Abenteuerspielplatz

Retro-Spaß mit ScummVM

01.09.2006
Alte Schätze bergen: Spieleklassiker aus den 90er-Jahren holt der Linux-Anwender dank ScummVM auf den Bildschirm zurück.

Mitte der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts beherrschten gewaltfreie Abenteuerspiele die Regale der Software-Abteilungen. Wer diese Zeit miterlebt hat, erinnert sich sicherlich noch an Klassiker wie "Monkey Island", "Indiana Jones", "Sam and Max" oder "Broken Sword" (deutsch: "Baphomets Fluch"). Marktführer unter den Betriebssystemen war MS-DOS: Mit dem Einzug von Windows XP und Linux auf die heimischen Computer wurden die alten Adventures jedoch ausgesperrt. Dies ärgerte einige Fans so, dass sie kurzerhand das ScummVM-Projekt ins Leben riefen. Das Ergebnis war ein gleichnamiges Hilfswerkzeug, das die klassischen Adventures unter modernen Betriebssystemen wieder zum Leben erweckt.

So arbeitet ScummVM

In einem Adventure sind die einzelnen Rätsel nicht fest im Programm verdrahtet. Stattdessen existiert ein Anwendungskern, der so genannte Interpreter (auch korrekter als Engine oder Virtual Machine bezeichnet). Er liest eine Beschreibungsdatei ein, die neben den Spielegrafiken, Tönen und der Hintergrundmusik auch detaillierte Angaben über die Rätsel und die erlaubten Spieleraktionen enthält. Auf diese Weise konnten die Hersteller recht schnell immer neue Adventures produzieren – sie mussten lediglich eine neue Steuerdatei zusammenstellen.

Dieses Prinzip nutzt auch ScummVM: Das Programm verfügt über einen solchen Interpreter, der Dank seines portablen Aufbaus unter den verschiedensten Betriebssystemen läuft. Als Spieler benötigt man nur noch die Beschreibungsdateien, die sich auf den originalen Disketten oder CDs befinden. Dank dieser Arbeitsweise laufen die alten Klassiker nativ und ohne komplizierte Krücken unter Linux. Damit erklärt sich auch der etwas seltsame Name des Projekts fast wie von selbst: Scumm (Script Creation Utility for Maniac Mansion) hieß der Interpreter der LucasArts-Adventures, das VM steht für Virtual Machine. Die Liste unter [1] zeigt, welche Adventures ScummVM bereits wie gut unterstützt.

TIPP

Auf für die beliebten Sierra-Adventures, wie "Leisure Suit Larry" oder "Kings Quest", gibt es passende Interpreter [3].

Die Hersteller der Spiele "Beneath a Steel Sky" und "Flight of the Amazon Queen" waren von der Idee des ScummVM-Projekts so begeistert, dass sie ihre nicht mehr im Handel erhältlichen Adventures der Fan-Gemeinde kostenlos überließen. Sie stehen mittlerweile auf der ScummVM-Homepage zum Download bereit [2].

"Beneath a Steel Sky"

In "Beneath a Steel Sky" schlüpfen Sie in die Rolle von Robert Foster. Das Leben der Einwohner in seiner Welt kontrolliert ein omnipräsentes Computersystem namens LINC. Gegner und Kritiker werden unweigerlich ausgelöscht oder als Bürger zweiter Klasse behandelt.

Während der Notlandung eines Hubschraubers entkommt Foster einer undurchsichtigen Gefangenschaft, wählt den einzigen freien Weg und flieht in eine kleine, mit Maschinen vollgestopfte Halle. Je weiter sich Robert seinen Weg durch das von Stahl und Beton dominierte Hochhauslabyrinth (Abbildung 1) in Richtung Erde bahnt, desto tiefer verstrickt er sich in eine zunächst wirre Geschichte um Korruption, Widerstand gegen ein totalitäres System und seine eigene Vergangenheit.

Abbildung 1: "Beneath a Steel Sky": Union City ist eine riesige Ansammlung aus kaltem Stahl und braunen Abgasen.

Auf seiner Flucht stößt Robert auf durchweg charismatische und zuweilen kuriose Gestalten, darunter einen sarkastischen Roboter namens Joey. Die Ausgestaltung der Charaktere geht soweit, dass einige von ihnen über ein kleines Eigenleben verfügen.

Trotz dieser Freiheitsgrade verläuft die Geschichte recht gradlinig. Dem gegenüber stehen die knackigen, aber leider nicht immer ganz logischen Rätsel. Hinweise auf die Lösung liefern zahlreiche Gespräche mit den Bewohnern. Einige der Rätsel sind nur in Zusammenarbeit mit Roboter-Freund Joey zu lösen. Ihm verleiht man durch verschiedene Steckkarten neue oder andere Fähigkeiten. Entsprechend ausgerüstet, knackt er beispielsweise verschlossene Türen.

Das führt beim Spieler aber mitunter zu verknoteten Gehirnwindungen, da er häufig viel zu abstrakt oder gleich um mehrere Ecken denken muss. Darüber hinaus existieren verschiedene Situationen, in denen der Protagonist unvermittelt das Zeitliche segnen kann, was gerade im späteren Verlauf für einige Frustmomente sorgt.

Da der deutsche Vertrieb keine eigenen Sprecher engagierte, erschien "Beneath a Steel Sky" 1994 nur mit deutschen Untertiteln. Dafür ist die englische Vertonung rundum gelungen, was damals alles andere als selbstverständlich war. Im Vergleich dazu bleibt die Hintergrundmusik qualitativ zurück. Sie ist zwar stimmungsvoll, aber auf Dauer etwas zu monoton.

Die Steuerung funktioniert extrem einfach: Ein Linksklick mit der Maus lässt Robert an die gewünschte Stelle marschieren, während er nach einem Rechtsklick ein Objekt untersucht oder benutzt. Alle aufgenommenen Gegenstände erscheinen in einer Liste am oberen Rand. Sie fährt jedoch erst ins Bild, wenn Sie mit dem Mauszeiger in ihre Nähe kommen.

"Beneath a Steel Sky" lebt von seiner extrem spannenden Geschichte und den atmosphärischen Grafiken. Als Höhepunkt wartet das Adventure noch mit einem äußerst überraschenden Ende auf. Wer Science Fiction mag, sollte das Abenteuer zumindest antesten.

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