdessen setzt es auf den schlanken XFCE-Desktop auf, den die Entwickler jedoch so stark angepasst haben, dass nur noch Eingeweihte erkennen, dass es sich hier um eine ehemalige Arbeitsoberfläche handelt.
Auch von der Programmauswahl von Ubuntu blieb nicht viel übrig: Es hielten sich lediglich Firefox als Webbrowser, der Internet-Messenger Pidgin zur Kommunikation, der BitTorrent-Client Transmission, die Brennsoftware Brasero sowie einige Spiele. Als multimediales Zentrum dient XBMC. Im Gegensatz zu herkömmlichen Distributionen bietet Element OS von Haus aus jedoch Zugriff auf unterschiedliche Anbieter von Online-Inhalten, wie beispielsweise Cooliris, Clicker, Amazon on Demand oder Youtube XL.
Um die speziellen hardwarespezifischen Bedürfnissen der Anwender im heimischen Wohnzimmer zu bedienen, unterstützt das System zusätzlich viele per Bluetooth-Schnittstelle ansteuerbare drahtlose Tastaturen, Mäuse und Trackballs. Nach dem Einrichten einer entsprechenden Software lässt sich Element OS sogar vom Smartphone aus steuern, wobei dieses als Betriebssystem das ebenfalls Linux-basierte Android nutzen muss.
Live dabei
Die Multimedia-Distribution startet von einer Live-CD, wobei im Startmenü bereits die erste Besonderheit ins Auge sticht: Neben dem primären Starteintrag findet sich ein Menüpunkt, der statt eines hardwarespezifischen Treibers für die Grafikkarte den VESA-Standardtreiber nutzt. Auf diese Weise lässt sich das System auch auf störrischer Hardware zur Kooperation bewegen. Der dritte Menüeintrag startet den Rechner von der eingebauten Festplatte. Im Test auf mehreren Maschinen fiel uns auf, dass Rechner ohne 3D- und OpenGL-fähige Grafikkarte meist nur zwei Menüeinträge beim Start aufweisen: Offenbar nutzen sie von Haus aus den VESA-Treiber.
Nach erfolgreicher Anmeldung – hier geben Sie als Benutzername element ohne ein Passwort an – begrüßt Sie das System mit einer in dunklen Farben gehaltenen Oberfläche mit einer Panelleiste am oberen Bildschirmrand. Daneben gibt es noch zwei Buttons in den beiden unteren Ecken sowie einen Programmstarter in der Mitte, der sechs vergrößerte Icons anbietet (Abbildung 1).

Abbildung 1: Element OS bietet eine übersichtliche, einfach zu bedienende Oberfläche auf Basis von XFCE.
Als zentrales Steuerelement des Betriebssystems entpuppt sich der eigens entwickelte Application Finder, der sich hinter dem Symbol in der linken oberen Bildschirmecke verbirgt. Sie rufen sämtliche Programme entweder über ihn oder den zentralen Programmstarter-Streifen auf, wobei Sie letzteren über den E-Bar Editor an Ihre Vorstellungen anpassen.
Der Application Finder ähnelt auf den ersten Blick einem Dateimanager: In einer links im Programmfenster angeordneten Kategorienspalte wählen Sie aus den unterschiedlichen Programmgruppen, worauf Sie im rechten Fensterbereich alle in dieser Kategorie installierten Softwarepakete als übersichtliche Liste präsentiert bekommen. Ein Doppelklick auf einen der Einträge startet das entsprechende Programm (Abbildung 2).
In der oberen Menüleiste findet sich neben dem Application Finder auch noch ein Icon zum Aufruf des Alsa-Mixers. Mit dem zweiten Schalter von links räumen Sie den Desktop von geöffneten Fenstern frei, das rote Kreuzsymbol rechts schließt die jeweils im Vordergrund befindliche Anwendung.
Da Element OS keine herkömmliche Panelleiste kennt, können Sie nicht mithilfe der Panelanzeige zwischen mehreren geöffneten Programmen wechseln. Dazu verwenden Sie entweder den klassischen Task-Umschalter ([Alt]+[Tab]) oder holen den Desktop über das entsprechende Symbol nach vorn. Dort residieren dann die gerade geöffneten Anwendungen in Form großer Icons. Durch einen Klick auf das gewünschte Programmsymbol holen Sie nun die gewünschte Applikation in den Vordergrund.
Am unteren Displayrand befinden sich lediglich der Papierkorb und ein Schalter zum Abmelden und Herunterfahren des Systems. Mit diesen wenigen Bedienelementen lässt sich das System bereits im Live-CD-Betrieb ohne Installation sehr schnell und bequem steuern. Da Element bereits von Haus aus die wichtigsten Multimedia-Codecs mitbringt, steht einem gemütlichen Filmabend zuhause nichts im Weg.
Gut eingerichtet
Falls Sie sich entscheiden, das System dauerhaft auf Ihre Festplatte zu packen, dann stoßen Sie die Installation mit dem etwas versteckt angeordneten, altbekannten Ubuntu-Installer im Home-Verzeichnis an. Sie erreichen ihn durch einen Klick auf den Dateiordner Files & Folders im zentralen Launcher. Im sich öffnenden Thunar-Fenster starten Sie die Routine mit einem Klick auf INSTALL ELEMENT. Der Installer befördert rund 1,9 GByte an Dateien und Programmen auf die Festplatte. Nach einem anschließenden Warmstart bootet das Betriebssystem in gewohnter Ubuntu-Manier in den schon von der Live-CD bekannten Startbildschirm.
Als Betriebssystem mit multimedialen Ambitionen gibt sich Element OS nur bedingt ressourcenschonend: Als Mindestvoraussetzung nennen die Entwickler einen Rechner mit 1,6-GHz-Prozessor, mindestens 1 GByte Arbeitsspeicher sowie mehr als 10 GByte freien Festplattenplatz. Sofern Sie hochauflösende Videos in 1080p-Auflösung (1920 x 1080 Pixel) ansehen möchten, muss der Home-Theater-PC (HTPC) zwingend über eine moderne Grafikkarte von ATI oder Nvidia verfügen. Systeme mit integrierten Grafikchipsätzen von VIA unterstützt Element OS gar nicht, und auch der GMA 950-Chipsatz von Intel lieferte im Test zu wenig Leistung, um hochauflösende Videos ruckelfrei zu betrachten.
Auch das zentrale Mediencenter XBMC entpuppte sich im Test selbst auf modernen Grafikkarten als teils sehr störrisch: So funktioniert das flüssige Bedienen des XBMC bei ATI-Grafikkarten nur dann, wenn Sie den proprietären Linux-Treiber von ATI verwenden [2]. Die freien Treiber, die Ubuntu von Haus aus installiert, brachten auf keinem einzigen von sechs Testsystemen mit ATI-Grafikkarte befriedigende Ergebnisse.
Sofern Sie Ihren HTPC mit einem herkömmlichen Flachbildfernseher betreiben möchten, braucht die Grafikkarte zudem zwingend einen HDMI-Ausgang. Mit HDMI, das auch auf großen Bildschirmen eine sehr gute Auflösung erzielt und daher echte Kino-Atmosphäre aufkommen lässt, lassen sich alle Arten von digitalen Inhalten detailreich darstellen. Mit der entsprechenden HD-Audio-Unterstützung, für die Element OS durch den grafischen HDMI-Audio-Switch Einstellmöglichkeiten bietet, genießen Sie zusätzlich echten Raumklang (Abbildung 3).
Multifunktional
Nach dem Installieren des Betriebssystems steht Ihnen mit relativ wenigen, jedoch sorgfältig ausgewählten multimedialen Applikationen die gesamte Bandbreite an Video-, Audio- und Streaming-Optionen offen, die es derzeit gibt.
Im Launcher finden Sie einen voreingestellten Starter für den VLC-Player, der faktisch das gesamte Spektrum an Videodateien dank eigener Codecs abspielt und auch Streams aus dem Internet sowie TV-Standards beherrscht. Für den Musikgenuss zeichnet der ebenfalls per zentralem Launcher zu startende Audio-Player Decibel (in der nicht mehr ganz aktuellen Version 1.01) verantwortlich, den Sie dank seiner intuitiv zu bedienenden Oberfläche ohne Lernaufwand sofort nutzen.
Das absolutes Highlight der multimedialen Programmsammlung stellt jedoch das Mediacenter XBMC dar, das sich nicht nur als Allround-Abspieler sowohl offline als auch online bewährt, sondern durch seine konsistente Oberfläche für alle Arten von Aufgaben und Medien auch vergessen lässt, dass es sich im Grunde um eine PC-Applikation handelt. Einziger Wermutstropfen von XBMC: die enormen Hardwareansprüche, die bei schwächeren Systemen ein Ausweichen auf die alternativen multimedialen Applikationen angeraten erscheinen lassen. Diese ließen sich im Test mit Element OS auch auf betagteren Maschinen mit Pentium-III-“Tualatin”-Prozessor problemlos betreiben (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Medienauswahl – hier ein lokal gespeichertes Video – geschieht mit wenigen Mausklicks.
Sofern Sie bevorzugt online in Mediensammlungen stöbern und diese großformatig nutzen möchten, bringt Element OS einige Browser-Plugins mit, die aus Firefox ein Online-Mediacenter machen: Mit Cooliris verwandeln Sie den freien Webbrowser in eine 3D-Bilderwand, die sich aus verschiedenen Online-Diensten wie Picasa, Facebook oder Flickr speist. YouTube XL, das Sie per Mausklick im App-Finder-Menü Multimedia aufrufen, gestattet über eine einfach zu bedienende Oberfläche das Betrachten von Youtube-Videos auch auf großen Bildschirmen (Abbildung 5).

Abbildung 5: Auch der speziell für große Bildschirme gedachte Youtube-XL-Dienst lässt sich in Element OS per Mausklick starten.
Für gängige Aufgaben wie das Brennen von CDs und DVDs oder das Betrachten einzelner Bilder zeichnen altbekannte Programme wie Brasero und Gthumb verantwortlich. Bildbearbeitungsprogramme wie der Bolide Gimp oder Scansoftware wie Sane und Xsane fehlen hingegen völlig. Sollte Sie die multimediale Software-Ausstattung von Element OS trotz der vielen Highlights nicht befriedigen, so bieten die Entwickler nicht nur auf Ihrer Website die Option an, alternative Software wie beispielsweise das Moovida-Media Center herunterzuladen [3]: Sie können auch über Synaptic und einen eigenen Application-Store zusätzliche Programme in Ihr System einbinden, wobei über Synaptic der übliche Ubuntu-Fundus mit knapp 30.000 Paketen zur Verfügung steht, der sich um weitere Repositories ergänzen lässt. Damit dürften kaum mehr Wünsche offen bleiben.
Ferngesteuert
Herkömmliche Mediacenter-PCs bringen in aller Regel eine Bluetooth-Schnittstelle mit, über die man das Gerät per kabelloser Tastatur mit eingebautem Trackball oder Touchpad bequem vom Sofa aus fernsteuert. Die Entwickler von Element OS bieten auf Ihrer Webseite daher unterschiedliche Hardware-Komponenten an, die mit dem Betriebssystem erfolgreich getestet wurden.
Zusätzlich lässt sich Element OS jedoch auch von Android-Smartphones aus steuern. Dazu müssen Sie lediglich auf dem Handy über den Android-Market die Software RemoteDroid installieren sowie auf dem HTPC den RemoteDroid-Server einrichten. Letzterer lagert bereits in den Repositories von Element OS, sodass Sie ihn bequem über Synaptic per Mausklick einspielen. Durch anschließende Eingabe der IP-Adresse Ihres HTPC auf dem Android-Phone stellen Sie die Verbindung her und steuern das Mediacenter nun über die Onscreen-Tastatur des Smartphones.
Fazit
Mit Element OS bringen Sie einen multimedialen Alleskönner in Ihr Wohnzimmer, der nicht nur – in Verbindung mit einem entsprechend ausgestatteten Computer – Ihren Fernseher medial deutlich aufwertet, sondern zudem auch noch bei Bedarf dank des Ubuntu-Unterbaus das komplette Funktionsspektrum eines PCs bietet.
Dabei arbeitet die Software stabil und vermag durch ein zwar etwas dunkel wirkendes, jedoch durchdachtes und in sich konsistentes Erscheinungsbild zu überzeugen. Einziger Wermutstropfen sind die vor allem beim Betrieb es XBMC-Media Centers erheblichen Hardware-Anforderungen, die allerdings bei Nutzung der mitgelieferten Alternativen moderater ausfallen, ohne die Fähigkeiten der Software wesentlich zu schmälern.
Infos
[1] Element OS: http://www.elementmypc.com
[2] ATI-Treiber herunterladen: http://support.amd.com/us/gpudownload/Pages/index.aspx
[3] Alternativen und Erweiterungen: http://www.elementmypc.com/main/addonsextras







