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© Dmitry Kutlayev, 123rf.com

Barrierefrei

Accessibility für PDF-Dokumente

17.06.2010 Menschen mit Behinderungen können viele PDF-Dokumente nicht oder nur teilweise lesen. Dabei lassen sich mit nur wenig Aufwand für jedermann zugängliche PDFs erstellen.

Serie Postscript/PDF-Tools

Teil 1 Anzeigen und Konvertieren LU 08/2009, S. 78 http://www.linux-community.de/artikel/19014
Teil 2 Zerlegen und Zusammensetzen LU 09/2009, S. 82 http://www.linux-community.de/artikel/17410
Teil 3 Mehrfachdruck und Poster LU 10/2009, S. 88 http://www.linux-community.de/artikel/19376
Teil 4 Flyer, Booklets und Bücher LU 11/2009, S. 88 http://www.linux-community.de/artikel/19481
Teil 5 Analysieren und Extrahieren LU 12/2009, S. 88 http://www.linux-community.de/artikel/19635
Teil 6 Drehen und Skalieren LU 01/2010, S. 90 http://www.linux-community.de/artikel/20046
Teil 7 Metadaten bearbeiten LU 02/2010, S. 90 http://www.linux-community.de/artikel/20357
Teil 8 Wasserzeichen und Barcodes LU 03/2010, S. 90 http://www.linux-community.de/artikel/20558
Teil 9 Werkzeuge für die GUI LU 05/2010, S. 90 http://www.linux-community.de/artikel/20051
Teil 10 Barrierefreie PDFs erzeugen LU 07/2010, S. 86 http://www.linux-community.de/artikel/20506

PDF-Dokumente lassen sich aus dem Alltag nicht mehr wegdenken. Nahezu jeder Anwender setzt Adobes Dokumentenformat für den Austausch und den Druck seiner Schriftstücke ein – sei es für Verträge, für online erworbene Fahrkarten, für Angebote und Rechnungen, für Vortragsfolien oder für wissenschaftliche Dokumente. Und das zu Recht, denn PDF bietet erhebliche Vorteile gegenüber anderen Formaten:

  • es ist ein vollständig offengelegtes, dokumentiertes Format (Adobe PDF-Spezifikation),
  • es lässt sich auf allen Plattformen erzeugen, bearbeiten und nahezu identische darstellen,
  • und es stellt die Unveränderbarkeit (Integrität) beim Datenaustausch sicher.

Ungeachtet aller Vorteile sind auch einige Nachteile mit diesem Format verbunden. Der normale Benutzer nimmt sie selten bewusst wahr, da sie erst zutage treten, sobald ein Anwender nicht oder nur eingeschränkt über bestimmte motorische oder visuelle Fähigkeiten verfügt und zur Wahrnehmung auf Hilfsmittel angewiesen ist.

Zur Darstellung für solche Benutzer gilt es das PDF-Dokument so transformieren, dass der Anwender den Inhalt mit seinen Hilfsmitteln erfassen kann (siehe dazu auch Kasten "Gesetze und Richtlinien"). Häufig verwendete Hilfsmittel sind beispielsweise:

  • Vergrößerungssysteme für Menschen mit Sehbehinderungen – dabei handelt es sich um eine Kombination verschiedener Funktionen, wie Vergrößerung, Kantenglättung, kontrastreiche Farbdarstellung sowie spezielle Mauszeiger,
  • Sprachausgabe und Braille-Zeile [1], die hauptsächlich Blinde nutzen.

Wieviel mehr Benutzern man mit einem entsprechend barrierefreien PDF erreichen kann, darüber liegen derzeit noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. Ausgehend vom Verbreitungsgrad von PDF darf man aber annehmen, dass der Wert hier ähnlich ausfällt wie bei barrierefreien Internetauftritten, also bei rund 20 Prozent zusätzlicher Nutzer [2].

Gesetze und Richtlinien

In Deutschland wurden 2002 mit der sogenannten Barrierefreien Informationstechnikverordnung (BITV, [28]) eine gesetzliche Grundlage für Barrierefreiheit geschaffen. Sie basiert auf §11 Absatz 1 Satz 2 des Behindertengleichstellunggesetzes (BGG, [29]).

Die BITV gilt für öffentliche und nichtöffentliche Internetangebote sowie für "mittels Informationstechnik realisierte graphische Programmoberflächen, die öffentlich zugänglich" und den Behörden der Bundesverwaltung zuzuordnen sind. Bezugspunkt sind gemäß Anlage 1 der BITV die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG, [30]), die von der WAI-Arbeitsgruppe des W3C erarbeitet wurden (Web Accessibility Initiative, [31]).

Im Kontext von PDF lassen sich die in den WCAG angesprochenen Richtlinien zur Barrierefreiheit aus mehreren Perspektiven betrachten:

  • Ein Dokument muss technisch barrierefrei sein,
  • es muss inhaltlich sowie sprachlich logisch erfassbar sein,
  • der PDF-Reader muss zugänglich sein, und
  • Autoren mit Behinderung muss ein barrierefreies Autorenwerkzeug zur Verfügung stehen.

Die WAI stellt eine Reihe von Richtlinien zur Verfügung, mit deren Hilfe Entwickler und Autoren entsprechend arbeiten können. Dazu zählen:

  • die bereits erwähnten Richtlinien für den Inhalt von Internetseiten [30],
  • die Authoring Tool Accessibility Guidelines (ATAG, [32]) hinsichtlich der Werkzeuge zum Erstellen von Internetseiten, sowie
  • die User Agent Accessibility Guidelines (UAAG, [33]), die Maßgaben für die Darstellung im Anzeigeprogramm.

Erstere greift auch für die PDF-Dokumente, die zweiten für PDF-Editoren und die dritten für PDF-Reader (siehe dazu Teil 1 dieser Serie, [34]).

Es gibt jedoch auch den PDF-Standard PDF/A-1a ([35],[36]), der explizit das Erstellen barrierefreier Dokumente zum Ziel hat. "A" steht dabei für Langzeitarchivierung und "1a" bezeichnet Spezifikationen, die gewährleisten sollen, dass Menschen unter Verwendung sogenannter assistiver Technologien [37] die Inhalte der Dokumente wahrnehmen können. PDF/A-1a enthält Vereinbarungen zu Namensräumen ("Namespaces"), Farben und Farbräumen, Metadaten, digitalen Signaturen und den XMP-Daten ([38],[39]).

Auflösungserscheinungen

Viele PDF-Betrachter verfügen bereits über eine stufenlose Vergrößerung bis zu 400 Prozent, beispielsweise Okular und Ghostview (Abbildung 1). Reicht das nicht mehr aus, bieten sich als Vergrößerungssystem die Werkzeuge GnomeMag aus dem Orca-Projekt [3], das zu Compiz gehörende Ezoom [4] oder Virtual Magnifying Glass ([5], Abbildung 2) an. Eine ausführliche Beschreibung der verfügbaren Programme und der technischen Hintergründe diskutiert der Verein LinAccess e.V. [6] im LinuxWiki [7].

Abbildung 1: Vergrößerte Darstellung in Ghostview.

Abbildung 2: Darstellung eines Bildschirmausschnitts mit Virtual Magnifying Glass.

Aus administrativer Sicht ins Gewicht fällt hier das Zusammenspiel der Rendering-Engine im PDF-Betrachter beziehungsweise des Vergrößerungssystems und der Auflösung, in der das angezeigte PDF-Dokument vorliegt: Je mehr vergrößert werden muss, umso mehr Leistung schluckt das Neuberechnen des Bilds. So schön und handlich Netbooks im Alltag auch sein mögen – hier zeigen sich deren Leistungsgrenzen ganz deutlich.

Hat das PDF-Dokument eine geringe Auflösung (typischerweise 72 dpi für die reine Bildschirmdarstellung), treten bei stärkerer Vergrößerung vermehrt Treppeneffekte und Graustufen auf. Gleichzeitig nimmt die Schärfe der Darstellung ab, da die Rendering-Engine das Bild nicht mehr adäquat nachjustieren kann. PDF-Dokumente mit einer Auflösung ab 300 dpi (eigentlich primär für den Druck gedacht) sorgen hier für ein deutlich besseres vergrößertes Bild am Monitor.

Zur Qualität der Darstellung tragen daneben auch die Einstellungen des PDF-Betrachters bei. Im Adobe Reader lässt sich die gewünschte Auflösung unter Bearbeiten | Voreinstellungen im Abschnitt Seitenanzeige fest vorgeben. Das Grafiksystem berechnet das Bild dann vor der tatsächlichen Darstellung passend nach.

Screenreader

Bildschirmleseprogramme, sogenannte Screenreader, lesen die Bildschirminformationen aus und leitet sie an eine Sprachausgabe und eine Braille-Zeile weiter. Seit längerer Zeit gibt es dazu mehrere, parallele Projekte und Entwicklungszweige für Unix- und Linux-Systeme. Eine Zusammenstellung verfügbarer Programme findet sich bei Wikipedia [8].

Eines der ältesten Projekte in diesem Bereich ist der Text-Screenreader brlTTY [9], den die Entwickler immer noch weiter perfektionieren. brlTTY unterstützt die meisten Braillezeilen und bietet eine gut spezifizierte Schnittstelle zur Informationsübergabe zwischen Bildschirmausgabe und Braille-Zeile. In Kombination mit Pdftotext [10] lässt sich brlTTY auf der Kommandozeile dazu nutzen, Textdaten aus PDF-Dokumenten zu erhalten und zu verarbeiten.

Bis zum Frühjahr 2007 unterstützte IBM das Projekt "Linux Screen Reader" (LSR), das einen Screenreader für Gnome entwickeln sollte. Der letzte Projektstand lässt sich unter [11] nachlesen: LSR wurde eingestellt, da Orca [12] leistungsfähiger ist und IBM in der Weiterentwicklung von LSR keinen Sinn mehr sah.

Orca soll optimal mit allen Programmen zusammenarbeiten, die auf den Gnome-Bibliotheken aufsetzen, wie etwa Evolution, Pidgin, und dem Gnome-Terminal. Lange Zeit wurde das Projekt (Abbildung 3) auch von Sun Microsystems unterstützt, um Orca auf OpenSolaris verwenden zu können. Im Zug der Veränderungen nach dem Kauf von Sun Microsystems durch Oracle fiel dieser Support kürzlich jedoch weg. Bis zum Redaktionsschluss lag dazu keine offizielle Stellungnahme vor. Da Orca jedoch eine gute Community aufgebaut hat, besteht begründete Hoffnung, dass das Projekt diesen Rückschlag relativ unbeschadet übersteht und erfolgreich fortgesetzt wird.

Abbildung 3: Das Logo des Orca-Projekts mit dem Schriftzug GNOME in Form von Braille-Zeichen.

2007 gestartet, läuft das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützte Forschungsprojekt SUE ("SUE Screenreader & Usability Extensions", [13]) Ende Juni 2010 aus. Die Federführung bei SUE haben die IT Science Center Rügen [14] (ein An-Institut der Uni Rostock) und das Studienzentrum für Sehgeschädigte der Uni Karlsruhe [15]. Ziel des Projekts war es, einen Screenreader für graphische Oberflächen und Anwendungen unter Linux zu entwickeln. Er soll die wichtigsten im Arbeitsumfeld erforderlichen Aufgaben unterstützen, wie die Nutzung des Desktops, den Umgang mit der Textverarbeitung und der Tabellenkalkulation, das Bearbeiten von E-Mails sowie die Arbeit mit dem Webbrowser.

Wie LSR und Orca setzt SUE dabei auf das Gnome-Framework. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Gnome im Gegensatz zu Qt/KDE bereits über Accessibility-Schnittstellen verfügt. Eine Accessibility-Erweiterung für Qt4 befindet sich noch in Arbeit [16]. Sowohl LSR als auch SUE stehen noch in einer frühen Entwicklungsphase und lassen sich bislang nicht sinnvoll nutzen.

Ganz anders Klaus Knoppers nach seiner blinden Frau benannte Adriane-Projekt ("Audio Desktop Reference Implementation and Networking Environment", [17]): Das gut funktionierende System ist dafür gedacht, insbesondere den Zugang zu den Standard-Internetdiensten E-Mail, WWW sowie das Einscannen und Vorlesenlassen von Dokumenten und die Benutzung von Mobilfunk-Diensten wie SMS über ein eigenes Handy zu erleichtern. Dazu integriert es den "Screenreader for Blind Linux Users" (SBL, [18]) von Marco Skambraks und Halim Sahin.

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LinuxUser 06/2012

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